mini|Ausstellungslogo Die Fertighaus 63 (Eigenschreibweise: fertighaus 63) war eine vom Wochenmagazin Stern im Jahr 1963 in Quickborn organisierte Ausstellung von Fertighäusern. Sie ging auf eine Idee von Henri Nannen zurück, den Gründer, langjährigen Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift. Zirka 400.000 Menschen besuchten die damals größte Fertighausausstellung Europas. Die Häuser wurden anschließend verkauft und bildeten eine Siedlung im Süden der Stadt. In den 1960er Jahren kam es zu einer Reihe von Nachfolgeveranstaltungen. Die Fertighaus 63 gilt als ein wichtiger Auslöser für den dann einsetzenden Fertighausboom in Westdeutschland.
Vorgeschichte und Hintergrund Henri Nannen musste Anfang der 1960er Jahre beim Umbau seines Privathauses erhebliche Kostensteigerungen tragen und vermisste beim Hausbau grundsätzlich die Chance einer vorherigen Inaugenscheinnahme.Wenn Theresa heiratet. In: Der Spiegel, 36/1963.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 116, ISBN 3-89896-233-4. Solch eine Möglichkeit, so stellte er anschließend fest, bestehe hingegen bei Fertighäusern. Aus diesem Grund brachte der Stern 1962 dreizehn Wochen lang eine Artikelserie über Fertighäuser.Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 139. Sie erzeugte in der Leserschaft ein intensives Echo, sodass sich das Magazin veranlasst sah, zeitweilig ein Büro zur Beantwortung der zahlreichen Leseranfragen einzurichten. Andere Medien griffen das Thema auf.Henri Nannen: Lieber Sternleser! In: Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 12 f.
Die westdeutsche Bauwirtschaft war damals nicht in der Lage, die starke Nachfrage nach neuen Wohnungen vollständig zu bedienen. Insbesondere das eigene „Haus im Grünen“ galt damals als Wunschvorstellung vieler Menschen, die den Erwerb von Wohneigentum erwogen.Arndt Neumann: Unternehmen Hamburg. Eine Geschichte der neoliberalen Stadt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 78 f., ISBN 978-3-525-35594-7. Die Bundesregierung sah im „qualitativ einwandfreien und preiswerten Fertighaus“ einen Weg, die Angebotsseite zu stärken.Paul Lücke: Millionen sparen für ein Familienheim. In: Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 8. Dort auch das Zitat.Zu den Fördermaßnahmen der Bundesregierung für die Fertighausbranche siehe kurz Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 124, ISBN 3-89896-233-4. 1962 lag der Anteil der Häuser, die überwiegend mit vorgefertigten Teilen gebaut wurden, in Westdeutschland erst bei zwei Prozent (gemessen an der Gesamtzahl aller jährlich neu errichteten Wohnhäuser).Rudolf Schilling: «Fertighaus 63». In: Schweizerische Bauzeitung, Band 81 (1963), S. 638 f.Zum Vergleich: 2022 lag der Anteil der Fertighäuser an allen genehmigten Neubauten bei mehr als 23,5 Prozent. Siehe
Planung und Bau Im Januar 1963 entstand in der Redaktion des Stern der Gedanke, das Thema nicht nur journalistisch zu behandeln, sondern den Interessierten diese Bauweise durch die Errichtung einer Siedlung von Fertighäusern näherzubringen. Die Idee einer Ausstellung war nicht neu. 1962 hatte in Dortmund bereits die „Fertigbau in Theorie und Praxis“ stattgefunden.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 115, ISBN 3-89896-233-4. Henri Nannen überzeugte Bundesbauminister Paul Lücke, die Schirmherrschaft für eine solche Veranstaltung zu übernehmen. Der Stern-Journalist Gerhard Jäger wurde mit der Organisation des Ausstellungsvorhabens betraut. Externe Expertise steuerten Erich Kühn, in Aachen lehrender Stadtplaner, sowie der Garten- und Landschaftsarchitekt Horst KoehlerSchreibung des Namens oft auch Köhler. bei.Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 143. Der Stern gewann überdies die in Hamburg ansässige Gewofa als Bauträger und die Hamburger Fairex als Messe- und Ausstellungsgesellschaft. In Quickborn erwarb der Stern im Februar 1963 ein rund 60.000 Quadratmeter großes Baugelände.Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 6 und S. 140. Auf die nördlich von Hamburg gelegene Kleinstadt war man aufmerksam geworden, weil Richard Neutra dort den Bau einer Siedlung mit zirka 200 Luxusbungalows plante (→ Bewobau-Siedlung Quickborn).Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 140.
