mini|Richard Wagner, Photographie von Franz Hanfstaengl, 1871 Richard Wagners Antisemitismus ist ein Gegenstand der Wagner-Forschung. Mit seiner Schrift Das Judenthum in der Musik sowie weiteren Essays und Äußerungen ging Richard Wagner in die Geschichte des Antisemitismus ein.
Ausgehend von Adolf Hitlers Wagner-Verehrung wurde das musikdramatische Œuvre Wagners in der Zeit des Nationalsozialismus zum Staatskult erhoben und diente der Ästhetisierung und weihevollen Überhöhung der Politik. Der Antisemitismus Richard Wagners und die Vereinnahmung seiner Werke während der NS-Zeit sind wesentliche Gründe dafür, dass der Komponist bis in die Gegenwart umstritten bleibt und sich an ihm die Geister scheiden.
Im Laufe seines Lebens äußerte sich Wagner oft wechselhaft und widersprüchlich über jüdische Künstler. So setzte er sich zunächst für Heinrich Heine ein, dessen Einfluss auf seine Werke vom Liebesverbot bis zum Parsifal nachweisbar ist. Später verleugnete er diese Spuren und ging in seiner Autobiografie Mein Leben nicht mehr auf ihn ein. Obwohl Wagners Antisemitismus bekannt war, gab es zahlreiche jüdische Interpreten, die ihn unterstützten und die Werke nach seinem Tod weiterhin aufführten. Zu ihnen gehörten Hermann Levi, der die Uraufführung des Parsifal dirigierte, Angelo Neumann, Carl Tausig, Joseph Rubinstein, Gustav Mahler, Bruno Walter und Leonard Bernstein. Da Wagner in Israel umstritten ist, kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen, wenn Dirigenten wie Zubin Mehta und Daniel Barenboim dort seine Musik spielen.
In keinem Bereich der Wagner-Forschung finden sich so umfangreiche und teils widersprüchliche Beurteilungen wie hier. So wird nach Kontinuitäten gefragt und überlegt, ob und inwieweit Wagners Vorstellungen Hitler beeinflussten oder den Nationalsozialismus vorwegnahmen. Wagners Konzept der Erlösung, das auch Friedrich Nietzsche kritisierte, wird ebenso untersucht wie mögliche Rivalitäten gegenüber einflussreichen Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy sowie dem Förderer Giacomo Meyerbeer. Ob sich Wagners Antisemitismus in seinen Musikdramen niedergeschlagen hat, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.
Hintergrund Richard Wagner spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des deutschen und europäischen Antisemitismus seit 1848. Kein Bereich der Forschung ist indes durch eine derart breite und stellenweise widersprüchliche Bewertung geprägt wie der Antisemitismus Wagners.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 96.
Seine Haltung steht im Kontext zeitgenössischer europäischer und deutscher Diskussionen. So griff er verbreitete antijudaistische und frühantisemitische Stereotype und Reflexe auf, die auch auf Martin Luthers Judenschriften zurückgeführt werden.Alex Ross: Wagner und die Juden. In: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Rowohlt, Hamburg 2021, S. 277. In Deutschland verband sich im 19. Jahrhundert der religiös motivierte Antijudaismus mit politischen und ökonomischen, kulturellen und sozialen Elementen des modernen Antisemitismus.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 96.
Wie die für die Forschung bedeutsamen Tagebücher Cosima Wagners zeigen, speiste sich Wagners Haltung auch aus überkommenen religiösen Vorbehalten. So erblickte er eine tiefe Kluft zwischen dem Alten Testament, im Judentum als Tanach bezeichnet, und dem christlichen Neuen Testament, das nach seiner Auffassung mit der Gesetzesreligion gebrochen habe. Jahve sei der Gott des Gesetzes, Jesus Christus hingegen der liebende, vergebende und erlösende Gott, wie er ihn in seinem frühen, fragmentarisch gebliebenen Drama Jesus von Nazareth zeichnete.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 96. Wagner führte drei Elemente auf jüdischen Einfluss zurück, die dem christlichen Erlösungsgedanken zutiefst geschadet hätten: die Vorstellung einer Hölle, die Aufstachelung zu Kriegen (obwohl er selbst den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 enthusiastisch begrüßt hatte) und die Verdrängung eines angeblich durch Jesus gepredigten Vegetarismus zugunsten einer neuen Lust am Fleischverzehr. Zugleich deutete er Zweifel am Judentum Jesu an.Herfried Münkler: Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2023, S. 466 ff.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Deutschland einen zunehmenden Judenhass, der sich nicht nur gewalttätig entlud wie in den Hep-Hep-Krawallen, sondern auch viele Broschüren und Pamphlete hervorbrachte. In ihnen artikulierte sich die Judenfeindschaft in stellenweise massiver und brutaler Sprache. Gemessen an diesen Schriften des Frühantisemitismus ist Wagners Sprache von 1850 laut Jens Malte Fischer noch als „relativ moderat“ einzustufen. Er habe die vorherigen Äußerungen gekannt und sich in seiner Polemik auch ausdrücklich auf sie bezogen. Bereits Johann Gottfried Herder, Bruno Bauer und Karl Marx hatten sich abfällig über die künstlerischen Fähigkeiten der Juden geäußert. Laut Herder etwa hatten Juden im Laufe der Geschichte ausreichend Gelegenheit, sich künstlerisch zu bewähren. Da sie dies nicht getan hätten, seien sie dazu nicht imstande.Jens Malte Fischer: Richard Wagners „Das Judentum in der Musik.“ Entstehung – Kontext – Wirkung. In: Richard Wagner und seine Wirkung. Zsolnay Verlag, Wien 2013, Kindle-Version. In älteren Standardwerken zur Musikgeschichte – etwa in Johann Nikolaus Forkels Allgemeiner Geschichte der Musik (1788) – war jüdische religiöse Musik als minderwertig beurteilt worden; im Zusammenhang mit der Revolution von 1848 hatten sich antisemitische Tendenzen gegenüber Mendelssohn und Meyerbeer verstärkt. Allerdings war Wagner der erste Autor, der sich so ausführlich äußerte und den Frühantisemitismus systematisch auf die Musik und das Musikleben übertrug.Jens Malte Fischer: Richard Wagners „Das Judentum in der Musik.“ Entstehung – Kontext – Wirkung. In: Richard Wagner und seine Wirkung. Zsolnay Verlag, Wien 2013, Kindle-Version.
