Open Strategy beschreibt einen Ansatz in der Strategiearbeit in Unternehmen und anderen Organisationen, der durch das Einbinden großer Gruppen von Personen (innerhalb und außerhalb einer Organisation) geprägt ist, die normalerweise nicht Teil eines Strategieprozesses sind. Während Strategiearbeit traditionell nur einer kleinen, ausgewählten Gruppe aus dem Topmanagement vorbehalten ist, geht Open Strategy davon aus, dass die Qualität und der Erfolg von Strategien deutlich verbessert werden kann, wenn Akteure, die normalerweise nicht Teil eines Strategieteams sind, eingebunden werden. Dazu gehören zum Beispiel externe Technologie- und Marktexperten, Startups, laterale Denker, Kunden, Wertschöpfungspartner und Mitarbeiter.

Der Begriff „Open Strategy“ wurde in der Wissenschaft von Richard Whittington in einem Aufsatz im British Journal of Management im Jahre 2011 geprägt.R. Whittington, L. Cailluet, B. Yakis‐Douglas: Opening strategy: Evolution of a precarious profession. in: British Journal of Management, 2011, 22(3), S. 531–544. Während Open Strategy auf wissenschaftlichen Tagungen und in wissenschaftlichen Zeitschriften immer wieder diskutiert wurde, dauerte es einige Jahre, bis dieser Ansatz in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. In der Unternehmenspraxis sind Begriff und Anwendung von Open Strategy eng mit dem Unternehmensberater Stephan Friedrich von den Eichen verbunden. Durch das Buch Open Strategy von Stadler, Hautz, Matzler und Friedrich von den Eichen im Jahre 2021 wurde der Ansatz schließlich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.C. Stadler, J. Hautz u. a.; Open Strategy: Mastering Disruption from Outside the C-Suite. Cambridge, MA: The MIT Press 2021.

Ursprünge Open Strategy schließt an den Kerngedanken von Open InnovationChesbrough, H. W. 2003. Open Innovation. The new imperative for creating and profiting from technology: Harvard Business School Press. an, erweitert die Öffnung am „Innovation Front-End“ aber konsequent auf den gesamten Strategieentwicklungs- und -umsetzungsprozess im Unternehmen. Open Strategy beruht unter anderem auf Prinzipien von CrowdsourcingHowe, J. 2008. Crowdsourcing: How the power of the crowd is driving the future of business: Random House., der Theorie der kollektiven Intelligenz und Übertragen von lateralem Wissen. Crowdsourcing bedeutet eine Auslagerung von Tätigkeiten, die normalerweise innerhalb einer Organisation durchgeführt werden, an eine große Gruppe Externer und fand vor allem für Aufgaben in der Innovation, im Marketing und in der Verkaufsunterstützung große Anwendung.Afuah, A., & Tucci, C. L. 2012. Crowdsourcing As a Solution to Distant Search. Academy of Management Review, 37(3): 355-375. Die Theorie der kollektiven Intelligenz geht davon aus, dass eine Gruppe von Individuen gemeinsam bessere Entscheidungen treffen kann als einzelne Personen. Unter den folgenden Bedingungen kann eine Gruppe durchschnittlicher Menschen zu intelligenteren Entscheidungen kommen als die besten Experten: 1. Kognitive Diversität, 2. Unabhängigkeit (d. h. jeder kann unabhängig von Status und Hierarchie sein Wissen beitragen), 3. Zugang zu dezentralem Wissen und 4. eine Methode, dieses Wissen effektiv zu aggregieren.Surowiecki, J. 2004. The wisdom of crowds: why the many are smarter than the few and how collective wisdom shapes business, economics, society and nations: Little, Brown. Page, S. E. 2008. The difference: How the power of diversity creates better groups, firms, schools, and societies: Princeton University Press. Vor allem durch die Verbreitung von Social Software-Technologien sind die Kosten für die Einbindung großer Gruppen von Mitarbeitern oder unternehmensexternen Personen deutlich gefallen.Matzler, K., Füller, J., Hutter, K., Hautz, J., & Stieger, D. 2016. Crowdsourcing strategy: how openness changes strategy work. Problems and Perspectives in Management, 14(3): 450-460.

