Islamische Architektur nennt man die Architektur, die seit dem 7. Jahrhundert unter dem Einfluss der islamischen Kultur in den Gebieten der islamischen Welt hervorgebracht wurde. Obwohl der Begriff eine Zeitspanne von 1400 Jahren und einen weiten geografischen Raum einschließt, weist die islamische Architektur in ihren regionalen Ausprägungen über Zeit und Raum hinweg gemeinsame, charakteristische Eigenschaften in ihrer architektonischen Gestaltung und Baudekoration auf, die sie als solche erkennbar machen: Die Architektur ist durch die künstlerische Tradition der islamischen Welt geprägt. Sie entstand in einem dynamischen Wechselspiel der Aneignung bestehender Traditionen der Vorgängerkulturen von Rom, Byzanz, der persischen Sassaniden und des vorislamischen Arabiens und deren Einbezug in neues System von Nutzungs- und Bedeutungszusammenhängen auf dem Boden des neuen religiösen, gesellschaftlichen und politischen Systems des Islam.

Viele der in diesem Artikel erwähnten Bauwerke sind als UNESCO-Welterbe anerkannt; manche davon, wie beispielsweise die Zitadelle von Aleppo, sind zurzeit durch Bürgerkriege zerstört oder von der Zerstörung bedroht.UNESCO:„Syria’s Six World Heritage sites placed on List of World Heritage in Danger“ vom 20. Juni 2013, abgerufen am 1. Februar 2016

Ursprünge und Aneignung mini|Eine Trompe im vorislamischen Palast Ardaschirs. Die einfache und doch effektive Technik zum Bau der Kuppelbauten war der wichtigste persische Beitrag zur islamische Architektur.

Deutlich ausgeprägter als in Westeuropa – zumindest nach der Karolingerzeit – hat die islamische Architektur Prinzipien der antiken Architektur bewahrt. Bis ins 11. Jahrhundert hinein haben die Baustile zweier Weltregionen die islamische Architektur geprägt: Südwestanatolien, Syrien, Ägypten und Nordafrika, insbesondere die Gebiete des ehemaligen Byzantinischen Reichs. Die byzantinische Architektur stellte den neuen islamischen Herrschern fähige Architekten, Maurer, Mosaikleger und andere Handwerker zur Verfügung. Mesopotamien und Persien: Trotz der schrittweisen Übernahme hellenistischer und römischer Einflüsse haben sich in diesen Gebieten unabhängige Formen und technische Traditionen erhalten, die die islamischen Herrscher vom Sassanidenreich übernehmen konnten. Dieses war vom römischen und byzantinischen Reich unabhängig geblieben, besonders im Bereich der repräsentativen Kunst und Architektur hatte sich die Formensprache der beiden Reiche gegenseitig beeinflusst.

Der Übergangsprozess zwischen der spätantiken oder post-klassischen und der islamischen Architektur wird anhand archäologischer Funde in Nordsyrien (dem „Bilad al-Scham“ der Umayyaden- und Abbasidenzeit) besonders deutlich. In dieser Region erwies sich nicht nur der Einfluss der spätantik-christlichen Architektur als bedeutsam, sondern auch die Einbeziehung des vorislamischen arabischen Erbes der neuen Herrscher. Die neuere islamische Kunst- und Architekturgeschichte hat mehrere Positionen früherer, teils von kolonialistischen Vorstellungen geprägter Forscher in Frage gestellt. Speziell werden folgende Fragestellungen unter neuen Aspekten diskutiert: Das Vorhandensein einer linearen zeitlichen Entwicklung der islamischen Architektur; die Existenz einer inter- und intrakulturellen stilistischen Hierarchie; Fragen der kulturellen Authentizität und ihrer Abgrenzung.

Die Übernahme und Umformung bestehender Traditionen wird heute viel mehr als in der früheren Forschung unter den Aspekten des gegenseitigen inter- und intrakulturellen Austauschs von Ideen, Techniken und Stilen, aber auch von Künstlern, Architekten und Materialien betrachtet. Die Islamische Expansion wird heute auf dem Gebiet der Kunst und Architektur eher als kontinuierlicher Übergang von der Spätantike zur islamischen Zeit angesehen denn als Bruch mit der Vergangenheit, aus dem eine verzerrte und weniger expressive Kunst hervorgegangen sein sollte, oder die die postklassische Architektur bloß in degenerierten Formen nachgeahmt hätte. online, abgerufen am 26. Januar 2016. Heute herrscht eher die Meinung vor, dass der Übergang zwischen den Kulturen sich als ein selektiver Prozess der Aneignung und Umformung darstellt. Die Umayyaden spielten eine entscheidende Rolle bei der Umformung und Bereicherung der Architektur und, allgemeiner, der visuellen Kultur ihrer Gesellschaft. abgerufen am 26. Januar 2016

