Johannes Walter Harnisch (* 24. Juni 1883 in Berlin; † 10. Mai 1947 in Grafenau (Niederbayern)) war ein deutscher konservativer Journalist, Romanschriftsteller und Teilnehmer am Kapp-Putsch im März 1920. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Johannes W. Harnisch und Frank Wedderkopp.

Herkunft und Ausbildung Harnisch war ein Sohn des Kaufmanns Ernst Harnisch und dessen Ehefrau Agnes, geb. Harnisch.Standesamt Berlin-Charlottenburg, Eheregister, Eintrag Nr. 337/1915 vom 3. August 1915. Er besuchte in Berlin das Gymnasium und studierte danach an der Universität Jena Rechtswissenschaften und deutsche Literatur und Philologie. Er war „Finkenschaftler“, also Mitglied einer nicht korporierten, reformorientierten Studentenvereinigung.

Über seine Jugend- und Studentenzeit veröffentlichte er 1909 in der politisch-literarischen Zeitschrift Morgen – Wochenschrift für deutsche Kultur, dem Vorläufer von Nord und Süd, einen selbstironischen Essay „Erlebnisse mit Haeckel“.Morgen – Wochenschrift für deutsche Kultur Nr. 9, 25. Februar 1909, S. 329–331 [Internet Archive]

Journalist und politischer Publizist

Im Kaiserreich Nach dem Studium begann Harnischs Einstieg in den Zeitungsjournalismus. Ab Herbst 1906 arbeitete er bei der Rheinisch-Westfälischen Zeitung (RWZ) in Essen, einem rechtskonservativen, der Schwerindustrie nahestehenden Blatt. Harnisch galt als tüchtig und gewann bald das Vertrauen von Chefredakteur Heinrich Pohl und des Verlegers Theodor Reismann-Grone, der gemeinsam mit Alfred Hugenberg den Alldeutschen Verband gegründet hatte. Die Linie der RWZ war entsprechend nationalistisch, imperialistisch und teilweise völkisch. Die Zeitung entsandte Harnisch 1907 als Hauptstadtkorrespondent nach Berlin.

Ende 1907 kam es zum Zerwürfnis im Streit um Harnischs Berliner Lebenswandel, Dienstwohnung, Unregelmäßigkeiten der Spesenkasse, ein Arbeitgeberdarlehen sowie um seine publizistische Parteinahme für Maximilian Harden. Nach Harnischs Darstellung kündigte er selbst im Januar 1908, um die Zeitung im Sommer zu verlassen. Im März 1908 beteiligte sich Harnisch am mehrtägigen Journalistenstreik im Reichstag, mit dem die Parlamentskorrespondenten gegen eine Beleidigung („Saubengels“) durch den Zentrums-Abgeordneten Adolf Gröber protestierten. Darüber eskalierte der Streit mit seinem Arbeitgeber noch einmal, so dass er Ende März 1908 telefonisch fristlos entlassen wurde. Da Harnisch seine Entlassung in Journalistenzirkeln einseitig darstellte und dies von einigen Zeitungen berichtet wurde, griff am 15. April 1908 RWZ-Chefredakteur Pohl seinen bisherigen Korrespondenten in einem Leitartikel „In eigener Sache“ frontal an. Harnisch sei in Berlin „vollständig entgleist“. Pohl warf ihm in harten Worten Pflichtverstöße, Vertrauensmissbrauch, Unterschlagung und anderes vor. Harnisch legte seinerseits die Streitpunkte offen und wehrte sich öffentlich in einem ausführlichen Artikel in Hardens Die Zukunft.„Die Rheinisch-Westfälische und ich“. Die Zukunft 63. Jg., 2. Mai 1908 S. 215–223 [Google Books]

Nach seiner Entlassung begann Harnisch vermehrt für Zeitschriften wie Die Zukunft zu schreiben. So verfasste er Beiträge für Eberhard Froweins und Artur Landsbergers Morgen – Wochenschrift für deutsche Kultur und Neue Revue – Wochenschrift für das öffentliche Leben sowie deren gemeinsamen Nachfolger Nord und Süd oder auch für Friedrich Naumanns Die Hilfe oder Rezensionen für Siegfried Jacobsohns Die Schaubühne.

