Der Deutschen-Spiegel (auch Der Deutschenspiegel) war eine wöchentliche Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur und Literatur in der Weimarer Republik, die von 1924 bis 1933 in Berlin erschien. Sie entstand im Umfeld des Reichsbürgerrats und war mit diesem eng verbunden. Sie war politisch bürgerlich-konservativ und zuletzt deutschnational ausgerichtet, distanzierte sich jedoch explizit von jeder Zuordnung zu einer bestimmten Partei. Sie trug die Untertitel Politische Wochenschrift (1924–1932) und Politische Wochenschrift auch für Kunst und Wirtschaft (1933). Sie ist nicht zu verwechseln mit dem mittelalterlichen Rechtsbuch Deutschenspiegel, auf dessen Name der Titel jedoch anspielt.
Der Deutschen-Spiegel erschien freitags, erstmals am 5. September 1924. Das Einzelheft mit 24 bis 40 Seiten (Format 14,5 × 22 cm) wurde von 1924 bis 1933 für 50 Pfenning (0,50 Mark) verkauft, das Abonnement war für 5 Mark im Quartal erhältlich. Dies war ein vergleichsweise geringer Preis. Dem Zeitungswissenschaftler Helmut Hüttig zufolge hatte das Wochenblatt, das zunächst „in Form einer unaufdringlichen Broschüre“ im Selbstverlag erschien, rasch Erfolg und erreichte 1925 eine für politische Zeitschriften recht hohe Auflage von 12.000 Exemplaren.Helmut Hüttig. Die politischen Zeitschriften der Nachkriegszeit in Deutschland von der ersten Milderung der Pressezensur bis zum Locarnovertrag. Inaugural-Dissertation, Universität Leipzig, S. 34f. [DNB-Portal]
Verlag, Gründer und Redaktion Die Der Deutschen-Spiegel Verlagsgesellschaft mbH, welche auch einige politische Sachbücher in Verbindung, hatte ihren Sitz in der Potsdamer Straße 118c in Berlin W 35. Die Adresse war mit der Geschäftsstelle des Reichsbürgerrats identisch. Der Deutschen-Spiegel entwickelte sich aus dessen Verlagsarm. Mit dem Rat und dessen Vorsitzenden, dem früheren preußischen Innenminister Friedrich Wilhelm von Loebell, war Der Deutschen-Spiegel stets eng verbunden. Loebell gehörte zu den häufigsten Autoren, und er nutzte das Journal intensiv als Plattform für seine politischen Initiativen und als Kampagnenwerkzeug.
Loebells Biograph Peter Winzen nennt den Deutschen-Spiegel eine „Verbandszeitschrift“. Das war sie offiziell zwar nicht, es trifft aber zunächst ihre Funktion – zumindest so lange, wie der Reichsbürgerrat und Loebell persönlich aktiv waren.Peter Winzen. Friedrich Wilhelm von Loebell (1855-1931): Ein Leben gegen den Strom der Zeit. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2018, S. 340, 351, 354, 355 Nach 1927 war der Reichsbürgerrat kaum noch sichtbar, spielte um 1930 politisch keine Rolle mehr und war mit Loebells Tod 1931 quasi verschwunden. Die Zeitschrift war dagegen in der Lage, sich auch ohne Loebell und den Rat in ihrer Nische zu halten.
Sie wurde meist diffus dem deutschnationalen Lager, der DNVP oder auch dem Stahlhelm zugerechnet, obwohl es keinerlei offizielle Parteibindung gab. Mit der Radikalisierung der Rechten geriet auch die Zeitschrift in das völkisch-nationalistische Fahrwasser.
Gründungsherausgeber waren Karl Ernst Haeuber und Otto Kriegk. Haeuber war zunächst Geschäftsführer des Landesbürgerrats Sachsen, dann von Loebell als Geschäftsführer des Reichsbürgerrats rekrutiert worden. Als die Mitte-Rechts-Parteien unter Vorsitz von Loebell ein Findungskomitee für eine Sammelkandidatur zur Reichspräsidentenwahl 1925 einrichteten (sog. „Loebell-Ausschuss“), war Haeuber zentraler Organisator.Cuno Horkenbach (Hg.). „Haeuber, Ernst“. In: Das Deutsche Reich von 1918 bis heute. Verlag für Presse, Wirtschaft und Politik, Berlin 1932, S. 527 Den Ko-Herausgeber Otto Kriegk beschreibt Loebells Biograph Peter Winzen als „Pressechef des Reichsbürgerrats“.Peter Winzen. Friedrich Wilhelm von Loebell (1855-1931): Ein Leben gegen den Strom der Zeit. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2018, S. 321 Das trifft zumindest informell zu. Kriegk war als Journalist für verschiedene Blätter der Hugenberg/Scherl-Gruppe (Berliner Lokal-Anzeiger, Berliner illustrierte Nachtausgabe, Die Woche) wohl ausgelastet. Er schrieb zwar regelmäßig für den Deutschen-Spiegel, als verantwortlicher Redakteur zeichnete jedoch stets Haeuber.