Stilmerkmale Paradiesgarten mini|Afif Abad, Schiraz

Ein wesentliches Element der islamischen Architektur ist die Gestaltung von Gärten und ihre Gleichsetzung mit dem „Paradiesgarten“. In der klassischen persisch-islamischen Form des „Tschahār Bāgh“ findet sich ein rechteckiger, bewässerter und bepflanzter Platz, durchschnitten von erhöhten Wegen, die den Platz meist in vier gleiche Abschnitte teilen. Ein früher solcher Garten aus der Mitte des 10. Jahrhunderts befindet sich im Baukomplex der Madīnat az-zahrāʾ, erbaut ab 936 durch die Kalifen von Córdoba ungefähr 8 km westlich von Córdoba.

Die Idee, einen Garten mit dem Paradies gleichzusetzen, stammt aus der persischen Kultur. Aus dem Achämenidenreich überliefert Xenophon in seinem Dialog „Oeconomicos“ die Beschreibung von „Paradeisoi“, Lustgärten, die die persischen Herrscher überall in ihre Reich anlegten. Die früheste rekonstruierbare persische Gartenanlage wurde in den Ruinen der Stadt Pasargadae ausgegraben. Die Gestaltung der Palastgärten der Sassaniden in Persien hatte derartige Wirkung, dass der altpersische Begriff für Garten als „Paradies“ in viele europäische Sprachen sowie ins Hebräische entlehnt wurde, wo bis heute der Ausdruck verwendet wird. Die Form des persischen Gartens fand weite Verbreitung in der islamischen Welt, von Indien mit den berühmten Gärten des Humayun-Mausoleums und des Taj Mahal bis hin zu den Gärten der Alhambra im Westen. In der westeuropäischen Architektur gibt es keine Parallelen für eine derartig lange Tradition.

Säulenhalle Der Bautyp des Hypostyl, einer offenen Säulenhalle mit quer dazu gestelltem Empfangsraum setzt wahrscheinlich die Bautraditionen der persischen Versammlungshallen („apadana“) aus dem Achämenidenreich fort. Der Bautyp verdankt seine Entstehung vor allem der römischen Weiterentwicklung der griechischen Agora in einen von Kolonnaden eingefassten Platz mit angeschlossener Basilika, wie es beispielsweise im Trajansforum in Rom erhalten ist. In der islamischen Architektur findet sich dieser Bautyp in der Form der Hofmoschee wieder. Eine frühe Hofmoschee aus dem 8. Jahrhundert ist die Tārichāne-Moschee.

Wölbetechniken Die Einwölbung islamischer Bauten folgt zwei verschiedenen Architekturtraditionen: Während die umayyadische Architektur im Westen dem syrischen Stil des 6. und 7. Jahrhunderts folgt, führt die ostislamische Architektur die Traditionen der persischen Sassanidenzeit weiter. Die Verlegung des Kalifats von Damaskus nach Bagdad unter den Abbasiden hat die Stellung der persisch-mesopotamischen Bauformen in der islamischen Welt gestärkt.

Schwibbogen und Tonnengewölbe der umayyadischen Architektur mini|Qusair 'Amra

In der Gewölbekonstruktion umayyadischer Bauten vermischen sich erkennbar römische und sassanidische Bautraditionen. Schwibbögen mit Deckenstürzen wurden in der Levante schon in klassischer und nabatäischer Zeit häufig verwendet, besonders zur Einwölbung von Wohnbauten und Zisternen. Die Technik, Schwibbögen mit Tonnengewölben zu überdecken, wurde dagegen sehr wahrscheinlich von den Umayyaden aus Persien eingeführt. Vor der Umayyadenzeit sind in Bilad al-Scham keine solchen Gewölbe bekannt, wohl aber schon aus der frühen Partherzeit, beispielsweise in Aššur. Das früheste bekannte Beispiel einer Einwölbung mit Schwibbögen und Tonnen aus umayyadischer Zeit findet sich im Qasr Harane. Die relativ flachen Schwibbögen wurden frei, ohne Lehrgerüst, aus grob zugehauenen Kalkplatten erbaut, die mit einem schnell aushärtenden Gipsmörtel verbunden sind. In einer späteren Bauperiode geben vorgefertigte, aus Gips modellierte seitliche Rippen die Wölbung und den Scheitelpunkt des Gewölbes vor, und verbleiben nach Abschluss des Baus – ohne tragende Funktion – im Bauwerk. Die hierbei verwendeten, auf Stoffbahnen vorgeformten Gipsrippen sind aus der sassanidischen Architektur bekannt, beispielsweise aus dem Sassanidenpalast von Firuzabad. Umayyadische Gewölbe dieser Bauart wurden in der Zitadelle von Amman nachgewiesen, Tonnengewölbe über Schwibbögen finden sich auch im Qusair 'Amra.Ignacio Arce: Umayyad arches, vaults & domes: Merging and re-creation. Contributions to early Islamic construction history. In: Proceedings of the second international congress on construction history. Band 1. Queen’s College, Cambridge University 29. März – 2. April 2006, S. 195–220 , abgerufen am 1. Februar 2016.