Die Abstimmungen mit dem Quickborner Bauamt sowie den Kreis- und Landesplanern schritten rasch voran,Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 142–145. sodass Lena Ohnesorge, Ministerin für Arbeit, Soziales und Vertriebene in Schleswig-Holstein, am 9. Mai 1963 die Grundsteinlegung für die Fertighaussiedlung vollziehen konnte.Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 147. In wenigen Wochen entstanden auf dem baumbestandenen Gelände, zu dem auch ein kleiner See gehörte, 46Gelegentlich wird von 47 Häusern gesprochen. Siehe etwa Robert Matzek: Das Fertighaus auf dem Weg zum fertigen Haus. In: Holz-Zentralblatt, Nr. 128 (1963), S. 2087 f. In diesen Fällen dürfte das nur temporär vorhandene, nicht dauerhaft in Quickborn verbliebene Haus des italienischen Herstellers Bortolaso hinzugezählt worden sein; es diente in Quickborn als „InformationssteIle“. (Siehe Gerhard Laage: Fertighaus + Entballung = Stadtplanung? In: Baumeister, 11 (1963), S. 1261–1266, hier S. 1266.) Es ist nicht im Ausstellungskatalog des Stern enthalten (Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963), auch nicht im Abschlussbericht der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. (Dies. (Hrsg.): Abschlussbericht Fertighaus 63 in Quickborn, Bauforschungsbericht Nr. 40, Kiel, März 1964). Fertighäuser. 32 Hersteller waren beteiligt. Die große Mehrheit kam aus Westdeutschland, dreizehn aus dem europäischen Ausland, zum Teil mit deutschen Lizenznehmern und Vertretungen (Schweden 5; Finnland 3; Dänemark 2; Großbritannien, Niederlande und Österreich jeweils 1).Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 232. Zu den Anbietern gehörten beispielsweise Elementhus (Schweden),Siehe Hanse-Fertighaus, Hoesch, Neckermann, OKAL, Puutalo (Finnland)Siehe und Quelle; auch die Bausparkasse Mainz war zusammen mit einem schwedischen Produzenten vertreten.Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963, S. 61–64 und S. 232.
Die errichteten Häuser repräsentierten eine große Spannweite an Materialien, Möglichkeiten, Formen, Größen und Preisen. Einfache Einfamilienhäuser fanden sich neben Luxusbungalows, die Preise reichten einschließlich der Grundstücke von 72.000 bis 200.000 DM, die Größen von 55 bis 240 Quadratmeter Wohnfläche.Zur Vielfalt siehe auch Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 116–118, ISBN 3-89896-233-4.
Präsentation Die Ausstellung begann am 1. August und dauerte bis zum 27. Oktober 1963, nachdem sie zuvor um drei Wochen verlängert worden war.Robert Matzek: Das Fertighaus auf dem Weg zum fertigen Haus. In: Holz-Zentralblatt, Nr. 128 (1963), S. 2087 f. Sie zählte zirka 400.000 BesucherKatja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 116 und S. 123, ISBN 3-89896-233-4.Quickborn eine Zwischenbilanz. In: fertig bauen. Das Fertighaus, 5. Jahrgang (1967), Heft 21, S. 9–16, hier S. 9 und S. 14. und galt als größte Fertighausausstellung in Europa. Die Deutsche Bundesbahn richtete Sonderzüge nach Hamburg ein, die Fahrgästen den Besuch der Fertighausausstellung in Quickborn und der Internationalen Gartenbauausstellung 1963 in Hamburg ermöglichen sollten.Siehe exemplarisch die entsprechende Anzeige der DB in der Nordwest-Zeitung, 3. August 1963. Eine günstige Verkehrsanbindung war gegeben: Ein Haltepunkt der AKN, heute „Quickborn Süd“ genannt, lag in unmittelbarer Nähe, er hieß für die Dauer der Ausstellung „Bahnhof Fertighaus 63“.Siehe den Lageplan, Beilage in Fertighaus 63. Text und Redaktion: Gerhard Jäger. Nannen-Verlag. Hamburg 1963. Auch die Bausparkasse Wüstenrot veranstaltete Informationsfahrten zum Ausstellungsgelände,Siehe zum Beispiel Nordenhamer Stadtnotizen. In: Wesermarsch-Zeitung, 17. August 1963. ebenso Busunternehmen.Siehe zum Beispiel die Anzeige des Busunternehmens Pekol aus Bad Zwischenahn in der Nordwest-Zeitung, 17. August 1963.
