Die Theatergruppe Kammerspiele war eine Gruppe des deutschsprachigen Emigrantentheaters, die der emigrierte deutsche Theaterregisseur Karl Löwenberg in den 1940er Jahren in Quito in Ecuador gründete. Sie zählte mit der Freien Deutschen Bühne in Buenos Aires und der Theatergruppe Die Komödie in Montevideo zu den bekanntesten deutschsprachigen Emigrantentheatern in Südamerika.
Gründung Der Titel eines Vortrages von Löwenberg lautete „Das Theater als Kulturgut“; in Klammern steht unter dem Titel „Jüdische Theaterleiter und Schauspieler“, er selber wird als Oberregisseur vorgestellt.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 239 In einer zeitgenössischen Rezension hieß es: „Der Vortragende verfechtet die Auffassung, daß die hiesige jüdische Gemeinde sich der Pflege der jüdischen Theaterkunst widmen und in regelmäßigen Abständen Darstellungen jüdischer Dichter stattfinden sollten. Nur auf diese Weise könnte es gelingen, das Kulturleben aufrecht zu erhalten und die Jugend, die echtes Theaterleben nie kennengelernt habe, fruchtbare Anregungen zu vermitteln.“Zitiert mnach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 250–251
Es wurde ein Komitee zur Vorbereitung von Theaterabenden gegründet, doch die erste Vorstellung fand nicht als Theater der Jüdischen Gemeinde statt, sondern als Theater des Movimiento. Die Gruppe nannte sich Das Spiel und führte im Clubhaus des Movimiento Ende August oder Anfang September 1943 Einakter von Hugo von Hofmannsthal (Die Frau im Fenster)Siehe hierzu: Figurenlexikon zu Die Frau im Fenster und Arthur Schnitzler (Anatols Hochzeitsmorgen) auf. Die drei Rollen in dem Stück von Hofmannsthal spielten Hildegard Löwenberg, Huberta Reuscher-Heimann und Karl Löwenberg; in dem Schnitzler-Stück traten ausschließlich Laienschauspieler auf.Zitiert nach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 252
Die Gruppe Das Spiel scheint im Clubhaus des Movimiento nur noch zwei weitere Stück aufgeführt zu haben, nämlich im Dezember 1943 Lady Windermeres Fächer von Oscar Wilde, und danach Anton Tschechows Einakter Der Heiratsantrag. Parallel dazu fand offenbar hinter den Kulissen ein Umstrukturierungs- und Klärungsprozess statt, aus dem ein neues Theater und ein neuer Spielort hervorgingen: Die Kammerspiele Quito. Freies Unabhängiges Theater, die fortan in einem Raum des Privathauses der Familie Löwenberg spielten. Nach einem Artikel im Demokratisches Deutschland vom Oktober 1944 sollte der Untertitel „darauf hinweisen, daß die Leitung sich von jeder politischen Bindung losgesagt hat und nur künstlerische Ziele verfolgen will“.Zitiert nach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 252 Ob sich Löwenberg damit auch von seiner Mitgliedschaft im Movimiento lossagte beziehungsweise von dessen Hinwendung in Richtung Komitee Freies Deutschland, ist nicht überliefert.
Am 1. Oktober 1944 fand die erste Aufführung des neuen Theaters an seinem neuen Spielort statt, wo etwa 60 Zuschauer Platz fanden. Als Eröffnungsstück wurde Oscar Wildes The Importance of Being Earnest (Burnbury) gespielt. Ihm vorangestellt war ein Prologgedicht von Hans Heiman, das „sich mit der Frage auseinandersetzte, wieso in diesen Zeiten des Grauens die Eröffnung eines Theaters ihre Berechtigung habe“.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 253 Die letzte Strophe lautete: „Und wie in Furcht und Mitleid heut Sie mit erleben/All der Bedrückten Not, den Jubel der Befreiten,/So mag die Lebensbilder, die wir wiedergeben/Ihr menschlich anteilnehmend Mitgefühl begleiten./Vom Druck des Alltags soll befreiend Sie erheben/Der Bühne Spiegel Anblick eigner Menschlichkeiten:/Daß sich in solcher Zeit der Mensch auf sich besinne/Ist unser Ziel und Wunsch. Wohlan! Das Spiel beginne!“Zitiert nach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 253
Akteure der Anfangszeit Das Ensemble bestand zunächst bis auf Huberta Reuscher-Heiman und Hildegard Löwenberg aus Laiendarstellern.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 254 Patrik von zur Mühlen spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Bühne in Quito „trotz der Mitwirkung von professionellen Schauspielern und Regisseuren niemals den Rahmen eines Liebhabertheaters überschritten“ habe, und „die Umwandlung in ein sich selbst tragendes, selbständiges Theater angesichts der vergleichsweise geringen Zahl von Emigrantenvon vornherein auszuschließen war. Allerdings organisierte Regisseur Karl Löwenberg später auch spanischsprachige Aufführungen für ein breiteres Publikum und unterbreitete mit der von ihm gegründeten Schauspielschule in Quito auch Einheimischen ein Angebot.