mini|Werner Gurtner mit dem Laser-Teleskop ZIMLAT, Foto: Manu Friederich / AIUB, 2006 Werner Gurtner (* 2. Oktober 1949 in Langenthal; † 24. Oktober 2009 in Bern) war ein Schweizer Ingenieur und Geodät. Er leitete das Observatorium Zimmerwald und leistete mit dem Team des Astronomischen Instituts der Universität Bern (AIUB) entscheidende Beiträge bei der Entwicklung des Observatoriums als Fundamentalstation der Schweizerischen Landesvermessung und zur heutigen «SwissOGS» (Swiss Optical Ground Station).
Leben Werner Gurtner wurde 1949 als Sohn des kaufmännischen Angestellten Hans Gurtner und der Mirta Gurtner, geb. Däster, in Langenthal (Kanton Bern) geboren. Er wuchs mit seinem älteren Bruder in dieser Stadt auf und besuchte die dortigen Primar- und Sekundarschulen sowie das Gymnasium, das er mit der Maturität Typus C abschloss. Bei einem Praktikum in einem Ingenieur- und Vermessungsbüro in Langenthal, vermittelt durch den Schulfreund und späteren Berufskollegen Beat Bürki, kam er erstmals mit dem Berufsfeld der Vermessung in Kontakt. Im Militärdienst erreichte er den Dienstgrad eines Oberleutnants der Artillerie. 1973 heiratete er Rosemarie Roulin. Das Ehepaar hatte eine Tochter und einen Sohn. In zweiter Ehe heiratete er 1992 Christine Strickler, geb. Sauer, die als Direktionssekretärin am AIUB tätig war.Gurtner P. Schriftliche Auskunft zur Genealogie vom 22. Mai 2023Bürki B. Schriftliche Auskunft zur Jugendzeit vom 17. Juli 2023
Gurtner studierte an der Abteilung VIII B der Eidg. Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) und schloss das Studium 1973 mit dem Diplom als Vermessungsingenieur ab. 1974–1979 war er als Assistent und Doktorand am Institut für Geodäsie und Photogrammetrie (IGP) der ETHZ angestellt. Unter der Leitung von Max Schürer, ordentlicher Professor für Astronomie und Direktor des AIUB sowie Dozent für Höhere Geodäsie im Nebenamt an der ETHZ, berechnete er ein Geoidmodell der Schweiz. Mit seiner Dissertation «Über das Geoid in der Schweiz» promovierte er 1978 als Dr. sc. techn. an der ETH Zürich.Beutler G. Zum Gedenken an Werner Gurtner. Unilink Okt. 2010, S. 4, Universität Bern.
1980 wechselte Gurtner offiziellBeutler G. "Gurtner hatte bereits als Doktorand einen Arbeitsplatz am AIUB". Schriftliche Auskunft vom 26. Juli 2023 von der ETHZ an das AIUB, wo er eine Forschungsassistenz bei Paul Wild, dem Direktor des AIUB, erhielt. Nachdem er sich schon seit 1978 intensiv mit Satellitengeodäsie befasst hatte, arbeitete er nun an der Weiterentwicklung der Satellitenbeobachtungsstation Zimmerwald. 1987 wurde er zum wissenschaftlichen Mitarbeiter und Leiter des Observatoriums Zimmerwald ernannt. Ab 1992 übernahm er auch einen Lehrauftrag am AIUB und hielt Vorlesungen über Parameterbestimmung und Schätzverfahren.Verdun A. Astronomie und Geodäsie in Bern. Bilddokumentation zum Doppeljubiläum 200 Jahre «Alte Sternwarte Bern» und 100 Jahre «Astronomisches Institut» der Universität Bern. S. 189,236. Haupt Verlag Bern, ISBN 978-3-258-08287-5, 2023 1992–1996 realisierte Gurtner mit einem kleinen Team des AIUB das Projekt «Neues Teleskop Zimmerwald». Das Observatorium Zimmerwald wurde unter Gurtners Leitung zu einer Station von internationaler Bedeutung im weltweiten Satelliten-Beobachtungsnetz des International Laser Ranging Service (ILRS).
