Die Flamingos ()Deutscher und französischer Bildtitel in Dora Vallier: Henri Rousseau, 1961, S. 309 und Abbildung Nr. 151 sowie Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, 2001, S. 206. ist ein 1907Die meisten Autoren geben 1907 als Entstehungsjahr an, so Jean Bouret: Henri Rousseau, 1961, S. 227; Dora Vallier: Henri Rousseau, 1961, S. 309; Kyoto Municipal Museum (Hrsg.): The Joan Whitney Payson Collection, from Goya to Wyeth, 1980, Nr. 42; Cornelia Stabenow: Henri Rousseau. Die Dschungelbilder, 1984, Tafel 7; Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, 2001, S. 206. oder 1910Das Entstehungsjahr 1910 wurde vom Auktionshaus Christie’s bei der Versteigerung des Bildes 2023 angegeben. entstandenes Gemälde des Malers Henri Rousseau. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 114 cm und eine Breite von 163,3 cm.Die Größenangaben stammen aus Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, 2001, S. 206. Davon gibt es teilweise abweichende Angaben, die möglicherweise auf Ungenauigkeiten bei der Umrechnung amerikanischer Maßeinheiten in metrische Werte beruhen. Es zeigt eine Urwaldlandschaft an einem Fluss mit bunten Wasserpflanzen und eine Gruppe von Flamingos im Vordergrund, von denen sich der Bildtitel ableitet. Das im für den Künstler typischen naiven Stil gemalte Bild gehört zu Rousseaus Reihe der Dschungelbilder, in denen er seine Phantasie einer exotischen Welt darstellte. Das Gemälde befindet sich in Privatbesitz.
Beschreibung
Zu den frühesten Beschreibungen des Gemäldes Die Flamingos gehört die Schilderung des Motivs in einem 1912 erschienenen Zeitungsbericht anlässlich einer Ausstellung in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune.Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 208. Der Autor André Warnhold spricht darin von „rosafarbenen Flamingos, die an einem Fluss träumen“. Zudem erwähnt er in der Nähe befindliche hohe Seerosen, einen Wald im Hintergrund und zwei „petits nègres“ (wörtlich: kleine Neger) auf einer Insel.André Warnhold: Petites expositions. Exposition H. Rousseau. In Comoedia vom 30. Oktober 1912, S. 3. Die offensichtlichen Motive des Gemäldes sind mit dieser kurzen Aufzählung bereits erfasst.
Rousseau zeigt im Bild Die Flamingos eine tropische Flusslandschaft im Querformat, wobei das „leuchtende Blau des Flusses“Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, 2001, S. 206. etwa das untere Drittel des Bildes ausmacht. Hinter dem breiten Fluss sind entlang einer bildparallelen ockerfarbenen Uferlinie einige hohe dickstämmige Palmen mit dunkelgrünen Zweigen aufgereiht. Dahinter erscheint ein olivgrüner Wald mit dichter Vegetation. Darüber zeigt sich ein wolkenfreier nahezu monochrom-hellblauer Himmel. Die Vegetation des Waldes und der Himmel nehmen ebenfalls jeweils etwa ein Drittel des Bildes ein, sodass sich ein proportionaler Dreiklang der Bereiche Wasser, Erde und Himmel ergibt. Die klar gegliederte Bildordnung kontrastiert hierbei mit dem Sujet der Wildnis eines Urwaldes. Im Vordergrund auf der rechten Seite stehen auf einer sandfarbenen Fläche die titelgebenden Flamingos. Die vier Vögel sind in einer Reihe von links nach rechts der Größe nach aufsteigend angeordnet. Ihre zur Bildmitte ausgerichteten Körper werden jeweils von der Seite gezeigt, während die Haltung des Kopfes und die Stellung der Beine