1928/29 trat anstelle von Kriegk Richard von Lyncker als Herausgeber ein. Haeuber blieb Herausgeber, bis er Ende 1932 zum Berliner Tageblatt als Leiter Innen- und Kulturpolitik wechselte (1934 wurde er dort Hauptschriftleiter). Aufgrund des Wechsels erschien die Zeitschrift Ende 1932 nicht mehr. Anfang 1933 übernahm sie der bisherige Autor Ewald Moritz unter seinem Pseudonym Gottfried Zarnow als alleiniger Herausgeber und Redakteur. Mit ihm kam der Wechsel zur Neudeutschen Verlags- und Treuhand-Gesellschaft, Berlin, sowie zur neuen Adresse Großbeerenstr. 5, Berlin SW11.
Als weitere Redakteure wirkten zeitweise Georg Gottlieb Gassert (1924–27), Richard von Lyncker (1927, 1929, 1930), Georg Dreßler (1927, v. a. Beilage Deutscher Spardienst).Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel (Hg.). „713 Der Deutschen-Spiegel“. In: Deutsche literarische Zeitschriften 1880-1945: Ein Repertorium. München, K. G. Saur 1988, S. 315
Konzept Wie viele andere politisch-literarische Zeitschriften des Typs „Rundschau“, grundsätzlich nicht anders als im linken oder liberalen Spektrum, mischte das konservative Blatt jede Woche Essays zur Innen- und Außenpolitik, die der Meinungsbildung und Debatte im eigenen politischen Lager dienten, mit einer Wochenübersicht (Rubrik „Wochenspiegel“ auf zwei Seiten Blitzlichter: aktuelle Tatsachen, Zahlen, Zitate von jeweils ein bis zwei Sätzen Länge), Wirtschaftsanalysen, Kultur-orientierten Beiträgen sowie Buchbesprechungen und einem Fortsetzungsroman. Mit etwa fünf bis sechs Aufsätzen dominierte die Politik. Insgesamt gab es meist um die acht bis zehn Beiträge pro Heft.
Im ersten Heft beteuerten die Gründer im Geleitwort:„Immer wird der deutsche Mensch vor der äußerlichen Form und vor irgendeinem Programm unsres öffentlichen Lebens stehen. Nicht von dem Maulwurfshügel eines festen Programms wollen wir das Streben andrer bekritteln und bewitzeln. Mitten im ewigen Strom des Lebens wollen wir schwimmen, mit die Wege erkämpfen: Vom deutschen Menschen zum deutschen Staat. Nur eines ist Basis: der Zwitter des deutschen Menschen von heute, das mit trügerischen Farben gemalte Bild unseres heutigen Staates, unserer heutigen Kultur und Wirtschaft, dieses Leben, das ein Europa vor einem Jahrzehnt in seiner äußeren Form nachäfft, sind uns nicht anbetungswürdig.“„Der deutsche Mensch“, Geleitwort zu Heft 1, 1924, S. 8.Die Betonung der Überparteilichkeit ermöglichte es Politikern und politischen Journalisten und Schriftstellern im gesamten Mitte-Rechts-Spektrum, zur Zeitschrift beizutragen. Unter den Autoren befanden sich neben zahlreichen Parteilosen Mitglieder von DDP, DVP, Wirtschaftspartei und DNVP, wobei die Deutschnationalen am stärksten vertreten waren. alternativtext=Typische Beispielseiten aus dem Jahrgang 1926|mini|415x415px|Typische Beispielseiten der Zeitschrift Der Deutschen-Spiegel aus dem Jahrgang 1926 mit Inhaltsverzeichnis, Rubrik „Wochenspiegel“, Leitartikel-Essay zur Genfer Völkerbund-Politik von Otto Kriegk und Fortsetzungsroman „Der Brunnenholde von Güldenreuth“ von Richard May alternativtext=Zwei Werbeanzeigen mit unterschiedlichen Fraktur-Titelschrifte|mini|299x299px|Zwei Werbeanzeigen mit unterschiedlichen Fraktur-Titelschriften für die Wochenschrift Der Deutschen-Spiegel auf den Heftrückseiten einer anderen konservativen Zeitschrift. Links: aus Die Kriegsschuldfrage Monatsschrift für internationale Aufklärung, 2. Jg., Nr. 10, Oktober 1924; rechts: aus 3. Jg., Nr. 1. Januar 1925 Die Zeitschrift verortete sich deutlich sichtbar im „nationalen“ Spektrum. In einer Verlagsanzeige zur Einführung bezeichnete sie sich als „Die neue nationale Wochenschrift“. Der Deutschen-Spiegel ließ sich beschreiben als „ein Führer zum Deutschtum, zum deutschen Staat, ein Erzieher zu deutscher Politik, ein Deutschen-Spiegel, in dem die Tagesereignisse aufgefangen und kritisch zurückgeworfen werden“.„Zeitschriften : Der Deutschen-Spiegel“. Ostdeutsche Morgenpost 14. Dezember 1924, S. 19 [Zeitungsportal]
Das Feuilleton war klein, aber fester Bestandteil und unterstrich den intellektuellen Anspruch der Zeitschrift. Dazu gehörte neben den Buchbesprechungen pro Woche mindestens ein kultureller oder geisteswissenschaftlicher Aufsatz. Fast unverzichtbar war in den ersten Jahren der Fortsetzungsroman auf den hinteren Seiten, beispielsweise 1925/26 Ein Mann geht den Weg von Erich Lilienthal, Küstrin und Am Kreuzweg von Hans Henning Freiherr von Grote, Jerusalem (Novelle) von Ludwig Bäte, Der Brunnenholde zu Güldenreuth von Richard May. Sturz nach oben, Leonid (Novelle), Elsbeth (Skizze) und Der Ball von Erwin Stranik, Abgeordneter Meyer (Tragikomödie) von Josef Buchhorn. Dabei zog sich ein längerer Roman über 15 bis 25 Wochen-Folgen hin, Novellen und kurze literarische Formate über weniger Ausgaben.
