Die Maryamiyya oder Tariqa Maryamiyya ist eine Sufi-Bruderschaft, die von Scheich Aissa Nureddin – Frithjof Schuon (1907–1998) – in den späten 1930er Jahren gegründet wurde. Sie ist ein Zweig der Überlieferungskette der Shādhiliyya-Darqāwiyya-Alawiyya mit Gemeinden in Europa, Nord- und Südamerika und in der islamischen Welt. Ihre Lehre beruht auf ihrem Verständnis der universellen Wahrheiten reiner Esoterik, und ihr Weg besteht aus den wesentlichen Elementen sufischer Glaubenspraxis.

Gründung Frithjof Schuon wurde 1907 in Basel in der Schweiz geboren. Protestantisch erzogen trat er im Alter von 14 Jahren zum katholischen Glauben über.Jean-Baptiste Aymard: Frithjof Schuon, 1907-1998 : connaissance et voie d'intériorité. In: Bernard Chevilliat (Hrsg.): Connaissance des religions : Frithjof Schuon. Avon (Seine-et-Marne)/Paris 1999, S. 2–3, 6 Schon früh zeigte er sich für die verschiedenen Ausdrucksformen des Heiligen empfänglich.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 6 Sein Vater vermittelte ihm nicht nur seine Bewunderung für die östlichen Weisheiten, den Islam und die amerikanischen Ureinwohner, sondern auch Liebe zur Jungfrau Maria.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 2, 84

Im Alter von 16 Jahren entdeckte er die Schriften von René Guénon, die seine eigenen Überzeugungen bestätigten und strukturierten.Jean-Baptiste Aymard: Frithjof Schuon, 1907-1998 : connaissance et voie d'intériorité. In: Bernard Chevilliat (Hrsg.): Connaissance des religions : Frithjof Schuon. Avon (Seine-et-Marne)/Paris 1999, S. 7 1931 begann er einen Briefwechsel mit ihm und erhielt den Rat, sich dem Islam und dem Sufismus zuzuwenden.William R. Dickson: René Guénon and Traditionalism. In: Muhammad A. Upal & Carole M. Cusack: Handbook of Islamic Sects and Movements, Volume 21. Brill, Leiden & Boston 2021, S. 599 Ende 1932 reiste Schuon nach Mostaganem in Algerien, wo er in den Islam eintrat, den Namen `Īsā (sprich: Aissa) erhielt und fast vier Monate in der Zaouia von Scheich Ahmad al-Alawi verbrachte, der ihm die Einweihung gab und seinen weiteren Namen Nūr al-Dīn (sprich: Nureddin).Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 31–32

Drei Jahre später kehrte er nach Mostaganem zurück, wo ihm, wie er berichtet, Scheich Adda Ben Tounes, der Nachfolger von Scheich al-Alawi, den Rang eines Muqaddam verlieh und ihn damit ermächtigte, Aspiranten in den Alawi-Orden aufzunehmen.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 37, 232 Nach seiner Rückkehr nach Europa richtete er in der Schweiz und in Frankreich Zaouias ein, in denen sich hauptsächlich Leser von Guénon versammelten.Jean-Baptiste Aymard: Frithjof Schuon, 1907-1998 : connaissance et voie d'intériorité. In: Bernard Chevilliat (Hrsg.): Connaissance des religions : Frithjof Schuon. Avon (Seine-et-Marne)/Paris 1999, S. 22William R. Dickson: René Guénon and Traditionalism. In: Muhammad A. Upal & Carole M. Cusack: Handbook of Islamic Sects and Movements, Volume 21. Brill, Leiden & Boston 2021, S. 600 Eines Nachts gegen Ende des Jahres 1936 wachte Schuon mit der Gewissheit auf, dass ihm das Amt eines spirituellen Lehrers, eines Scheichs, übertragen worden war, und mehrere seiner nahen Vertrauten berichteten von Träumen in derselben Nacht, die sein neues Amt bestätigten. Da jeder Sufi-Scheich unabhängig ist, wurde Schuons Gemeinde von da an zu einem eigenständigen Zweig der Alawiyya-Tariqa.Jean-Baptiste Aymard: Frithjof Schuon, 1907-1998 : connaissance et voie d'intériorité. In: Bernard Chevilliat (Hrsg.): Connaissance des religions : Frithjof Schuon. Avon (Seine-et-Marne)/Paris 1999, S. 23–24

