mini|Außenansicht der Kirchturmes (2019)Die evangelische Stadtkirche St. Michael ist ein ortsbildprägendes Kirchengebäude in Schlüchtern, einer Kleinstadt im Main-Kinzig-Kreis (Hessen). Die evangelische Kirchengemeinde Schlüchtern gehört zum Kirchenkreis Kinzigtal im Sprengel Hanau-Hersfeld der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Geschichte Die Stadtkirche St. Michael in Schlüchtern ist ein Bauwerk mit einer vielschichtigen und wechselvollen Geschichte, deren Ursprünge auf das 9. Jahrhundert zurückgehen. Bereits zu dieser Zeit bestand eine Kirche in Schlüchtern, die nachfolgend durch einen Bau ersetzt wurde, von dem heute nur noch der Turm erhalten ist. Dieser Bau stammt aus der Zeit um 1100 und wurde dem Erzengel Michael geweiht.

1167 war Schlüchtern Pfarrei, die zum Kloster Schlüchtern und zum Archidiakonat des Landkapitels Karlstadt des Bistums Würzburg gehörte. Damals gehörten zur Pfarrei die Kirchspiele Schlüchtern, Ramholz und die Kirchen Aufenau sowie Marjoß. Zum Kirchspiel Schlüchtern zählten damals Elm, Kressenbach und Hintersteinau. 1405 gehörten dem Bezirk an: Ahlersbach, Bellings, Elm, Hohenzell, Kressenbach, Niederzell und Wallroth.

Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche stammt aus dem Jahr 1151, als der Mönch Eckhard als Pfarrer der Parochialkirche St. Michael bezeichnet wurde. 1196 wurde die Kirche auf Betreiben des Abtes Johannes und mit Zustimmung von Papst Coelestin III. mit dem nahegelegenen Kloster Schlüchtern vereinigt. Diese Inkorporation erlaubte es dem Kloster, die Einkünfte der Kirche zu nutzen, um seine Armut zu lindern. Der Bischof von Würzburg, dessen Rechte zunächst übergangen wurden, erteilte 1213 seine nachträgliche Zustimmung.

Am 13. Mai 1543, dem Pfingstsonntag, führte Abt Petrus Lotichius zusammen mit dem gesamten Konvent des Klosters Schlüchtern erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt durch. Damit war die Reformation eingeführt und Schlüchtern wurde lutherisch.Festschrift 800 Jahre Evangelische Stadtkirche St. Michael. Durch die zweite Reformation in der Grafschaft Hanau-Münzenberg unter Graf Philipp Ludwig II. wurde die Kirche reformiert. Im Dreißigjährigen Krieg erlitt die Kirche schwere Schäden, die erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte behoben wurden. mini|Kirchenraum im Jugendstil (1900) mini|216x216px|Altarraum (1953) mini|Kirchenraum (1974) Eine bedeutende Zäsur stellte die Beschädigung durch preußisch-schwedische Kriegsgefangene im Jahr 1806 dar. Sie führte zu umfassenden Wiederherstellungsarbeiten. Zwischen 1838 und 1840 erfolgte unter der Leitung des Architekten Eduard Florens Spangenberg ein grundlegender Umbau. Dabei entstand das heutige Kirchenschiff im Stil des ausgehenden Klassizismus mit Rundbogenfenstern, Rundfenstern und toskanischen Emporensäulen. Die ursprünglich spätklassizistische Farbgestaltung war zurückhaltend: cremeweiße Wände, beige-graue Säulen und grau-grüne Elemente betonten die Architektur dezent.

Die erste Renovierung in den Jahren 1899 und 1900 folgte den gestalterischen Prinzipien des Jugendstils. Dunkle Holzbänke und dunkle Emporen mit goldenen Verzierungen prägten das Erscheinungsbild. Die Säulen waren marmorfarben gestaltet, und in den Zwickeln der Decke befanden sich überlebensgroße Darstellungen der 12 Apostel. Über der Kanzel hing ein monumentales Christusbild, welches Christus auf einem Regenbogen zeigte. Die Wände waren reich mit Ornamenten und Bibelworten wie „Gib mir, mein Sohn, dein Herz“ (Sprüche 23,26) und „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich“ (Jesaja 44,22) verziert. Diese wilhelminische Zeit brachte der Kirche eine Wandkanzel, eine aufwändige Ausmalung der Ostwand und Gewölbezwickel sowie ein neues Portal. Eine Altarbibel, gestiftet von der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria, bereicherte die Innenausstattung.

