mini|rechts|Porträt von Gustav Mahler (1896) – österreichischer Komponist und Dirigent (1860–1911) Die 3. Sinfonie in d-Moll ist eine Sinfonie für Altsolo, Knabenchor, Frauenchor und Orchester von Gustav Mahler.

Entstehung Die 3. Sinfonie entstand über einen Zeitraum von etwa vier Jahren. 1892 begann Mahler das Werk zu konzipieren, und am 28. Juli 1896 beendete er die Arbeit an der umfangreichen Komposition. Die Hauptschaffensperiode waren die Sommer der Jahre 1895 und 1896, die Mahler in Steinbach am Attersee verbrachte. Wie schon zu den ersten beiden Sinfonien legte Mahler der Musik ein Programm als „Wegweiser“ für den Stimmungsinhalt zu Grunde. Ursprünglich sollten die Sätze diese programmatischen Namen tragen: „Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein“, „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“, „Was mir die Tiere im Walde erzählen“, „Was mir der Mensch erzählt“, „Was mir die Engel erzählen“, „Was mir die Liebe erzählt“.Brief an Anna von Mildenburg, Juni 1896. Zitiert nach: Franz Willnauer: Gustav Mahler „Mein lieber Trotzkopf, meine süße Mohnblume“, S. 132. Dieses sich steigernde Konzept behielt Mahler inhaltlich bei, entschied sich aber, von der programmatischen Benennung der Sätze Abstand zu nehmen. Im ursprünglichen Plan sah Mahler einen siebten Satz vor, „Was mir das Kind erzählt“.Alma Mahler-Werfel: Gustav Mahler. S. 55. Dieser wurde später aber herausgenommen und bildete dann unter dem Titel „Das himmlische Leben“ den Finalsatz der 4. Sinfonie.

Zur Musik Besetzung Altsolo, Frauenchor, Knabenchor, 4 Flöten, (alle auch Piccoloflöte), 4 Oboen (4. auch Englischhorn), 5 Klarinetten (1. und 2. in B, 3. in Es, 4. in Es, B, 5. in B und Bassklarinette), 4 Fagotte (4. auch Kontrafagott), 8 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, Kontrabass-Tuba, 2 Pauker, jeder mit 4 Pauken, Schlagwerk: Große Trommel, mehrere Becken, Becken an der Gr. Tr. befestigt, Kleine Trommel, Tamburin, Triangel, Rute, Tamtam, 2 Glockenspiele, 2 Harfen, I. Violine, II. Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass. Dazu ein isoliert platziertes Fernorchester mit Posthorn in B (wie aus der Ferne), mehrere Kleine Trommeln (in der Entfernung aufgestellt), 6 Glocken in b, c′, d′, f′, g′, a′ (in der Höhe postiert).

1. Satz: Kräftig. Entschieden Der erste Satz hat enorme Ausmaße und wurde zuletzt fertiggestellt. Die große Fülle der Motive ist analytisch kaum noch zu erfassen. Die Sonatensatzform liegt in groben Zügen zwar der Gesamtstruktur des Satzes zugrunde, doch sind die einzelnen Bestandteile ziemlich frei gestaltet. So wendet Mahler in der Exposition eine Art Collagetechnik an, welche laut Adorno „antiarchitektonisch“Theodor W. Adorno: Mahler – Eine musikalische Physiognomik. S. 109. ist. Das marschartige Hauptthema erinnert an das Finale der 1. Sinfonie von Johannes Brahms. Es kehrt im Verlaufe der Sinfonie mehrfach verändert wieder.

