mini|Überschwemmung am linken Ufer des Dnipro Die Zerstörung der Kachowka-Stauanlage ereignete sich am 6. Juni 2023 durch eine Explosion im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine. Die Stauanlage lag am Fluss Dnipro und bildete den Kachowkaer Stausee im Unterlauf des Flusses, der hier im Wesentlichen nach Südwest fließt. Durch die Zerstörung der Wehranlage kam es zu großflächigen Überschwemmungen flussabwärts. Zum Zeitpunkt seiner Zerstörung befand sich die Stauanlage – wie auch das linke Ufer – unter russischer Kontrolle; der Pegelstand im regulär 18,2 Milliarden Kubikmeter Wasser fassenden Stausee lag zum Zeitpunkt der Zerstörung nahe seinem historischen Höchststand und 80 cm über dem normalen maximalen Pegel von 16 m. Russland und die Ukraine bezichtigten sich gegenseitig, für die Explosion verantwortlich zu sein, die den Dammbruch und die folgenden Überflutungen bewirkte. Nach wenigen Wochen wies die Fakten- und Indizienlage auf eine Verantwortung der russischen Seite hin. Mindestens 52 Menschen starben im Hochwasser nach dem Dammbruch. mini|Blick auf den Kachowka-Staudamm mit seinen 28 Schützen und der Turbinenhalle (2012) 220x124px|mini|Blick nach Norden auf den Damm mit den beiden Portalkränen (2006)

Verlauf Hintergrund Im Zuge des russischen Rückzugs wurden die drei nordwestlichsten der 28 Teilstücke der über die Mauer geführten Straße und der Eisenbahnstrecke, die Segmente 26 bis 28 (Nummerierung von Südost nach Nordwest aufsteigend, am Krafthaus beginnend), am 11. November 2022 von der russischen Armee zerstört. Ein auf den 2. Januar 2023 datiertes Satellitenbild zeigt, dass nur wenig Wasser über die darunter befindlichen Schütze 26 bis 28 hinwegströmt. Über diesen fehlt auch die Kranbahn, so dass der Wasserdurchfluss dieser drei Schütze nicht mehr reguliert werden kann. Indes sollen die beiden auf der Mauerkrone laufenden Portalkräne, mit denen die Schütze gesenkt und gehoben werden, bei der Sprengung vom 11. November 2022 unbeschädigt geblieben sein. Die Kräne sind auf dem Satellitenbild im südöstlichen Bereich der Staumauer über den Schützen 3 und 8 zu sehen, die zwischen ihnen befindlichen Schütze 5 bis 7 sind maximal nach oben gezogen, unter ihnen fließt in vollem Strom Wasser aus dem Stausee. Auch die Schütze 1 bis 4 lassen Wasser durch, weiterhin ist auch aus den Turbinen ausströmendes Wasser zu sehen. Die Straße über die Staumauer weist auf diesem Satellitenbild im Bereich der Schütze 3 und 4 bereits Beschädigungen auf. Diese Schäden entstanden im August 2022 durch ukrainische Angriffe mit HIMARS-Raketen. Am 1. Januar 2023, also am Vortag dieser Satellitenaufnahme, lag der Stauseepegel bei 15,19 m, am 6. Januar bei 14,96 m.Pegelstandsaufzeichnungen des Stausees seit 2016 Laut Satellitenbildern war am 2. Juni 2023 ein kleiner Teil der Straße auf dem Damm eingestürzt.

Der 2155 km² große Kachowkaer Stausee fasst regulär 18,2 Mrd. m³ Wasser; der Vollstauspiegel liegt bei 16 m über dem MeerNationaler Stresstestreport der Ukraine für 2011, S. 49 (in Bezug auf den Kronstädter Pegel). Er hatte am 21. Mai 2023 einen historischen Höchstpegelstand von 17,54 m und am Abend des 4. Juni 2023 von 17,26 m. Der vorherige Rekordwert betrug 16,47 m und stammt aus dem Jahr 1969. Der Wasserspiegel war nach einer massiven Absenkung im Winter 2022/23 bis auf einen am 2. Februar 2023 erreichten Tiefstwert von 14,03 m im Verlauf des Frühjahres stark angestiegen und lag zum Zeitpunkt der Zerstörung etwa 1,60 m über dem langjährigen Mittelwert von 15,6 m. Im Januar 2023 zeigten Satellitendaten, dass an der Stauanlage Wasser abfloss, so dass der Wasserspiegel des Sees sank. Im Frühjahr sorgten Schneeschmelze und Regen für einen erhöhten Wasserzufluss. Satellitenbilder von Mitte Mai zeigten, dass Wasser mehrere Schütze überspülte. In der Ukraine gab es daher Spekulationen darüber, dass Russland – das die Ablässe kontrollierte – absichtlich Wasser aufgestaut habe, um die Zerstörung durch die Flutwelle zu maximieren.

