Die Titan, ursprünglich Cyclops 2 genannt, war ein Tiefsee-Tauchboot des US-amerikanischen Unternehmens OceanGate. Ab 2021 wurde es unter anderem für Tauchfahrten zum Wrack des 1912 gesunkenen Transatlantikliners Titanic eingesetzt. Während einer Fahrt zum Wrack am 18. Juni 2023 implodierte die Titan, wobei alle fünf Personen an Bord des U-Bootes ums Leben kamen. Das Wrack der Titan wurde am 22. Juni 2023 in etwa 3778 m Tiefe auf dem Meeresgrund liegend gefunden.

Beschreibung mini|Video (Dauer: 1:59 min.) des Unternehmens OceanGate zum Design der Cyclops, dem Vorgänger von Titan

Der Mittelteil des Druckkörpers des Tauchboots bestand aus einem zylindrischen Rohr aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, dessen Wanddicke 127 mm (5 Zoll) betrug und aus 800 Faserlagen gefertigt wurde. Zwei Halbkugeln aus Titan schlossen über Passringe, ebenfalls aus Titan, das Rohr. In die vordere Halbkugel war axial ein Bullauge eingebaut, die hintere war mit einer nach hinten/oben spitz zulaufenden Stromlinienverkleidung versehen, unter der sich auch ein Sauerstofftank und Elektronik befanden.Michaela Braune: „Titan“: heute geht im U-Boot die Luft aus. In: Kronenzeitung, Print, 22. Juni 2022, S. 10 f. Das Plexiglas des Bullauges mit 15 Zoll (381 mm) Durchmesser war in ein trichterförmiges Metallteil gefasst. Dieser Rahmen war mit 16 Schrauben frontal an eine kreisringförmige Passfläche geschraubt. Dieses Bullauge war das einzige Beobachtungsfenster. Zum Ein- und Ausstieg wurde die an einem Scharniergelenk befestigte vordere Halbkugel weggeschwenkt.

mini|links|Schemadarstellung der Titan

Vier Propeller trieben das Boot an. Sie waren direkt an je einem schlanken Elektromotor montiert und mit einem kortdüsenähnlichen Ring umgeben. Zwei davon waren feststehend längs der Bootsachse orientiert und vorne seitlich unten am Zylinder des Druckkörpers montiert, zwei waren seitlich oben etwas hinter der halben Länge des Zylinders montiert und ungefähr vertikal orientiert.

Für den Aufstieg gab es drei unabhängige Auftriebsarten: Die Elektromotoren, das Ausblasen von Ballasttanks und das Ausklinken von Abtriebsgewichten, was auch bei völligem Stromausfall eingeleitet werden konnte.

Samt dem seitlich überstehenden Antrieb hatte das Tauchboot eine Länge von 6,70 Meter, war etwa 2,80 Meter breit (Innendurchmesser 1,42 Meter), 2,50 Meter hoch und hatte eine Masse von 9525 Kilogramm. Das Tauchboot musste von einem Mutterschiff zum Ort des Tauchgangs transportiert werden. Laut Hersteller erreichte es eine Geschwindigkeit von drei Knoten. Das speziell für die Tiefsee konzipierte Tauchboot konnte Tiefen von bis zu 4000 Metern erreichen und bot Platz für maximal fünf Personen.

mini|hochkant|Ein kabelloser Logitech-F710-Gamecontroller. Eine modifizierte Version wurde verwendet, um die Titan zu steuern.

Die Titan war für die Navigation zum Ziel auf Unterstützung durch das Begleitschiff angewiesen, das den Kurs der Titan überwachte und Kurskorrekturen mitteilte. Dazu war das Boot mit einem Transponder ausgestattet, der dem Begleitschiff die Lokalisierung ermöglichte. Da Radiowellen unter Wasser zu stark gedämpft werden und deshalb ungeeignet sind, lief die Kommunikation und Koordination zwischen Begleitschiff und Titan über akustische Unterwassertelefonie – das heißt, kurze Textnachrichten wurden in akustische Signale umgewandelt und nach Übertragung zurückübersetzt. Für die Steuerung der Titan wurde eine modifizierte Version eines handelsüblichen Logitech G F710 (ein kabelloser Gamecontroller) eingesetzt.

Im Bug des Boots befand sich eine einfache Bordtoilette.

