mini|Salonwagen von Abraham Lincoln, „fabrikneu“ im Januar 1865, vorgespannt die Lokomotive W. H. WHITON der USMRR mini|Sonderzug für Präsident Grover Cleveland und davor posierendem Personal von Pullman, 1887 mini|Tief in der US-amerikanischen Polit-Folklore verankert: der „Whistlestop Train“, hier im Wahlkampf von Ronald Reagan 1984
Staatszüge in den Vereinigten Staaten waren Eisenbahnzüge, mit denen der US-Präsident Bahnreisen unternahm. Im Gegensatz zu den europäischen Hofzügen kamen dabei fast keine eigens dafür vorgehaltenen Wagen zum Einsatz, sondern es wurde meist auf Dienstsalonwagen der Bahngesellschaften oder Salonwagen zurückgegriffen, die die Gesellschaften zum Vermieten vorhielten.
Hinzu kommen die Wahlkampfzüge (Whistlestop trains), die nicht von staatlicher Seite bestellt und finanziert wurden, sondern aus den Wahlkampf-Fonds der Präsidenten oder Präsidentschaftskandidaten.
Geschichte Vorgeschichte Eisenbahnverkehr begann in den USA in der zweiten Hälfte der 1820er Jahre. So konnten die ersten US-PräsidentenEs handelt sich um die Präsidenten von George Washington bis James Monroe und deren Amtszeiten zwischen 1789 und 1825. davon noch keinen Gebrauch machen. Erst John Quincy Adams fuhr ab 1830 mit der Eisenbahn – das war allerdings schon nach seiner Amtszeit als Präsident. Er war damals Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus und nutzte die Bahn auf seinen Fahrten zwischen seinem Wahlkreis und Washington, D.C. So war er Fahrgast des Zuges, der 1833 den ersten schweren Eisenbahnunfall in der US-Geschichte verursachte.Withers, S. 1.
Solche Fahrten unternahm er als ganz gewöhnlicher Reisender. Überhaupt war der gesellschaftliche Abstand zwischen Bürgern und der politischen Spitze des Staates in den USA geringer als in der noch weitgehend ständisch organisierten Gesellschaft Europas. Auch die Fahrten von US-Präsidenten mit der Bahn waren anfangs wenig spektakulär.
Anfänge mini|Eine solche B&O Grasshopper-Lokomotive zog den Zug mit Präsident Andrew Jackson 1833.
Als erster Präsident im Amt nutzte Andrew Jackson am 6. Juni 1833 einen Zug bei einer Fahrt nach Baltimore. Die Fahrt mit der Bahn war vorher nicht geplant und fand auf dem schon befahrenen Teilstück einer noch nicht fertiggestellten Strecke der Baltimore and Ohio Railroad (B&O) statt. Den Zug mit dem Präsidenten und seinen Anhängern, die ihn an der Betriebsspitze der Strecke getroffen hatten, zog eine B&O Grasshopper nach Baltimore hinein, wo er deshalb eine Stunde zu früh ankam.Withers, S. 1f.
Die folgenden Präsidenten nutzten hin und wieder die zahlreichen privaten Bahngesellschaften, deren Streckennetze sich schnell entwickelten, zunehmend verknüpften und somit auch für längere und durchgehende Fahrten genutzt werden konnten. William Henry Harrison soll 1836 während seines ersten, nicht erfolgreichen Wahlkampfes die Wahlkampfrundreise mit dem Zug erfunden haben, was sich später zu der in den USA sehr ausgeprägten Kultur des Wahlkampfsonderzuges (siehe unten) entwickelte.Withers, S. 2.
Als William H. Harrison 1841 endlich Präsident geworden war, verstarb er bereits nach einem Monat im Amt. Sein Vizepräsident, John Tyler, hielt sich zu diesem Zeitpunkt zu Hause, in Williamsburg auf. Um ihn zu seiner Vereidigung möglichst schnell nach Washington, D. C., zu bringen, legte er die Strecke in einer Kombination aus Dampfschiffen und zwischendrin auch einem Sonderzug zurückJohn Tyler benötigte für die etwa 340 km 21 Stunden (Withers, S. 3)., der erste „Staatszug“ der US-Eisenbahngeschichte. Auch später in seiner Amtszeit nutzte der Präsident Sonderzüge.Withers, S. 3f. Dabei wurden Fahrzeuge eingesetzt, die sonst dem öffentlichen Verkehr dienten.
