mini|Te Pito o Te Henua Te Pito o Te Henua, auch Te Pito Te Henua (deutsch: „Der Nabel der Welt“), wird ein großer, runder Basaltstein auf der Osterinsel genannt, der höchstwahrscheinlich natürlichen Ursprungs ist. Er gehörte ursprünglich zum Ahu Te Pito Kura, einem archäologischen Komplex im Nordosten der Osterinsel. Esoteriker messen ihm außergewöhnliche Eigenschaften zu.
Beschreibung mini Te Pito o Te Henua ist der Name eines in etwa kugelförmigen, grau-schwarzen Basaltsteines von ca. 75 cm Durchmesser. Er liegt heute in unmittelbarer Nähe des Ahu Te Pito Kura im Nordosten der Osterinsel. Der Stein ist keine perfekt geformte Kugel, sondern eher ein Ellipsoid oder Ovoid. Er ist in der Mitte eines Mauerringes aus wahllos aufgesammelten und locker aufgeschichteten Steinen der Umgebung drapiert, flankiert von vier kleineren Rollkieseln. Die Anlage entspricht in ihrem heutigen Erscheinungsbild nicht der ursprünglichen Fundlage, sondern wurde erst in den 1960er Jahren gestaltet, die Quellenlage über den Stein ist jedoch wesentlich älter.
Der erste bekannte Bericht über die Steinkugel stammt von dem Schiffszahlmeister William J. Thomson. Im Jahr 1886 besuchte die erst ein Jahr zuvor in Dienst gestellte USS Mohican, ein Dampfschiff der U.S. Pacific Squadron unter dem Befehl von Commander Benjamin F. Day, die Osterinsel mit einem Forschungsauftrag der Smithsonian Institution. Die Mohican traf am 18. Dezember 1886 vor der Osterinsel ein und ankerte in der Bucht von Hanga Roa. Das Schiff blieb bis zum 30. Dezember 1886, und vor allem William J. Thomson sowie der Schiffsarzt George Cooke erkundeten die Insel und nahmen an einigen Stellen auch Grabungen vor. Thompson schreibt über „Plattform Nr. 34“ (gemeint ist der Ahu Te Pito Kura):
Der Philologe John Macmillan Brown (* 5. Mai 1845 in Irvine (Schottland); † 18. Januar 1935 in Christchurch), Professor am Canterbury College in Neuseeland, widmete sich nach seiner Emeritierung der Erforschung der pazifischen Region und schrieb mehrere Bücher über die Flora, Geschichte, Kunst und Anthropologie Ozeaniens. In seinem Hauptwerk The Riddle of the Pacific (Das Rätsel des Pazifiks) über die Kultur der Osterinsel, erschienen 1924, erwähnt er auch den Stein. Er nennt ihn „Te Pito Kura“ und beschreibt ihn als sorgfältig bearbeitete Steinkugel mit einem Durchmesser von 30 Inches (76 Zentimetern).John Macmillan Brown: The Riddle of the Pacific. T. Fisher Unwin, London 1924, S. 44.
Auch der Ethnologe Alfred Métraux erwähnt den Stein und bezeichnet „Te-Pito-te-Henua“ als den überlieferten Namen. Er meint, er könne im vagen Zusammenhang mit dem Durchtrennen des Nabelstranges von Ava rei Pua, Hotu Matuas Schwester, und ihrem kurz nach der Ankunft auf der Insel neugeborenen ältesten Sohn stehen (→ siehe die Legende von Hotu Matua).Alfred Métraux: Ethnology of Easter Island. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 160, Honolulu 1940.
Eine genauere archäologische Untersuchung des Fundortes unternahm der Anthropologe Carlyle Shreeve Smith (* 8. März 1915 in Great Neck (New York); † 13. Dezember 1993 in Kansas City) von der Columbia University im Rahmen der „Norwegischen Archäologischen Expedition zur Osterinsel und in den Ostpazifik“ von Thor Heyerdahl in den Jahren 1955/56. Er hat die Steinkugel vermessen, der Umfang beträgt 2,53 m und der Durchmesser 75 cm.
Ahu Te Pito Kura mini|Ahu Te Pito Kura mit Moai „Paro“ mini|Idealtypische Zeremonialplattform der Osterinselkultur Der Ahu Te Pito Kura, auch Te Pito Te Kura, ist eine der Zeremonialstätten (Ahu) der Osterinsel an der La Perouse Bay im Nordosten. Sie besteht aus einer steinernen Plattform mit rechts und links angesetzten Seitenflügeln aus runden und irregulär runden Rollkieseln. Die Plattform trug einst eine 9,80 m hohe Statue mit dem Namen „Paro“, die größte, die jemals auf der Osterinsel aufgerichtet wurde. Sie ist heute umgestürzt und in zwei Teile zerbrochen. Wahrscheinlich gehörte die Steinkugel ursprünglich zum westlichen, heute weitgehend zerstörten Seitenflügel des Ahu. Ob sie eine besondere Bedeutung hatte oder lediglich einer der zahlreichen Rollkiesel war, aus denen die Seitenflügel bestanden, ist nicht bekannt.