Am 30. Mai 2023 verfügte die russische Regierung, dass in den besetzten Gebieten der Ukraine bis zum 1. Januar 2028 keine technischen Untersuchungen zu Unfällen an Wasserbauwerken und Industrieanlagen durchgeführt werden dürfen. Das Dekret wurde vom russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin unterzeichnet und trat am Tag seiner Veröffentlichung in Kraft. Zufolge eines Berichts des Institute for the Study of War vom 6. Juni, dem Tag der Zerstörung des Staudamms, hätten russische Quellen große und ausdrückliche Besorgnis darüber geäußert, dass die Ukraine sich darauf vorbereiten könne, den Fluss zu überqueren und einen Gegenangriff auf das Ostufer zu starten.

Bruch der Wehranlage mini|hochkant=1.3|Vor und nach der Zerstörung mini|Schematische Darstellung des Querschnitts der Wehranlage, vom rechten Ufer (Nordwesten) gesehen, mit über dem Wasser sichtbaren Schützen zum Öffnen und Schließen der Wehrfelder. Der größte Teil des fast 20 m hohen und an der Basis fast 40 m breiten Wehrkörpers liegt jedoch unter Wasser: Massivbeton, auf dem die Wehrverschlüsse sowie Straße, Kranbahn und Eisenbahnstrecke aufliegen. Entlang der Basis verläuft der Kontrollgang (orange). mini|Teil der Wehranlage mit über dem Wasser sichtbarem Schütz (Wehrtafel), das nicht vom Wasserstrahl verdeckt ist (links im Bild), 2013 mini|Die Turbinenhalle wurde infolge der Flut zerstört (Bild von 2013) Seismographen registrierten am 6. Juni um 2:35 Uhr seismische Aktivitäten in der Ukraine. Wenig später, gegen 2:50 Uhr Ortszeit wurde eine Explosion am Wasserkraftwerk Kachowka registriert. Das ukrainische Energieunternehmen Ukrhidroenerho gab an, die Explosion sei auf eine Sprengung des Maschinenraums durch die russischen Streitkräfte zurückzuführen. In der Folge brach der aus Beton bestehende Mittelteil der 30 Meter hohen und 3,2 Kilometer langen Wehranlage, wobei 11 der 28 Schütze zerstört wurden.

Norwegische Seismologen von NORSAR, das seismische Netzwerke in Europa überwacht, registrierten um 2:54 Uhr Ortszeit eine Explosion mit einer Stärke zwischen 1 und 2 auf der Richterskala, was einem Mikro-Erdbeben entspricht. Diese Explosion erfassten sie mit einer etwa 620 km vom Staudamm entfernten Messstation in der Bukowina in Rumänien. Der Ort der Explosion konnte durch diese Aufzeichnungen nur mit einer Ungenauigkeit von 20 bis 30 Kilometern um die Stauanlage bestimmt werden. Nach Einschätzung von Experten wäre es „ein ungewöhnlicher Zufall […], wenn etwas anderes als eine Explosion den Energieimpuls verursacht hätte“.Zum Vergleich: Die Explosionskatastrophe in Beirut im Jahr 2020 wurde auf der seismischen Skala mit einer Stärke von 3,3 registriert. Erschütterungen, die allein durch das Brechen der Wehranlage infolge von Erosion sowie durch das ausströmende Wasser entstehen würden, würden keinesfalls so markant und intensiv wie die von den Seismographen aufgezeichneten Signale sein. Eine Infrarot-Wärmesignatur, die mit der einer großen Explosion übereinstimmt, wurde kurz vor dem Einsturz von Spionagesatelliten der Vereinigten Staaten an der Stauanlage entdeckt – wovon allerdings bisher keine Aufnahmen veröffentlicht wurden. Nach Angaben des Physikers Richard Cordaro wurde die Explosion auf einem Magnetometer in Bukarest aufgezeichnet.