Präsident James K. Polk war der erste Präsident, der zu seiner Amtseinführung 1845 Washington, D. C., per Eisenbahn erreichteWithers, S. 4.. Auch sein Nachfolger, Zachary Taylor, kam mit dem Zug an.Withers, S. 5. Beide legten aber noch erhebliche Strecken der Reise mit anderen Verkehrsmitteln zurück.
Ära vor Pullman mini|Die Ansprache von der rückwärtigen Plattform: Hier Präsident William H. Taft, 1909
James K. Polk nutzte die Bahn auch während seiner Amtszeit weiterWithers, S. 4f., von seinem Nachfolger, Zachary Taylor, ist aus dessen kurzer Amtszeit dazu wenig bekannt. Millard Fillmore (1850–1853) fuhr mit Sonderzügen. Weiter wurden dazu Fahrzeuge eingesetzt, die sonst dem öffentlichen Verkehr dienten. Er weihte so unter anderem die Bahnstrecke New York–Dunkirk (am Eriesee) ein, mit einer Länge von mehr als 714 km damals die längste Bahnstrecke der Welt. Bei dieser Gelegenheit werden auch erstmals Ansprachen des Präsidenten von der rückwärtigen Einstiegsplattform des letzten Wagens im Zug erwähnt, eine über lange Zeit geübte Praxis in den Vereinigten Staaten.Withers, S. 5f. Ab Präsident James Buchanan (1857–1861) nutzten die Präsidenten regelmäßig Sonderzüge, wenn sie unterwegs waren.Withers, S. 6ff. Abraham Lincoln gestaltete die Fahrt zu seiner Amtseinführung nach Washington, D. C., als zwölftägige Rundreise in einem Sonderzug über die Strecken von 23 Bahngesellschaften.Beschreibung der Fahrt bei Withers, S. 14–24. Dem Hauptzug fuhr dabei meist noch ein Vorzug voraus. Die Züge waren nur tagsüber unterwegs, da es keine brauchbaren Schlafwagen gab. Es wurde in Hotels übernachtet.Withers, S. 14. Der überwiegende Teil des Bahnfahrten von Präsident Lincoln erfolgte im Zusammenhang mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg, die im Nachhinein bedeutendste war wohl die nach Gettysburg.Siehe: Gettysburg Address. In dieser Zeit wurden für die Reisen des Präsidenten zunehmend die bei fast allen Bahngesellschaften nun vorhandenen Salonwagen, die diese für ihr Management bereithielten, eingesetzt.Withers, S. 25, 387 (zeitgenössische Beschreibung des für die Fahrt nach Gettysburg genutzten Salonwagens).
Abraham Lincoln war auch der erste Präsident der Vereinigten Staaten, für den ein eigener Salonwagen gebaut wurde. 1863 in Auftrag gegeben, wurde er im Februar 1865 fertiggestellt. Er nutzte ihn zu Lebzeiten nicht mehr, warum ist nicht ganz klar. So kam es erst zum Einsatz, nachdem der Präsident am 15. April 1865 ermordet worden war, um den Leichnam vor der Beerdigung auf eine große Rundreise zu schicken, die etwa der Route entsprach, die er vor seinem Amtsantritt auf dem Weg nach Washington zurückgelegt hatte.Withers, S. 29, 338–346.
Dieser Versuch, einen eigenen Eisenbahnwagen für den Präsidenten vorzuhalten, war für lange Zeit der einzige. Präsidenten reisten weiterhin in Salonwagen, die ihnen von den Bahngesellschaften zur Verfügung gestellt wurden. Die Begleitung des Präsidenten bestand damals in der Regel aus nur wenigen Personen, Sicherheitsmaßnahmen gab es so gut wie keine.Withers, S. 37f. So reiste der Präsident auch als normaler Fahrgast in Regelzügen. Das aber verursachte inzwischen für Eisenbahner und Eisenbahnverwaltungen zunehmend Schwierigkeiten, so dass Präsident Rutherford B. Hayes (1877–1881) nach einer solchen Reise bemerkte:
Er nutzte die Bahn oft und war der erste Präsident, der in seiner Amtszeit eine große Rundreise durch das Land unternahm – diesmal selbstverständlich in einem Sonderzug mit Salonwagen aus den Beständen beteiligter Bahngesellschaften.Withers, S. 42–48, Karte: S. 47. Seine Nachfolger fuhren in der Regel in Salonwagen, auch wenn sie an planmäßige Züge gehängt wurden.
mini|Die typische, offene Endplattform, hier mit Theodore Roosevelt, 1905
Im Laufe der Entwicklung der amerikanischen Salonwagen wurde die eine Endplattform zunehmend vergrößert und zu einer Art Balkon umgestaltet, zu einem offenen Kanzelwagen. Diese Plattform wurde von Politikern genutzt, um Wähler zu adressieren oder von Präsidenten, um sich dem Volk zu zeigen. Wurden die Wagen für Management-Zwecke der Bahnen eingesetzt, ermöglichten diese Endplattformen eine bequeme Möglichkeit, die befahrene Strecke zu beobachten.
