Die Schlacht bei NäfelsDie im entsprechenden Artikel der englischsprachigen Wikipedia verwendete Bezeichnung «Battle of Glarus» ist unüblich, zumal der Flecken Glarus von den Kämpfen verschont blieb. Von den verschiedenen Schauplätzen dieses Rückzugsgefechts in den heutigen Einheitsgemeinden Glarus und Glarus Nord wird in der Literatur am häufigsten der strategisch wichtige Engpass Näfels erwähnt, so von Erzherzog Karl, Jomini, Clausewitz, Miliutin, Bodart, Duffy. Allein (pars pro toto) verwendet wird er z. B. in: Helvetischer Revolutionsalmanach für das Jahr 1800. Orell, Füßli und Compagnie, Zürich (), S. LV: «Gefecht bey Näfels»; J. D. Fridolsheim. In: François Babié, Jacques Grasset Saint-Sauveur: Archives de l’honneur, ou Notices sur la vie militaire […]. 1. Band, Laurens aîné, Paris 1805, S. 137–141, hier S. 139 f. (): «la sanglante journée de Nœffels»; Armée du Danube. Campagne des années VII et VIII (1799) en Suisse. Rapport des opérations de la brigade du général Molitor, détachée dans les cantons de Schweiz et de Glaris (1). In: Le Spectateur militaire […] (Paris). 15. Mai 1831, S. 108–132, hier S. 128 (): «champ de bataille de Naffels»; Jules Nollet-Fabert: Le maréchal Molitor, 1770–1849. Extrait de la Lorraine militaire, galerie historique. Selbstverlag, Nancy 1851, S. 6–12, 39 f., hier S. 11 (): «couvrir le passage de Naffels»; Mémoires du maréchal-général Soult, duc de Dalmatie, publiés par son fils. 1. Teil, 2. Band, Amyot, Paris 1854, S. 272 (): «résistance invincible à Noefels»; Raymond d’Izarny-Gargas: Deux campagnes à l’armée d’Helvétie 1798–1799 […]. Henri Charles-Lavauzelle, Paris/Limoges 1890, S. 111 (): «combat de Nafels»; Albert Maag, Markus Feldmann: Die 2. helvetische Halbbrigade im Kampf um den Linthübergang bei Näfels. (1. Oktober 1799.) […] In: Der «Schweizer Soldat». 3. Jahrgang, Nr. 4, 16. Februar 1928, S. 20–22 (); Alexander Statiev: The Alpine Campaign of 1799 as a Stepping Stone to a Doctrine of Mountain Warfare. In: Tallinn University Press (Hrsg.): Estonian Yearbook of Military History. 9 (15) 2019, , S. 29–65, doi:10.22601/SAA.2019.08.02, hier S. 54/Anm. 84: «battle of Näfels». «Bataille de Naefels» ist auch das abgebildete Gemälde aus dem Nachlass von Molitor betitelt. am 1. Oktober 1799 (9. Vendémiaire Jahr VIII) war die blutigste Schlacht des Zweiten Koalitionskriegs.Gemessen am Prozentsatz der gefallenen und verwundeten Soldaten. Steven T. Ross: The A to Z of the Wars of the French Revolution. Scarecrow Press, Lanham, Maryland 2010, ISBN 978-1-4616-7238-8, S. 20, 36 (): «bloodiest action of the War of the Second Coalition». Mit dieser Niederlage endete die austro-russische Invasion der Helvetischen Republik, der letzte Feldzug, an dem der «unbesiegte Feldherr»Peter Hoffmann: Alexander Suworow. Der unbesiegte Feldherr. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1986, ISBN 3-327-00026-3, S. 6 («Suworow hat als Befehlshaber keine Schlacht verloren […]»), 199 (Schlacht bei Näfels unterschlagen). Suworow beteiligt war. Zwar konnten seine Truppen damals kampflos den Flecken Glarus besetzen, während seine Nachhut unter RosenbergWie Suworows anderer Korpskommandant Derfelden Deutsch-Balte. in der Schlacht im Muotatal einen Angriff der Franzosen Massena und Mortier abwehrte, doch besiegten deren Landsleute Molitor und Gazan bei Näfels seine Vorhut unter Bagration.Georgischer Fürst. Am 4. Oktober trat Suworow darauf den verlustreichen Rückzug über den Panixerpass an. In seinem Bericht an Kaiser Paul I.Beschluß der AmtsBerichte des Fürsten Suworow über seinen Feldzug in der Schweiz. In: Ludwig Ferdinand Huber (Red.): Allgemeine Zeitung. Stuttgart, 26. Dez. 1799, S. 1593 (); Georg Fuchs (Hrsg.): Correspondenz des Kais. Russ. Generalissimus, Fürsten Italiisky Grafen Alexander Wassiljewitsch Suworoff-Rimniksky über die Russisch-Oestreichische Kampagne im Jahre 1799. […] Aus dem Russischen übersetzt von Einem Preussischen Officier. 2. Theil, Carl Heymann, Glogau/Leipzig 1835, S. 223 (). erwähnte er die Niederlage mit keinem Wort. Stattdessen stellte er seinen Alpenzug als Serie glänzender Siege dar, obwohl er sogar einen Rückzug nach Italien erwogen hatte, was ein Eingeständnis völligen Scheiterns gewesen wäre.Alexander Statiev: The Alpine Campaign of 1799 as a Stepping Stone to a Doctrine of Mountain Warfare. In: Tallinn University Press (Hrsg.): Estonian Yearbook of Military History. 9, Nr. 15, 2019, doi:10.22601/SAA.2019.08.02, S. 29–65, hier S. 54/Anm. 84: «which would have been an admission of total failure».
