mini|hochkant|Eduard David (1907) Eduard Heinrich Rudolph David (* 11. Juni 1863 in Ediger an der Mosel; † 24. Dezember 1930 in Berlin) war ein deutscher Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

David stand seit den 1890er Jahren auf dem rechten Parteiflügel. Nach ersten politischen und journalistischen Erfahrungen im Großherzogtum Hessen forderte er die Hinwendung der SPD zu ländlichen und bäuerlichen Wählergruppen. Im Revisionismusstreit verteidigte David die Thesen Eduard Bernsteins, der öffentlich zentrale Gesellschafts- und Revolutionsvorstellungen von Karl Marx bezweifelt hatte. Wie andere führende Sozialdemokraten aus Süddeutschland auch erstrebte David eine systematische Bündnispolitik mit gemäßigten Parteien und Gruppen des Bürgertums zur Durchsetzung von demokratischen und sozialen Forderungen. Diese Position wurde parteioffiziell bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs abgelehnt.

Die größte Wirkung entfaltete David in den Jahren von 1914 bis 1919. Er gilt als zentraler Wegbereiter der Burgfriedenspolitik, die für ein innenpolitisches Stillhalten während des Krieges sorgen sollte. David erhoffte sich ein Entgelten für die sozialdemokratische Stillhaltepolitik durch die Parlamentarisierung des Deutschen Kaiserreichs. Mit der Oktoberreform von 1918 sah er sich am Ziel seines Weges. Auch persönlich erreichte er nun politische Spitzenämter. Er wurde zunächst Unterstaatssekretär, kurze Zeit darauf in der Weimarer Republik mehrfach Minister. Erst 1919 gab David seine Einschätzung auf, Deutschland habe im Ersten Weltkrieg einen Verteidigungskrieg geführt. Diese Annahme hatte zuvor die Basis seiner Politik gebildet.

Parlamentsmandate hielt David von 1896 an, zunächst auf Landesebene in Hessen, dann für den Deutschen Reichstag. Außerdem wurde er 1919 Mitglied der Nationalversammlung. Er war ihr erster Präsident und trat am 13. Februar in die Reichsregierung ein, in der er bis Juni 1920 blieb.

Jugend, Studium, Familie Eduard David kam als Sohn eines preußischen Rentmeisters zur Welt, wurde evangelisch getauft und wuchs in einer „erzkonservativen Beamtenfamilie“So der Sohn von Eduard David, Heinrich David. Siehe Geist des Fortschritts, Leserbrief, abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung vom 16. März 1998. auf. In Krofdorf nahe Gießen besuchte er die Volksschule. Die weitere Schulkarriere führte ihn auf Gymnasien in Gießen und Bielefeld. Noch vor dem Abitur unterbrach er seine Schullaufbahn und absolvierte in Berlin eine kaufmännische Lehre.Siehe Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XII.

Nach Abschluss der Lehre holte er in Bielefeld das Abitur nach und nahm anschließend an der Ludwigsuniversität Gießen das Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie auf. Das Studium beendete er mit dem Staatsexamen für das höhere Lehramt. 1891 promovierte David zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über „Die Wortbildung der Mundart von Krofdorf“. Während des Studiums trat er 1885 der Burschenschaft Arminia beiHelge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 1: A–E. Winter, Heidelberg 1996, ISBN 3-8253-0339-X, S. 184., die in Gießen im November 1885 neu gegründet worden war. Ihre Satzung wurde von David verfasst. Im Unterschied zur Praxis vieler anderer Burschenschaften gestattete sie die Aufnahme von Juden. Auch an der Formulierung der Satzung des liberalen Allgemeinen Deutschen Burschenbundes wirkte er mit.Zum Studium siehe Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XII f und Gerd Schwieger, Obstruktion, S. 2 f. Er war auch Mitglied der Burschenschaft Neogermania Berlin.Helmut Kraussmüller und Ernst Anger: Die Geschichte des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes (ADB) 1883–1933 und das Schicksal der ehemaligen ADB-Burschenschaften. Gießen 1989 (Historia Academica, Heft 28), S. 59–60, 100.

1891 trat David eine Stelle als Oberlehrer am Gymnasium in Gießen an. Im März 1894 bat er um Beurlaubung aus dem Schuldienst, weil sich seine inzwischen aufgenommene Tätigkeit für die SPD mit der Arbeit eines Beamten in Diensten des Großherzogtums Hessen kaum vertrug. Wenige Monate später folgte durch die Behörden seine endgültige Entlassung, nachdem er eine Anfrage, ob er sich für die Sozialdemokratie engagiere, positiv beantwortet hatte.Zur Lehrerlaufbahn siehe Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XIII f.

1896 heiratete David Gertrud Swiderski, Tochter eines wohlhabenden Leipziger Ingenieurs und Maschinenfabrikbesitzers. Aus dieser Ehe ging seine Tochter Sonja hervor. Gertrud David arbeitete von 1907 bis 1916 in der Redaktion der Sozialistischen Monatshefte und gab zudem die Socialstatistische Correspondenz heraus. Später arbeitete sie als Filmregisseurin. 1911 wurde die Ehe gütlich geschieden, nachdem das Paar schon seit 1908 getrennt gelebt hatte. Im Juli 1918 verheiratete sich David mit Hermine SchmidtDavid, Hermine, in: Gudrun Wedel: Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon. Böhlau, Köln 2010, S. 173., einer Arzttochter aus dem badischen Lahr. Aus dieser Ehe ging sein Sohn Heinrich hervor.Zu Ehen und Kindern siehe Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XV, Anm. 4.

