mini|Ahmed Morsi vor einem seiner Gemälde (New York City, 2012)
Ahmed Morsi (; geboren am 30. März 1930 in Alexandria, Ägypten) ist ein in New York City lebender ägyptischer Maler und Dichter. Mit seinem malerischen Œuvre gehört er der zweiten Generation ägyptischer Surrealisten an.
Leben Jugend und Lehrjahre in Alexandria (1930–1955) Ahmed Morsi wurde 1930 in der Küstenstadt Alexandria, damals Teil des Königreichs Ägypten, geboren, wo sein Vater im Baugewerbe tätig war.Lara Ayad: Biography of Ahmed Morsi Website des Künstlers (Aufruf am 15. Juni 2023)
Die Jugend des Künstlers fiel in eine Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte Alexandrias, das als Schmelztiegel der Religionen und Ethnien schon seit der Jahrhundertwende auf viele Kulturschaffende des Mittelmeerraums eine starke Anziehung ausübte. Zwar stand die Stadt während des Zweiten Weltkriegs unter britischer Militärbesatzung und war Ziel von Angriffen der Achsenmächte, dennoch diente sie in den 1940er Jahren auch vielen Kontinentaleuropäern als ein Ort der Zuflucht vor dem Kriegsgeschehen in Europa.
In dieser kosmopolitischen Atmosphäre, die über das Kriegsende hinaus wirksam blieb, kam Morsi durch Ausstellungen und westlichsprachige Künstlermonografien früh auch mit der Kunst der europäischen Moderne in Berührung.Alex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf am 17. Juni 2023) Innerägyptisch strahlten zudem die Aktivitäten der 1938/39 in Kairo gegründeten anti-nationalistischen Groupe Art et Liberté, der eine Reihe von prominenten ägyptischen Surrealisten der ersten Stunde angehörten, nach Alexandria aus.
Auf dem Gebiet der Literatur interessierte sich der jugendliche Ahmed Morsi einerseits für die arabische Tradition, andererseits für die europäischen Avantgarden – besonders für die Dichtung des französischen Surrealismus. Schon als Mittelschüler begann er selbst zu dichten, studierte europäische Fremdsprachen und schrieb sich nach dem Schulabschluss an der Universität Alexandria im Fach Englische Literatur ein.Alex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf am 17. Juni 2023)
1949, im Alter von neunzehn Jahren, publizierte Morsi den ersten Diwan eigener Dichtungen in arabischer Sprache unter dem Titel „Aghani al-maharib“ (engl. Titel: Songs of the Altars).Lara Ayad: Biography of Ahmed Morsi - Website des Künstlers (Aufruf 15.06.2023) 1954 schloss er sein Literatur- und Fremdsprachenstudium ab und betätigte sich fortan auch als Übersetzer englischer, französischer und neugriechischer Literatur ins Arabische, unter anderem sollte er im Laufe seines Lebens Werke von Arthur Miller, Werke französischer Surrealisten, sowie die Dichtungen des Konstantinos Kavafis übertragen.
Da Alexandria in den 1950er Jahren noch über keine Kunsthochschule verfügte, blieb Morsi als Maler ohne formale Ausbildung, nahm in den frühen 1950er Jahren jedoch kurzzeitig Unterricht bei dem italienischen Künstler Silvio Bicchi jr.Lara Ayad: Biography of Ahmed Morsi - Website des Künstlers (Aufruf am 15. Juni 2023), dessen aus der Toskana stammender Vater Ottorino Bicchi (1878–1949) bereits Ende der 1920er Jahre eine Malschule in Alexandria eröffnet hatte. 1952 bezog Morsi im mehrheitlich von Ausländern betriebenen L’Atelier d’Alexandrie ein Studio und fand in dem Bildhauer Mahmoud Moussa (1913–2003) einen einflussreichen Mentor.
