hochkant|mini|alt=Das Schwarz-Weiß-Foto ist eine Halbfigur-Aufnahme von Anna Pappritz, die schräg rechts aus dem Bild blickt. Die Frau in mittleren Jahren hat einen ernsten Gesichtsausdruck und trägt einen Zwicker. Ihr Haar ist nach hinten gekämmt und wirkt auf dem Oberkopf toupiert. Unter ihrer Bluse ragt ein weißer Hemdkragen hervor. Es ist eine große Schleife vor dem Hemdkragen zu sehen. Die Bluse ist mit vertikalen Steppnähten im Abstand von 3-4 Zentimetern verziert.|Anna Pappritz, 1904
Anna Pappritz (* 9. Mai 1861 in Radach bei Drossen in der Provinz Brandenburg; † 8. Juli 1939 ebendaMargit Göttert: „Mir sind die frauenrechtlerischen Ideen direkt eingeboren.“ Anna Pappritz (1861–1939). In: Ariadne. Heft 28, 1995, S. 50–55; hier: S. 55.) war eine deutsche Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Abolitionistin. Sie gilt als eine der führenden Expertinnen der „Prostitutionsfrage“ in Kaiserreich und Weimarer Republik und veröffentlichte zahlreiche Schriften zu den Ursachen der Prostitution und der Situation der Prostituierten. Es gelang ihr, den Abolitionismus in Deutschland, insbesondere in der deutschen Frauenbewegung, zu etablieren, der sich gegen Doppelmoral und Bestrafung von Prostituierten richtete. In der 1902 gegründeten Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, in deren Vorstand sie die einzige Frau war, vertrat sie die abolitionistische Minderheitsposition. Von 1904 bis 1934 war sie zweite bzw. erste Vorsitzende des deutschen Zweigs der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF). Zu ihren größten politischen Erfolgen gehörte das 1927 verabschiedete Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, mit dem die Strafbarkeit der Prostitution abgeschafft wurde.
Leben Kindheit und Jugend Ihre Eltern waren Pauline Pappritz, geborene von Stülpnagel, und Richard Pappritz, Besitzer eines Ritterguts in Radach in der Neumark (Provinz Brandenburg). Sie waren wohlhabend und hatten im Märkischen eine hervorgehobene gesellschaftliche Stellung inne. Anna Pappritz wurde 1861 auf dem Rittergut als fünftes Kind und drittes Mädchen geboren. Als sie zur Welt kam, waren ihre beiden älteren Schwestern bereits gestorben. Daher wuchs sie mit ihren drei Brüdern als einziges Mädchen auf dem Land auf. Die engste Beziehung entwickelte sie zu ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Richard. Anna Pappritz hat ihre Kindheit und Jugend später als isoliert und erdrückend und ohne intellektuelle Anregungen beschrieben. Sie erhielt Privatunterricht von Erzieherinnen und dem örtlichen Geistlichen. Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die die Klosterschule in Roßleben besuchten und danach universitäre und militärische Ausbildungen genossen, blieb ihr eine weiterführende Ausbildung verwehrt; auch Kontakt zu Altersgenossinnen hatte sie wenig. Mit 19 Jahren hatte sie einen Reitunfall und musste wegen schwerer innerer Verletzungen in einer Frauenklinik in Berlin operiert werden. An den Spätfolgen des Unfalls (unter anderem chronische Nervenschmerzen) litt sie ein Leben lang.
1877 starb der Vater mit 55 Jahren überraschend an einer Lungenentzündung. Die Mutter führte das Gut Radach in den nächsten sieben Jahren, bis 1884 der älteste Sohn Curt von Pappritz es übernahm und bald nobilitiert wurde. Pauline Pappritz zog daraufhin mit ihrer damals 23-jährigen Tochter und dem jüngsten Sohn Richard nach Berlin.