In den 1950er Jahren wurde die Kirche den neuen gestalterischen Vorlieben der Nachkriegszeit angepasst. Diese Renovierung zeichnete sich durch eine deutliche Reduktion der einst reichhaltigen Ausstattung aus. Die Wände und Deckenbemalung, einschließlich der Darstellungen der Apostel und des Christusbildes, wurden überstrichen. Die neuen dominierenden Farben waren Weiß, Grau und Blutrot, die eine nüchterne, schlichte Atmosphäre schufen.

Die Renovierung von 1971 brachte eine lebendigere Farbgestaltung in den Kirchenraum. Die Wände wurden in einem hellen Eierschalengelb gestrichen, während die Empore und die Säulen in einem kräftigen Ochsenblutrot gehalten waren. Die Bänke wurden in einem dunklen Grünton gestaltet. Diese Farbwahl führte zu einem markanten Kontrast, der den Raum modern und zeitgemäß erscheinen ließ.Evangelischer Gemeindebrief Kirchentöne. Nr. 134. März, April, Mai 2023, S. 4–5, 8, 15.

Die jüngste Renovierung fand zwischen 2021 und 2023 statt. Dabei wurde der Kirchenraum in hellen Grautönen und Weiß neu gestaltet, um den ursprünglichen klassizistischen Charakter wieder hervorzuheben. Über dem komplett neugestalteten Altarraum befindet sich nun ein modernes Glasmosaik, das die Kirche in zeitgemäßem Licht erstrahlen lässt.

Die Stadtkirche St. Michael war von jeher eng mit der Stadtgeschichte verbunden. Der Erzengel Michael, Schutzpatron der Kirche, wurde auch zum Schutzpatron der Stadt Schlüchtern und ziert bis heute das Stadtwappen.

Architektur mini|Außenansicht des Langhauses (2024)Der Turm stammt noch von einem Vorgängerbau der Kirche in frühgotischen Stil um das Jahr 1400. Das Kirchenschiff entstand in den Jahren 1838–1840, wobei das ehemalig gotische Kirchenschiff verschwand und durch einen bedeutend breiteren Saalbau mit Rundbogenfenstern im Stil des Klassizismus ersetzt wurde. Dieser langgestreckter und breiter Saalbau hat ein Walmdach sowie sechs Fenster auf der südlichen und nördlichen Seite des Langhauses, welche hervortretende Kämpfer- und Schlusssteine besitzen. Über den großen Rundbogenfenstern befinden sich Okuli. Das Hauptportal der Kirche befindet sich im Turm. Auf der Rückseiten befinden sich zwei weitere Türen, welche zwei mittige Fenster umschließen.

Ausstattung Taufstein mini|225x225px|Taufstein mit neuer Einfassung (2024) Im Jahr 1960 wurde bei Bauarbeiten an der Klostermauer der Taufstein des ehemaligen Benediktinerklosters aus dem Jahr 1534 wiedergefunden. Dieser wurde während des calvinistischen Bildersturms beseitigt. Nachdem er mit einem Messingbecken versehen und vor der Stufe zum Altarraum platziert wurde, konnte er als Taufbecken genutzt werden.Evangelischer Gemeindebrief Kirchentöne. Nr. 116, September – November 2018. S. 8–20. Nach der zwischen 2021 und 2023 erfolgten Renovierung befindet sich der Taufstein mit einer neuen Einfassung im Eingangsbereich der Kirche. Dadurch symbolisiert er eine Grundüberzeugung des christlichen Glaubens, dass man durch die Taufe in die Kirche gelangt.Evangelischer Gemeindebrief Kirchentöne. Nr. 135, Juni, Juli, August 2023. S. 4, 5, 14, 15Evangelischer Gemeindebrief Kirchentöne. Nr. 124, September – November 2020. S. 5–7.

Glaskunstwerk Auch das neue zentrale Glaskunstwerk der Kirche schlägt eine Brücke zur Taufe. Die neue Wandgestaltung orientiert sich an der Struktur von Wasseringen. Einzelne Kreisringe überlagern und durchdringen sich. Im Zentrum führen die Kreise zum Goldenen Kreuz, dessen Arme sich aufrichten.Evangelischer Gemeindebrief Kirchentöne. Nr. 126, S. 6 (Vergleich: Pfarrer Wilfried A. Battefeld).

Altarraum mini|263x263px|Altarraum mit Kanzelwand (2024) Der Altarraum, welcher sich bis 2021 im Stil der nüchternen 50er und 60er Jahre darstellte, wurde im Zuge der Innenrenovierung von 2021 bis 2023 grundlegend neugestaltet. Die neuen Prinzipalstücke wurden nach Plan der Künstler Lönne und NeumannLönne Neumann Stadtkirche Schlüchtern Abgerufen am 24. August 2023. durch die Schmiede der Abtei Königsmünster in Meschede gefertigt.