Vorgeschichte
mini|hochkant|Suworows Feldzug in der Schweiz (Schlacht bei Näfels nicht eingezeichnet!) mini|hochkant|Strassenkämpfe in Zürich, 26. September 1799
Die Helvetische Revolution von 1798Holger Böning: Der Traum von Freiheit und Gleichheit. Helvetische Revolution und Republik (1798–1803) – Die Schweiz auf dem Weg zur bürgerlichen Demokratie. Orell Füssli, Zürich 1998, ISBN 3-280-02808-6; führte zu einer radikalen Änderung der schweizerischen Verfassung und zur militärischen Besetzung des Landes durch Frankreich. Dies laut dem Glarner Pfarrer Markus Freuler, weil die alte Verfassung «einem grossen Theil der Schweiz nicht mehr beliebig, und dem Geist des Volks nicht mehr angemessen war» und weil nur eine äussere Macht im Stande war, «dieses wichtige Werk auszuführen».Marcus Freuler: Kurze Geschichte des veränderten Schicksals und kriegrischer Auftritten, welche den alten Kanton Glarus vom Jahr 1798 bis 1801 [!] betraffen. Buchdruckerei Glarus 1800, S. 5 (). Damals verzichtete das Land Glarus, wo noch 1782 mit Anna Göldi eine Frau als Hexe hingerichtet worden war, auf seine Herrschaftsrechte in zahlreichen Vogteien,Baden, Freie Ämter, Gams, Gaster, Hurden, Locarno, Lugano, Maggiatal, Mendrisio, Rheintal, Sargans, Thurgau, Uznach, Weesen, Werdenberg. hielt aber an seiner alten Verfassung fest. Als seine Miliztruppen bei Wollerau besiegt wurden, entging es nur durch Annahme der neuen Verfassung einer militärischen Besetzung. Der Flecken Glarus wurde Hauptort des Grosskantons Linth,Mit den Distrikten Werdenberg, Neu St. Johann (bis 1801), Mels, Schwanden, Glarus, Schänis und Rapperswil. laut Freuler unter der «klugen Direktion» von Regierungsstatthalter Joachim Heer.Marcus Freuler: Kurze Geschichte des veränderten Schicksals und kriegrischer Auftritten, welche den alten Kanton Glarus vom Jahr 1798 bis 1801 [!] betraffen. Buchdruckerei Glarus 1800, S. 9 (). Doch trotz den gemachten Versprechungen kam es nach dem Vorstoss der Österreicher nach Graubünden zur Einquartierung französischer Truppen. Im April 1799 führte die Beschlagnahmung der Glarner Artillerie zu einem Aufstand. Als im Mai die Österreicher die Franzosen als Besatzungsmacht ablösten, kehrte das Land Glarus für kurze Zeit zum Ancien Régime zurück, wobei es sogar der Anstifter des Justizmords an Anna Göldi zu Regierungsehren brachte.Anna Göldis Arbeitgeber Johann Jakob Tschudi. Joachim Heer: Der Kanton Glarus unter der Helvetik. In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus. 6/1870, S. 13–67 (), hier S. 24. Im August marschierten dann erneut die Franzosen ein.Im Helvetischen Archiv des Landesarchivs Glarus klafft von Mai bis Oktober 1799 eine Lücke.
Während Bonapartes Ägyptenabenteuer weitete Grossbritannien seinen Kampf gegen das revolutionäre Frankreich durch Bündnisse mit Österreich, Russland und anderen monarchisch regierten Staaten zum Zweiten Koalitionskrieg aus. 1799 gewann eine austro-russischen Armee unter dem 68-jährigen Feldmarschall Alexander Suworow in Italien eine Reihe von Schlachten gegen Frankreich und dessen dortige Schwesterrepubliken. Als der «stets eigenwillige und reizbare Greis»Heinrich von Sybel: Geschichte der Revolutionszeit von 1789 bis 1800. 5. Band, Ebner & Seubert, Stuttgart 1879, S. 382 (). aber zur Belastung für die Koalition wurde, sollte er auf Vorschlag des britischen Aussenministers Lord Grenville bei Zürich zu seinem Untergebenen Generalleutnant Alexander Korsakow und dem österreichischen Feldmarschallleutnant Friedrich HotzeVon Richterswil, ursprünglicher Name Konrad Hotz, jüngerer Bruder des Arztes Johannes Hotze, politischer Gegner seines Cousins Heinrich Pestalozzi. stossen und mit diesen in Frankreich einfallen. Zuvor hatte Feldzeugmeister Erzherzog Karl von Österreich die Armée du Danube unter Divisionsgeneral André Massena auf die Linth-Limmat-Linie zurückgedrängt (Erste Schlacht bei Zürich), war dann aber durch Korsakow abgelöst worden.