So entwickelt sich auch das Hauptthema des Adagios aus diesem Marschthema. Das von den acht Hörnern im Unisono entschieden vorgetragene Thema changiert eigentümlich zwischen Dorisch und B-Dur.Jörg Handstein: „Ein ungeheures Lachen über die ganze Welt“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien. S. 106. Nur äußerst langsam setzt dieser Impuls eine musikalische Entwicklung in Gang. Ein Marschrhythmus der Bläser und wild herausfahrende Aufwärtsmotive der Streicher gehören zum Entwicklungsvorgang des Marsches. Diese riesige Einleitung des Marschsatzes dauert 163 Takte an und steigert sich langsam. Die Kraftentfaltungen finden teilweise gegeneinander strebend statt, was zu einem chaotischen und mitunter dissonanten Klangbild führt. Immer wieder entsteht der Eindruck einer Militärkapelle, da Mahler in der Einleitung vor allem Blechbläser, unisono geführte Holzbläser und Schlagwerk einsetzt. Nach einiger Zeit entsteht aus dem Eingangsthema ein neues gesangliches Marschthema, welches jedoch schnell dem wiederkehrenden ersten Entwicklungsteil weicht. Bei seiner Wiederkehr formuliert Mahler es weiter aus, um später in der Durchführung darauf zurückzukommen. Diese beginnt mit einem Fugato der Bässe, welches jedoch immer wieder von eingeworfenen Akkorden der Bläser gestört wird. Der Marsch erscheint nun in großer Form und erinnert im Forte-Vortrag des Orchesters an ein banal ausgesungenes Militärlied. Laut Natalie Bauer-Lechner herrscht eine Art „Jahrmarkts-Polyphonie“.Herbert Kilian: Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner. S. 165. Die großangelegte Steigerung in mehreren Wellen erreicht am Ende der Durchführung ihren Höhepunkt. „Mit furchtbarer Gewalt“ schreibt Mahler an dieser Stelle vor. Die Streicher brechen in eine jagende 16tel-Bewegung aus, während die Blechbläser zum „Sturmangriff“ blasen. Die Marschlieder erklingen nur noch als zerfetzte Fragmente. Die Marschordnung bricht völlig zusammen, da die von der Musik ausgehende Gewalt und Kraftentfaltung ins Leere geht. Die entfesselte Energie bewirkt keinen Wandel zum Guten, sondern führt zum völligen Zusammenbruch. Der anschließende Schlag der kleinen Trommel ist Ausdruck lähmender Unbeweglichkeit. Dieser Moment stellt ein eindrucksvoll verstörendes Klangbild dar. Die nun beginnende Reprise läuft einigermaßen regelrecht ab. Der Marsch erscheint klarer artikuliert und verliert seinen martialischen Ton. Er erklingt nun in fast heiterer Form. Mitten in diesen Gesang bricht ein Tutti-Des-Dur-Akkord von außen herein und bringt die Bewegung zum Stehen. Eine abrupte Rückung nach F-Dur über den „Neapolitaner“ Ges-Dur bereinigt das musikalische Geschehen mit einem Kraftakt. Diese harmonischen Besonderheiten weisen in die musikalische Zukunft, da sie die Chromatik erweitern. In den letzten Takten steigert sich der Marsch zu einem beispiellosen Jubel und „Triumphgeschrei“, um den Sieg über die beharrenden Kräfte zu feiern. Nach diesem Satz schreibt Mahler eine „größere Pause“ vor.

2. Satz: Tempo di Menuetto. Sehr mäßig Mit dem zweiten Satz beginnt die zweite Abteilung der Sinfonie, welche die weiteren fünf Sätze des Werkes umfasst. Der Satz ist in der althergebrachten Form des Menuetts gestaltet. Der Gegensatz zum gewaltigen Hauptsatz könnte kaum größer sein. Ein zartes Thema in simpler Zweistimmigkeit lässt ein pastorales Bild erstehen.

Die Oboe wirkt dabei wie eine Schalmei, und durch die Pizzicatobegleitung entsteht eine Stimmung, die an ein Hirtenidyll des Rokoko erinnert. Das erste Trio bringt eine Stimmungsveränderung durch einen rhythmischen Tanz. Die Wiederkehr des Menuetts zwischen den Trios bringt jeweils eine kleine Variation mit sich. Hier etablieren sich zunehmend durch chromatische Nebentöne verfremdete Harmonien, wie sie für Mahler typisch sind. Dies bedeutet eine Verfremdung der anfänglich klassizistisch anmutenden Klänge. Im zweiten Trio verwendet Mahler gar Tamburin und Rute, was zu einer noch drastischeren klanglichen Abgrenzung vom Menuett führt. Im Schlussteil legt sich mit elegischen Melodien und choralähnlichen Klängen eine tanzfremde Schicht über den Satz. Das Thema büßt daraufhin seine rhythmische Besonderheit ein und verliert sich in zurückbleibenden Triolen. Dies bedeutet seine Auflösung, welche gerne als Abschied Mahlers vom historisierenden 19. Jahrhundert interpretiert wird.Jörg Handstein: „Ein ungeheures Lachen über die ganze Welt“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien. S. 109.