1984 bis 2009 war Gurtner Mitglied der Schweizerischen Geodätischen Kommission (SGK) der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft (SNG), heute Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (ScNat). Daneben wurde er auch mit mehreren Mandaten der Internationalen Assoziation für Geodäsie (IAG) betraut. So war er Vorsitzender der Vereinigung europäischer Laserstationen EUROLAS sowie des Governing Boards des ILRS seit dessen Anfängen 1998. Er war Gründungsmitglied der IAG Subkommission EUREF (European Reference Frame) und ab 1992 sehr aktiv in deren Technical Working Group, die er 1999 bis 2003 leitete.
Die Verdienste Gurtners – inzwischen stellvertretender Direktor des AIUB – wurden 1999 von der Phil.-nat. Fakultät der Universität Bern (UB) mit der Beförderung zum Titularprofessor gewürdigt.
Werner Gurtner starb nach schwerer Krankheit kurz nach Vollendung des 60. Altersjahres am 24. Oktober 2009 in Bern.
Geodäsie und Landesvermessung Neben seinen theoretischen Fähigkeiten bewies Gurtner schon früh sein Flair für die praktische Problemlösung als Ingenieur. Im Rahmen der Diplomarbeit als Vermessungsingenieur war Gurtner bei den Feldarbeiten des Diplomvermessungskurses 1973 der ETHZ im Raum Peiden GR unter der Leitung von Prof. Rudolf Conzett engagiert. Dabei wurde ein geodätisches Deformationsnetz mit dem damals neuen elektrooptischen Präzisionsdistanzmesser Mekometer ME 3000 der Firma KERN Aarau gemessen.Just C. Verschiebungsmessungen mit dem Mekometer ME 3000. Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik 72-F 3/74 (1974) S. 89-91 Online Dabei stellte Gurtner fest, dass es nur schwer möglich war, die Zentrierung der Messgeräte mit Submillimeter-Genauigkeit über den Kontrollpunkten mithilfe des optischen Lots zu erreichen. Während den folgenden Jahren als Assistent an der ETHZ entwarf er einen Kreuzschlitten zur Präzisionszentrierung geodätischer Instrumente.Gurtner W. Eine Präzisionszentriervorrichtung. Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik 74 5/76 (1976) S. 123-125 Online Das Gerät wurde in der mechanischen Werkstatt des AIUB konstruiert und in kleinen Serien hergestellt. Bei Präzisionsmessungen der Ingenieurvermessung sowie bei der Schweizerischen Landesvermessung ´LV95´ leistete der Kreuzschlitten wertvolle Dienste.Wiget A., Gubler E., Schneider D.: GPS-Präzisionsnetz zur Bestimmung von rezenten Krustenbewegungen in der Nordwestschweiz. Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik 89 8/91 (1991) S. 420 Online
Mit der Einführung der Elektronischen Distanzmessung (EDM) in der Schweizerischen Landesvermessung Ende der 1960er-Jahre entstand das dringende Bedürfnis nach einem Geoidmodell für die geometrische Reduktion der Raumdistanzen auf das Bezugsellipsoid. Als Doktorand von Max Schürer berechnete Gurtner an der ETHZ ein Geoidmodell der Schweiz, das er 1978 publizierte. Ausgehend von astrogeodätisch gemessenen Lotabweichungen verwendete er dabei die Methode der Kollokation und Prädiktion unter Berücksichtigung von Massenmodellen (Remove-Restore-Technik).Gurtner W. Das Geoid in der Schweiz. Astronomisch-geodätische Arbeiten in der Schweiz. Bd. 32 Schweizerische Geodätische Kommission, Zürich, 1978. Digitalisat Das «Gurtner-Geoid» erlaubte die Schätzung von Geoidundulationen mit Dezimeter-Genauigkeit und diente während zwei Jahrzehnten als Datengrundlage bei trigonometrischen Netzausgleichungen der Landes- und Ingenieurvermessung in der alpinen Topografie der Schweiz. Es wurde erst 1997 durch ein verfeinertes astrogeodätisches Geoidmodell, berechnet von Urs Marti, abgelöst.Marti U. Geoid der Schweiz 1997.Geodätisch-geophysikalische Arbeiten in der Schweiz, 56. Band, SGK, Zürich, 1997. Digitalisat