Die Titan war von keiner Prüfstelle zertifiziert. Das auf internationalen Gewässern geltende Seerecht schreibt eine derartige Prüfung nicht vor.

Geschichte

Entstehung Der Hersteller von Faserverbundbauteilen Spencer Composites hatte bereits die Spezifikationen für den DeepFlight Challenger entwickelt und erhielt von OceanGate den Auftrag, ein U-Boot für eine maximale Tauchtiefe von 4000 m zu entwickeln. In dieser Wassertiefe herrscht ein hydrostatischer Druck von rund 400 bar, der als Außendruck auf das Boot wirkt, da im Inneren des Boots lediglich ungefähr Atmosphärendruck herrscht. Für einen Sicherheitsfaktor von 2,25 wurde eine Wanddicke von 114 mm als ausreichend errechnet. Die Titan hatte eine 5 Zoll (127 mm) dicke Außenhülle.

Der Rumpf wurde dementsprechend aus 480 Lagen von unidirektionalen Prepreg-Kohlenstofffaser/Epoxidharz-Gelegen in axialer Richtung und nass in Epoxidharz gewickelten Kohlenstofffasern in Umfangsrichtung hergestellt. Anschließend wurde der Zylinder in Folie verpackt und sieben Tage lang in einem Autoklaven bei 137 °C ausgehärtet. Der Rumpfzylinder hatte keinerlei Durchbrüche. Der Rumpf war mit einem akustisch arbeitenden System zur Überwachung der strukturellen Integrität ausgestattet, Oceangate hatte im Jahre 2018 hierzu ein Patent angemeldet.

2016 wurde ein Modell des Tauchbootes im Maßstab 1:3 gebaut, das vier Drucktests unterzogen wurde. Basierend auf den Ergebnissen dieser Tests wurde die Titan konstruiert und gebaut. Erste bemannte Tauchfahrten fanden 2018 im Puget Sound, einer Bucht an der Nordwestküste des US-Bundesstaats Washington, statt. Im Juni 2018 folgte dann eine Reihe von unbemannten Tauchgängen in bis zu 4000 m Tiefe, um die Festigkeit des Druckkörpers zu testen. Von Juli bis Dezember wurden vor den Bahamas bemannte Testtauchgänge in sukzessive größeren Tiefen absolviert, und am 10. Dezember 2018 erfolgte der erste bemannte Tauchgang auf 4000 m Tiefe, bei dem das Tauchboot von Unternehmensgründer Stockton Rush gesteuert wurde. Im Januar 2020 gab Rush in einem Interview bekannt, dass an der Titan Anzeichen von Materialermüdung erkannt wurden und ihre maximale Tauchtiefe deshalb auf 3000 m reduziert wurde, nicht tief genug für die geplanten Fahrten zur Titanic.geekwire.com 2020 und 2021 wurde die Hülle der Titan durch zwei in der Luft- und Raumfahrtindustrie tätige Unternehmen entweder repariert oder umgebaut.

Einsätze Die Titan wurde laut Betreiber für wissenschaftliche Erkundungen, Datenerhebung, Medienproduktionen und Tiefseetests, aber auch für touristische Zwecke wie Tauchgänge zur Titanic eingesetzt. So wurden von OceanGate ab dem Jahr 2021 etwa 60 Privatkunden und 15 bis 20 Wissenschaftler zur Titanic gebracht. Darunter waren der deutsche Informatiker Alexander Waibel und der niederbayerische Unternehmer Arthur Loibl.

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Die Titan traf am frühen Sonntagmorgen des 18. Juni 2023 mit ihrem Mutterschiff Polar Prince, einem ehemaligen Eisbrecher der kanadischen Küstenwache (CCG), an der Unglücksstelle der Titanic ein. Sie begann ihren Tauchgang zum Wrack gegen 4 Uhr morgens Ortszeit UTC−3:30, dabei wurde sie vom OceanGate-CEO Stockton Rush gesteuert. Bei diesem Tauchgang ist die Titan implodiert, wobei alle Insassen ums Leben kamen. Der Kontakt zum U-Boot brach nach etwa einer Stunde und 45 Minuten ab. Die Signale zur Lokalisierung und die Kommunikation rissen gleichzeitig ab. Zunächst war die Ursache für den Kontaktverlust noch unklar. Normalerweise brauchte die Titan für den Abstieg zur Titanic, die in einer Tiefe von etwa 3.800 Meter liegt, rund drei Stunden. Für einen Tauchgang (Abstieg, Erkundung, Aufstieg) waren in der Regel acht Stunden eingeplant.

