mini|Gusskörper aus Schalenhartguss, Gewicht: 130 t mini|Weltweit größte Papier-Kalanderwalze, 1.650 mm Durchmesser, 10,770 mm Bahnlänge, ca. 90 t Gewicht

Die HWK1365 SE ist ein Werk der Schwerindustrie in der kleinen Gemeinde Königsbronn. Hauptprodukt sind Kalanderwalzen aus Schalenhartguss zur Papierherstellung, die als Gussstücke bis zu 130 Tonnen schwer sein und – fertig bearbeitet – immer noch über 80 Tonnen wiegen können. Mehr als 2/3 aller weltweit genutzten beheizten Papierkalanderwalzen wurden in Königsbronn gefertigt. Auf diesem Gebiet ist es Weltmarktführer.Dreimal insolvent, aber Weltmarktführer, Der Spiegel Nr. 48, 21. November 2020, S. 58 ff. Darüber hinaus ist das Werk der älteste Industriebetrieb in Deutschland. Eine Reihe historischer Bauten und Einrichtungen aus seiner jahrhundertelangen Geschichte sind heute noch vorhanden und der Öffentlichkeit zugänglich.

Geschichte Begonnen haben sie als eisenschaffender und -bearbeitender Wirtschaftsbetrieb des 1303 von König Albrecht I. gestifteten Zisterzienserklosters in Springen, dem an der Quelle der Brenz gelegenen Burgweiler. Über den genauen Betriebsbeginn fehlen schriftliche Zeugnisse. Gesichert bestanden hat das Kloster im Jahre 1325. Urkundlich erwähnt wird 1328 der Abt Berthold. Ausdrückliche Erlaubnis, auf seinen Gütern Eisenwerke zu errichten, gab Kaiser Karl der IV. dem Kloster 1366. Ein Jahr zuvor hatte er den Grafen von Helfenstein eine ähnliche Bewilligung erteilt, weswegen die erste schriftliche Erwähnung solcher Aktivitäten im Brenztal allgemein auf das Jahr 1365 datiert wird. Dem Kloster gehörende Eisenerzgruben gab es nach einer Urkunde von 1574 „seit vordenklichen Zeiten“. Das erste konkrete Zeugnis eines Königsbronner Eisenwerkes findet sich im Sal - und Lagerbuch aus dem Jahr 1471, wo verzeichnet ist, „daß die Eisenwerke ob dem Kloster und Ursprung dem Gotteshause eigentümlich zustehen.“ Ab diesem Jahr darf man von einem schriftlich belegten Betrieb ausgehen. Die Eisengewinnung erfolgte damals mittels Renn- und Läuterfeuern. Urkundlich erwähnt wird 1479 ein Hammerwerk, das die Wasserkraft des vom Kloster aufgestauten Itzelberger Sees nutzte.

Unter Abt Melchior Ruff (1513–1539) wurde 1529 die Produktion durch ein Hammerwerk an der Brenzquelle erheblich erweitert und erreichte eine gewisse Blüte. Der Betrieb selbst erfolgte durch Pächter. Auch an anderen Orten entlang der Brenz und dem Kocher waren ähnliche Betriebe entstanden, die einander ergänzten.

Brenztalwerke ab 1598 Im Jahr 1598 brachte Herzog Friedrich I. von Württemberg die Brenztalwerke durch Kauf oder Pacht in seinen alleinigen Besitz. Die Brenztalwerke bestanden zu dieser Zeit aus fünf Erzgruben, einer Schmelzschmitte, zwei Schmitten, Schmelzöfen und Schmitten in Königsbronn und Itzelberg (Teilort von Königsbronn) und einer Blechschmitte dort. Nach der Schlacht bei Nördlingen (1634) wurden sämtliche Eisenwerke zerstört. Herzog Eberhard III. baute die Schmiede und den Schmelzofen 1650 wieder auf. Die Gesamtaufsicht übertrug der Herzog einem Generalfaktor mit Sitz in Königsbronn. Technologisch bemerkenswert ist die 1661 erfolgte Aufnahme des „Stückgusses“ von Kanonenrohren und Glocken, weil dabei Voraussetzungen für den späteren Walzenguss geschaffen wurden. mini|Lageplan des Werkes Königsbronn 1778 Einen Höhepunkt ihrer Aktivitäten erreichten die Brenztalwerke unter dem Pächter Johann Georg Blezinger (1769–1788). Zu einer Zeit, als vergleichbare Betriebe in England Beschäftigtenzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich aufwiesen und an der Ruhr die ersten kleinen Hüttenbetriebe entstanden, leitete dieser ein integriertes Unternehmen mit ca. 2.000 Beschäftigten: Bergleute, Köhler, Schmelzer, Gießer, Schmiede, Fuhrleute und Verwaltungsangestellte. Hergestellt wurden neben Halbzeugen, wie Stangen und Blechen, insbesondere Ofenplatten, Röhren, Töpfe, Gewichte, Feuerböcke, Grabplatten, Kaminplatten und Zimmeröfen sowie einfache Gegenstände, aber auch Kanonenkugeln und Geschützrohre. Vom Erfolg dieser Jahre zeugt das großzügige Wohnhaus mit der Barock-Fassade, das sich Blezinger 1775 neben der Brenzquelle errichten ließ, das heutige Königsbronner Rathaus.

