Die Reihe 300 (nach Bauer Typen 8, 9 und 11 bis 15 sowie 19.1) der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ist eine Gruppe zweiachsiger Straßenbahn-Triebwagenserien mit drei- oder vierfenstrigem Fahrgastraum, die Herbrand & Cie. von 1909 bis 1914 für den Einsatz auf dem Netz der Straßenbahn Stuttgart baute. Die in einigen Aspekten sehr unterschiedlichen Serien waren ursprünglich als Hauptlinienwagen, große Stadttriebwagen oder Vororttriebwagen eingruppiert worden und wurden 1928 zusammengefasst. Die letzten Fahrzeuge wurden bis 1961 eingesetzt.
Beschaffung, Einteilung und Beschreibung Zwischen 1909 und 1912 wurden von den Stuttgarter Straßenbahnen AG 70 Zweiachser beschafft. Zunächst wurden diese in verschiedenen Gruppen zusammengefasst. Bei der Sortierung in „Reihen“ erfassten die SSB dann alle ihre größeren Triebwagen mit drei und vier Seitenfenstern der Baujahre 1909 bis 1914, später innerhalb der Typen 8, 9 und 11 bis 15 sowie 19.1 klassifiziert, in der „Reihe 300“. Der Großteil der innerhalb der Reihe 300 zusammengefassten Wagen entstand in den Jahren 1909/10.
Dazu gehörten sieben innerhalb der Serie 1 (Typ 8, zunächst Tw 301 bis 307, ab 1928 Tw 391 bis 397) sowie sechs innerhalb der Serie 2 (Typ 12, zunächst Tw 311 bis 316, ab 1928 Tw 351 bis 356) entstandene Wagen für den Vorortverkehr. Typ 12 erhielt jeweils drei Seitenfenster, die auch Wagen des Typs 8 ähnelten, der teilweise aus sieben abgewirtschafteten „Imperialtriebwagen“ entstanden war, die zuvor außer Betrieb genommen worden waren. Als Ersatz für diese kamen 21 im Jahr 1909 für die Hauptlinien beschaffte Triebwagen der späteren Typen 9 (ab 1928 Tw 357 bis 363) und 11 hinzu. Diese hatten jeweils drei Seitenfenster und verglaste Plattformen und erhielten die Betriebsnummern der zuvor ausgeschiedenen Zweiachser (Tw 147 bis 165). Auf ihrem Vorderdach befand sich ein kleiner Lampenkasten mit einem Milchglas, vor das Blechplatten mit ausgestanzten Liniennummern geschoben werden konnten. Darunter befanden sich emaillierte Zielschilder, ausgeführt als Drehwalzen.
Hinzu kamen 15 „Große Stadttriebwagen“ der ersten Serie (Typ 14) und weitere 15 Wagen der zweiten Serie (Baujahr 1909/10). 1912 folgte schließlich die sechs Fahrzeuge umfassende dritte Serie „Großer Stadttriebwagen“ (Tw 259 bis 264). Im Jahr 1914 traf dann die Serie 3 der Vororttriebwagen in Stuttgart ein. Letztere, von Bauer als Typ 19.1 eingeordnet, weicht konstruktiv deutlich von den anderen Fahrzeugen der Reihe 300 ab und bildete die Basis für die Reihe 400. +ÜbersichtTypNummern bis 1928/1929Nummern ab 1928/1929AnzahlBaujahreSeitenfensterfrühere Bezeichnung11147–151, 153–157, 162–165301–3141419094Hauptlinienwagen13310, 317–330315–329151909–19104Großer Stadttriebwagen (1. Serie)15259–264330–335619124Großer Stadttriebwagen (3. Serie)14234–248336–3501519103Großer Stadttriebwagen (2. Serie)12311–316351–356619093Vororttriebwagen (2. Serie)9145, 146, 152, 158–161357–363719093Hauptlinienwagen19.1388–395371–378819144Vororttriebwagen (3. Serie)8301–307391–397719093Vororttriebwagen (1. Serie)
Einsatz und Verbleib Typ 8 Am 1. August 1909 nahmen die SSB mit den Triebwagen des späteren Typs 8 (siehe oben) den Vorortverkehr von Feuerbach nach Stuttgart und Cannstatt auf. Zuffenhausen kam Mitte September desselben Jahres hinzu. Um den unerwartet großen Andrang auf diesen Vorortlinien zu bewältigen, musste man schon bald auf Beiwagenbetrieb umstellen, wofür der Typ 8 allerdings zu schwach motorisiert war. So wurden diese 1911 durch Große Stadttriebwagen des Typs 14 und Vororttriebwagen der 2. Serie (Typ 12) abgelöst. Bevor der schwächere Typ 8 vor dem Ersten Weltkrieg schrittweise stärkere Motoren erhielt, wurden dessen Triebwagen auf weniger frequentierten E-Linien eingesetzt.
