alternativtext=Otto Jöhlinger (1913)|mini|Otto Jöhlinger (1913) alternativtext=Unterschrift Otto Jöhlingers (1913)|mini|Unterschrift Otto Jöhlingers (1913) mini|Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee, Feld A 4 Otto Daniel Jöhlinger (* 1. Dezember 1883 in Köln; † 20. August 1924 in Berlin), meist nur Otto Jöhlinger, war ein deutsch-jüdischer Wirtschaftsjournalist, Nationalökonom und Zeitungswissenschaftler. Zu seinen besonders beachteten wissenschaftlichen Werken gehört die Studie Bismarck und die Juden (1921), in der er nachwies, dass sich der völkische Antisemitismus zu Unrecht auf Otto von Bismarck stützte.

Herkunft und private Lebensstationen Der gebürtige Kölner kam aus einer aus Süddeutschland nach Köln zugewanderten jüdischen Händlerfamilie. Sein Vater Eduard Jöhlinger war Getreidekaufmann in Köln. Seine Mutter hieß Therese Hirsch. Er hatte eine Schwester, Flora Jöhlinger.Traueranzeiger, Kölnische Zeitung 8. Oktober 1925, S. 14 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/UUVGIDQWNFTWNRZQRXLBOBJOAALWGM2S?issuepage=14

Am 8. Juni 1914 heiratete er Lydia Wilhelmine Elisabeth geborene Paasch (* 3. Juni 1888; † unbekannt) aus Berlin. Sie war nicht Jüdin, sondern wie ihre Eltern evangelisch. Sie war Tochter des Arztes und Geheimen Sanitätsrats Richard-Alexander Paasch und dessen Gattin Adele, geborene Hillringhaus.Sterbeurkunde Nr. 462, Standesamt Berlin, 29. August 1924, Sterberegister der Berliner Standesämter 1874–1955, Landesarchiv Berlin, abgerufen von Ancestry.com (12.6.2023)Heiratsurkunde Nr. 357, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874 – 1936, Landesarchiv Berlin, abgerufen von Ancestry.com (12.6.2023) Sein Schwiegervater war neben dem Arztberuf ein namhafter Schriftsteller (Tragödien, Sachbücher).

Als junger Mann wurde Jöhlinger nicht zum Militärdienst verpflichtet. Erst 1917 wurde Jöhlinger eingezogen. Er absolvierte die Infanterie-Ausbildung beim Leib-Grenadier-Regiment „König Friedrich Wilhelm III.“ (1. Brandenburgisches) Nr. 8 in Frankfurt an der Oder. Ein Unfall beendete seine Soldatenzeit.

1923 kaufte Jöhlinger in Werder (Havel) das Anwesen der ehemaligen Gastwirtschaft „Gerlachshöhe“. Das Haus blieb in Familienbesitz. 1938 wurde sie durch das nationalsozialistische Regime enteignet. Erst in den 1990ern wurde das Grundstück dem Nachfahren Wolfgang Jöhlinger rückübertragen. Von der früheren beliebten Höhengaststätte steht noch eine Ruine.Wir sind Werder. „Verloren und vergessen: ,Gerlachshöhe‘“. 21. März 2023 https://wirsindwerder.de/verloren-und-vergessen-gerlachshoehe/ (13.6.2023)

Bereits seit 1921 oft schwer krank, erfüllte er seine vielen öffentlichen, publizistischen und wissenschaftlichen Aufgaben phasenweise nur unter großen Schwierigkeiten. Er verstarb mit nur 40 Jahren nach mehrmonatiger Bettlägerigkeit an einer schweren Blutkrankheit in seiner Wohnung in der Yorckstraße 84d in Berlin–Kreuzberg.Sterbeurkunde Nr. 462, Standesamt Berlin, 29. August 1924, Sterberegister der Berliner Standesämter 1874–1955, Landesarchiv Berlin, abgerufen von Ancestry.com (12.6.2023)Kölnische Zeitung Nr. 609 29. August 1924, S. 9 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/KLXAC4DCQ2KPUALFXUOUZOLEHWHMC73O?issuepage=9 Neben den Todesanzeigen der FamilieTraueranzeige, Kölnische Zeitung 25. Oktober 1924, S. 18 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/PKH2UQJ44ZUFIGK3SHG247J2IWVVLHBM?issuepage=18 wurde Jöhlingers Tod in vielen Zeitungen gemeldet; ausführlichere Nachrufe erschienen u. a. bei seinen früheren Arbeitgebern, der Kölnischen ZeitungNachruf „Otto Jöhlinger“. Kölnische Zeitung Nr. 609 29. August 1924, S. 9 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/KLXAC4DCQ2KPUALFXUOUZOLEHWHMC73O?issuepage=9 und dem Berliner Tageblatt.Nachruf „Otto Jöhlinger“. Berliner Tageblatt 29. August 1924, S. 3 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/VRMGLD5CZMQH3ZM4NMLQNO7E3KS7B7FY?issuepage=3