Seine Schriften und Äußerungen über und gegen Juden sowie zur Judenfrage spiegeln die Breite der zeitgenössischen antisemitischen und rassistischen Vorurteile und Stereotype wider.Udo Bermbach: Das ästhetische Motiv in Wagners Antisemitismus. Das Judentum in der Musik im Kontext der ›Zürcher Kunstschriften‹. In: Dieter Borchmeyer, Ami Maayani, Susanne Vill (Hrsg.) Richard Wagner und die Juden. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000, S. 55. Das Spektrum reicht von niedersten, affektiven Tiraden und Tiervergleichen über ausgeklügelte Theorien bis hin zu beinahe versöhnlichen Tönen und zur Identifizierung mit der vermeintlichen Außenseiterrolle der Juden.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 96, 98.
Cosima Wagners Tagebücher mini|hochkant|Richard und Cosima Wagner, 1872
Die heftigsten antisemitischen Ausfälle finden sich in privaten Äußerungen, die Cosima Wagner in ihren Tagebüchern aus den Jahren 1869 bis 1883 festhielt. Cosima vertrat ebenfalls antisemitische Positionen, die sie auch nach Wagners Tod offensiv verbreitete. Ihre penibel geführten Tagebücher sind in der Wagner-Forschung sehr bedeutsam: Sie enthalten eine Fülle von Aussagen, die den widersprüchlichen, sich wandelnden Antisemitismus ihres Mannes zeigen wie sonst kein anderes Dokument.Dieter David Scholz: Wagners Antisemitismus: Jahrhundertgenie im Zwielicht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013. S. 40, 64.
Hans Mayer bezeichnete die 1976 erstmals veröffentlichten AufzeichnungenCosima Wagner: Die Tagebücher. Ediert und kommentiert von Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack. Piper. München, Zürich 1976/1977. (CWT) als eine „historische Quelle von höchstem Rang“. Wer sich mit Wagner befasse, müsse „sich auf das Ganze einlassen“, das hier, „was auch immer Adorno einwenden mochte“, das Wahre sei. Wagner habe die „geistigen Stationen seines Lebens“ ebenso wie die „Lebenserfahrungen eines geistigen Mitläufers“ aufbewahren können: „Heinse und Feuerbach, Proudhon und Bakunin, Schopenhauer und die Rassentheorien des Grafen Gobineau.“Zit. nach: Dieter David Scholz: Wagners Antisemitismus: Jahrhundertgenie im Zwielicht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013. S. 40–42. Wie er in einem Gespräch mit Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn erklärte, würden Wagners erschreckende Aussagen in den Tagebüchern weit über die der Judentumsschrift hinausgehen.Hans Mayer, Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn: Diskussion über Recht, Unrecht und Alternativen. In: Heinz-Klaus Metzger, Rainer Riehn (Hrsg.): Richard Wagner. Wie antisemitisch darf ein Künstler sein? Musik-Konzepte, Heft 5. Edition Text und Kritik, München 1978, S. 55.
Das Spektrum der Äußerungen ist sehr groß, aber durchgehend von persönlicher Abneigung geprägt. Die Ablehnung schwächt sich in der Regel nur dann ab, wenn Personen des inneren Kreises betroffen sind. Unter den Herabwürdigungen finden sich zahlreiche Vergleiche mit Tieren – etwa „Ratten und Mäuse(n)“ – und Krankheiten.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 98. CWT II. 19. 01. 1879, S. 293. An anderen Stellen werden Juden als „Wanzen“ beschimpft, die Wagner von sich abfallen lassen will, oder mit „Fliegen“ verglichen.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 98. CWT II. 12. 12. 1879, S. 293 und CWT II. 12. 09. 1880, S. 599.
Wie eine fixe Idee wiederholt und variiert Wagner jahrelang die These, Juden hätten die deutsche Identitätsfindung gestört und den Untergang deutscher Kultur beschleunigt. Dieser Zusammenhang erklärt Wagners Sympathie mit der antisemitischen Bewegung des Kaiserreiches.Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 99. Adolf Stoecker, der in Wahnfried gelobt wurde, gründete 1878 die antisemitische Christlich-Soziale Arbeiterpartei, die eine von konservativen Kreisen getragene, überwiegend sozialpolitisch ausgerichtete Form des Antisemitismus vertrat.Dieter David Scholz: Wagners Antisemitismus: Jahrhundertgenie im Zwielicht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013. S. 123, 142. Cosima äußerte sich anerkennend und schrieb, sie „lese eine sehr gute Rede des Pfarrers Stöcker über das Judentum. R ist für völlige Ausweisung.“ Neben Stoecker zitierte Cosima auch andere antisemitische Autoren wie Wilhelm Marr, Constantin Frantz, Paul de Lagarde und Eugen Dühring.Zit. nach: Rudolf Wellingsbach: Wagner und der Antisemitismus. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Kassel, Metzler, Stuttgart 2021, S. 99. CWT II. 11. 10. 1879, S. 424.