Dies hat zu einer steigenden Verbreitung von Praktiken geführt, die zunächst unter Begriffen wie Democratizing StrategyStieger, D., Matzler, K., Chatterjee, S., & Ladstaetter-Fussenegger, F. 2012a. Democratizing Strategy. California Management Review, 54(4): 44-68., Open StrategyWhittington, R., Cailluet, L., & Yakis‐Douglas, B. 2011. Opening strategy: Evolution of a precarious profession. British Journal of Management, 22(3): 531-544., Crowdsouring StrategyMatzler, K., Füller, J., Hutter, K., Hautz, J., & Stieger, D. 2016. Crowdsourcing strategy: how openness changes strategy work. Problems and Perspectives in Management, 14(3): 450-460., Open-Source StrategyNewstead, B., & Lanzerotti, L. 2010. Can you open-source your strategy? Harvard Business Review, 88(10): 32-32. oder Strategy as a Practice of ThousandsDobusch, L., & Mueller-Seitz, G. 2012. Strategy as a practice of thousands: the case of Wikimedia. Paper presented at the Academy of Management Proceedings. beschrieben wurden. In der Wissenschaft hat sich der Begriff „Open Strategy“ durchgesetzt – vor allem durch die Special Issue „Open Strategy: Transparency and Inclusion in Strategy Processes“ der Fachzeitschrift Long Range Planning im Jahre 2017, herausgegeben von Richard Whittington, Julia Hautz und David SeidlWhittington, R., Hautz, J., & Seidl, D. 2017. Open strategy: Transparency and inclusion in strategy processes. Long Range Planning, 50(3). sowie das „Cambridge Handbook of Open Strategy“ im Jahre 2019, herausgegeben von David Seidl, Georg von Krogh und Richard WhittingtonSeidl, D., von Krogh, G., & Whittington, R. 2019. Cambridge handbook of open strategy: Cambridge University Press. Open Strategy baut laut dieser Definition auf zwei zentralen Dimensionen auf: Transparenz von strategischen Informationen innerhalb und außerhalb des Unternehmens und aktives Einbeziehen von internen und externen Akteuren, die traditionell nicht am Strategieprozess beteiligt sind.Whittington, R., Hautz, J., & Seidl, D. 2017. Open strategy: Transparency and inclusion in strategy processes. Long Range Planning, 50(3). Welche Praktiken allerdings zur Öffnung gewählt werden und wie stark der Öffnungsgrad ist, hängt von vielen Begleitfaktoren ab.

In der Unternehmenspraxis geht die Verbreitung und Fortentwicklung des Open Strategy-Ansatzes auf das Beratungsunternehmen Innovative Management Partner (IMP Consulting) zurück. Ab 2011 wird der Ansatz zunächst für die Exploration von neuen Wachstumsräumen eingesetzt. Nach und nach durchzieht die „Open Philosophy“ die gesamt Strategiearbeit – getragen durch spezielle „Open-Werkzeuge“, wie „Open Trend Radar“, „Open Competence Arena“, „Kill-the-Concept“, „Nightmare Competitor Challenge“ u. a. Eine Vielzahl preisgekrönter Geschäftsmodell-Innovationen der letzten Jahre gehen auf den „Open Strategy“ Ansatz zurück.bspw. digitaler Spanngurt BPW, Solardachziegel Autarq, open Automation Plattform NUPANO