Lehre und Methode Jeder spirituelle Weg hat eine Lehre und eine Methode.Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 78 Für die Maryamiyya lassen sich beide mit den Worten „Religio perennis“ (ewige Religion) zusammenfassen.Patrick Laude: Clefs métaphysiques de la Sophia perennis. Hozhoni, Lagorce (Frankreich) 2020, S. 385 Diese Religio ist aber weder als eine Religion unter anderen zu verstehen noch als eine Religion, die anderen überlegen ist.Patrick Laude: Remarks on Esoterism in the works of Frithjof Schuon. In: Sacred Web 4, Edmonton 1999, S. 62 Sie drückt vielmehr das zeitlose, ursprüngliche und allgültige Wesentliche aller Religionen aus; sie ist quintessenzielle Esoterik, sowohl in der Lehre wie in der Methode.Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. vii, xii, 97 Die Lehre besteht in der Metaphysik, vor allem in der Unterscheidung zwischen dem Absoluten und dem Verhältnismäßigen;Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 78, 177 und der Weg als Grundlage der spirituellen VerwirklichungPatrick Laude: Clefs métaphysiques de la Sophia perennis. Hozhoni, Lagorce (Frankreich) 2020, S. 542 beruht auf Gebet, Anrufung, Meditation und dem Üben von Tugenden.Patrick Laude: Remarks on Esoterism in the works of Frithjof Schuon. In: Sacred Web 4, Edmonton 1999, S. 59 Schuon zufolge ist eine Verwirklichung im geistigen Sinne nicht möglich ohne die Zugehörigkeit zu einer der Offenbarungsreligionen,Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 6 und obwohl alle grundsätzlich in Frage kommen,Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 87 war Schuon der Ansicht, dass „der Islam mit seiner Betonung des Wesentlichen, mit seiner Schlichtheit und Universalität besonders gut geeignet ist, die Religio perennis unvermittelt kundzugeben.“Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 185

Die spirituelle Methode der Maryamiyya beruht auf den grundlegenden Praktiken des Sufismus, angefangen bei dem rituellen Gebet (Salāt), der Anrufung des göttlichen Namens (Dhikrullah) und der individuellen Einkehr (Khalwa). Zum Nutzen seiner westlichen Schüler hatte Schuon ursprünglich die wesentlichen und verbindlichen Elemente des islamischen Gesetzes (Sharīa) betont, denn er hielt ein vollständiges Befolgen der Scharia durch Menschen westlicher Herkunft, die in westlichen Ländern lebten, für unrealistisch. Außerdem wollte er, in Übereinstimmung mit anderen Sufi-Meistern, den eigentlichen Schwerpunkt auf die Anrufung des göttlichen Namens legen anstatt auf das Ansammeln von verdienstvollen Taten.William R. Dickson: René Guénon and Traditionalism. In: Muhammad A. Upal & Carole M. Cusack: Handbook of Islamic Sects and Movements, Volume 21. Brill, Leiden & Boston 2021, S. 600–601Jean-Baptiste Aymard: Un portrait spirituel. In: Patrick Laude & Jean-Baptiste Aymard: Les Dossiers H : Frithjof Schuon. L’Âge d’Homme, Lausanne 2002, S. 26 Einige Formen dieser Lockerung haben sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bruderschaft Widerspruch hervorgerufen.Mark Sedgwick: Against the Modern World. Oxford University Press, Oxford 2009, S. 124–125