Von den fünf Insassen waren drei Touristen, die von der Firma als mission specialists („Einsatzfachleute“) bezeichnet wurden und jeweils 250.000 US-Dollar für die Expedition zum Wrack bezahlt hatten. Die Titan sollte über Sauerstoffreserven für 92 bis 96 Stunden verfügen. Die Atemluft an Bord der Titan wäre demnach am 22. Juni 2023 gegen Mittag UTC aufgebraucht gewesen, wenn der Kontaktverlust andere Ursachen gehabt hätte. Auch an der Wasseroberfläche wäre man auf diese begrenzten Sauerstoffreserven angewiesen gewesen, denn es war nicht möglich, den Druckkörper der Titan von innen zu öffnen.

Personen an Bord

Stockton Rush (1962–2023), US-amerikanischer Gründer von OceanGate und Ehemann einer Ururenkelin von Isidor und Ida Straus, zwei der prominentesten Opfer des Titanic-Untergangs. Paul-Henry Nargeolet (1946–2023), französischer Tiefseeforscher und Titanic-Experte Hamish Harding (1964–2023), britischer Luftfahrtunternehmer und Milliardär Shahzada Dawood (1975–2023), pakistanisch-britischer Geschäftsmann, Inhaber der Dawood Hercules Corporation Suleman Dawood (2004–2023), Sohn von Shahzada Dawood und der Deutschen Christine Dawood

Such- und Rettungsbemühungen mini|Eine HC-130 der US Coast Guard beim Überfliegen des französischen Forschungsschiffes L’Atalante Bereits am 18. Juni, dem Tag des Verschwindens, registrierte die US Navy im Tauchgebiet der Titan ein Geräusch, das dem einer Implosion entsprach, und benachrichtigte die Rettungskräfte. Die Detektion einer möglichen Implosion wurde jedoch erst am 23. Juni öffentlich bekannt. Neben der kanadischen Küstenwache (CCG) waren die US Coast Guard, die US Navy, die Royal Canadian Air Force und die US Air National Guard an Such- und Rettungsbemühungen beteiligt. Für die Suche wurden mehrere Seefernaufklärer (darunter drei C-130 und eine P-8 Poseidon) und Sonobojen eingesetzt. Zudem gaben weitere Regierungen und Unternehmen ihre Hilfe bei der Suche bekannt. Am 20. Juni traf das von TechnipFMC betriebene Rohrverlegeschiff Deep Energy mit zwei fernsteuerbaren Unterwasserfahrzeugen (ROVs) vor Ort ein. Ein als Flyaway Deep Ocean Salvage System (FADOSS) bezeichnetes Schiffshebesystem der US-Marine sollte für einen etwaigen Einsatz vorbereitet werden. Die US-Küstenwache berichtete, dass weitere Schiffe und ROVs unterwegs seien, um bei der Suche zu helfen, darunter die Schiffe der kanadischen Küstenwache (CCGS) John Cabot, Ann Harvey, Terry Fox sowie Atlantic Merlin (mit ROV), zusätzlich die Horizon Arctic, die Skandi Vinland (mit ROV), das französische Forschungsschiff L’Atalante (mit Victor 6000) und HMCS Glace Bay. Die Glace Bay verfügt über eine mobile Dekompressionskammer.

Ebenfalls am 20. Juni detektierten Suchteams nicht identifizier- und ortbare Unterwassergeräusche, die nach Angaben der US-Küstenwache jedoch auch von dem Titanic-Schiffswrack selbst stammen konnten. Am Folgetag wurden diese Unterwassergeräusche, die als Klopfgeräusche beschrieben wurden, erneut vernommen.

Spätestens am 22. Juni 2023 wurde die Größe des Suchgebiets verdoppelt. Zwischenzeitlich wurde auch das technische Equipment, das zur Suche des Tauchboots eingesetzt wurde, erweitert. So wurde vom Flughafen Jersey ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug namens Juliet eingeflogen, das in eine Tiefe von bis zu 6000 Metern tauchen kann und bereits im Sommer des Vorjahres für gut 200 Stunden am Wrack der Titanic eingesetzt worden war, um Fotos für 3D-Scans bereitzustellen.

Trümmerfund und Bergung