Leben als Schriftstellerin in Berlin Über Anna Pappritz’ erste Jahre in Berlin ist nur wenig bekannt. Ihr Bruder Richard besuchte ein Gymnasium und berichtete später begeistert vom Besuch von Theatervorstellungen. Bis zum Abschluss seines Studiums 1892 lebte er fast ununterbrochen mit seiner Mutter und Schwester in Berlin zusammen. Danach wohnten Anna und Pauline Pappritz allein in der Berliner Wohnung. 1893 veröffentlichte Anna Pappritz einen Novellenband (Aus den Bergen Tirols). Die Novellen behandeln zwischenmenschliche Themen in der Welt des ostpreußischen Landadels und von Offiziersfamilien. Sie spielen in Berlin und in Tirol, dessen Bergwelt Pappritz genau beschreibt. Ihre Biografin Kerstin Wolff attestierte ihrem Erstlingswerk, dass es flüssig und leicht zu lesen sei, aber die Figuren heute künstlich und stereotyp wirkten. Die Literaturwissenschaftlerin Alexandra Ivanova hat bereits in diesen frühen Veröffentlichungen Spuren der späteren frauenpolitischen Standpunkte gefunden.
Ein Jahr später veröffentlichte Pappritz den Roman Vorurteile – ein Roman aus dem Märkischen Gesellschaftsleben, in dem sie sich mit dem Weltbild ihrer großbürgerlichen Herkunftsschicht auseinandersetzte und die Konstellation ihrer Familie weitgehend widerspiegelte. Die Nebenfigur Hertha, die auf Pappritz selbst basiert, hat aufgrund einer Behinderung starke Schuldgefühle gegenüber ihrer Mutter und verzweifelt an einer rigiden, formelhaften Auslegung des Christentums, wie sie auch Pappritz in ihrer Jugend beigebracht wurde. Anders als Pappritz hinterfragt sie ihre Sozialisation jedoch nicht und begeht schließlich Suizid. Der Roman, so Kerstin Wolff, „zeigt die Vormachtstellung des männlichen Lebensweges, der auf weiblicher Ohnmacht basiert.“ In ihren Memoiren beschrieb Pappritz ihn später als „Beichte“ und berichtete, dass die Veröffentlichung zu einer „jahrelangen Entfremdung“ von ihrer Familie führte.Anna Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam. Unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 1908, Landesarchiv Berlin B Rep. B Rep. 235-13 MF-Nr. 3467-3470, online verfügbar hier, S. 23.
Kontakt zur Frauenbewegung hochkant|mini|alt=Das Schwarz-Weiß-Foto ist eine Halbfigur-Aufnahme von Hanna Bieber-Böhm, die schräg rechts aus dem Bild blickt. Die Frau in mittleren Jahren hat einen ernsten Gesichtsausdruck und trägt einen Zwicker, von dem eine Kette herunterhängt. Ihr Haar ist hinten dem Kopf zusammengebunden. Sie trägt eine Bluse mit Spitzenkragen, beides in dunklen Farben.|Hanna Bieber-Böhm, 1899 hochkant|mini|alt=Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt Minna Cauer in mittleren Jahren im Halbprofil. Sie schaut nach links aus dem Bild. Ihre Haare sind, ausgehend von einem Mittelscheitel hinter dem Kopf zusammengebunden, so dass ihr linkes Ohr völlig sichtbar ist. Ihr Mundwinkel ist heruntergezogen. Auf dem Kopf trägt sie einen Hut in dunkler Farbe, an dem vorne ein dunkler Schleier befestigt ist, der hinter dem Kopf sich in Drehung bis zur Schulter herunterwindet. Minna Cauer trägt eine dunkle Bluse mit einem funklen Kragen. Das Foto ist oben und unten abgerundet ausgeschnitten. Unter dem Foto steht „Frau Schulrat Cauer.“ in Frakturschrift. Die Wiedergabequalität des Fotos ist schlecht.