Ausbildung Er besuchte zunächst das Marzellen-Gymnasium, schloss es aber nicht mit dem Abitur ab. In der Ausbildung folgte er dem Weg seines Vaters als Kaufmann in den Getreidehandel. Zunächst Mitarbeiter einer Importfirma, studierte er (offenbar auch in Teilzeit) von etwa 1900 bis 1907 an der Handelshochschule Köln. Während seiner Studienzeit baute Jöhlinger jedoch schon Kontakte zu Redaktionen auf und wurde schließlich Mitarbeiter der Kölnischen Zeitung.Braeuer, Walter, "Jöhlinger, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 453–454 [Online-Version] https://www.deutsche-biographie.de/pnd117147818.html#ndbcontent (12.6.2023) Jöhlinger nannte den Kölner Dozenten der Handelshochschule Robert Brunhuber (* 1878; † 1909 ermordet in China) seinen Lehrer.(Vorwort) „Zeitungswesen und Hochschulstudium: Einführung zu den Vorlesungen über: "Das Zeitungswesen in Deutschland und im Ausland"“ G. Fischer, Jena 1919, S. 57 https://archive.org/details/zeitungswesenund00johl/page/56/mode/2up?q=%22Zeitungswesen+und+Hochschulstudium%22&view=theater Dieser war einerseits Asienforscher (Indien, Tibet, China) und nährte Jöhlingers Interesse an internationalen Wirtschaftsbeziehungen und der Orientalistik, andererseits war er ein Pionier der Presseforschung und der Zeitungswissenschaft (u. a. als Verfasser eines Lehrbuchs der Zeitungskunde). Beiden Forschungs- und Wissenszweigen sollte Jöhlinger folgen.

1907 zog er in die Reichshauptstadt um. Er setzte sein Studium für zwei Jahre an der Berliner Universität und für drei Semester an der Handelshochschule Berlin fort.

Journalismus Mit seinem aus seiner praktischen Erfahrung im Handel entstandenen Buch Die Praxis des Getreidegeschäftes an der Berliner Börse: Ein Hand- und Lehrbuch für den Getreidehandel (1910) empfahl sich Jöhlinger als Experte für die internationalen Agrar- und Rohstoffmärkte. Das hochspezialisierte kaufmännische Buch erschien 1917 in einer nach den Umwälzungen der Kriegswirtschaft aktualisierten Auflage und galt auch in der Weimarer Republik noch als Standardwerk.

Diese Expertise war auch für den Wirtschaftsjournalismus interessant, den er bereits während seiner Zeit an der Handelshochschule Köln bei der Kölnischen Zeitung kennengelernt hatte. Das liberale Berliner Tageblatt bot ihm eine Stelle als Handelsredakteur an, also als Mitglied der Wirtschafts- und Finanzredaktion. Spätestens 1910 zeichnete er als verantwortlicher Redakteur des Handelsteils. Berlin war der bedeutendste Industrie-, Banken- und Börsen-Standort des Deutschen Reiches. Zugleich bot es zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen. Das intellektuelle Tageblatt ermunterte seine Redakteure zur Beteiligung am Geistesleben und an den Schnittstellen zur Wissenschaft, und so schrieb er parallel auf akademischem Niveau über Kolonialwirtschaft, Finanzen, Agrar- und Getreidehandel.

Neben dem Tagesjournalismus schrieb Jöhlinger immer wieder für Fachzeitschriften (Zeitschrift für Handelswissenschaften und Handelspraxis, Finanz-Archiv, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Zeitschrift für Politik) und für politisch-literarische Publikumszeitschriften (Koloniale Rundschau, Nord und Süd, Die Grenzboten, Die neue Zeit). Beispielsweise war er von 1912 bis 1916 für die politisch-literarische Zeitschrift Nord und Süd als Autor tätig, vor dem Krieg für die ständige Rubrik „Koloniale Rundschau“, später mit Übersichten und Aufsätzen zur volkswirtschaftlichen Situation und zum Wirtschaftskrieg bei.

