Die Orgel (von Werkzeug, Instrument, Organ) ist ein über Tasten spielbares Musikinstrument, welches eine über 2000-jährige Geschichte aufweist. Orgeln sind seit der Antike bekannt und haben sich besonders im Barock und zur Zeit der Romantik zu ihrer heutigen Form entwickelt. Die Gesamtanlage der Orgel (siehe Disposition), die künstlerische Gestaltung des Orgelgehäuses (siehe Prospekt), die klangliche Gestaltung und die technische Anlage (siehe Windlade, Traktur, Windwerk und Spieltisch) sind über viele Epochen der Kunst- und Technikgeschichte hinweg verändert und beeinflusst worden.

Antike mini|Mosaik in der römischen Villa in Nennig (3. Jahrhundert)

Das erste orgelartige Instrument wurde um 246 v. Chr. von Ktesibios, einem Ingenieur in Alexandrien, konstruiert. Der Name des Instrumentes war „Wasser-Aulos“ oder Hydraulis (von altgriechisch (hydor, Wasser) und (aulos, Rohr)), da mit Hilfe von Wasser ein gleichmäßiger Winddruck erzeugt wurde und Metallröhren aus Bronze die Spielpfeifen (abgestimmte auloi, womit auch oboenartige Instrumente bezeichnet wurden) bildeten. Die Winderzeugung durch Blasebälge kam erst später auf. Die Römer übernahmen die Orgel von den Griechen als rein profanes Instrument und untermalten Darbietungen in ihren Arenen mit Orgelmusik. Aufgrund des Einsatzes während der grausamen Arenakämpfe, bei denen auch Christen starben, wurde die Orgel von den frühen Christen nicht verwendet.

Bei archäologischen Ausgrabungen in der Nähe von Budapest, dem früheren römischen Aquincum, Provinz Pannonien, wurden Reste einer Orgel aus dem Jahr 228 n. Chr. gefunden (siehe Orgel von Aquincum). Außerdem wurden Teile einer Orgel aus spätrömischer Zeit in Avenches (damals Aventicum) entdeckt. Im makedonischen Dion ausgegrabene Fragmente scheinen sogar von einer Orgel aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zu stammen.

Mittelalter mini|hochkant=0.6|Ein Portativ (Gemäldeausschnitt Die Heilige Cäcilie spielt auf der Orgel aus der Mitteltafel des Bartholomäusaltars vom Meister des Bartholomäus-Altars, 1501) mini|hochkant|Gotische Orgel in Rysum (um 1440 oder 1457)

Im weströmischen Reich der Völkerwanderungszeit (um 400 n. Chr.) ist der Gebrauch von Orgeln nicht belegt. Das byzantinische Reich erhob die Orgel jedoch zu einem wichtigen Instrument für die kaiserlichen Zeremonien. Damit rückte sie auch in die Nähe der kirchlichen Feierlichkeiten. In den karolingischen Chroniken wird berichtet, dass in den Jahren 757 und 812 jeweils eine Gesandtschaft vom byzantinischen Kaiserhof an den fränkischen Hof kam und für König Pippin den Jüngeren bzw. für dessen Sohn und Nachfolger Kaiser Karl den Großen eine Orgel mitbrachte. Der Sohn Karls des Großen, Kaiser Ludwig der Fromme, ließ 826 eine Orgel für seine Pfalz in Aachen von einem aus Venedig stammenden Priester namens Georg anfertigen, Astronomus: Vita Hludowici (Das Leben Kaiser Ludwigs), Kap. 40. Hrsg. von E. Tremp (MGH SS rer. Ger. in usum scholarum separatim editi 64), Hannover 1995, S. 432–435; dort sind auch S. 433 Anm. 562–563 weitere Quellen genannt (Einhard, Ermoldus Nigellus, Walahfrid Strabo). Die Originalquellen (Reichsannalen, Astronomus) berichten von diesem Ereignis einstimmig in ihrer Schilderung des Jahres 826; wenn Wolfgang Adelung: Einführung in den Orgelbau. 2. Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1991, ISBN 3-7651-0279-2, S. 216, das Jahr 824 nennt, ist dies folglich eindeutig ein Versehen. vermutlich seit mehreren Jahrhunderten die erste in Westeuropa hergestellte Orgel.

Im Laufe des 9. Jahrhunderts begannen die ersten (Bischofs-)Kirchen in Westeuropa, sich Orgeln anzuschaffen, Klosterkirchen wohl erst ab dem 11. Jahrhundert. Die Orgel war in den Kirchen zunächst ein Statussymbol, erst mit der Gotik entwickelte sie sich allmählich zum Hauptinstrument der christlichen Liturgie. Im 12. Jahrhundert war in der Geburtskirche Bethlehem eine Orgel in Gebrauch, die vermutlich von Kreuzfahrern importiert worden war (siehe: Orgel der Geburtskirche). Erhalten sind etwa 220 zylindrische Pfeifen aus Kupfer, die alle denselben Durchmesser haben und einen Tonumfang von etwa zwei Oktaven ergeben.Jeremy Montagu: The Oldest Organ in Christendom. Bethlehem Organ of Latin Kingdom Date (PDF; 1 MB) Abgerufen am 26. Juli 2021 (PDF; 1016 kB).