“Patrik von zur Mühlen: Fluchtziel Lateinamerika, S. 99 In der Emigrantenpresse wurde ausdrücklich davor gewarnt, angesichts der erzielten Leistungen von Dilettanten-Theater zu sprechen. Man verglich die Ausbildung an den Kammerspielen selbewusst mit der „Schulung in den europäischen Theatern“ und verwies darauf, dass „die bedeutendsten russischen Theater auf diese Weise entstanden“ seien.Zitiert nach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 254 Löwenbergs Inszenierungen, „seine auf Tempo und Kontrastierung setzende Regieleistung“, fanden Anerkennung.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 260 Zum Kern des Ensembles zählten Gerti Goldmann Außer, die eine „tragende Rolle“ innehatte; sie verließ Quito im Jahr 1948.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 262 Als einer der Star des Ensembles galt Vera-Kohn-Kagan (1912–2012).Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 253 Inge Friedberg wurde von Wenzel Goldbaum zusammen mit Huberta Reuscher-Heiman, Vera Kohn-Kagan und Gerti Goldmann „als ein Quartett weiblicher Spielkräfte, um das manche große Bühne das Ensemble beneiden könne“ bezeichnet.Wenzel Goldbaum, zitiert nach Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 253 Als „herausragende Schauspieler jener Anfangsjahre“ wurden René Taube und Renate Aron genannt.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 253–254
Weitere Schauspieler dieser Kerntruppe kamen fast alle aus dem Umfeld der Jüdischen Gemeinde. Egon Schwarz kam auf seiner Odyssee durch Südamerika 1945 Quito. Er selbst schrieb dazu: „Ich habe als Schauspieler an einem Emigrantentheater mitgewirkt, wo wir von Curt Götz bis zurück zu Schiller alles, was lustig oder bühnenwirksam ist im deutschen Drama, aufführten.“Egon Schwarz: Keine Zeit für Eichendorff. Chronik unfreiwilliger Wanderjahre, Büchergilde Gutenberg, 1992, ISBN 3-7632-4059-4, S. 220–221
Ein auf einem völlig anderen Gebiet ausgewiesener Fachmann war Heinrich Tietz, der ab 1948 „vor allem mit komischen Rollen hervortrat“.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 254 1940 wurden die Laboratorios Industriales Farmacéuticos Ecuatorianos (LIFE) gegründet, die nach Kreuter in den 1940er Jahren das größte von Immigranten gegründete Unternehmen in Ecuador waren. Die eng mit staatlichen Stellen zusammenarbeitende Firma sollte mit ihren pharmazeutischen Laboratorien dazu beitragen, „die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu verbessern und die völlige Abhängigkeit von importierten Medikamenten abzubauen. Es gab bis dahin nur einige kleine Laboratorien, die wenige Medikamente herstellten. Schlieíšlich standen 1937 Gelder zur Verfügung, um die notwendige Ausrüstung in Deutschland zu erwerben und den Chemiker und Pharmazeuten Heinrich Tietz, der aus rassischen Gründen von der Berliner Firma ›HAGEDA‹ entlassen worden war, zu engagieren. Tietz kam im März 1938 in Ecuador an und installierte in mühsamer Kleinarbeit, fast nur auf sich allein gestellt, die aus Deutschland angekommene Ausrüstung und begann mit der Produktion einiger Medikamente. Er blieb bis zu seinem frühen Tod 1965 der verantwortliche Pharmazeut, dessen Hauptaufgabe auf dem Gebiet der Galenik lag, dem Prozeß, bei dem die Wirkstoffe in eine Form gebracht werden, die sie für den menschlichen Körper verwertbar machen.“Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 279–280
Als einen weiteren Regisseur der Anfangszeit erwähnt Kreuter Gerardo Gotthelf, einem Musikwissenschaftler, der vorrangig Musikstücke in Szene gesetzt haben dürfte. Er zeichnete im Dezember 1945 verantwortlich für einen Festlichen Chanukka-Abend, bei dem unter anderem Partien aus Georg Friedrich Händels Oratorium Judas Maccabaeus aufgeführt worden seien, „gespielt und gesungen von einem aus Musikliebhabern und Musikern der jüdischen Gemeinde und des Konservatoriums zusammengesetzten Chor und Orchester“. Danach zeichnete er Anfang 1946 zusammen mit Karl Löwenberg verantwortlich für die Aufführung von Jean Racines Tragödie Esther. „Im Juni 1946 verabschiedete sich Gotthelf mit der Inszenierung von Szenen aus Fromental Halévys Oper Die Jüdin. Gotthelf ging zunächst nach Uruguay und starb 1949 in der Schweiz.“Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 242. Bei Kreuter bleibt leider unerwähnt, in welcher Form dieses aufwändige Werk mit den beschränkten Möglichkeiten der Kammerspiele in Quito in Szene gesetzt wurde.
In Bernhard Hetzenauers Dokumentarfilm erwähnt Vera Kohn, dass auch ihr Mann, Karl Kohn, in die Theaterarbeit involviert gewesen sei: Er habe Kulissen gemalt.Bernhard Hetzenauer: Und in der Mitte der Erde war Feuer, 2013 (1h 18min).Auf youtube steht ein Trailer zur Verfügung. Kreuter erwähnt als Bühnenbildner allerdings nur Werner Rosenthal, der dies in der Anfangszeit der Kammerspiele getan habe, und Oswaldo Guayasamín, der 1947 Bühnenbilder gestaltet habe.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador?, S. 255
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