Anders als eine verbreitete TheseFred Heer: Ungebetene Gäste. Das Glarnerland als Kriegsschauplatz oder: Wie der Krieg in unser Land kam. In: Ungebetene Gäste – das Kriegsjahr 1799. (= Jahrbuch 97. Historischer Verein Kanton Glarus 2017). Küng Druck AG, Näfels 2017, ISBN 978-3-85546-328-2, S. 128–185, hier S. 182 (). besagt, hatten die Österreicher keinen Einfluss darauf, dass Suworow zur Überquerung der Alpen die am Urnersee blockierbare Route über den Gotthard wählte.Otto Hartmann: Der Antheil der Russen am Feldzug von 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte dieses Feldzugs und zur Kritik seiner Geschichtschreiber. A. Munk, Zürich 1892, S. 23 f., 76–93 (). Auf dem Pass leisteten ihm die Franzosen starken, in der Schöllenen – entgegen der Legende – nur schwachen Widerstand.Theodor von Bernhardi: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des kaiserl. russ. Generals von der Infanterie Carl Friedrich Grafen von Toll. 2. Auflage. 1. Band, Otto Wigand, Leipzig 1865, S. 87–89 (); Otto Hartmann: Der Antheil der Russen am Feldzug von 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte dieses Feldzugs und zur Kritik seiner Geschichtschreiber. A. Munk, Zürich 1892, S. 112–123 (). Die russische Historienmalerei und das 12 m hohe Suworow-Denkmal in der Schöllenen spiegeln falsche Tatsachen vor. Insgesamt aber sollen 9000 Mann unter Divisionsgeneral Claude-Jacques Lecourbe den 21'000 Russen und Österreichern Verluste im Verhältnis von 1 zu 3 (2000 Mann zu 6000) zugefügt haben.Gaston Bodart (Hrsg.): Militär-historisches Kriegs-Lexikon (1618–1905). C. W. Stern, Wien/Leipzig 1908, S. 343 (). Zum Zeitpunkt der Zweiten Schlacht bei Zürich und der Schlacht bei Schänis (25./26. September) erreichte Suworow erst Wassen.Dmitri Miliutin: Geschichte des Krieges Rußlands mit Frankreich unter der Regierung Kaiser Paul’s I. im Jahre 1799. Übersetzung Chr. Schmitt, 4. Band, 6. Theil, Jos. Lindauer, München 1857, S. 43 (). Um aus der Sackgasse bei AltdorfAltdorf war am 4. April 1799 einem Brand zum Opfer gefallen. zu kommen, versuchte er, über den Chinzig Chulm Schwyz zu erreichen. Im Muotatal erfuhr er von den Niederlagen Korsakows gegen Massena und Hotzes gegen Divisionsgeneral Jean-de-Dieu Soult. Den Weitermarsch nach Norden verwehrten ihm die Truppen Massenas, den Rückzug nach Süden jene Lecourbes. Einen Ausweg bot die Route über den Pragelpass und das Klöntal ins Linthtal. Aus Letzterem hatte der kurz zuvor zum Brigadegeneral ernannte 29-jährige Gabriel Molitor seit dem 25. September gleich zwei österreichische Heerführer vertrieben: Generalmajor Franz Jelačić Richtung Sargans und Feldmarschallleutnant Friedrich Linken Richtung Surselva. Nachdem er Massena und Soult um Verstärkung ersucht hatte,George Sand (Pseudonym von Aurore Dupin): Histoire de ma vie. 2. Band, Michel Lévy frères, Paris 1856, S. 183 f. (); Otto Hartmann: Der Antheil der Russen am Feldzug von 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte dieses Feldzugs und zur Kritik seiner Geschichtschreiber. A. Munk, Zürich 1892, S. 144/Anm. 1 (); Jürg Stüssi-Lauterburg: Soult gegen Suworow 1799. 205. Neujahrsblatt der Feuerwerker-Gesellschaft (Artillerie-Kollegium) in Zürich auf das Jahr 2014. Beer, Zürich 2013, S. 54 f. hielt er am 30. September den österreichischen Generalmajor Franz Auffenberg im Klöntal auf. Gemäss Bodart verfügte Molitor über 3000 Mann, Jelačić über 4000, Linken über 3000 und Auffenberg über 2000; die gesamten Verluste Molitors hätten ca. 500 Mann, jene der Österreicher 1500 betragen.