Kameradschaft ist eine Zuspitzung der Kollegialität innerhalb einer sozialen Gruppe, also einer nicht freiwillig geformten Gemeinschaft von mehr als zwei Personen. Sie beruht auf der Erwartung gegenseitiger Solidarität und baut in Abgrenzung zur Freundschaft nicht zwingend auf dem Gruppengefühl der Zuneigung auf.

Begriff Anwendungsbereich mini|21. Juli 1985: „Deutsch-deutsche Kameradschaft“ – Die DDR-Feuerwehr-Auswahlmannschaft der Berufsfeuerwehren (helle Uniformen) und die einzige Sportwettkampf-Mannschaft des Deutschen Feuerwehrverbandes, die FF Beselich-Obertiefenbach.Franz-Josef Sehr: Feuerwehr-Freundschaft begann zuvor – Beselich und Nationalmannschaft der DDR bei CTIF. In: Florian Hessen 7/2015. Henrich Druck+Medien, Wiesbaden 2015, S. 22–23. Der Begriff wird häufig im Zusammenhang oft überwiegend männlich zusammengesetzten und miteinander konkurrierenden Gruppen verwendet, etwa im Sport, im Militärwesen, in der Schule (Klassenkamerad), politischen Parteien oder anderen Zusammenschlüssen mit gleichem Ziel, Interesse oder Geisteshaltung. Im militärischen Zusammenhang der GefahrengemeinschaftSiehe etwa Gundula Gahlen: Das bayerische Offizierskorps 1815–1866. Schöningh, Paderborn 2011, ISBN 978-3-506-77045-5, S. 477. wird oft das Gemeinschaftsgefühl betont.Sven Grüneisen: Kameradschaft in Militärorganisationen – Kameradschaft in Extremsituationen, 2010. In: Uni-Bielefeld.de (online; PDF).

Bergsteiger bezeichnen sich gelegentlich als Bergkamerad, im Hinblick auf die gegenseitige Hilfe bei Gefahren im Gebirge. Kameradschaft ist bei der Feuerwehr üblich, auch international. Gleiches gilt auch in den helfenden Organisationen, dem THW, dem DRK und teils der Berg- und Wasserwacht.

Das linke politische Spektrum setzt häufig das sinngleiche Wort Genosse an die Stelle der Kameradschaft.

Wortherkunft Der Begriff Kamerad teilt seine Herkunft mit dem des Gefährten. Das französische Wort camarade wurde im 16. Jahrhundert in die deutsche Militärsprache übernommen. Der lateinische Ursprung ist das Wort camera für „Zimmer“ für eine „Stube für Soldaten“. Das Wort Kamerad wird im Dreißigjährigen Krieg geläufig und bald auch allgemein für Gefährte oder Genosse verwendet. Hinzu kam im 19. Jahrhundert das Eigenschaftswort kameradschaftlich.Kameradschaft, die. In: dwds.de.

Semantische Abgrenzungen mini|hochkant|Gustav Radbruch, Rechtsreferendarzeit 1902 In diesem Abschnitt wird die Kameradschaft von den Begriffen Kameraderie, Freundschaft und Genossenschaft abgegrenzt.

Kameraderie ist die übertriebene oder falsch verstandene Kameradschaft, zum Beispiel in Form des Vertuschens von Straftaten oder Missständen innerhalb der sozialen Gruppe gegenüber Außenstehenden aus der Furcht heraus, das Außenbild der gesamten Organisation könnte dadurch leiden.Sabine Lennartz: Kameraderie statt Kameradschaft in der Bundeswehr. Schwäbische Zeitung, 15. Februar 2017, abgerufen am 19. September 2024.

Die Übergänge von Kameradschaft zur Freundschaft sind oft unmerklich. Letztere beschreibt gleichwertige und stets freiwillige Zuneigung, ohne die Zwänge aus der eventuell gemeinsamen Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe. Die Freundschaft emanzipiert sich von der Kameradschaft insbesondere dann, wenn man aus der sozialen Gruppe ausscheidet, in der man einst Kamerad war.Gustav Radbruch: Kulturphilosophische und kulturhistorische Schriften (= Gesamtausgabe. Band 4). C.F. Müller, Heidelberg 2002, ISBN 3-8114-2156-5, S. 66.

Anders als in anderen Sprachen haben die Begriffe Genosse und „Kamerad“ eine eigenständige Bedeutung. Statt der kameradschaftlichen Solidarität innerhalb einer fremdbestimmten sozialen Gruppe beruht die Genossenschaft auf Vertrauen und einem gemeinsamen Ziel (vulgo Nutzen ziehen) innerhalb eines, häufig freiwilligen, sozialen Zusammenschlusses.