variiert. Ebenfalls in der rechten Bildhälfte findet sich in der Mitte des Flusses eine Sandbank oder Insel. Auf dieser kahlen braunen Fläche befinden sich drei schwarzhäutige Menschen. Zwei stehende Personen sind durch einen weißen Lendenschurz gekennzeichnet. Sie tragen diagonal vor dem Körper je einen langen Stock oder Speer. Links daneben sitzt in dunkler Kleidung eine dritte Person, die mit den Rücken zu den anderen auf einer langen Flöte musiziert. Auf der linken Bildseite finden sich im Vordergrund aus dem Wasser ragende Pflanzen mit langen Stängeln, grünen Blättern und auffälligen weißen, gelben und rosarfarbenen Blüten. Diese Pflanzen wurden von André Warnhold als Seerosen bezeichnet; den Kunsthistoriker Götz Adriani erinnerten die Pflanzen an Arabesken des Jugendstils. Mit den Blättern der Pflanzen assoziierte der Autor Michel Hoog die Form eines menschlichen Mundes, während die Pflanzen für ihn insgesamt wie Traumblumen wirkten.Michel Hoog, Carolyn Lancher: Le Douanier Rousseau, 1984, S. 192. Er und weitere Autoren bemerkten aber vor allem die enorme Größe der Blumen im Vergleich zu den Flamingos im Vordergrund und auch zu den Menschen auf der Sandfläche im Fluss. Adriani sah hier „eine Verkehrung der Proportionen, das heißt eine Minimierung von Tieren und Menschen zugunsten des ungehemmten Wachstums von Blättern und lotusartigen Pflanzen“. Das Gemälde weist den für Rousseau typischen naiven Malstil auf. Es ist links unten mit „Henri Rousseau“ signiert, aber nicht datiert.
Hintergrund: Vorbilder, Inspirationen und Einordnung in Rousseaus Werk Über das Leben und Werk von Henri Rousseau gibt es zwar zahlreiche Zeugnisse und Berichte, aber „wir wissen über Rousseau so wenig Exaktes wie über manche Künstler des Mittelalters“, wie sein früher Biograf Wilhelm Uhde feststellte.Wilhelm Uhde: Henri Rousseau, 1923, S. 22. Hinzu kommen Lücken und Widersprüche in Rousseaus Biografie. Vor diesem Hintergrund ist eine zeitliche Zuordnung seiner Werke teils nur vage möglich. Bekannt ist, dass Rousseau 1893 im Alter von 49 Jahren seinen Dienst als Zollangestellter quittierte, um sich ganz der Malerei zu widmen.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau, 2001, S. 9. Er hatte zuvor vermutlich als Autodidakt mit dem Malen begonnen und wurde dabei durch seinen Nachbarn, den für seine Orientmotive bekannten Maler Félix Auguste Clément, ermuntert.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau, 2001, S. 10. Durch dessen Empfehlung erhielt Rousseau 1884 die Erlaubnis, Kunstwerke im Louvre und weiteren staatlichen Museen kopieren zu dürfen. Auf Anraten des Malers Maximilien Luce stellte Rousseau ab 1886 regelmäßig seine Werke im Salon des Indépendants aus.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau. Die Dschungelbilder, S. 8. Seit dieser Zeit gehörten zahlreiche Künstler und Intellektuelle zu seinem Bekanntenkreis. Er war daher nicht künstlerisch isoliert, sondern stand im regen Austausch mit anderen zeitgenössischer Malern. Zu Beginn schuf Rousseau vor allem Porträts und Landschaftsansichten der Pariser Vororte, für die er in seiner Nachbarschaft Kunden fand.Wilhelm Uhde: Henri Rousseau, 1923, S. 32. Dazu gehört etwa das Motiv Vorstadtgegend (Privatsammlung), eine heimatliche Flusslandschaft, die bereits einen ähnlichen Bildaufbau wie das spätere Gemälde Die Flamingos aufweist.