Königliche Hüttenwerke ab 1806 mini|Werksansicht Königsbronn mit Flammofengebäude (links oben), um 1800 1806 übernahm der württembergische Staat die Werke in Eigenverwaltung. Dazu gehörten in Königsbronn ein Hochofen und Flammöfen an der Quelle des Pfeffer, das „alte“ und das „neue“ Hammerwerk (das Gebäude existiert noch heute) am Brenzursprung, das Hammerwerk und der Blechhammer am Itzelberger See, sowie die Verwaltung in der um 1700 neu erbauten Faktorei, wo sich heute die Büros der Hüttenwerke Königsbronn befinden. Dazu kamen noch einige Erzgruben in der Umgebung. Die Belegschaft betrug im Durchschnitt 160 Mann und 115 Bergleute.

Die großen technischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts auf den Gebieten der Stahlerzeugung (Bessemer-Verfahren) und der Energiegewinnung (Dampfmaschine) führten zu einem Niedergang der kleinen, wasserbetriebenen Hammerwerke. Davon waren auch die Königsbronner Betriebe betroffen. Als wegweisender Glücksfall erwies sich der Blechhammer in Itzelberg, weil dieser zur Verbesserung der Blechqualität durch ein Walzwerk ersetzt wurde. Damit stellte sich die Frage der Versorgung mit den dafür benötigten Walzen. Zwar hatte Königsbronn den Guss von Walzen schon seit Beginn der 1820er Jahre aufgenommen, jedoch erfolgte dies noch durch Gießen in Sandformen. Trotz hochwertiger Eisensorten war deren Oberfläche relativ weich und es wurde schnell klar, dass für das Blechwalzen sog. Hartwalzen benötigt wurden, die in eiserne Formen, sog. Kokillen, gegossen werden mussten. Von großem Vorteil war dabei, dass im „alten Gießhaus“, dem Flammofengebäude von 1667, ein geeigneter Flammofen und Erfahrungen im Stückguss vorhanden waren. Das Gebäude mit seinen Einrichtungen ist heute ein Museum. Auch wegen Problemen mit den harten Oberflächen gelang die Fertigstellung der ersten Hartgusswalze erst 1833. Ab 1836 erfolgte deren Bearbeitung in der dafür eingerichteten „mittleren Dreherei“ auf einer von einem Wasserrad angetriebenen Drehmaschine. Das Gebäude wurde 1902 verkauft und bis 1970 als Feilenschleiferei genutzt. Als Industriemuseum ist es der Öffentlichkeit zugänglich. mini|Hartgusswalzen aus Königsbronner Fertigung, Ende 19. Jahrhundert mini|Walzengießerei in Königsbronn, 1940 mini|Walzenwerkstatt in Königsbronn, 1938 Aus heutiger Sicht hatte das Werk Königsbronn damit für sich das Tor zur Neuzeit einen Spalt weit geöffnet. Deutlich vergrößert wurde dieser 1838 durch die Lieferung der ersten in Deutschland hergestellten Hartguss-Walzen für einen aus England bezogenen Papierkalander der Papierfabrik Rau & Voelter in Heidenheim. Sie hatten sehr wahrscheinlich einen Durchmesser von 250 mm, eine Bahnlänge von ca. 1.370 mm und ein Fertiggewicht von rd. 550 kg. Damit war ein Produkt gefunden, welches den Bestand des Werkes sichern sollte. Konsequent wurde in der Folgezeit in die Schmelzkapazitäten, die Gießeinrichtungen, die Bearbeitungsmaschinen und die technische Entwicklung investiert, was immer notwendig erschien. So war man, was die Größe der hergestellten Kalanderwalzen anging, stets Spitzenreiter in Europa, z. B. 1862 710 mm Durchmesser, 2.100 mm Bahnlänge, 6,3 t Gewicht 1910 700 mm Durchmesser, 4.150 mm Bahnlänge, 23 t Flüssigeisen 1930 820 mm Durchmesser, 6.000 mm Bahnlänge, 56 t Flüssigeisen

Nach der Übernahme durch den württembergischen Staat wurde das Werk Königsbronn fast 120 Jahre lang, wie dessen andere Hüttenwerksbetriebe, auch von staatlichen Verwaltern geführt. Besonders zu erwähnen ist der als Sohn des Hüttenwerksverwalters in Königsbronn geborene Paul Reusch, der Vorstand der Gutehoffnungshütte (GHH) wurde und diese zu einem überregionalen Montan- und Weiterverarbeitungskonzern ausgebaut hat.