Missbrauch „Kameradschaft“ hießen die studentischen Zusammenschlüsse innerhalb des NSDStB in der Zeit des Nationalsozialismus. „Freie Kameradschaften“ ist ein häufiger Name neonazistischer Gruppen.

Allgemeine Ausprägung Kameradschaft in der Armee Kameradschaft beispielhaft in der Bundeswehr ist als Idealbild des Zusammenhalts im Soldatengesetz verankert und wesentlicher Teil der sogenannten Moral einer Armee. Es verpflichtet jeden Soldaten, einem anderen Soldaten in Not und Gefahr beizustehen. Sie definiert das notwendige Verhalten untereinander, ohne die eine Armee im Gefecht nicht standhalten kann. Beispiel ist die erste Hilfe gegenüber den verletzten Kameraden, zu der jeder Soldat verpflichtet ist, auch ohne medizinische Ausbildung.

Wesentlich entscheidend für den Erfolg einer Armee ist ihre gelebte Kameradschaft, das Vorbild durch Vorgesetzte, die Verlässlichkeit und das Vertrauen der Soldaten untereinander und wesentlich die autonome, selbst initiierte Auftragserfüllung (Eigenverantwortung). Toxische Gegenkraft einer vitalen Kameradschaft ist KorruptionAndrea SPILLINGER: ...die afghanische Armee [ist] in wenigen Tagen zusammengebrochen. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. August 2021, abgerufen am 19. September 2024., die entscheidend für den Verlust von Schlachten oder Kriegen sein kann. Auch die Zersplitterung der Verantwortlichkeiten in der Armee mindert oder verunmöglicht die Einsatzkraft einer Armee, wie das Beispiel der Bundeswehr nach der Wiedervereinigung Deutschlands zeigt.Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik: Vorschläge für eine neue deutsche Rüstungspolitik – Fragmentierung der Zuständigkeiten, in DGAP Policy Brief, Berlin 2020, Seite 4 Einzelheiten zu den Armeen in unterschiedlichen Epochen finden sich im Kapitel zur Historie.

Durchsetzung Kameradschaftserwartungen werden in Armeen auch mit Mitteln durchgesetzt, welche die Führung offiziell nicht kennt. Ein extremes Beispiel zeigt der Film Eine Frage der Ehre.Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Suhrkamp, Berlin 2014, ab S. 162. Die deutlich weniger gewalttätige Einübung von Treue und Kameradschaft ist die übliche Sozialisation der Rekruten zu Beginn ihrer Dienstzeit. Kameradschaft ist im Wesentlichen, niemanden unnötig bei Vorgesetzten anzuschwärzen (verpfeifen), sich gegenseitig zu helfen, kurzfristig für andere einzuspringen sowie lässliche Fehler nach außen zu kaschieren. Idealiter bildet sich so das Vertrauen, auf das in Not und Krieg zuverlässig zurückgegriffen werden kann.

Anders als das auf Gruppenausschluss zielende Mobbing gibt es in Armeen informelle Sanktionen, die den Betroffenen sog. einnorden und den Verbleib oder die Aufnahme in die Gruppe, vulgo dem Kameradenkreis absichern sollen. Diese reichen von Abwertungen, Beschimpfungen, einer zeitweisen sozialen Absonderung des Soldaten (abwertend: Kameradenschwein) bis hin drastischen Erniedrigungen. Lässt sich das der betroffene Soldat oder Polizist ohne Widerspruch oder Beschwerde bei den Vorgesetzten gefallen, ist die informelle Norm durchgesetzt und die „Abstrafung“ damit beendet. Ihre Form ist in Militär oder Polizei auch körperlich und gewaltbetont, während dies in Wirtschaft oder Verwaltung nicht geduldet werden darf.

Ranggleichheit (Peers) Tragende Säule der Kameradschaft ist die unter Ranggleichen. Zwischen Rangungleichen, also zwischen höheren und niederen Dienstgraden, vermindert sie sich mit zunehmendem hierarchischen Abstand deutlich. Ursache ist der prinzipielle Konflikt von Kameradschaft zu Befehl und Gehorsam.

Ranggleichheit ist das wesentliche und fördernde Element für Kameradschaft („kleiner Dienstweg“) und ist auch ohne gute Kenntnis seines Gegenübers ausübbar. Sie erlaubt eine reibungsfreie Zusammenarbeit, weil nur Gleichgestellte untereinander ohne Furcht vor negativen Konsequenzen bereit sein können, nötige Abweichungen von der Dienstvorschrift zuzulassen. In Militär, Polizei oder Feuerwehr unterrichten Uniformen schnell über den Dienstgrad, unter Ausschluss negativer Überraschungen aus einem unsichtbaren Hierarchieunterschied („graue Eminenzen“).