1891 stellte Rousseau im Salon des Indépendants sein erster Dschungelbild mit dem Titel Surspris! (Überrascht) aus, bei dem es sich wahrscheinlich um das gleichnamige Gemälde in der National Gallery in London handelt.Philippe Büttner, Delia Ciuha: Henri Rousseau, S. 78. In diesem Bild zeigt Rousseau einen durch dichtes Blattwerk springenden Tiger, während im Hintergrund die Blitze eines Gewitters zu erkennen sind. Dieses eher bedrohlich wirkende Bild unterscheidet sich deutlich von den friedfertig erscheinenden Werken des Künstlers, die er zuvor gemalt hatte. Obwohl das Gemälde von dem jungen Maler Felix Vallotton positiv besprochen wurdeCornelia Stabenow: Henri Rousseau, 2001, S. 94. dauerte es 13 Jahre, bis Rousseau erneut Urwaldmotive ausstellte. Zwischen 1904 und seinem Tod 1910 zeigte Rousseau eine Reihe weiterer Dschungelbilder, von denen heute insgesamt 26 Werke bekannt sind. Hierzu gehört das großformatige Gemälde Die Schlangenbeschwörerin (Musée d’Orsay, Paris), das Rousseau 1907 im Salon des Indépendants zusammen mit zwei weiteren exotischen Landschaftsbildern ausstellte. Eine dieser exotischen Landschaften könnte das Gemälde Die Flamingos gewesen sein. Dafür sprechen einige motivische Ähnlichkeiten in den Bildern Die Flamingos und Die Schlangenbeschwörerin. Es sind die einzigen Dschungelbilder Rousseaus mit einer offenen Flusslandschaft, während die anderen Urwaldbilder im Vordergrund eine dichte Vegetation aufweisen. Zudem finden sich in beiden Bildern exotische Vögel – bei der Schlangenbeschwörerin ist es ein Löffelreiher.
Zu den exotischen Motiven in Rousseaus Werk gibt es die zu seinen Lebzeiten entstandene Legende, er habe in den 1860er Jahren als französischer Soldat in Mexiko gedient. Diese Geschichte wurde von Rousseaus Freunden, dem Schriftsteller Guillaume Apollinaire und seinem Biograf Wilhelm Uhde verbreitet.Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 156. Gegen Ende seines Lebens räumte Rousseau ein, „nie weiter gereist zu ein, als zu den Treibhäusern des Botanischen Gartens“ in Paris.Arsène Alexandre: La Vie et l’œuvre d’Henri Rousseau, peintre et ancien empluyé de l’Octroi in Comoedia vom 19. März 1910, S. 700, deutsche Übersetzung in Götz Adriani: Henri Rousseau. Der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 156. Tatsächlich war er in der fraglichen Zeit in den 1860er Jahren wegen Diebstahls kurzzeitig inhaftiert und danach für einige Jahre als Soldat in Angers stationiert. Da er nie im Ausland war, waren ihm auch keine eigenen Seherfahrungen in einem tropischen Land als Inspiration für das Gemälde Die Flamingos möglich.
Rousseaus Begeisterung für exotische Motive wurde möglicherweise bereits durch die Orientmotive seines Nachbarn Clément beeinflusst. Auch wenn Rousseau als Autodidakt gilt, ist in seinen Dschungelbildern der Einfluss anderer Maler erkennbar. So finden sich Motive aus den Gemälden von Jean-Léon Gérôme, Eugène Delacroix und Charles Verlat in den Bildern von Rousseau wieder.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau. Die Dschungelbilder, S. 16–19. Beim Gemälde Die Flamingos gibt es eine bildnerische Verwandtschaft zu den Werken des niederländischen Barockmalers Frans Post. Dieser hatte von 1637 bis 1644 zusammen mit Johann Moritz von Nassau Brasilien bereist und seine Eindrücke von der dortigen Landschaft in zahlreichen Gemälden festgehalten, die später in den Besitz des französischen Königs Ludwig XIV. gelangten. Acht dieser Gemälde befanden sich zu Rousseaus Lebzeiten im Pariser Musée national de la Marine, wo sie Rousseau gesehen haben könnte.Jacques Combe: Un Dounier Rousseau au XVIIe siècle: Franz Post (1612-1680), S. 481–489. So malte Post im Gemälde Der Ochsenkarren. Brasilianische Landschaft (heute Louvre, Paris) dunkelhäutige Einheimische an einem Fluss, ein Motiv, dass sich auch im Bild Die Flamingos wiederfindet.