Schwäbische Hüttenwerke GmbH ab 1921

Dazu gehörte auch die Gründung der Schwäbischen Hüttenwerke G.m.b.H. (SHW) im Jahre 1921, in welcher die ehemals Königlichen Hüttenwerke in Württemberg zusammengefasst wurden. Auf Wunsch des Staates beteiligten sich dieser und die GHH je zur Hälfte, wovon sich dieser insbesondere eine bessere Rohstoffversorgung in den schwierigen Nachkriegsjahren versprach. Nachdrücklich gefördert hat Reusch die Walzenproduktion. So wurde 1928 eine 10 Meter tiefe Gießgrube erstellt. Mit der Lieferung von Walzenrohren aus Hartguss für die durchbiegungsfreien Kalanderwalzen aus Eduard Küsters Maschinenfabrik GmbH & Co. KG, ab 1962,https://www.andritz.com/nonwoven-textile-en/locations/kuesters-gmbh/kuesters-gmbh-de wurden zudem Großbohr- und Honmaschinen dem Maschinenpark hinzugefügt, was die Fertigung der ab den 1980er Jahren entwickelten, wasserbeheizten Kalanderwalzen sehr begünstigte. Ab 1990 sind die peripher gebohrten Thermowalzen dazukommen, die mit Thermalöl beheizt, Oberflächentemperaturen im Papierkalander von über 200 °C möglich machen.

Die technische und kapazitätsmäßige Überlegenheit des Werkes bei Papierkalanderwalzen war derart, dass sich fast alle nationalen und internationalen Wettbewerber gezwungen sahen, ihre diesbezügliche Fertigung aufzugeben. Seine Dominanz verdeutlichte das Werk Königsbronn schließlich 1985 mit der Übernahme der Walzenfertigung der US-amerikanischen Farrel Corporation und dem Neubau einer Walzenfabrik in Torrington, Connecticut. Im Jahr 2002 wurden die größten bis heute hergestellten beheizten Kalanderwalzen mit einem Durchmesser von 1.650 mm und einer Bahnlänge von 10.770 mm fertiggestellt. Vergossen wurden dazu jeweils 130 Tonnen Flüssigeisen. Das Fertiggewicht betrug rd. 90 Tonnen. Bestimmt waren sie für die PM2 der Papierfabrik von Norske Skog in Golbey, Belgien.La fabrication du papier journal-Machine a papier-Norske Skog Golbey

SHW Casting Technologies GmbH ab 2002 Diese Verbindung staatlicher und privater Wirtschaft hielt 80 Jahre, bis der MAN Konzern, die umbenannte GHH, im Jahre 2002 daran ging, sich von der SHW GmbH zu trennen. Diese hatte sich von den vormaligen Hüttenwerksbetrieben zu einem „Gemischtwarenladen“ entwickelt, dessen ohne Synergieeffekte nebeneinander wirtschaftende Teilbereiche und Werke nicht reüssieren wollten. Sogar das Werk Königsbronn hatte – erstmals nach 50 Jahren – Verlust gemacht. Mit Zustimmung des Landes Baden-Württemberg wurden Spezialbereiche, wie die Fertigung von Werkzeugmaschinen und Silo-Anlagen ausgegliedert und auf dem Wege von Management-Buy-outs verkauft. Werke und Bereiche, die als Zulieferer der Automobilindustrie tätig waren, wurden in der neugegründeten SHW AG zusammengefasst und an die Börse gebracht. Übrig blieb das Werk Königsbronn mit seiner Filiale SHW INC. in den USA mit dem Schwerpunkt Kalanderwalzen und die Gießerei in Wasseralfingen, die sich auf den Guss von Gehäusen für mittelgroße Dieselmotoren spezialisiert hatte. Für diese tat sich die MAN schwer, Käufer zu finden, Gießereien waren bei Investoren nicht gefragt. Und so wurden diese Bereiche unter dem Dach einer SHW Casting Technologies GmbH zwischengeparkt.

Der Wasseralfinger Gießereileiter sah die Chance, auf seinem Spezialgebiet zum größten Anbieter solcher Motorenblöcke zu werden. Es gelang ihm, die Investmentgesellschaft der Gothaer Versicherung für diesen Plan zu gewinnen, und so erfolgte 2005 ein weiterer Management-Buy-out. Durch Zukäufe der Gießereien der Voith AG in Heidenheim und von Caterpillar in Kiel 2006 vergrößerte sich die Casting Technologies GmbH rasch. 2008 hatte das Werk Königsbronn das erfolgreichste Jahr seiner Firmengeschichte. Ein Bauboom von Kreuzfahrtschiffen ließ die Nachfrage nach mittelgroßen Dieselmotoren steigen, so dass auch in Königsbronn zwei neue Gießgruben für dieses Produkt geschaffen wurden. Schließlich wurde in großem Stil in die Fertigbearbeitung der Motorblöcke und großer Gehäuse für Offshore-Windkraftanlagen investiert, wozu auf dem Werksgelände in Königsbronn eine große neue Fertigungshalle entstand.