Die Form der Kameradschaft unter Ranggleichen unterscheidet sich stark danach, in welcher hierarchischen Ebene die Beteiligten tätig sind. Unter Offizieren führt sie oft zu informellen administrativen Netzwerken, gleich denen höherer Beamter oder leitender Angestellter in zivilen Organisationen. Das bietet den Weg, eigene Vorhaben oder Arbeitsprioritäten schneller als über den formalen („großen“) Dienstweg voranzutreiben. Unteroffiziere erleben Kameradschaft als Unterstützung im täglichen Dienstbetrieb (vulgo „schnell was regeln“) und Mannschaften erfahren sie häufig als gemeinsamen Schutz gegen ihre Vorgesetzten in Form des gemeinsam erlittenen Drills.Thomas Kühne: Zwischen Männerbund und Volksgemeinschaft: Hitlers Soldaten und der Mythos Kameradschaft. In: Archiv für Sozialgeschichte. Band 38, 1998, S. 165–189, hier S. 177 f. (PDF). Zur Förderung der Kameradschaft innerhalb der Dienstgradgruppe enthalten die Kasernen der meisten Armeen dedizierte Kasinos für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Edward A. Shills und Morris Janowitz Untersuchungen zur Kameradschaft innerhalb der besiegten Wehrmacht angestellt. Aus ihren Befragungen gefangener Wehrmachtssoldaten schlussfolgerten sie, dass deren Kampfbereitschaft vorrangig aus Pflichtgefühl und Kameradschaft entstand. Das Ergebnis wird eingeschränkt, weil der Personeneid auf Adolf Hitler, die Befehle ihrer Vorgesetzten, die NS-Ideologie sowie andere Motive wie Plünderung oder Mordlust von den Befragten mit Wahrscheinlichkeit verschleiert worden sind.

Die Bereitschaft, bis zum Ende zu kämpfen, hing den Untersuchungen zufolge vorrangig von der Moral der Gruppe, also der kleinsten Einheit unterhalb eines Zuges, ab. Erst nach deren Auseinanderbrechen wich dieser soziale Zusammenhalt auf und eröffnete erst dann die Möglichkeit zu desertieren.Edward A. Shills, Morris Janowitz: Cohesion and Disintegration in the Wehrmacht in World War II. In: Public Opinion Quarterly. Band 12, Nummer 2, 1948, S. 280–315.

Rangunterschiede Kameradschaft zwischen Vorgesetzten und Untergebenen ist deutlich schwieriger, weil es mit der Natur der Unterstellung kollidiert. Ein Untergebener kann kameradschaftliches Verhalten vom Vorgesetzten nicht einfordern, der Vorgesetzte muss von seiner Aufgabe her Verstöße gegen die Vorschriften oder die Ausbildungsinhalte ahnden. Er muss einen Grund haben, sie durchgehen zu lassen: wenn man in Notlage oder im Krieg ein verträgliches Miteinander besonders benötigt und so jeder auf den anderen angewiesen ist.Guy L. Siebold: The Essence of Military Group Cohesion. In: Armed Forces & Society. Band 33, Nummer 2, 2007, S. 286–295, DOI:10.1177/0095327x06294173 (Open Access).

Kameradschaftliche Verbundenheit zwischen unterschiedlichen Dienstgraden zeigt sich in vertraulichen Titeln, zum Beispiel der oder die „Mutter der Kompanie“ für den Spieß. Hier werden Anliegen der oder Konflikte innerhalb der untergebenen Ränge möglichst geschickt nach oben hin vertreten. In umgekehrter Richtung findet der Stelleninhaber einen besonders verträglichen Weg, Befehle der oberen Hierarchie passend umzusetzen oder sie abzumildern.

Kritik am Konzept Kameradschaft kann übermotivieren, zur Selbstüberschätzung verleiten oder zu Taten verführen, die man sonst nicht tut (sich etwas nur in der Gruppe trauen). Die Extremformen der Kameradschaft können sektenähnliche Züge annehmen: einen Familienersatz vorspiegeln, fanatisch handeln, sich selbst vernachlässigen sowie alle Brücken hinter sich abreißen, extreme Überzeugungen annehmen oder kriminell werden.Thomas Kühne: Kameradschaft. Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006.

Historische Ausprägungen Zeit der Romantik mini|Druckfassung von 1815