Einer größeren Öffentlichkeit fiel Harnisch als Fürsprecher des Enthüllungsjournalisten Maximilian Harden auf, dem Herausgeber der Wochenschrift Die Zukunft, in der Harden-Eulenburg-Affäre und den nachfolgenden Sensationsprozessen. Unter dem Pseudonym Frank Wedderkopp beteiligte er sich mit zwei Streitschriften – Harden im Recht? (1909)[Unter Pseudonym: Frank Wedderkopp.] Harden im Recht? Eine Betrachtung. Hermann Walther Verlagsbuchhandlung, Berlin 1908 [Volltext-Digitalisat, Staatsbibliothek Berlin] und Harden, Eulenburg und Moltke (1908)[Unter Pseudonym: Frank Wedderkopp.] Harden, Eulenburg und Moltke. Hermann Walther Verlagsbuchhandlung, Berlin an der Harden-Kontroverse, die mit zahlreichen Pamphleten ausgetragen wurde. Die Broschüren wurden selbst Gegenstand der Berichterstattung. Seine Schriften zeugten von detaillierter Kenntnis von Hardens Absichten und seinem Prozessmaterial, da er spätestens ab 1907 mit Harden eng befreundet war.„Eine Broschüre zu Gunsten Hardens (Originalkorrespondenz der Neuen Freien Presse)“. Neue Freie Presse, 23. Mari 1908 [ANNO ÖNB] Er ergänzte dies mit Beiträgen in Wochenschriften wie dem Morgen.„Eine Anfrage / An den Fürsten Eulenburg“. Morgen – Wochenschrift für deutsche Kultur Nr. 8, 21. Februar 1908, S. 239–241 [Google Books]„Noch ein Nachspiel zu den Harden-Prozessen“. Münchner Neueste Nachrichten 61. Jg., Nr. 71, 13. Februar 1908, S. 2 [MDZ]

Besonders im Morgen veröffentlichte Harnisch um 1908/09 regelmäßig und erreichte dort unter vielen prominenten Autoren ein anspruchsvolles intellektuelles Publikum. Sehr ernste Aufsätze und legere, oft ironische Stücke wechselten einander ab. Im Beitrag „Präventivkriege“ versuchte er beispielsweise differenziert, die Rechtfertigung der „angriffsweise begonnenen Verteidigungskriege“ zu ergründen. Sie seien nicht zu verantworten, wenn sie einer hohlen Prestige-Politik dienten, kein innerer Zwang zu ihnen bestehe und ihre Folgen unkalkulierbar seien.„Präventivkriege“. Morgen Wochenschrift für deutsche Kultur, 2. Jg., Nr. 28, 10. Juli 1908, S. 895–899 [Internet Archive] Seine Kolumne „Politisches Glossarium“ griff aktuelle Themen und Begriffe teils satirisch auf. Insbesondere setzte er sich mit dem Journalismus der Kaiserzeit auseinander, etwa in „Reporterpolitik“ mit der Nähe zwischen Journalisten und Politikern.„Politisches Glossarium : Reporterpolitik“. Morgen Wochenschrift für deutsche Kultur, 2. Jg., Nr. 41, 9. Oktober 1908, S. 1347–1351 [Internet Archive] Erkennbar wird eine Positionierung für einen Übergang zum Parlamentarismus und eine Zurückdrängung des Kaisers aus der Regierungspolitik, zudem eine Abgrenzung gegen „demagogischen Radaukonservatismus“. Doch Harnischs Eintreten für eine imperialistische Außen- und Kolonialpolitik, die Interessensphären sicherte und expansiver vorging, ließen ihn allmählich von nationalliberalen Positionen zur äußersten Rechten rücken.

Ab 1910 war Harnisch für einige Jahre Herausgeber und Redakteur der Korrespondenz Deutsch-Uebersee.Deutsch-Übersee : Korrespondenz des Aktionsausschusses der Deutschen Kolonialgesellschaft ZDB-ID 548624-5 Dieser Pressedienst verbreitete Mitteilungen und Artikel des Aktionsausschusses der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), deren Präsident Johann Albrecht Herzog zu Mecklenburg war. Zu dieser Zeit war die DKG eine mitgliederstarke Organisation mit großem Einfluss auf öffentliche Meinung und das Mitte-Rechts-Parteienspektrum. Harnisch machte sich auf dieser Plattform einen Namen. In der politischen Kontroverse um das diplomatische Nachgeben Deutschlands in der zweiten Marokkokrise 1911 veröffentlichte Harnisch seine Broschüre Marokko-Rückzug?, eine scharfe, polemische Abrechnung mit einer aus seiner Sicht zu unentschlossenen Außen- und Kolonialpolitik.

