Die Nacht vor der Scheidung () ist ein 1935 im Budapester Révai-Verlag erschienener Roman von Sándor Márai. Die erste deutsche Übersetzung durch Margit Bán erschien 1951.
Kurzbeschreibung Der „durch und durch ehrbare“ Scheidungsrichter Dr. Christoph Kömüves stellt kurz vor Feierabend anhand der Aktenlage fest, dass er am Folgetag den Scheidungsfall eines ehemaligen Schulkameraden zu verhandeln hat. Am späten Abend sucht jener Schulkamerad, Dr. Imre Greiner, Kömüves auf und es kommt zu einem „schmerzhaften“„painful“ – Enikő Bollobás: Versions of triangular desire in Hungarian literature. Reading Sándor Márai and Péter Nádas. In: Hungarian Cultural Studies. Jg. 10, 2018, , S. 48–56. Hier S. 49. (pdf). Zwiegespräch der beiden: Die Ehefrau Greiners „nahm eine tödliche Dosis Schlaftabletten, höchstwahrscheinlich von der Tatsache gequält, dass sie stets Kömüves und nicht Greiner von Herzen liebte“.„took a deadly dose of sleeping pills most probably because she had been tormented by the fact that by always loving, at heart, Kőmíves and not Greiner“ – Bollobás, Versions of triangular desire in Hungarian literature, S. 49. Greiner unterließ lebensrettende Maßnahmen und will von Kömüves wissen, was Kömüves für Frau Greiner empfand.
Inhalt Der arrivierte Familienvater und Scheidungsrichter Dr. Christoph Kömüves sondiert vor Feierabend noch die Akten des nächsten Verhandlungstages. Darunter findet er auch zwei bekannte Namen: Den von Imre Greiner, eines ehemaligen Schulkameraden, und dessen Frau Anna, mit der er vor deren Heirat mit Greiner „eines besonders heißen und schwülen Sommertages vor neun Jahren“Sándor Márai: Die Nacht vor der Scheidung. Piper, München 2004. ISBN 3-492-04287-2. S. 10. auf der Margareteninsel beinahe ebenfalls einmal angebändelt hätte, es dann aber schüchtern unterließ. Christoph versichert sich selbst, Anna hätte „ihm doch nicht mehr bedeutet als jede andere flüchtige Bekannte“,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 15. beendet seinen Arbeitstag am Gericht, „und wie schon so oft ging er auch jetzt beinahe mit Bedauern von hier fort, später als alle übrigen Richter, als verließe er ungern die Arbeitsstätte, gleich einem Mönch, der nur zögernd aus dem Tor des Klosters in die Welt hinaustritt.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 17. Christoph durchquert das Budapest der 1930er Jahre, „die große Stadt, die sündige Stadt, die rastlos, mit asthmatischem Keuchen nach Geld, Lebensfreude und Macht hastende Stadt, die durch die Kapillarröhren des Denkens, der Mode, der Wissenschaft, des Handels und der Geldgeschäfte mit dem Westen in Verbindung stand.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 29. Christoph ist zu einem jener „modern-anspruchslosen Zusammenkünfte[] geladen, die die einstigen reichhaltigen Diners ersetzten“,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 19. weil der „gebildete höhere Mittelstand“ die „gekürzte Pension oder das kleine Gehalt ängstlich und doch geschickt“ einzuteilen hat.Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 18. Christoph „seufzte, weil ihm die meisten gesellschaftlichen Pflichten lästig waren, und er lächelte, weil er wußte, daß er an alldem nichts ändern konnte.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 13. Ebenso wenig kann Christoph etwas ändern an dem, was er für einen Zerfall der Werte, Zerfall der Zivilisation hält, nachdem die k.u.k.-Monarchie bereits zerfallen ist, und worüber Christoph nun nachdenkt. Ebenso sehr, wie Christoph auf dem Weg über Politik und Gesellschaft sinniert, hält er Rückschau auf sein Leben: Vater, Mutter, elterliche Familie, seine Internatserziehung, und ausgehend von Anna, „die sich ihm, einmal auf einem Inselweg [der Margareteninsel] im Abenddämmer zugewandt hatte – und die dann dennoch schwieg“ –, denkt Christoph auch an die eigene Ehefrau, die eigene Familie. Teile der elterlichen Familie und die eigene Ehefrau Hertha trifft Christoph auf der „modern-anspruchslosen“ Party, die das Ehepaar dann vor elf Uhr abends verlässt.Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 124. Als das Ehepaar kurz vor Mitternacht daheim eintrifft, erklärt das Dienstmädchen: „Ein Herr wartet auf den Herrn Richter […] Er kam gegen neun Uhr, die Kinder waren schon zu Bett.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 127. Hertha geht schlafen, während Christoph erstaunt feststellt, dass der wartende „Herr“ sein ehemaliger Schulkamerad Imre Greiner ist. „Es wäre natürlich richtig gewesen, dich im Amt zu sprechen. Ich war auch dort, ich glaube, es war gegen sieben Uhr“, entschuldigt Imre sich: „Ich muß dich sprechen. Noch heute nacht. Ich fürchte, es wird nicht einfach sein. Ich bin gekommen, weil ich dir alles erzählen will“, und „morgen wird es bereits zu spät sein.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 133–134. Was er zu sagen habe, beträfe auch Christoph. „Die Verhandlung kann nämlich morgen nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 136. Trotz dieser an sich erschütternden Nachricht empfindet Christoph „keine besondere Erschütterung. Er empfindet gar nichts. […] Wahrscheinlich harrt hier eine Aufgabe seiner, er muß vielleicht urteilen, Feststellungen machen. So wird er wieder zum Richter“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 138–139. und „empfindet weder Mitleid noch Verachtung für den späten Besucher – viel eher: Neugierde.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 146.