Hierbei sind ein neuer Altar, dessen insgesamt 12 Öffnungen an die Gemeinschaft Jesu Christi mit seinen 12 Aposteln erinnert und neues Lesepult hinzugekommen, welches mit seinen zwei Komponenten zwei aufeinander bezogene Pole, wie das Neue und Alte Testament darstellt.

Das alte Altarkreuz konnte als Standkreuz umfunktioniert werden. Auf den acht Seiten der Kreuzarme ein fortlaufender Text zweier Bibelverse abgebildet:Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des Lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. – Offenbarung 21,6–7. (Lutherübersetzung 2017)

Orgeln Bereits im Jahr 1543 ging ein Auftrag an Laurentius Daum aus Fulda, welcher eine Orgel bauen sollte. Diese wurde 1547 fertiggestellt. 1683 war eine andere Orgel (Große Orgel auf der Westempore) vorhanden, welche 1677 angeschafft wurde und 1761 über acht Register auf einem Manual und ein mit drei Registern angehängtes Pedal verfügte. Johann Heinrich Zinck führte 1738/1739 und 1750 Reparaturen durch. 1765 / 1766 erfolgte ein Orgelneubau durch seinen Neffen Johann Georg Zinck aus Wächtersbach. 1839 wurde wieder ein neues Werk durch Georg Link aus Reinhards gebaut.

Ratzmann- / Walcker-Orgel mini|Ratzmann-Orgel (1906) mini|Walcker-Orgel (1960) Im Jahr 1903 errichtete der Orgelbauer Wilhelm Ratzmann aus Gelnhausen eine neue Orgel. Das Instrument wurde in einem neugotischen Gehäuse eingebaut, das sich harmonisch in das architektonische Gesamtbild der Kirche einfügte. Die Orgel war ein typisches Werk der Spätromantik und zeichnete sich durch die für diese Epoche charakteristischen warmen Grundstimmen und farbenreichen Registern aus.

Die Orgel besaß pneumatische Kegelladen. Neben den Normalkoppeln für die zwei Manuale und das Pedal verfügte das Instrument über mehrere Super- und Suboktavkoppeln sowie zwei freie Kombinationen. Wichtige Merkmale für den Anspruch der Spätromantik an dynamische Vielfalt und orchestrale Klangfülle.

Eine leicht kleinere, jedoch nahezu identische Orgel von Ratzmann steht erst kürzlich restauriert in St. Markus zu Altenmittlau. → Orgel (II/19)

Zwischen 1951 und 1956 wurde das Instrument in mehreren Arbeitsschritten durch die Orgelbauwerkstatt E. F. Walcker & Cie. aus Ludwigsburg umfassend umgebaut. Die Disposition wurde von 21 auf 24 Register erweitert. Im Zuge der Umbaumaßnahmen ersetzte Walcker das neugotische Gehäuse durch einen modernen Freipfeifenprospekt. Die ursprünglichen Kegelladen blieben erhalten, wurden jedoch elektrifiziert.

Einige der alten Register fanden weiterhin Verwendung. Die Pfeifen, die in den Nachkriegsjahren gefertigt wurden, spiegelten die Materialknappheit der Zeit wider: Viele Zinnpfeifen bestanden aus niedrigprozentigen Legierungen, waren dünnwandig und teilweise von minderer handwerklicher Qualität. Diese Umstände prägten den Klangcharakter und Lebensdauer der Orgel nachhaltig. Vom spätromantischen Klangideal hin zu einem Experimentierfeld der Orgelbewegung.

Die Disposition stammte von Richard Voge, der auf diesem Instrument auch bedeutende Werke von Max Reger einspielte, darunter die Orgelfantasien "Wie schön leuchtet uns der Morgenstern" (op. 40 Nr. 1) und "Halleluja! Gott zu loben" (op. 52 Nr. 3). Die Mensuren wurden durch Ernst Karl Rößler aus Hohenzell gestaltet.

Peter-Orgel mini|Peter-Orgel (1981) Im Jahr 1970 erfolgte ein vollständiger Neubau der Orgel durch den Orgelbauer Willi Peter aus Köln. Dabei wurden zahlreiche Register aus dem Walcker-Umbau der 1950er-Jahre übernommen. Die neue Orgel besaß zunächst zwei Manuale und 33 Register. Peter stattete das Werk mit elektrischen Schleifladen aus.

1974/75 wurde das Instrument um ein drittes Manual als Seitenwerk und damit insgesamt auf 45 Register erweitert. Die Disposition und Mensuren stammten erneut von Ernst Karl Rößler. Die klangliche Ausrichtung der Orgel entsprach dem Zeitgeist der Orgelbewegung: Sie war ein Experimentierfeld für neuartige Pfeifenformen, ungewöhnliche Teiltöne und unkonventionelle Mensuren, die sich deutlich von klassischen Prinzipien entfernten.