Bis Anfang der 1920er-Jahre verkehrten sie dann wieder auf den Linien 14, 15 und 16, ab 1925 dann vor allem auf der Linie 11. Nachdem die Linie 14 im Oktober 1928 bis zum Schlossplatz verlängert worden war, wurde der Typ 8 für die folgenden zwei Jahre wieder dort eingesetzt. Nachdem sie anschließend wieder ein halbes Jahr auf der Linie 11 eingesetzt wurden, folgte ihre Abstellung. Weil sich ihre Wagenkästen in einem guten Zustand befanden, entgingen sie schlussendlich der Verschrottung und die SSB ließen die Fahrzeuge 1932/33 neu und stärker motorisieren und in der Maschinenfabrik Esslingen neue Untergestelle mit längerem Achsstand anfertigen. Bis 1942 folgte anschließend ein Einsatz auf der steileren Linie 12 (Hallschlag – Cannstatt), wo die Wagen ihre stärkere Motorisierung ausfahren konnten. Dann wurde sie auf die Linie 11 (Cannstatt – Zuffenhausen) verlegt, wo sie bis zum Kriegsende unterwegs waren. Tw 392 wurde 1942 stärker umgebaut, Tw 393 fiel 1944 den Luftangriffen auf Stuttgart zum Opfer.
Typ 9 Die Wagen des späteren Typs 9 kamen ab ihrer Indienststellung 1909 18 Jahre lang auf der Linie 1 zum Einsatz, danach für kurze Zeit auf der damaligen Linie 11 (Cannstatt Veielbrunnenweg – Obere Ziegelei). Anschließend folgt ein knapp elf Jahre langer Einsatz auf der Linie 15 (Pragwirtshaus – Nordbahnhof – Schlossplatz, teils bis Heslach) bis 1939. Bis zum Mai 1942 liefen sie dann auf der Verstärkerlinie 26E (Sillenbuch – Schlossplatz – Hedelfingen), danach auch auf anderen E-Linien. Auch hier fielen zwei Fahrzeuge 1944 den Luftangriffen auf Stuttgart zum Opfer, ein anderer erlitt bei den Bombardierungen schwere Schäden. Im Jahr 1913 hatten die Wagen des Typs 9 neue Motoren, 1924 neue Fahrschalter erhalten. 1935 waren sie neu motorisiert worden.
Typ 11 Die 14 Triebwagen des Typs 11 wurden ab ihrer Indienststellung 1909 zunächst bis 1928 auf der Linie 1 eingesetzt, anschließend auf Linie 6. Ihre Motoren hatten sich als zu schwach erwiesen und wurden 1914 ersetzt. Ab 1924 wurden weitere Modernisierungen durchgeführt und 1932 bis 1934 wurden alle Fahrzeuge grundlegend überholt. Dabei wurden sie hinsichtlich Achsstand, Länge, Größe der Plattformen und weiterer Details nicht einheitlich umgebaut. Bauer führt die Umbauvarianten als Typen 11a, 11b und 11c. Durch Kriegshandlungen des Zweiten Weltkriegs wurden alle Fahrzeuge mindestens so stark beschädigt, dass sie zunächst abgestellt blieben. Nur zehn Stück wurden nach dem Krieg wieder eingesetzt. Von Anfang 1946 bis 1954/1955 bedienten sie fast ausschließlich die Linie 21, 1952/1953 auch kurz die Linie 22. Vor der 1959 bis 1962 vollzogenen Ausmusterung gab es auch Einsätze auf der Filderbahnlinie 31 und der Linie 3. Drei Triebwagen hatten 1954/1955 neue Aufbauten erhalten.
Typ 12 Der spätere Typ 12 war bereits für den Einsatz auf den 1910 eingeweihten Vorortstrecken nach Untertürkheim und Hedelfingen beschafft worden und wurde demnach auf den Linien 15 (Zuffenhausen – Untertürkheim) und 16 (Feuerbach – Hedelfingen) eingesetzt. Bereits 1914 erhielten diese Fahrzeuge neue Motoren. 1917 wechselte Tw 316 zur Linie 17 (Heslach – Kaltental) und die restlichen fünf Exemplare zur Linie 4, wo sie bis Ende 1929 blieben. Anschließend wurden sie bis 1930 mit gebrauchten, aber stärkeren Motoren versehen und kamen bis 1939 auf der Linie 15 (Pragsattel – Schlossplatz – Heslach) zum Einsatz, danach drei Jahre auf der Linie 11 (Zuffenhausen – Cannstatt). Ab Mai 1942 liefen die Wagen auf der Verstärkerlinie 2E (Leipziger Platz – Ostendplatz). Alle sechs Wagen erlitten im November 1944 irreparable Kriegsschäden.