|Minna Cauer, 1899 hochkant|mini|alt=Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt Josephine Butler mit fast fünfzig Jahren. Sie ist im Halbprofil zu sehen, da sie links aus dem Bild schaut. Sie sitzt leicht zum Tisch rechts neben ihr gebeugt und hat den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, ihre rechte Hand fasst an ihre rechte, nicht sichtbare Gesichtshälfte. Der andere Arm liegt in ihrem Schoß. Ihre Haare sind gescheitelt und hinten zusammengefasst, vermutlich in einem Dutt. Auf dem hinteren Oberkopf ist eine flache Kopfbedeckung befestigt, von dem ein Tuch oder Schleier bis zur Schulter herabfällt. Sie trägt ein Kleid mit bauschigem Rock und bauschigen Ärmeln. Der Kragen sowie die Ärmelenden sind mit Fell besetzt. Unter dem Kleid trägt sie eine helle Bluse, die unter dem V-Ausschnitt des Kleides und an den Ärmeln sichtbar ist. Der Blusenkragen ist mit einer Brosche geschlossen. Sie hat eine Kette mit einem Kreuz um den Hals, das Kreuz hängt auf Brusthöhe. Daneben hängt noch ein Kettenstrang bis in den Schoß. Auf dem Tisch liegt ein Buch, das vor ihrem aufgestützten Ellbogen zu sehen ist. Der Hintergrund ist eine einfarbige Wand, vor dem rechts ein Tuch hereinragt.|Josephine Butler, 1876
1895 reiste Anna Pappritz aus gesundheitlichen Gründen zum ersten Mal nach England. Sie logierte in einem Londoner Frauenclub, besichtigte Frauenbildungseinrichtungen und knüpfte Kontakte, durch die sie die Frauenbewegung kennenlernte. In einem 1908 verfassten Lebensbericht schreibt sie, dass sie hier zum ersten Mal von der Existenz der Prostitution und deren staatlicher Reglementierung erfahren habe. In ihren Romanen hatte sie über uneheliche Sexualität und außereheliche Verhältnisse geschrieben, doch von Prostitution im Sinne von gekauftem Geschlechtsverkehr hatte sie – zumindest nach eigenen Aussagen – noch nicht gehört.
Nach ihrer Rückkehr suchte sie den Kontakt zur deutschen Frauenbewegung, las die Werke der Frauenrechtlerin Helene Lange, besuchte Vorträge am Victoria-Lyceum und abonnierte die von Minna Cauer herausgegebene Zeitschrift Die Frauenbewegung. Sie besuchte die Treffen von drei unterschiedlich ausgerichteten Vereinen der Frauenbewegung: den Berliner Frauenverein von Helene Lange, den Verein Frauenwohl unter Minna Cauer und den Verein Jugendschutz von Hanna Bieber-Böhm. Pappritz bot ihre Mitarbeit an, was Minna Cauer annahm. Daraufhin betreute Pappritz – vermutlich bis 1899 – die neu gegründete Bibliothek zur Frauenfrage, die alle neuen, aber auch ältere Werke zur Frauenfrage sammelte. Durch das Prüfen und Lesen der Werke in der Frauenbibliothek entwickelte Pappritz ein fundiertes Wissen über die praktischen und theoretischen Fragen der deutschen Frauenbewegung. 1896 veröffentlichte sie in der Frauenbewegung ihren ersten frauenpolitischen Artikel („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“), in dem sich ihre Enttäuschung, keine fundierte Schulbildung erhalten zu haben, niederschlug.
Anna Pappritz’ Beitrag zur Etablierung des Abolitionismus im Deutschen Reich Anna Pappritz’ besonderes Interesse galt der Reglementierung der Prostitution. 1894 hatte Hanna Bieber-Böhm erreicht, dass sich die Frauenbewegung des Themas annahm, als eine von ihr eingebrachte Sittlichkeits-Petition vom Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) verabschiedet worden war. Bieber-Böhm war damit die anerkannte Expertin, die die offizielle Politik des Bundes Deutscher Frauenvereine in Bezug auf die Prostitution definierte. Sie setzte auf ein Programm aus Propaganda (Aufklärung), Prophylaxe und Bestrafung der Prostituierten. Pappritz hatte sich 1896 zunächst Bieber-Böhm angeschlossen. Bieber-Böhms propagierte Lösung des Prostitutionsproblems überzeugte sie jedoch nicht. 1898 berichtete Minna Cauer in der Frauenbewegung vom Kongress der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF) in London. Durch diesen Bericht hörte Pappritz erstmals von der abolitionistischen Bewegung und deren Gründerin Josephine Butler. Deren politische Ideen fanden bei ihr sofort großen Anklang. Sie begann, sich mit den Grundsätzen dieser Organisation, die sich für eine Abschaffung der staatlich reglementierten Prostitution einsetzte, zu beschäftigen.