Beilagen und Titelintegration Von 1926 bis 1929 erschien die Beilage bzw. Sonderteil (hinten im Heft) Deutscher Spar-Dienst (DSD), der in Verbindung mit Organisationen für Spar- und Vereinfachungs-Maßnahmen in der privaten und öffentlichen Wirtschaft vom Verlag für Wirtschaft und Verwaltung herausgegeben wurde. Redaktion von Georg Dreßler.
Von 1931 bis 1932 führte die Zeitschrift die Monatsbeilage Reich und Staat Monatsschrift für politische Reform.
1930 ging die von Otto Kayser in Hamburg herausgegebene Monatszeitschrift Norddeutsche Blätter – Nationale Monatsschrift (Verlag Gremmer & Kröger) im Deutschen-Spiegel auf.
Gestaltung und Anzeigen Die Titelseite der ersten Jahre war schlicht und eigentümlich. Der Name in einer künstlerisch verfeinerten Frakturschrift dominierte die im sehr schlichten Design gehaltene Seite. Darunter wählte die Redaktion meist eine Strichzeichnung in einer ovalen Form aus. Im Innenteil entschied sich die Zeitschrift trotz allgemeiner Trends zur Grotesk- oder Antiquaschrift für Fraktur auch im Fließtext. Die Titelgestaltung änderte sich erst ab März 1933 unter dem neuen Herausgeber Ewald Moritz / Gottfried Zarnow, der großflächige NSDAP-Symbolik auf den Titel brachte.
Die Zeitschrift enthielt meist mehrere Werbeanzeigen, die mit kraftvoller Grafik die langen Lesestücke deutlich auflockerten. Dies warben oft für Genussprodukte. Besonders auffällig war die äußerst häufige Zigarettenreklame für Marken wie Constantin-Cigaretten, Josetti Eljen-Cigaretten, Das hohe C Cigaretten, Eckstein-Cigaretten, Reemtsma Sascha Cigaretten, Ufa-Zigarette, Zuban-Zigaretten, Haus Neuerburg Zigaretten. Daneben gab es Werbung für Kaffee Hag, Kathreiners Malzkaffee, Stollwerck-Schokolade, Gustav Cyliax Schokoladen- und Kakao-Werke, den Weinbrand Winkelhausen Alte Reserve, Weinbrand Macholl, Max Krause Briefpapier, Formamint Tabletten, für Dienstleister (z. B. Zeitungsausschnittbüros, Anzeigenvermittler) oder für Zeitungs- (Tägliche Rundschau) und Buchverlage, meist mit politischen und Sachtiteln wie Meyers Lexikon / Bibliographisches Institut, Hugo Schüssler Verlag, Stahlhelm-Verlag.
Verwaltungsreform-Preisausschreiben 1925/26 Von Loebell und der Reichsbürgerrat waren 1925 auf dem Höhepunkt ihres Einflusses. Die Kandidatur und Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten galt auch als ihr organisatorischer Erfolg. Nach der Wahl Hindenburgs versuchte der Reichsbürgerrat das günstige Momentum für seine wirtschafts- und finanzpolitischen Vorstellungen zu nutzen. Er bildete ein „Kuratorium für Spar- und Vereinfachungsmaßnahmen“, deren Ko-Vorsitzende Loebell und der Präsident des Rechnungshofs Friedrich Saemisch waren. Saemisch wurde damals als „Sparkommissar“ des Reiches bezeichnet.