Arbeit für die SPD bis zum Ersten Weltkrieg Politik im Großherzogtum Hessen Noch während seiner Zeit als Gymnasiallehrer engagierte sich David für die SPD in Hessen. Zusammen mit seinem ehemaligen Studienfreund Simon Katzenstein gründete er 1893 die Mitteldeutsche Sonntagszeitung. Ihr Ziel war die Gewinnung von SPD-Wählern und -Mitgliedern in der Landbevölkerung, insbesondere unter Kleinbauern. Die erste Ausgabe der Zeitung wurde der regionalen Parteileitung in Frankfurt am Main vorgelegt. Dem skeptischen Hinweis, diese Ausgabe enthalte nicht ein einziges Mal den Begriff „Klassenkampf“, begegnete David erfolgreich mit dem Argument, genau dies erhöhe die Attraktivität des neuen Blattes in der Landbevölkerung. Im Übrigen verberge sich aber in jedem Satz der Zeitung der Klassenkampfgedanke.Hierzu Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XIV und Gerd Schwieger, Obstruktion, S. 3 f. Zwei Jahre nach Gründung dieser Wochenzeitung gelang es David, den jungen Philipp Scheidemann als Redakteur zu gewinnen.Wilhelm Ribhegge, Frieden, S. 45.

David wechselte 1896 nach Mainz, um dort als Redakteur der Mainzer Volkszeitung zu wirken. Die Mitarbeit in dieser sozialdemokratischen Parteizeitung war ebenfalls von kurzer Dauer, denn Eduard David errang bereits 1896 im Wahlkreis Friedberg-Büdingen einen Sitz in der Zweiten Hessischen Ständekammer. Vor dem Hintergrund der mit diesem Parlamentssitz verbundenen Arbeit, der darüber hinausgehenden weiteren Parteiarbeit als SPD-Parteisekretär für das Großherzogtum Hessen ab 1897 sowie der eigenen schriftstellerischen Aktivitäten schied David 1897 aus der Mainzer Redaktion aus. Mainz blieb jedoch bis 1905 Lebensmittelpunkt Davids. Hier gründete er zusammen mit seiner Frau und weiteren Freunden 1899 die lokale Spar-, Produktions- und Konsumgenossenschaft.Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XV.

In der Zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen, der er von 1896 bis 1908 (gewählt im Wahlbezirk Mainz I) angehörteHans Georg Ruppel, Birgit Groß: Hessische Abgeordnete 1820–1933. Biographische Nachweise für die Landstände des Großherzogtums Hessen (2. Kammer) und den Landtag des Volksstaates Hessen (= Darmstädter Archivschriften. Bd. 5). Verlag des Historischen Vereins für Hessen, Darmstadt 1980, ISBN 3-922316-14-X, S. 84., machte David insbesondere in Schul- und in Haushaltsdebatten auf sich aufmerksam. Politische Freunde nannten ihn anerkennend „unseren besten Mann im Felde“.So der hessische Sozialdemokrat Bernhard Adelung, zitiert nach Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XV. Die im Vergleich zu Preußen und Sachsen liberalere politische Kultur des Großherzogtums Hessen prägte David nachhaltig, genauso wie die weniger auf Konfrontation zielende politische Kultur Süddeutschlands beispielsweise Georg von Vollmar in Bayern formte oder Ludwig Frank in Baden.Hierzu Wilhelm Ribhegge, Frieden, S. 92.

Engagement für Mutterschutz und Sexualreform Gemeinsam mit der Sexualreformerin Helene Stöcker, mit der er bis zum Ersten Weltkrieg befreundet war, engagierte sich Eduard David für Mutterschutz und Sexualreformen. Er publizierte in dem Organ des Bundes für Mutterschutz, der Neuen Generation, und hielt Vorträge zu dem Thema. Auch im Reichstag plädierte er immer wieder für diese Ziele.Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin. Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolf in Kooperation mit der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel. Böhlau, Köln 2015, S. 180–185, ISBN 978-3-412-22466-0.

Agrarpolitiker David hielt es für notwendig, neben der Industriearbeiterschaft auch andere Bevölkerungskreise für die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zu interessieren, insbesondere in den überwiegend agrarischen Landesteilen. Schon mit der Gründung der Mitteldeutschen Sonntagszeitung war eine Stoßrichtung vorgegeben, die David über Jahrzehnte verfolgen sollte. Seine intensiven Studien der besonderen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse auf dem Land und in der Landwirtschaft führten ihn in der Agrarfrage zu Thesen, die er parteiweit in Büchern, Aufsätzen und Reden nachdrücklich artikulierte. Den Kern seiner AnnahmenSiehe hierzu Susanne Miller, Einleitung Kriegstagebuch, S. XVII und Gerd Schwieger, Obstruktion, S. 64–69. bildete die These, dass die Entwicklungstendenzen in der Industrie nicht automatisch die der Landwirtschaft seien. Zwischen diesen beiden Wirtschaftssektoren gebe es deutliche Unterschiede. Bäuerliche Kleinbetriebe seien ferner keineswegs in allen agrarischen Produktionszweigen durch Konzentrations- und Industrialisierungstendenzen zum Untergang verurteilt; in bestimmten agrarischen Arbeitsfeldern sei der Kleinbetrieb keine untergehende, sondern im Gegenteil eine zukunftsfähige Unternehmensform. Klein- und Familienbetriebe böten nach Ansicht Davids außerdem gute Möglichkeiten für eine rationelle Unternehmensführung. Die Unterstützung solcher Betriebe sei darum langfristig nicht aussichtslos – im Gegenteil, die Förderung solcher Betriebsformen sei vielmehr sinnvoll und erforderlich, weil diese Betriebe zu einer besseren Ernährungsversorgung der Bevölkerung beitragen würden. Schließlich seien genossenschaftliche Organisationsformen in der Landwirtschaft eine Brücke zu den Verbrauchergenossenschaften in den Städten.