Der Bau der Häuser und die Ausstellung wurden im Auftrag des Bundesbauministeriums durch die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen im Rahmen ihrer Rolle als bundesdeutsche Bauforschungseinrichtung begleitet und dokumentiert.Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. (Hrsg.): Abschlussbericht Fertighaus 63 in Quickborn; Bauforschungsbericht Nr. 40; Kiel, März 1964.
Nachnutzung und Folgeausstellungen Wie geplant wurden alle Häuser nach Ende der Quickborner Ausstellung an Privatleute verkauft. Diese Veräußerung dauerte nicht selten länger; so waren ein Jahr nach Ausstellungsende 20 Häuser noch ohne neuen Eigentümer.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 118, ISBN 3-89896-233-4. Ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen sprach deshalb von einer „Geistersiedlung“.Hanns Barth: Fachleute warten auf die angekündigten Beweise. In: Nordwest-Zeitung, 7. August 1964. Angehörige des Verlags Henri Nannen waren als Erwerber ausgeschlossen.
Das über fünf Straßen erschlossene ArealSiehe die Holzdatenbank wegezumholz.de. In der dortigen Suchmaske Quickborn suchen. Die Holzdatenbank ist ein Projekt der Landesforsten Rheinland-Pfalz. wird heute gelegentlich auch Stern-Siedlung genannt.Gewos. Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung GmbH: Wohnungsmarktkonzept Quickborn. Endbericht. Hamburg Mai 2010, S. 48, S. 73 und passim. Seit 1963 gab es an vielen Häusern Veränderungen; teilweise handelte es sich nicht nur um den Austausch von Fenstern oder Elementen der Fassade, sondern um die Umgestaltung der gesamten Erscheinung.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 119, ISBN 3-89896-233-4.
In den 1960er Jahren kam es zu Nachfolgeveranstaltungen. So organisierte die Braunschweigische Staatsbank im Herbst 1963 eine Fertighausschau in Querum unter dem Titel „30 Fertighäuser“Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 120, ISBN 3-89896-233-4. beziehungsweise „Ein Braunschweiger Beispiel“.Hans-Gerd Bruns: Nicht alles steht im Katalog. „Ein Braunschweiger Beispiel“ in Querum. In: Nordwest-Zeitung, 19. Oktober 1963. Es folgten 1964 Fertighausausstellungen in Saarbrücken, Hesseldorf bei Hanau und Sindelfingen. Im Jahr darauf zog eine Ausstellung im Dortmunder Westfalenpark mit 26 Beispielhäusern rund 300.000 Besucher an.Hans-Gerd Bruns: Schritt nach vorn? 400 Aussteller und 300000 Besucher kamen. In: Nordwest-Zeitung, 5. September 1965. Im selben Jahr, also 1965, war auch Mainz Gastgeber einer Fertighausausstellung. 1968 wurde die Dortmunder Präsentation als „Fertigbau 68“ wiederholt, jedoch mit nur elf Ausstellungshäusern. Die „Fertigbau 69“ in Ulm beendete den Reigen der Nachfolgeveranstaltungen der 1960er Jahre.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 121 f., ISBN 3-89896-233-4. Anschließend änderte die deutsche Fertighausbranche ihr Ausstellungskonzept. Fortan setzte sie aus Kostengründen auf dauerhafte Ausstellungen. Die erste Präsentation dieser Art, das „1. Europäische Fertighaus- und Schwimmbadzentrum“, wurde 1971 in Fellbach bei Stuttgart eröffnet.Katja Simon: Fertighausarchitektur in Deutschland seit 1945, Athena-Verlag, Oberhausen 2005, S. 122 und S. 304, ISBN 3-89896-233-4.