Typ 13 Die Triebwagen des Typs 13 wurden für den Einsatz auf den Vorortlinien 15 und 16 beschafft. Zehn der 15 Fahrzeuge waren allerdings nicht beheizbar und wurden bereits ab 1911 auf der Stadtlinie 4 eingesetzt. Obwohl die fünf beheizbaren Wagen tatsächlich auf den Vorortlinien 15 bis 17 eingesetzt wurden, galten schließlich alle Fahrzeuge der Serie als große Stadttriebwagen. Von 1928 bis 1932 waren die Linien 6 und 26E die Einsatzgebiete, bis Mitte der 1940er Jahre die Linien 6 und 21. Ab 1925 wurden verschiedene Umbauten vorgenommen. 1933/1934 erfolgten größere, nicht einheitliche Umbauten wie beim Typ 11. Bauer führt die Umbauvarianten als Typ 13a und 13b. Vier Triebwagen wurden im Krieg 1944 irreparabel beschädigt. Die anderen blieben bis nach dem Kriegsende abgestellt und wurden anschließend auf der Linie 21 eingesetzt. Einige Wagen kamen ab 1948 auf der Linie 14, ab 1951 auf der Linie 12 und ab 1954 auf der Linie 19 zum Einsatz. Die Linie 21 entfiel 1955 als Einsatzgebiet. Von 1957 bis zur Ausmusterung 1959/1960 bedienten die Fahrzeuge die Linie 3 oder fuhren als E-Wagen. Sechs Triebwagen hatten 1949 bis 1953 neue Aufbauten erhalten.
Typ 14 Die Fahrzeuge des Typs 14 wurden für den Stadtverkehr beschafft. In manchen konnte jedoch ein Ofen zur Beheizung aufgestellt werden, so dass diese ab 1912 vorwiegend auf den Vorortlinien 15 und 16 zum Einsatz kamen. 1924 wurden die Triebwagen neu motorisiert. Bis 1929 wurden dann elf Stück auf der Linie 4 und vier auf der Linie 26E eingesetzt. Ab den 1930er Jahren bis 1934 war zwischenzeitlich die Linie 15 das Einsatzgebiet der gesamten Serie. 1934 verstärkte die Hauptwerkstatt die Fahrwerke und erneuerte die elektrische Ausrüstung. Diese nach Bauer als Typ 14a klassifizierten Fahrzeuge kehrten auf die Linien 4 und 26E zurück. 1940/1941 bedienten sie kurzzeitig die Linie 25, anschließend die Linien 2E und 22. Acht Triebwagen wurden 1944 bei Luftangriffen zerstört. Nach dem Krieg wurden die nach und nach reparierten Triebwagen zunächst auf den Linien 7, 12, 17E und 1E eingesetzt. Die Reparatur zweier Wagenkästen wurde von der Maschinenfabrik Esslingen ausgeführt. Ein Wagenkasten wurde durch einen Neubau der Karosseriefabrik Reutter & Co. ersetzt. Die weiteren Einsätze erfolgten ab 1950 auf den Linien 12 und 14, ab 1952 auf der Linie 21 und ab 1955/1956 auf den Linien 22 und 24. Ab 1956 erfolgte die Ausmusterung. Vor dem Einsatzende im September 1961 wurden die verbliebenen Fahrzeuge hauptsächlich als E-Wagen eingesetzt.
Typ 15 Der Typ 15 wurde für den Stadtverkehr beschafft und erhielten zunächst die elektrische Ausrüstung ausgemusterter Imperialtriebwagen. Wegen der recht geringen Antriebsleistung wurden sie hauptsächlich auf der Linie 4 eingesetzt, wo diese ausreichte. 1914 erhielten drei Fahrzeuge stärkere Motoren. 1925 wurden in die anderen drei Wagen Motoren mit noch höherer Leistung eingebaut und die gesamte Serie wurde mit einer Widerstandsbremse nachgerüstet. Ab 1929 bedienten sie die Linie 6, bevor sie 1934 mit vergrößertem Achsstand, verstärktem Fahrwerk, längeren Plattformen und besserer elektrischer Ausrüstung (inklusive Motoren) generalsaniert wurden. Diesen Umbauzustand klassifizierte Bauer als Typ 15a. Anschließend kamen die Wagen bis 1941 auf der Linie 21 zum Einsatz. Die gesamte Serie wurde, zu diesem Zeitpunkt im Betriebshof Vogelsang stationiert, beim Luftangriff vom 12. auf den 13. November 1944 zerstört.
Nachkriegszeit Die Wagen der Reihe 300 wurden nach dem Zweiten Weltkrieg noch bis maximal 1961 genutzt. Bis heute erhalten ist lediglich Tw 340 (siehe Abschnitt „Tw 340“ im Artikel „Stuttgarter Historische Straßenbahnen“).
Weblinks
Einzelnachweise
Reihe 300 Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Maschinenfabrik Esslingen)