Name Gelegentlich wird die Bezeichnung „Te pito henua“ oder „Te pito o te henua“ als tradierter Name für die gesamte Osterinsel genannt. Der Amerikaner William Thomson, der die Insel 1886 besuchte, erfuhr, das sei eine Wortschöpfung des Stammvaters Hotu Matua, der sie bei der Landung am Strand von Anakena so getauft habe. Als Übersetzung gab Thomson an: „Nabel der Welt“.William J. Thompson: Te Pito Te Henua. Government Printing Office, Washington 1891, S. 452. Sein Schiffsarzt Cooke übersetzte ihn als „Das Land in der Mitte des Ozeans“.George H. Cooke: Te Pito Te Henua, known as Rapa Nui, commonly called as Easter Island, South Pacific Ocean. Report of the U.S. National Museum for 1897. Washington 1899, S. 708. Nach dem Wörterbuch von Pater Sebastian Englert bedeutet pito sowohl „Nabel, Nabelschnur“ als auch „Zentrum, Mitte“ und henua „Erde, Welt, Land“, aber auch „Plazenta“.Sebastián Englert: Idioma rapanui: gramática y diccionario del antiguo idioma de la Isla de Pascua. Universidad de Chile, 1978 (Neuauflage) Man könnte „Te pito henua“ als „Zentrum der Welt“ übersetzen, den Namen aber auch als assoziiert mit dem Geburtsvorgang der Welt interpretieren.
William J. Thomson erwähnt in seinem Bericht eine Legende der Rapanui über die Namensgebung der Osterinsel:
Die heute übliche Übersetzung des Namens Te Pito te Henua für die Steinkugel suggeriert, dass sie den Mittelpunkt der Insel (und damit der Welt der Rapanui) darstellt. Diese Interpretation dürfte aber nicht altüberliefert sein, denn tatsächlich war der Stein lediglich Bestandteil des Ahu Te Pito Kura.
Interpretationen Eine mündliche Überlieferung der Osterinsel besagt, die Steinkugel sei mit dem Stein identisch, den Hotu Matua von seiner Heimatinsel Hiva auf die Osterinsel gebracht habe.Karlo Huke Atan: Kultur, Philosophie, Geschichte der Osterinsel. Freiburg 1999, S. 26.
Der Stein beeinflusst eine Kompassnadel, daher werden dem Ort von Esoterikern ungewöhnliche Eigenschaften zugesprochen. Gesteinsmagnetismus ist jedoch bei vulkanischen Gesteinen, insbesondere bei Basalten, ein häufiges und keineswegs übernatürliches Phänomen.
In dem Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ von Erich von Däniken ist ein Foto aus den frühen 1960er Jahren abgebildet, das die Steinkugel in ihrer natürlichen Umgebung in der Nähe des Strandes, inmitten kleinerer, jedoch ansonsten gleicher Rollkiesel zeigt und nicht in ihrer heutigen Form und Anordnung. Er bezeichnet sie als „Götterei“ und betrachtet sie als „ursprünglich im Zentrum eines Sonnentempels gelegen“. Die Verehrung der Sonne als göttliches Wesen war aber zu keiner Zeit Gegenstand der Religion der Rapanui.Erich von Däniken: Zurück zu den Sternen. Econ Verlag, Düsseldorf/Wien 1969, S. 217–219.
Weitere Steinkugeln Mehr oder weniger perfekte Kugeln, Ellipsoide oder Ovoide aller Größen sind an den Stränden der Osterinsel häufig. Sie formen sich auf natürliche Weise aus vulkanischen Bomben, die von der Brandung hin und her bewegt werden. Die Rapanui nutzten sie in ihren Ahu-Bauten für die Stützmauern, aber insbesondere als Zierelemente in der Pflasterung der Rampen (poro).
Von Menschenhand bearbeitete Steinkugeln traten bei Ausgrabungen in mehreren Ahu zutage. Eine kleinere, perfekt geformte Basaltkugel (19,5 cm Durchmesser) wurde hinter dem Ahu Nau Nau am Anakena-Strand entdeckt.Thor Heyerdahl, Edwin N. Ferdon (Hrsg.): Archaeology of Easter Island. Band 1, Gyldendal, Kopenhagen 1961. Der Archäologe William Mulloy fand bei Ausgrabungen am Ahu Huri a Urenga im Südwesten der Insel zwei Steinkugeln aus Basalt (5,4 und 7 cm Durchmesser), die offenbar durch Abschleifen an einer rauen Oberfläche, etwa einem Schleifstein, gefertigt wurden, so dass zahlreiche kleine Facetten wie beim Edelsteinschliff entstanden. Ihr Zweck ist unbekannt.William Mulloy: A Solstice Oriented Ahu on Easter Island. In: Archaeology & Physical Anthropology in Oceania, Band 10, Nr. 1 vom April 1975, S. 27.
Eine andere Kugel (Durchmesser 16 cm) aus blasigem Basalt im Museo Nacional de Historia Natural in Santiago de Chile trägt zwei Makemake-Gesichter bzw. Makemake-Masken. Auf der Skulptur ist auf jeder Hälfte mit breiten Linien eine Maske graviert. Die Gesichter sind leicht asymmetrisch so platziert, dass ihre Scheitel sich etwas näher kommen als die Kinnladen. Die übergroßen Augen bestehen aus einem Ring mit eingetieften Höhlungen in der Mitte für die Pupillen. Woher das Artefakt stammt, ist nicht bekannt. Es wurde im Jahr 1937 von Pater Sebastian Englert dem Museum übergeben.Thor Heyerdahl: Die Kunst der Osterinsel. Bertelsmann Gütersloh 1975, S. 361, Tafel 175c
Sonstiges Den „Nabel der Welt“ als Darstellung des mythischen Mittelpunktes gab es in mehreren Weltkulturen und verschiedenen Jahrhunderten.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Osterinsel Kategorie:Kultstein Kategorie:Basalt