Bei ersten Anwendungen von GPS (Global Positioning System) zur Vermessung des Large Electron-Positron Colliders (LEP) 1986 beim CERN in GenfGurtner W. GPS-Testmessungen auf dem CERN-LEP-Kontrollnetz. Vermessung, Photogrammetrie, Kulturtechnik 84 6/86 (1986) 219-224 Online und der Einführung der satellitengestützten Messmethoden in die Landesvermessung waren Gurtners Fachkenntnisse gefragt.Gurtner W., Beutler G., Botton S., Rothacher M., Geiger A., Kahle H.-G., Schneider D., Wiget A. The Use of the Global Positioning System in Mountainous Areas. Manuscripta Geodetica, Vol. 14, No. 1, 53-60, 1989. Wesentliche Beiträge leistete er als Experte und Mitautor bei der Konzeption der neuen Schweizerischen Landesvermessung ´LV95´ durch das Bundesamt für Landestopografie swisstopo.Schneider D., Gubler E., Marti U., Gurtner W. Aufbau der neuen Landesvermessung der Schweiz 'LV95', Teil 3, Terrestrische Bezugssysteme und Bezugsrahmen. Berichte aus der L+T, Nr. 8, Bundesamt für Landestopographie, Wabern, 1995. Digitalisat
Satellitengeodäsie Gurtner fokussierte seine Forschungstätigkeit ab 1978 am AIUB auf die Laser-Distanzmessung zu Satelliten, englisch ´Satellite Laser Ranging´ (SLR) genannt. Er entwickelte die Echtzeit-Software für den Stations-Computer der Satellitenstation Zimmerwald, für die er ab 1987 als ´Station Manager´ zuständig war.
Ab 1984 war er mit dem Team des AIUB an der Entwicklung der ´Bernese Second Generation GPS Software´ beteiligt, einer Software zur Auswertung von GPS-Messdaten für geodätische Netze, welche rasch weltweite Anwendung fand.Gurtner W., Beutler G., Bauersima I., Schildknecht T. Evaluation of GPS Carrier Difference Observations. The Bernese Second Generation Software Package. First Internat. Symp. on Precise Positioning with the GPS, Rockville USA, 1985. Ebenso spielte Gurtner eine wichtige Rolle bei der Etablierung des International GPS Service (IGS) der IAG, heute International GNSS Service (IGS). Im Rahmen dieses Engagements entwickelte er 1989 das Receiver Independent EXchange Format (RINEX), ein empfängerunabhängiges Daten-, Speicher- und Austauschformat.Gurtner W., Beutler G., Rothacher M. Combination of GPS Observations made with Different Receiver Types. Proc. of the 5th Intern. Geodetic Symp. on Satellite Positioning, Las Cruces, New Mexico, 362-374, 1989.Gurtner W., Mader G. The RINEX Format, Current status, Further Developments. Proc. of the Symp. GPS'90, Ottawa, Canada, 977-992, 1990 RINEX wird für GPS- oder heute allgemeiner GNSS-Rohdaten verwendet und ermöglicht den weltweiten Austausch von Messdaten (Pseudostreckenmessungen aus GNSS-Code- oder Trägerphasenbeobachtungen und Satellitenephemeriden) für die Berechnung von Netzen der Satellitengeodäsie. Die Einführung und Weiterentwicklung von RINEX war eine Voraussetzung für den Betrieb von weltweiten, permanenten GNSS-Netzen und Datendiensten, wie etwa den IGS. Das RINEX-Format, heute weltweit anerkannt, wird von allen Herstellern von geodätischen GNSS-Satellitenempfängern unterstützt.Teunissen, P., Montenbruck, O. Springer Handbook of Global Navigation Satellite Systems. Springer. S. 1209. ISBN 978-3-319-42928-1. 2017.
Gurtner leistete ab Mitte der 1980er-Jahre Pionierarbeit bei der Entwicklung der ´Space Geodesy´ und sorgte für die Verbindung zwischen ILRS und IGS. Mit Weitblick kombinierte er die neuen geodätischen Technologien SLR und GNSS sowie Astrogeodäsie, Absolut- und Gezeitengravimetrie etc. in Zimmerwald, was ihm durch die Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen wie IGP und swisstopo etc. gelang. Das Observatorium wurde unter seiner Leitung zur geodätischen Fundamentalstation für die wissenschaftliche Forschung und für die Schweizerische Landesvermessung.Wild U., Gurtner W. Geostation Zimmerwald. Aufbau der neuen Landesvermessung der Schweiz 'LV95' Teil 2, Satellite Laser Ranging (SLR) und GPS-Permanentbetrieb. Berichte aus der L+T Nr. 7, Wabern, 1995. Digitalisat