Er vertrat die Position, dass die von Kaiser Wilhelm II. persönlich verfolgte aggressive Kanonenbootpolitik („Panthersprung nach Agadir“) gerechtfertigt war, um Frankreich zur Abtretung eines Kolonialgebiets in Südmarokko zu zwingen. Den deutschen Verzicht nach britischer Intervention, der zum Marokko-Kongo-Vertrag führte, beurteilte Harnisch als Regierungsversagen von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und des Kaisers und verglich die „Agadirschmach“ als diplomatische Niederlage mit der Olmützer Punktation von 1850. Harnischs Pamphlet entfaltete in der deutschen und internationalen Presse ein substanzielles Echo.Zum Beispiel „Die Marokkofrage : Marokko-Rückzug?“. Ostdeutsche Rundschau, 23. August 1911, S. 3 [Zeitungsportal]

Seine Aussagen ließen ihn als Stimme des Alldeutschen Verbandes erscheinen, was Harnisch jedoch nicht recht war. Dabei spielte sicher eine Rolle, dass sein früherer Arbeitgeber RMZ mit dem Verband identifiziert wurde. Im Marokko-Buch distanzierte sich Harnisch im Vorwort (14. August 1911) ausdrücklich: Er sei „kein Alldeutscher“ und verwahre sich gegen eine Vereinnahmung, weil „die alldeutschen politischen Auffassungen und Forderungen zum erheblichsten Teile nicht die meinen sind“. Er habe „mit den Herren nichts zu schaffen, sie nichts mit mir“.Marokko-Rückzug? Verlag von Karl Curtius, Berlin 1911 [Google Books 1] [Google Books 2]

Harnisch trug in Deutsch-Uebersee zur Verschärfung und Polarisierung des Rassismus bei. Beispielsweise trat er im Kontext der Mischehendebatte von 1912 für eine klare Rassentrennung nach dem Vorbild der Buren Südafrikas ein und wandte sich gegen jede „Blutmischung“ zwischen weißen deutschen Siedlern und Indigenen in den deutschen Kolonien. Er unterstützte die Politik des Reichskolonialamts interkultureller Eheverbote und Entrechtung von Mischlingen. Die Reichstagsinitiative von Zentrum und SPD, die diese Politik beenden sollte, nannte Harnisch das „Greisenkind jener vermoderten und verschimmelten Rousseau’schen Wahnideen von der Gleichartigkeit aller Menschen“, die von „der Wissenschaft“ widerlegt seien. Der Staat müsse die Verbindungen „leider tolerieren; niemals aber darf er sie anerkennen, niemals diese Gräuel, die allein die sexuelle Not im einzelnen Falle einmal entschuldbar erscheinen lassen kann, auf die Ehrenstufe der Ehe erheben“, weil der Weiße „an seiner Rasse damit frevelt“.„Fuer die Rassenvermischung“. In: Deutsch-Uebersee, 1912 [kein genaues Datum]. Bundesarchiv, Mischehen und Mischlinge. – Allgemeines, R 1001/1417 Bd. 1, Blatt 95–96 [im Viewer 104–105/334] [Digitalisat]

Ob Harnisch Weltkriegsteilnehmer war, ist nicht bekannt.

Weimarer Republik Für Scherls konservative Tageszeitung Berliner Lokal-Anzeiger berichtete Harnisch als Korrespondent ab Februar 1919 von der Weimarer Nationalversammlung. Gemeinsam mit der Zeichnerin Hildegard Arminius legte er im Mai 1919 eines der ersten Bücher überhaupt zu diesem Parlament vor. Skizzen und Stimmungen aus dem Weimar der Nationalversammlung enthielt unterhaltsame Anekdoten, informell–menschliche Beobachtungen und Kurzporträts aus dem Alltag der Politiker, Beamten, Journalisten und Hilfskräfte in Weimar während der Tagungswochen.Skizzen und Stimmungen aus dem Weimar der Nationalversammlung. Mit Zeichnungen von Hildegard Arminius. Verlag August Scherl, Berlin 1919 [HathiTrust]