Zunächst gab es noch keine Tastaturen oder Manuale. Ein Ton wurde ausgelöst, indem man mit der ganzen Hand eine Holzlatte, die sogenannte Schleife, herauszog und so die Windzufuhr zu den Pfeifen für diesen Ton freigab. Die früh- und hochmittelalterlichen Orgeln waren Blockwerke, d. h., man konnte noch nicht einzelne Register ab- und zuschalten: Wenn man einen Ton auslöste, erklangen automatisch alle Pfeifen, welche diesem Ton zugeordnet waren. In dieser Zeit entstand auch das Portativ, eine kleine tragbare Orgel.

Das 14. und 15. Jahrhundert brachte wichtige Neuerungen. Mit Erfindung der Schleiflade und der Springlade kamen einzeln wählbare Register, Manual-Tastaturen und einzelne (Teil-)Werke auf. Durch den damals gebräuchlichen Ausdruck „die Orgel schlagen“ festigte sich später die Annahme, diese Instrumente seien schwer zu spielen gewesen und die Tasten wären mit viel Kraftaufwand, manchmal sogar mit Fäusten wie bei Glockenspielen betätigt worden. Die aus jener Zeit erhaltene Orgelmusik lässt jedoch den Schluss zu, dass auch verhältnismäßig leichtgängige Orgeln existierten, die ein schnelles Spiel erlaubten. In der Tat gibt es Abbildungen von Tasten dieser Orgeln, die vermutlich wirklich mit der ganzen Hand bedient wurden, was aber nicht auf ein kräftiges Schlagen mit den Fäusten hinweisen muss. Z. B. zeigen die Abbildungen im Syntagma musicum des Michael Praetorius die Klaviaturen der Domorgel zu Halberstadt von 1361 mit solchen Tasten.Michael Praetorius: Syntagma musicum. Von den Instrumenten. Wolfenbüttel 1618, . Mit dem Wort Schlagen ist vielmehr das Anschlagen der Tasten gemeint. So wurde etwa auch die Laute geschlagen.

Zu den ältesten noch spielbaren Orgeln (aus spätgotischer Zeit) zählen die Orgel von St. Andreas (Ostönnen)Helmut Fleinghaus: , NMZ, abgerufen am 12. März 2014. (um 1425), die Orgel der Basilique de Valère im schweizerischen Sitten (um 1435), die Orgel der Rysumer Kirche (um 1440), die Epistelorgel (linkes Instrument des Orgelpaares) der Basilika San Petronio in Bologna (1475)Orgel in Bologna, abgerufen am 12. März 2014. und die Orgel in St. Valentinus in Kiedrich (um 1500). Sie alle enthalten jedoch jeweils nur Teile aus der ältesten Epoche ihrer Baugeschichte.

Renaissance mini|hochkant=0.6|Paul (III.) Lautensack an seiner Hausorgel, einem Orgelpositiv ohne Pedal, 1579 mini|hochkant|Renaissance-Prospekt der Orgel der Johanniskirche in Lüneburg (Hendrik Niehoff und Jasper Johansen, 1553). Die Pedaltürme wurden in der Barockzeit hinzugefügt. mini|hochkant|Renaissance-Prospekt der Orgel der Stadtpfarrkirche St. Andrä in Lienz mit den für die Zeit typischen Flügeltüren (Andreas Butz, 1618)

Die Orgeln der Frührenaissance erinnern noch an die Zeit der Einführung der Register im ausgehenden Mittelalter (Stimmscheidung). Die Orgeln enthalten zunächst recht wenige Register (zum Beispiel Prästant, Oktave, Hintersatz und Zimbel aus dem gotischen Blockwerk, dazu ein bis zwei Flöten, Trompete und das Regal) und verfügen oft nur über ein Manual und ein angehängtes Pedal. Ein vorhandenes Regalregister wird oft leicht zugänglich über dem Spieltisch angeordnet, da dessen Pfeifen häufig nachgestimmt werden müssen. Aus dieser Anordnung entwickelte sich das Brustwerk, in dem die Regalpfeifen immer noch leicht zugänglich ganz vorn stehen. In dieser Zeit entstanden auch die beiden Kleinorgeltypen Positiv und Regal.