Gewölbebau im islamischen Westen Das zweigeschossige Arkadensystem der Großen Moschee von Córdoba wird in der Forschung aus römischen Aquäduktbauten abgeleitet: Hufeisenbogen, die der Aussteifung dienen, verbinden Säulen. Diese tragen gemauerte Pfeiler, die wiederum durch Halbkreisbögen verbunden sind, die die flache Holzdecke tragen.

In späteren Bauperioden wurde dieses Schema so verändert, dass die oberen, tragenden Bogenreihen der Moscheeschiffe jetzt Hufeisenform haben, während die unteren, aussteifenden Bögen jetzt Fünfpassgestalt annehmen. In den Bereichen, die Kuppeln tragen, waren zusätzliche Stützensysteme erforderlich, um die Last der Kuppeln abzuleiten. Die Architekten lösten dieses Problem durch die Konstruktion eines Gefüges sich kreuzender Mehrpassbögen. Einige Kuppeln, beispielsweise die drei Kuppeln vor dem Mihrab, sind als Rippenkuppeln ausgeführt. Hierbei kreuzen sich acht Bogenrippen und bilden einen achtstrahligen Stern, dessen Zentrum eine Schirmkuppel krönt.

Die Rippenkuppeln der Moschee von Córdoba dienten als Modell für weitere Moscheen im islamischen Westen und finden sich in mehreren weiteren Bauten in al-Andalus sowie im Maghreb wieder. Um das Jahr 1000 wurde die Mezquita de Bab al Mardum (heute: El Cristo de la Luz) in Toledo mit einer ähnlichen Rippenkuppel aus acht Bögen ausgestattet, ebenso die Moschee in der Aljafería von Saragossa. Das Modell der Rippenkuppel entwickelte sich im Maghreb weiter: In der Großen Moschee von Tlemcen, einem Meisterwerk der Almorawidendynastie von 1082, bilden zwölf schlanke Bögen das Gerüst der Kuppel, deren Zwischenflächen von filigranen und durchbrochenen Stuckflächen gefüllt werden.

Gewölbebau im islamischen Osten Die Freitagsmoschee von Isfahan bietet aufgrund ihres Erhaltungszustands und ihrer langen Baugeschichte einen guten Überblick über die Experimente islamischer Architekten mit komplizierten Einwölbungsformen von der Abbasidenzeit bis in die Epoche der Kadscharen.

Schon in sassanidischer Zeit war das System der Ecktrompen bekannt, mittels dessen einem rechteckigen Unterbau eine runde Kuppelschale aufgesetzt werden kann. (abgerufen am 17. Januar 2016) Die sphärischen Dreiecke der Trompen wurden in weitere Untereinheiten oder zu Nischensystemen aufgespalten. Aus diesen ergab sich ein komplexes Spiel von Stützen und Verstrebungen, letztlich ein ornamentales räumliches Muster aus kleinteiligen Elementen, die die Schwere des Baukörpers verbergen.

Für den islamischen Osten typisch wurde das nichtradiale Rippengewölbe, ein von einer Scheitelkuppel überfangenes System aus sich kreuzenden Gewölberippenpaaren. Angefangen bei der Freitagsmoschee von Isfahan lässt sich diese Gewölbeform in der ostislamischen Architektur bis in safawidische Zeit anhand von Schlüsselbauten nachverfolgen. Die Hauptmerkmale dieses Gewölbetyps sind: Ein typenprägendes Geviert sich kreuzender Gewölberippen, manchmal durch Verdopplung und Verschränkung zu einem achteckigen Stern ausgebildet; das Wegfallen einer Übergangszone zwischen Gewölbe und Stützsystem; eine auf dem Rippengerüst reitende Scheitelkuppel oder Laterne.