mini|Die Gedenkstätte auf dem Wolfhager Friedhof (Nebeneingang Kurfürstenstraße). Die Gedenkstätte für die zwischen 1939 und 1945 ins Wolfhager Land verschleppten Zwangsarbeiter auf dem Wolfhager Friedhof ist den während der NS-Herrschaft in den Altkreis Wolfhagen verschleppten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gewidmet.
Beschreibung Die Gedenkstätte erinnert an neun Zwangsarbeiter, die im Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 nach Deutschland verschleppt wurden und bis 1945 in Wolfhagen verstarben. Sie kamen aus Frankreich, Italien, Polen und der Sowjetunion. Die meisten der neun Zwangsarbeiter waren unterernährt und verstarben unmittelbar vor oder nach der Befreiung durch die Amerikaner am 31. März 1945 mit Krankheiten als häufigste Todesursache. Zudem wurde ein Zwangsarbeiter gut zwei Monate nach der Befreiung im Stadtwald Wolfhagen erschossen. Auf der Gedenktafel werden ebenso die Namen zweier Kinder von polnischen Zwangsarbeiterpaaren aufgeführt, die in Wolfhagen und Wolfhagen-Viesebeck verstarben. Deren letzter Ruheort ist unbekannt.
Neben der Gedenktafel befindet sich der Grabstein von Gabriel Kulczycki, der spätestens 1943 aus seiner westukrainischen Heimat in den Altkreis Wolfhagen verschleppt wurde und auf verschiedenen Höfen, etwa dem Rittergut Wettesingen, sowie in der Lufthauptmunitionsanstalt (Muna) im heutigen Wolfhagen-Gasterfeld Zwangsarbeit leisten musste. Nach dem Krieg entschied sich Gabriel Kulczycki, weiterhin in Wolfhagen zu bleiben und lebte dort, bis er wegen einer Demenzerkrankung an das Psychiatrische Krankenhaus Haina überstellt wurde und dort 1961 verstarb. In Wolfhagen lebte Kulczycki als isolierter Außenseiter, der belächelt und verspottet wurde. Sein Schicksal ist das eines der von deutschen Behörden sogenannten heimatlosen Ausländer, die zwar mitten unter der Bevölkerung der BRD lebten, aber nie als deren Teil angesehen wurden. Kulczyckis Schicksal ist ein Beispiel dafür, wie geringschätzig mit ehemaligen Zwangsarbeitern im Nachkriegsdeutschland umgegangen wurde und dass erlittene Kriegserfahrungen für die Betroffenen physisch und psychisch ein Leben lang nachwirkten.
Zuletzt hat auch der Grabstein, in Form eines orthodoxen Kreuzes, selbst eine bewegte Geschichte: Nach der Einebnung von Gabriel Kulczyckis Grab wurde der Grabstein aufgrund seiner ortsüblich ungewöhnlichen Form aufgehoben, jedoch am Rand des Friedhofs aufbewahrt und somit langsam von der Friedhofshecke überwuchert. Auch in Unkenntnis der Geschichte von Gabriel Kulczycki erkannten Ukrainer und Ukrainerinnen, die in den 1990er nach Wolfhagen zogen die Form des Grabsteins und stellten dort Kerzen zu Allerheiligen auf, um den Grabstein nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte und Rezeption mini|Die Redner der Einweihungsveranstaltung vom 16. Juni 2023. Planungen für eine mögliche Gedenkstätte auf dem Wolfhager Friedhof begannen 2021, nachdem das Thema durch neue Forschungsergebnisse zu NS-Zwangsarbeit in Wolfhagen an Aktualität gewonnen hatte. Der Anfangsprozess verlief dabei zunächst schleppend. Am 16. Juni 2023, dem Todestag Gabriel Kulczyckis, konnte die Gedenkstätte schließlich vom Arbeitskreis „NS-Zwangsarbeit und Friedhof Wolfhagen“ der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dem vorausgegangen waren zwei Spendenaufrufe in lokalen Medien. Zur Einweihung waren sowohl regionale als auch überregionale Gäste eingeladen. So waren etwa Mitglieder des Deutsch-Französischen Forums Kassel und des Vereins ASG Italia 1972 aber auch Jan Krzymowski vom Generalkonsulat der Republik Polen in Köln auf der Veranstaltung anwesend.
Dem Arbeitskreis „NS-Zwangsarbeit und Friedhof Wolfhagen“ wurde „für sein ehrenamtliches Engagement zur Aufarbeitung der Geschichte der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg und zur Bewahrung des historischen Erbes“ der Ehrenpreis der Stadt Wolfhagen 2023 verliehen.
Literatur Erich Abel, Gretel Riedemann: Ein Knecht namens Mussolini!, in: Dirk Lindemann (Hrsg.): Wolfhager Geschichten, Teil 3: Nachkriegszeiten und Kleinstadt-Flausen, Wolfhagen 2017: Litho-Verlag e.K., S. 228–230. ISBN 978-3-946128-23-6. Bernd Klinkhardt, Wilhelm G. Winter: Wolfhagen im Zeitgeschehen von 1945. Schriften des Vereins Regionalmuseum Wolfhagen. Wolfhagen 1994, ISBN 3-924219-13-3. Bernd Klinkhardt: Lufthauptmunitionsanstalt Wolfhagen LHMa 1/XII Wn: Geschichte und Gegenwart einer ehemaligen Munitionsfabrik, Wolfhagen 2004, ISBN 3-924219-18-4 Phillip Landgrebe: The Story of a Gravestone, in: EUSTORY History Campus der Körber-Stiftung, veröffentlicht am 28. Januar 2021. Phillip Landgrebe: Die Geschichte eines Grabsteins in: Archive in Nordhessen. Gemeinschaftsblog der nordhessischen Archive, veröffentlicht am 22. März 2021. Phillip Landgrebe: Der Grabstein in der Hecke in: Jungle World 08/2021, veröffentlicht am 25. Februar 2021. Phillip Landgrebe: Zwangsarbeiter*innen als Teil unserer Migrationsgeschichte: Warum steht Gabriels Grabstein in der Hecke? in: MIGRATIONSGESCHICHTEN. Ein Blog von Gegen Vergessen e. V., veröffentlicht am 30. April 2021. Phillip Landgrebe: Zwangsarbeit in den Dörfern des Landkreises. Von der Forschung missachtet: NS-Zwangsarbeit in der Landwirtschaft in: Jahrbuch Landkreis Kassel 2022, S. 68–71. Evelyn Hojn: Erinnerung an NS-Zwangsarbeiter. Gedenkstätte für die zwischen 1939-1945 ins Wolfhager Land verschleppten "Ostarbeiter" in: Jahrbuch Landkreis Kassel 2024, S. 60.
Weblinks
Link zu weiterführenden Informationen hinter dem QR-Code, der auf der Gedenktafel steht Eintrag der Gedenkstätte in der Gedenkstätten Übersicht der Stiftung Topographie des Terrors Grußwort von Marie-Pascale Devignon-Tripp (Deutsch-Französisches Forum Kassel e.V. – Cercle Français) von der Einweihungsveranstaltung am 16. Juni 2023
Einzelnachweise
Kategorie:Gedenkstätte für NS-Opfer Wolfhagen Kategorie:NS-Zwangsarbeit Kategorie:Bauwerk in Wolfhagen Kategorie:Geschichte (Wolfhagen) Kategorie:Hessische Geschichte (20. Jahrhundert) en:Memorial to the forced labourers deported to Wolfhagen between 1939 and 1945