Moussa führte Morsi in den Kreis der sogenannten „Schule von Alexandria“ ein, der junge Literaten, bildende Künstler und andere Intellektuelle angehörtenSalah M. Hassan: “Ahmed Morsi: A Dialogic Imagination” - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 15 und ermöglichte ihm auch erste Teilnahmen an Gruppenausstellungen mit zum Teil bereits etablierten Künstlern wie Abdel Hadi Al Gazzar, Hassan El Telmissany, Ibrahim Massouda, Fouad Kamel und Hamed Nada (sowie Moussa selbst), die den Beginn seiner professionellen Karriere markieren.Salah M. Hassan: “Ahmed Morsi: A Dialogic Imagination” - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 15 Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Morsi zu diesem Zeitpunkt noch als Mitarbeiter eines Übersetzungsbüros.Alex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf am 17. Juni 2023)
Innerhalb knapp eines Jahrzehnts bildete Morsi einen sehr eigenständigen Malstil mit großem Wiedererkennungswert aus, der dem Kritiker Dimitri Diacomides zufolge einerseits „Erinnerungen an den Surrealismus und die Kunst der klassischen Moderne von Picasso bis Chagall“Dimitri Diacomides, zit. n.: Edwar al-Kharrat: The Artist Ahmed Morsi: A Visual Poet - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 157 wachrief, für dessen Entwicklung andererseits auch Morsis Kenntnis der bildnerischen Traditionen Ägyptens, etwa der altägyptischen, aber auch der koptischen Kunst, eine Rolle spielte.
Bagdad und Kairo (1955–1974) Morsi reiste 1955 nach Bagdad, das zu diesem Zeitpunkt eine kulturelle Renaissance erlebte.Dina Ramadan: A Touch of Solitude and Spirituality: The Exilic Worlds of Ahmed Morsi - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 16 Ermutigt durch die rasche Aufnahme in einen Zirkel von ortsansässigen Literaten und Künstlern – darunter der armenisch-irakische Maler Ardash Kakafian (1941–1999), der renommierte Romancier Fouad al-Tikerly (1927–2008) und der Dichter Abdulwahab Al-Bayyati (1926–1999) – dehnte Morsi seinen Aufenthalt auf die Dauer von zwei Jahren aus. Als besonders fruchtbar erwies sich die Zusammenarbeit mit Al Bayyati, die in mehreren Publikationen, darunter Morsis eigene Übertragungen von Werken Louis Aragons und Paul Eluards ins Arabische, Niederschlag fand.
Als Morsi nach Alexandria zurückkehrte, war bereits erkennbar, dass sich das Gesicht der Stadt durch die Dekolonisierungspolitik des seit dem Putsch des Jahres 1952 an der Macht befindlichen Nasser-Regimes, aber auch infolge der Zuspitzung des Nahostkonflikts nachhaltig verändern würde.vgl. Dina Ramadan: A Touch of Solitude and Spirituality: The Exilic Worlds of Ahmed Morsi - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 129–131
Morsi ließ sich 1957 in Kairo nieder, wo er Ende der 1950er Jahre seiner späteren Frau Amany Fahmy begegnete, die ebenfalls als Übersetzerin tätig war.