Die unbeschwerte Neugierde wird jedoch recht zu Beginn der mit Details seiner eigenen familiären Herkunft und Ehegeschichte durchsetzten Rede Imres angekränkelt, weil Imre ohne nähere Ausführungen fordert: „Ich brauche eine Antwort! Und diese Antwort wird einem Urteil gleichkommen. Du, der Richter, wirst mir diese Antwort geben!“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 145. Christoph habe Anna nur viermal getroffen, wovon sich Christoph von vornherein an das dritte Treffen auf der Margareteninsel erinnert, als Anna einundzwanzig gewesen ist,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 151. während Imre das erste Treffen entscheidender findet. Es hat auf einem Juristenball stattgefunden, in dessen Anschluss Christoph „eine halbe Stunde“ mit Anna in der Hotelbar geblieben sei. „Damals sah sie dich zum erstenmal […]. Sie war zwanzig, du warst bereits Richter, ein lediger junger Mann.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 206. Und an dieses erste Treffen sollte Anna sich „zehn Jahre und drei Monate“ später erinnern, als Anna Christophs Namen in den Scheidungspapieren erblickte. Von Anfang an habe die fast neun Jahre vor dem nächtlichen Christoph-Imre-Gespräch geschlosseneMárai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 173. Ehe der Greiners unterschwellig unter keinem guten Stern gestanden. „Anna war immer so sonderbar gelassen, als träumte sie. […] Wenn man sie ansprach, lächelte sie sehr zuvorkommend und sah unter halbgeschlossenen Lidern auf den Sprecher – in das Nichts.“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 161. Imre dagegen attestiert sich für die ersten vier Ehejahre einen Zustand „absoluter Hörigkeit“,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 175. begleitet von einer Eifersucht, die selbst vor Annas Träumen nicht halt machte: „Anna erzählt mir morgens ihre Träume, weil ich auch die andere Welt kennenlernen muß, die in dem Augenblicken beginnt, da sie die Augen schließt, sich von mir wendet und in die Gefilde der Nacht hinabsteigt“,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 178. erinnert sich Imre, und fragt sich an anderer Stelle: „Ach, was heißt es, jemanden zu lieben? Lange glaubte ich, es hieße, jemanden zu kennen, vollkommen zu kennen! […] Wie weit vermag man eigentlich jemanden zu ‚kennen‘? Bis wohin kann man einer fremden Seele folgen? Auch in den Traum? Und dann? Die körperlichen Empfindungen kann man doch nicht teilen. Und wohin geht der andere, wenn er die Augen schließt, mir gute Nacht sagt und sich in den Schlaf zurückzieht? Denn es gibt eine zweite Welt, die außerhalb der uns bekannten Vorstellungen liegt. Vielleicht ist diese wirklicher als unsere an Raum und Zeit gebundenen Tage“,Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 180–181. und auf diese „zweite Welt“, in der Anna ihn subjektiv empfunden betrogen haben könnte, bezieht sich die in verschiedenen Versionen mehrfach gestellte Frage, auf die Imre von Christoph eine Antwort will: „Christoph – hast du in den vergangenen neun Jahren nie von Anna geträumt?“Márai, Die Nacht vor der Scheidung, S. 147.