In der Hochrenaissance entwickelten sich voll ausgebaute Orgeln mit mehreren Manualen und Pedal. Das Klangideal orientierte sich an der damals üblichen Ensemblemusik auf gleichartigen Instrumenten. So stehen Prinzipale, Mixtur und Zimbel für den eigentlichen „Orgelklang“, der bereits früher als „Blockwerk“ erklang. Dazu kamen zahlreiche Register, die den Klang der damals üblichen Instrumente nachahmen sollten, vor allem von Flöten, Rohrblatt- und Blechblasinstrumenten. Bei den Lingualregistern waren dies zum Beispiel Trompete, Posaune, Zink, Schalmei, Dulzian, Ranckett, Krummhorn und Sordun, bei den Labialregistern zum Beispiel Blockflöte, Querflöte (meist nicht als überblasendes Register) und Gemshorn. Es wurden zwischen einem und drei Manualen gebaut, von denen jedes ein eigenes Werk ansteuerte. Dazu kam in der Regel ein eigenständiges Pedalwerk. Auf solchen Orgeln lässt sich neben Sakralmusik auch sehr gut die weltliche Musik der Renaissance wiedergeben. In der Spätrenaissance begannen sich erste regionale Unterschiede im Orgelbau herauszubilden.

Beispiele: Lübeck (1515), Udine (Vincenzo Colombo, 1550), Saint-Savin (Hautes-Pyrénées) (1557), Innsbruck (Jörg Ebert, 1561), Mantua (Graziadio Antegnati, 1565), Saint-Julien-du-Sault (1568), Schmalkalden (1590), Trofaiach (Hanns Kahnchuber, 1595).

Barock Im 17. und 18. Jahrhundert erreichte der Orgelbau in einigen europäischen Ländern eine große Blüte. Für Orgeln aus der Barockzeit kann man die Register je nach Klangfarbe und Verwendung in drei funktionale Gruppen einteilen, die aber gleichermaßen auf die gesamte Orgel verteilt werden: Die erste Gruppe bildet mit dem typischen Orgelklang hervortretende Stimmen, die auf einen kräftigen Gesamtklang, das sogenannte Plenum, ausgelegt sind. Hierzu gehören die Prinzipale, Oktaven, Quinten in Prinzipalmensur und Mixturen, aber auch vollbecherige Zungenstimmen, die zum Plenum gezogen werden oder ein eigenständiges Lingualplenum bilden. Die zweite Gruppe hat eher sanfte, flötenartige Töne, die sich hervorragend mischen lassen. Es sind die weiten offenen, die konischen und die gedackten Stimmen in all ihren Variationen. Die dritte Gruppe sind die Stimmen, die am besten solistisch zu verwenden sind, wie Aliquotregister, Zungenstimmen und einzelne Streicher.

Werkaufbau mini|hochkant|Schematische Ansicht des Werkprinzips („Hamburger Prospekt“). PW = Pedalwerk, OW = Oberwerk, HW = Hauptwerk, BW = Brustwerk, RP = Rückpositiv.

Ein typisches Merkmal barocker Orgeln ist in den meisten Kulturlandschaften das sogenannte Werkprinzip: Jedes Teilwerk der Orgel (zum Beispiel Hauptwerk, Rückpositiv, Oberwerk, Brustwerk, Pedalwerk) ist dabei meist als selbstständige Orgeleinheit konzipiert. Oft verfügt jedes Teilwerk über ein Plenum und erlaubt Solo- und grundstimmige Begleitregistrierungen; die Teilwerke unterscheiden sich einerseits durch ihre Klangcharakteristik, andererseits oft durch ihre Lautstärke (zum Beispiel Echowerk).

Aufgrund der rein mechanischen Spieltraktur kommt es zu weiteren Besonderheiten: Manualanordnung: Bei einer dreimanualigen Orgel mit Rückpositiv, Hauptwerk und Brustwerk ist das Hauptwerk immer das mittlere Manual, da sich anderenfalls die Spieltrakturen der Werke kreuzen würden. Werkgröße: Jedes zusätzliche Register auf einer Windlade erhöht bei der mechanischen Traktur das Spielgewicht der Taste. Dadurch sind hier natürliche Höchstgrenzen gesetzt, da eine Orgel sonst nicht spielbar wäre. An norddeutschen Barockorgeln findet man zum Beispiel nur sehr wenige Instrumente mit mehr als zehn bis zwölf Registern auf einer Windlade. In anderen Regionen (zum Beispiel Mitteldeutschland, Frankreich oder Spanien) wurden auch bis zu fünfzehn (in Einzelfällen so gar noch mehr) Register auf die Hauptwerkswindlade gestellt. Koppeln: Bei einer dreimanualigen Orgel gibt es höchstens Manualkoppeln vom dritten auf das zweite sowie vom ersten auf das zweite Manual. Eine Koppel zwischen dem dritten und dem ersten Manual war technisch noch nicht realisierbar, da meist Schiebekoppeln verwendet wurden.

Im Vordergrund der barocken Orgel steht die Durchsichtigkeit des Klanges. Daher waren hohe Register sowie Aliquotregister als Soloregister weit verbreitet.

Hanseatisch-niederländischer Orgeltypus des 17. und 18. Jahrhunderts