In Kairo wurde Ahmed Morsi als Bühnen- und Kostümbildner tätig und entwarf in Kollaboration mit gefeierten ägyptischen Dramatikern wie Alfred Farag (1929–2005), Abd ar-Rahman Scharkawi (1921–1987) und dem Maler Abdel Hadi Al Gazzar (1925–1966) Bühnenbilder und Kostüme für das Ägyptische Nationaltheater und für das Khedivial-Opernhaus.Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 318
1968 gründete Ahmed Morsi zusammen mit Edwar Al Kharrat, Ibrahim Mansour, Gamil Atteya, Sayed Hegab und anderen die Zeitschrift Galerie 68 mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer bildender Kunst, in der er sowohl kunst- als auch literaturkritische Beiträge veröffentlichte. Daneben intensivierte er seine Ausstellungstätigkeit, die sich in diesen Jahren auf die Stadt Kairo konzentrierte.Dina Ramadan: A Touch of Solitude and Spirituality: The Exilic Worlds of Ahmed Morsi - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 19
Späteres Leben in New York City (ab 1974) Als Morsis Frau Amany Fahmy 1974 eine Anstellung als Leiterin des Arabisch-Übersetzungsdienstes der Vereinten Nationen erhielt, zog Morsi mit seiner Familie nach New York City.Lara Ayad: Biography of Ahmed Morsi - Website des Künstlers (Aufruf am 15. Juni 2023)
Der Künstler empfand seinen Aufenthalt in der Stadt stets als eine Form freiwilligen ExilsAlex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf 17.06.2023), eine Tatsache, die in seiner Malerei gerade während der ersten beiden New Yorker Jahrzehnte deutlichen Niederschlag findet: Morsis in den 1970er und 1980er Jahren entstandene Gemälde illustrieren sehr eindrücklich einen inneren Zustand der Entfremdung und Entwurzelung.Dina Ramadan: A Touch of Solitude and Spirituality: The Exilic Worlds of Ahmed Morsi - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 129–131
Zunehmend rückte nunmehr, in der zweiten Lebenshälfte des Künstlers, die Beziehung zu Alexandria als Stadt seiner Kindheit und Jugend, vor allem aber als Schauplatz seines künstlerischen Coming-of-age in den Fokus der malerischen und literarischen Auseinandersetzung:
„Mein Alexandria ist die Stadt meiner Jugend und zugleich Mythos und Legende. Dies ist das Zuhause, das meine Fantasie beflügelt hat, es ist in meine Gedichthefte eingeflossen und hat sich über meine Leinwände ergossen. Man suche dieses Alexandria nicht auf der Landkarte, denn es ist wirklich ort- und zeitlos. Ein Zuhause, das Raum und Zeit trotzt. Ein solcher Ort, der sich den Konstrukten der Realität entzieht, kann nur in der eigenen Vorstellung existieren – als Produkt meiner Vorstellungskraft, weil ich dieses Alexandria in gewisser Weise selbst erschaffen habe. Und es ist mir bestimmt, weiter danach zu suchen.“Alex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf am 17. Juni 2023)
In New York City nahm Morsi um das Jahr 1976 auch die Kunstform der Lithografie und in den 1990ern auch jene der Fotografie auf.Dina Ramadan: A Touch of Solitude and Spirituality: The Exilic Worlds of Ahmed Morsi - In: Hoor Al Qasimi, Salah M. Hassan und Sharjah Art Foundation (Hg.): Ahmed Morsi. A Dialogic Imagination Skira editore, Mailand 2021, S. 20
Im Jahr 1997 wurde mit dem Diwan Qutuf min azhar huqul al-asbrin (engl. Titel: „Blossoms Plucked from the Fields of Aspirin“) eine Sammlung von bereits in den 1950er und 1960er Jahren verfassten Gedichten publiziert.Lara Ayad: Biography of Ahmed Morsi - Website des Künstlers (Aufruf 15. Juni 2023)
Werk Morsi ist als Dichter und Maler gleichermaßen produktiv und anerkannt.
Eine Ausnahme stellen die drei Jahrzehnte zwischen 1967 und 1997 dar, während derer Morsis eigene literarische Produktion vollständig ruhte. Der Künstler selbst führt dies auf eine durch die kollektive Leiderfahrung des Sechstagekriegs verursachte Schreibhemmung zurück, die ihn vorübergehend habe „verstummen“ lassen.Alex Greenberger: Ahmed Morsi Searches for a ‘Home That Defies Space and Time’ with His Striking Paintings - Interview mit Ahmed Morsi auf der Website ARTnews.com (Aufruf 17.06.2023) Der Schreibimpuls verlagerte sich in dieser Zeit auf den Bereich der Kunstkritik und des journalistischen Schreibens. Auch die Übersetzertätigkeit betrieb Morsi in diesen Jahren weiter, zum Teil in Zusammenarbeit mit seiner ebenfalls als Übersetzerin tätigen Ehefrau Ahmany Fahmy.