Motivation Eines der zentralen Motive für Open Strategy ist ein besserer und schnellerer Zugang zu externen Informationen für die Entwicklung von Strategien oder neuen Geschäftsmodellen. In einer Befragung von über 200 Topmanagern sagen 69 Prozent, dass Open Strategy zu einer größeren Vielfalt an strategischen Ideen geführt hat.Matzler, K., Stadler, C., Hautz, J., Friedrich von den Eichen, S., & Anschober, M. 2022. Open Strategy: Durch offene Strategieprozesse Disruption erfolgreich meistern. München: Vahlen Verlag. Der Nutzen von Open Strategy ist besonders bei disruptiven Veränderungen groß, da hier Geschwindigkeit und Zugang zu externem Wissen besonders wichtig sind.Stadler, C., Hautz, J., Matzler, K., & von den Eichen, S. F. 2022. Open up your strategy. MIT Sloan Management Review(Spring). Durch die Öffnung des Strategieprozesses und durch die Einbindung größerer Gruppen von Personen innerhalb und außerhalb des Unternehmens sollte ein besserer Zugang zu strategierelevantem Wissen erreicht werden, die Kreativität in der Strategie- und Geschäftsmodellentwicklung gesteigert, IsomorphismusDiMaggio, P., & Powell, W. W. 1983. The iron cage revisited: Collective rationality and institutional isomorphism in organizational fields. American sociological review, 48(2): 147-160. (d. h. mangelnde Differenzierung innerhalb einer Branche) und kognitive Verzerrungen und Gruppendenken vermieden, Silo- und Scheuklappendenken reduziert und die Akzeptanz und das Commitment für Strategien bei der Umsetzung gesteigert werden.Stadler, C., Hautz, J., Matzler, K., & Friedrich von den Eichen, S. 2022. Open up your strategy. MIT Sloan Management Review(Spring). Die Einbindung von Mitarbeitern aus unterschiedlichen Ebenen verbessert vor allem die Umsetzung der Strategie, da sie die Akzeptanz, das Verständnis und das Commitment deutlich steigern kann: 73 Prozent der befragten Unternehmen sehen einer Verbesserung der Umsetzung strategischer Initiativen durch Open Strategy, 72 Prozent eine verbesserte Kommunikation und ein höheres Verständnis der Strategie sowie 70 Prozent eine Erhöhung des Commitments und hohe Mobilisierung der Organisation für strategische Initiativen.Stadler, C., Hautz, J., Matzler, K., & Friedrich von den Eichen, S. 2022. Open up your strategy. MIT Sloan Management Review(Spring).

Methoden und Anwendungen Open Strategy kann in allen Phasen des Strategieprozesses eingesetzt werden (Ideengenerierung, Strategieentwicklung und Strategieumsetzung).Hautz, J., Matzler, K., Sutter, J., Hutter, K., & Füller, J. 2019. Practices of Inclusion in Open Strategy. In D. Seidl, R. Whittington, & G. Von Krogh (Eds.), Cambridge Handbook of Open Strategy: 87-105. Cambridge, UK: Cambridge University Press. Dazu sollte die Zielsetzung der Öffnung abgeklärt werden. Ist das Ziel höhere Transparenz zu ermöglichen, möglichst diverse Perspektiven und Ideen zu zukünftige Herausforderungen und Trends zu generieren, verschiedene strategische Alternativen zu evaluieren, aus Ideen konkrete strategische Pläne zu formulieren, oder Verständnis, Akzeptanz und Commitment für Strategie zu schaffen? Es kommen zur Erreichung dieser Ziele digitale wie analoge Methoden zum Einsatz. Diese reichen von Strategieworkshops mit internen und externen Teilnehmern, über Blogging, Wikis, Ideenwettbewerbe, Online Communities bis hin zu Prediction Markets, wie folgende Beispiele verdeutlichen:

Die englische Bank Barclays setzte im Jahre 2012 Workshops, Townhall Meetings und einen Online Strategy Jam ein, um alle 30.000 Mitarbeiter in einen Strategieprozess einzubinden. Der US-amerikanische Netzwerkausrüster Cisco startete im Jahre 2007 mit I-Prize einen weltweiten Wettbewerb, um über Crowdsourcing neue Geschäftsideen zu generieren. Es beteiligten sich weltweit 2.500 Personen, und der Sieger erhielt ein Preisgeld von 250.000 Dollar.Jouret, G. 2009. Inside Cisco's search for the next big idea. Harvard Business Review, 87(9): 43-45. Bei Ericsson beschäftigt sich die Online Community „Strategy Perspectives“, die aus mehr als 2.000 Mitgliedern in den unterschiedlichsten Funktionen mit Themen der Strategie, technologischen Trends, der Unternehmenskultur und Managementfragen. Dazu verfassen die Teilnehmer Berichte, Artikel und White Papers. Telefónica verwendet eine Online-Plattform, um über 125.000 Mitarbeiter und Mitarbeiter in Strategieprozesse zu involvieren. Im Jahre 2019 verzeichnete die Plattform mehr als 11,5 Millionen Interaktionen mit unterschiedlichen Beiträgen, Kommentaren und Reaktionen, durchschnittlich etwa 42.000 Interaktionen pro Tag. Der Hörgerätehersteller WS Audiology involvierte eine Reihe von externen Experten aus unterschiedlichen Organisationen und Branchen in den gesamten Strategieprozess, um Zukunftstrends zu identifizieren, Szenarien zu erstellen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.