Ein Salonwagen, den US-Präsidenten häufiger nutzten, war der sechsachsige Dienstsalonwagen 120 der Pennsylvania Railroad, der 1872 für deren Direktor gebaut wurde. Es war der erste weltweit, der mit einer Badewanne ausgestattet war. Neben den US-Präsidenten Ulysses S. Grant, Rutherford B. Hayes und James A. Garfield nutzten ihn Edward, Prince of Wales, und Großfürst Alexander (III.) von Russland.Dost, S. 258.
Ein weiterer Salonwagen, den US-Präsidenten häufiger nutzten, war der ebenfalls sechsachsige Wagen Maryland. Ebenfalls 1872 gebaut – ursprünglich für den Präsidenten der Baltimore and Ohio Railroad (BO, B&O), John W. Garrett – war er 15,5 m lang, über 3 m breit und – zumindest anfangs – hellgelb lackiert. Das Fahrzeug war bei den Präsidenten sehr beliebt und wurde von Rutherford B. Hayes, Benjamin Harrison, Grover Cleveland und William McKinley genutzt.Withers, S. 389. 1908 wurde es an die Quebec Central Railway verkauft, in Sherbrooke umbenannt und war dem Generaldirektor der Bahn zugeordnet. Der stellte den Salonwagen auch anderen Prominenten zur Verfügung. 1959 wurde das Fahrzeug verschrottet.Withers, S. 390.
Pullmann-Wagen mini|Präsident Warren G. Harding mit seiner Frau auf der rückwärtigen Plattform eines Salonwagens, 1923 mini|Ansprache von Theodore Roosevelt von der Endplattform eines Salonwagens, 1902
Die Nutzung eines Pullmanwagens für einen (ehemaligen) Präsidenten wird im Zusammenhang mit der Heimfahrt von Rutherford B. Hayes 1881 nach der Vereidigung seines Nachfolgers erwähnt.Withers, S. 48.
Bereits 1877 baute die Pullman Palace Car Company (PPC) einen besonders luxuriösen Salonwagen der für 85 US$/Tag gemietet werden konnte, den Namen P. P. C. (Pullman Palace Car) erhieltWithers, S. 390., und von allen Präsidenten von Ulysses S. Grant bis William McKinley genutzt wurde.Withers, S. 391. Das Fahrzeug war mit Badewanne und Harmonium ausgestattetDost, S. 259 und erhielt 1887 elektrische Beleuchtung. 1892 wurde es auf 20,5 m verlängert und von Pullmans Witwe bis zu ihrem Tod 1920 genutzt und 1921 verschrottet.Withers, S. 391.
Die PPC hatte 1890 einen Pool von 23 Salonwagen vorrätig, aus dem bei Bedarf auch der US-Präsident Fahrzeuge bestellte, die Wagner Palace Car Company hatte sogar einen Zug aus sieben Wagen im Angebot.Dost, S. 259
Die Fahrten des Präsidenten in Sonderzügen waren spätestens ab der Amtszeit von Präsident Benjamin Harrison weitgehend formalisiert. Alle Unterlagen für die Fahrt waren mit „POTUS“ gekennzeichnet – ein Akronym für „President of the United States“. Streckengeher wurden aufgefordert, besonders wachsam zu sein, jede Meile wurde ein Wachmann postiert und an jeder Weiche, die der Zug befahren musste, eine Wache aufgestellt. Hilfszüge entlang der befahrenen Strecke wurden bereitgehalten, um jederzeit eingreifen zu können, wenn es ein technisches Problem gab, und eine Ersatzlokomotive folgte dem Zug, um bereitzustehen, sollte die Zugmaschine ein Problem haben.Withers, S. 58.
1897 und 1911 gab es je einen Versuch, einen eigenen Wagen oder Zug für den Präsidenten zu beschaffen, um die Fahrten bequemer und sicherer zu machen. Beide Versuche scheiterten.Withers, S. 393. So nutzten die Präsidenten bis zum Zweiten Weltkrieg weiter Salonwagen aus den entsprechenden Pools der Bahngesellschaften.