Laut dem Nachrichtenportal RBK Ukrajina sank der Pegelstand im See nach der Zerstörung der Kachowka-Stauanlage anfangs um 15 Zentimeter pro Stunde. Am 152,5 km von der Stauanlage entfernten Kernkraftwerk Saporischschja sank der dortige, zum Zeitpunkt des Bruchs der Wehranlage 16,8 m anzeigende Pegel am 6. Juni zunächst um 5 cm/Stunde. Die Absinkrate stieg dann dort bis auf 11 cm/Stunde an und ging bis zum 7. Juni 2023 auf 5 bis 7 cm/Stunde zurück. Drohnenaufnahmen zeigen, dass die Wassermassen im Verlauf des Tages immer größere Breschen in die Stauanlage rissen. Es flossen mehr als 30.000 m³ Wasser pro Sekunde durch die geborstene Wehranlage ab. Zum 9. Juni, 19:00 Ortszeit meldete die IAEA einen Rückgang des Pegelstandes am KKW Saporischschja um 5 cm/Stunde auf 11,62 m, also insgesamt um mehr als 5 m. Der ukrainische Rettungsstab meldete am 12. Juni 2023, seit der Zerstörung der Wehranlage seien schon 14,4 km³, also 72 % des Seeinhalts, ausgelaufen.Ukraine meldet weiter sinkenden Wasserstand für Dnipro. Auf Liveblog Scholz, Macron und Duda sichern Ukraine weitere Hilfe zu. tagesschau.de, 12. Juni 2023, 13:10 Uhr, abgerufen am 24. Juli 2023. Da der Wasserstand zum Zeitpunkt des Bruchs der Wehranlage 80 cm über dem üblichen Maximalpegel von 16 m lag, enthielt der See deutlich mehr als 18,2 Mrd. m³ Wasser, nach Angaben des Rettungsstabes 20 Mrd. m³.

Nach der Überflutung blieb von der Wehranlage ein Fragment am rechten Ufer übrig. Die Turbinenhalle wurde in zwei Teile geteilt, von denen einer zur Hälfte in Wasser getaucht ist. Das Schleusentor wurde vollständig zerstört.

Schuldzuweisungen und militärische Auswirkungen

In den Tagen nach dem Dammbruch blieb die Ursache unklar. Die Ukraine und Russland bezichtigen einander gegenseitig, die Stauanlage gezielt zerstört zu haben. Für beide Seiten ergeben sich Vor- und Nachteile in Bezug auf die Kriegsführung; ein größeres Interesse einer Zerstörung wird von westlichen Militärexperten bei Russland verortet. Die Sprecherin des ukrainischen Operationskommandos Süd, Natalia Humeniuk erklärte, dass die Dammexplosion von russischen Streitkräften durchgeführt worden sei, um die Gegenoffensive der ukrainischen Armee zu verlangsamen. Möglicherweise ist der Damm aber auch durch kriminelle Fahrlässigkeit der russischen Streitkräfte zerstört worden.

Der österreichische Oberst und Militärexperte Markus Reisner vermutete schon am Tag der Zerstörung, dass die russischen Besatzer den Staudamm gesprengt hätten, um so die geplante ukrainische Gegenoffensive zu behindern. Die Anlandung amphibischer Kräfte sei nicht möglich, so Reisner. Der österreichische Generalmajor Bruno Hofbauer sagte am Abend des 9. Juni, infolge des vor allem am linken Ufer unpassierbar gewordenen Geländes habe die russische Seite bei der Verteidigung in den nächsten Monaten Vorteile. „Nachdem der Staudamm ja nicht einfach mit ein paar Kilo Sprengstoff in die Luft zu sprengen ist, sondern das entsprechend üblicherweise von innen gemacht wird, können wir schon davon ausgehen, dass das eher von der russischen Seite aus durchgeführt worden ist.“

Der Damm bestand aus drei Teilen: an der linken und rechten Uferseite je ein aus verdichtetem Boden und Gestein aufgeschütteter Damm und in der Mitte eine Mauer aus massivem Stahlbeton; hier befand sich das Wasserkraftwerk. Beschädigt wurde der zentrale Betonteil, und zwar an zwei Stellen gleichzeitig. Die Mehrheit der Experten hält eine Selbstzerstörung der Betonkonstruktion (z. B. aufgrund einer geschwächten Struktur) für unwahrscheinlich.

Ihor Syrota, der Generaldirektor von Ukrhidroenerho, wies die Möglichkeit, dass ein Beschuss oder ein katastrophales Strukturversagen den Dammbruch verursacht haben könnte, als russische Propaganda zurück: Die Anlage sei so konzipiert worden, dass sie einem Kernwaffenangriff standgehalten hätte. Laut Syrota plante die russische Armee von Anfang an, den Kachowka-Staudamm in eine militärische Anlage umzuwandeln. Die russischen Besatzer hätten beschlossen, noch verbliebene ukrainische Mitarbeiter im September 2022 aus dem Gelände des Kachowka-Staudamms abzuziehen. Es gebe keine Informationen darüber, was im Inneren des Staudamms passiere, da die Russen das ukrainische Personal von dort abgeholt hätten. Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj habe die Zerstörung des Damms keine Auswirkungen auf die Gegenoffensive seines Landes zum Zurückdrängen der russischen Armee. Nach Darstellung Selenskyjs diente die Sprengung des Staudamms dazu, die ukrainische Gegenoffensive auszubremsen.