Nach seinem kurzzeitigen Wehrdienst 1917 wechselte Jöhlinger in die Redaktion der Norddeutschen Allgemeine Zeitung als Leiter des volkswirtschaftlichen Teils; später leitete er auch den Handelsteil. Das bis dahin „offiziöse“, als Regierungssprachrohr geltende Traditionsblatt war gerade vom Verleger Reimar Hobbing übernommen worden. Hobbing hatte große Pläne für einen Umbau zu einem anspruchsvollen, international bedeutenden Blatt („deutsche Times“) und suchte gezielt nach herausragenden Köpfen, auch Wissenschaftlern, für seine Redaktion. Die NAZ wurde im November 1918 zur Deutschen Allgemeinen Zeitung.

Im Frühjahr 1919 war Jöhlinger Presse-Mitglied der deutschen Delegation bei den Verhandlungen zum Versailler Friedensvertrag. Er setzte sich mit den wirtschaftlichen Folgen der Reparationen, Auflagen und Gebietsabtretungen auseinander. 1920 würdigte er das Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags des britischen Mitglieds des Obersten Wirtschaftsrats, John Maynard Keynes, als „literarische Tat“.„Eine literarische Tat“. Die neue Zeit Wochenschrift der Deutschen Sozialdemokratie 38. Jg., 2. Bd., Nr. 15, 9. Juli 1920, S. 342–345 https://library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=191920b&f=342v&l=345John Maynard Keynes. Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags. München und Leipzig: Duncker & Humblot 1920. urn:nbn:de:hebis:30:2-236998 [Digitalisat UB Frankfurt ] https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/varia/content/titleinfo/7107428

Als die Deutsche Allgemeine Zeitung im Mai 1920 hinter dem Rücken der Redaktion an den konservativen Großindustriellen Hugo Stinnes verkauft wurde, gehörte Jöhlinger zu den drei prominenten Mitarbeitern, die demonstrativ mit entsprechendem öffentlichen Aufsehen kündigten; neben Jöhlinger waren dies Verlagsdirektor Otto Karl Stollberg und der Ressortleiter Innenpolitik Oskar Müller.„Dr. Otto Jöhlinger“. Vorwärts 9. Mai 1920, S. 2 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/RCPA4YQDJI5PWR2JIECVZNS7XVWTEC5H?issuepage=2Richard Lewinsohn. „Die Presse stirbt“. Die Weltbühne 18. Jg., II, Nr. 52, 28. Dez. 1922, S. 671–672 https://archive.org/details/DieWeltbhne18-21922/page/670/mode/2up?q=%22presse+stirbt%22 Fritz Wolter [d. i. Richard Lewinsohn]. „Der Verkauf der D. A. Z.“ Die Weltbühne 21. Jg., Nr. 36, 8. September 1925, S. 378–383, hier 378 https://archive.org/details/DieWeltbhne21-21925/page/378/mode/2up?q=%22otto+j%C3%B6hlinger%22

Ministerialbeamter Nach dem Krieg wurde Jöhlinger von der republikanischen Reichs- und Landespolitik als Experte herangezogen. Im Juli 1919 wurde der just promovierte Jöhlinger vom Reichsarbeitsminister als Sachverständiger in eine Arbeitszeit-Kommission für die Bergleute berufen."Die Arbeitszeit für Bergleute". Echo der Gegenwart, 19. Juli 1919, S. 14 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/Y6P7IK7JXOO3Y2OZ2CUWCU6AFV7INDYU?issuepage=14 Als der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger im Februar 1920 ausschied, wurde zeitweise kolportiert, dass Jöhlinger vorläufig mit den Geschäften des Reichsfinanzministeriums betraut werden solle.Kölnische Zeitung, 26. Februar 1920, S. 5 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/7TSKSRACRVK6GERY2LNNQCW4SAAF63MO?issuepage=5

Nach dem Abschied von der DAZ wurde Jöhlinger Ministerialrat (Vortragender Rat) im Preußischen Finanzministerium in der neuen wirtschaftspolitischen Abteilung. Er erhielt dort unter anderem die Zuständigkeit für Hochschulen.„Dr. Otto Jöhlinger“. Vorwärts 9. Mai 1920, S. 2, Sp. 3 [Zeitungsportal] https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/RCPA4YQDJI5PWR2JIECVZNS7XVWTEC5H?issuepage=2

Hochschullehrer und Wissenschaftler Ab 1912 war Jöhlinger neben seinem Beruf als Zeitungsredakteur Dozent der Staatswissenschaften am Seminar für Orientalische Sprachen der Berliner Universität. Seine wissenschaftliche Qualifikation und Tätigkeit ergab bei Kriegsbeginn 1914 eine Berufung in den Wirtschaftlichen Beirat des Reichsmarineamts. Durch seine zahlreichen Aufsätze und Bücher bekam Jöhlinger auch in Wissenschaftskreisen Anerkennung.