Schuon legte seine Philosophie – die Philosophia perennis – in rund zwanzig Büchern dar,William Stoddart: Remembering in a World of Forgetting, World Wisdom, Bloomington/IN 2007, S. 52 in denen er vor allem die Notwendigkeit des Gebets, der Tugenden, der Schönheit sowie eines Bewusstseins für die Krankheiten des Modernismus als wesentlich hervorhob, welche er einer traditionellen, gottbezogenen Mentalität gegenüberstellte.Harry Oldmeadow: Frithjof Schuon and the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. xiv, 14 Gemäss Schuon: „Was uns vor allem von gebürtigen oder konvertierten Muslimen — sozusagen auf 'psychologischer' Ebene — unterscheidet, ist dass unser Geist von vornherein auf die universelle Metaphysik (Advaita Vedānta, Schahāda, Risālat El-Ahadiyah) und den universellen Weg des göttlichen Namens (Japa Yoga, Nembutsu, Dhikr, Herzensgebet) ausgerichtet ist.“Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 53

Entwicklung Schuon lebte in weitgehender Anonymität und widersetzte sich jeglichem Bekehrungseifer in seinem Orden,Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. xviii, 221 dessen Existenz nur durch Mundpropaganda bekannt wurde. Als seine Schriften zunehmend Suchende anzogen, bildeten sich in Europa, Nord- und Südamerika und in einigen islamischen Ländern Gemeinschaften von Schülern.Mark J. Sedgwick: Traditionalism: The Radical Project for Restoring Sacred Order. Oxford University Press, Oxford 2023, S. 131 Er leitete sie von 1941 bis 1980 von Lausanne in der Schweiz aus und von 1980 bis zu seinem Tod im Jahr 1998 von Bloomington, Indiana, in den USA.

Schuon zählte auch Anhänger anderer Religionen zu seinen Schülern, die seinem Sufi-Orden zwar nicht angehörten, aber seine Perspektive der Religio perennis teilten und sich an die Riten und die Anrufungspraxis ihrer eigenen Religion hielten. Die Mehrheit von ihnen waren Christen, einige wenige Hindus, Juden und Buddhisten.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 51, 220

Maria Schuon berichtet, dass er im Frühjahr 1965 die erste von mehreren Visionen von Maria (arabisch: Maryam), der Mutter von Jesus, hatte, von denen seine arabischen Gedichte, Gemälde und Schriften zeugen.James Cutsinger: Colorless Light and Pure Air: The Virgin in the Thought of Frithjof Schuon. In: Sophia, The Journal of Traditional Studies 6-2, Washington, D.C. 2000, S. 164–165 Er sah in ihr seine spirituelle Schutzherrin und die Schutzherrin der Bruderschaft.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 99 1969 fügte er der Bezeichnung seines Ordens den Namen „Maryamiyya“ hinzu, woraus sich der vollständige Name als Tariqa Shādhiliyya-Darqāwiyya-Alawiyya-Maryamiyya ergab.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 99–100 Schuon zufolge:

Indianer Schuons Bewunderung für die Welt der amerikanischen Ureinwohner, die er bereits in seiner Kindheit empfand, blieb sein Leben lang bestehen.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 84 In den Sommern 1959 und 1963 hielt er sich mit seiner Frau im Westen der USA auf, wo er Beziehungen zu mehreren Stammesführern knüpfte; beide wurden 1959 in einen Stamm der Sioux Lakota und 1987 in den der Crow aufgenommen.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 85, 89, 118

Nach seiner Auswanderung in die USA (1980) wurde Schuon jedes Jahr von Thomas Yellowtail, Medizinmann der Crow und Anführer des Sonnentanzes, besucht. Während seiner ersten Aufenthalte in Bloomington brachte Yellowtail dem Ehepaar Schuon und einigen seiner Anhänger Tänze und Lieder seines Stammes bei, was dazu führte, dass die örtliche Gemeinde von Zeit zu Zeit Indian Days veranstaltete.Michael Fitzgerald: Frithjof Schuon Messenger of the Perennial Philosophy. World Wisdom, Bloomington/IN 2010, S. 85–116