3. Satz: Comodo. Scherzando Dem ebenfalls rein orchestralen Scherzo liegt inhaltlich das Wunderhorn-Lied „Ablösung im Sommer“ zu Grunde. Der Satz stellt ein typisch Mahlersches Scherzo dar, in welchem der Komponist die Welt mit groteskem Humor betrachtet. Häufig stilisiert er primitive Volkstümlichkeit in diesem Satz. In dem Text, der dem Scherzo zu Grunde liegt, heißt es zu Beginn: „Der Kuckuck hat sich zu Tode gefallen.“ Ein aufschnellender Vogelruf markiert deshalb den Beginn des Satzes. Die tragikomische Szene wird ins Groteske gezogen, da Mahler sogleich ein Lamento anfügt, welches jedoch alles andere als traurig klingt. Es folgt eine einfache Polkamelodie, die sich bald chromatisch verzerrt. „Frau Nachtigall“, welche die Ablösung des Kuckucks sein soll, hat ebenfalls nur banale Melodik und nichts Neues zu bieten. Die Tierwelt dreht sich trotz Todesfall weiter im „Unterhaltungsdelirium“.Schönberg, Zitiert nach: Jörg Handstein: „Ein ungeheures Lachen über die ganze Welt“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien. S. 110. Mahlers Freundin Natalie Bauer-Lechner schreibt dazu: „Das Tierstück ist das Skurrilste und Tragischste, was je da war. Dieses Stück ist wirklich, als ob die ganze Natur Fratzen schnitte und die Zunge herausstreckte.“Herbert Kilian: Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner. S. 136.

Im anschließenden langen Trio ist ein Solo „wie die Weise eines Posthorns“Spielanweisung in der Partitur, 3. Satz, Ziffer 14. Als Besetzung ist ein Flügelhorn gefordert. zu hören, das Ähnlichkeiten mit der Melodie aufweist, auf die heute – jedoch wohl noch nicht zur Entstehungszeit der Sinfonie – das Volkslied Heidschi Bumbeidschi gesungen wird.Brigitte Esser (Hrsg.): Harenberg Kulturführer Konzert. 7. Auflage. Meyers Lexikonverl., Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-76161-6, S. 377 (). Das Volkstümliche hält auf diese Weise Einzug in die Musik. Die Wiederkehr des Scherzos steigert das Treiben noch weiter. Zunächst ins Lustige, dann gar ins Grobe und völlig Überdrehte. Erneut erklingt hiernach das Posthorn in einem zweiten Trio. Die Rückkehr des Scherzos führt sogartig in die Katastrophe. Ein unvermittelter es-Moll-Akkord lässt die elementaren Gewalten des ersten Satzes losbrechen. Es wirkt wie ein Einbrechen des Tanzbodens der skurrilen Tierszene. Ein leerer Quintklang bleibt übrig, auf dem die letzten Bruchstücke des Tanzliedes hereinbrechen. Es wirkt wie höhnendes Gelächter der Nachtigall. Dies geschieht im Sinne der vernichtenden Idee des Humors von Jean Paul.Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. S. 55.

4. Satz: Sehr langsam. Misterioso Der vierte Satz enthält eine vom AltsoloDie Singstimme wird oft von einem Mezzosopran gesungen gesungene Dichtung von Friedrich Nietzsche. Es handelt sich um Zarathustras Nachtwandlerlied O Mensch! Gib acht! aus Also sprach Zarathustra. Die vierte Stufe der Sinfonie handelt vom Menschen, weshalb hier erstmals die menschliche Stimme zum Einsatz kommt. Dies ist ein großer inhaltlicher Sprung vom Rückfall in tierische Formen im Scherzo. Der Gesang kommt somit einem Neuanfang gleich.

Oh Mensch! Gib Acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? „Ich schlief, ich schlief –, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: – Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh –, Lust – tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit –, – will tiefe, tiefe Ewigkeit!“