Paul Bredereck (* 22. Januar 1877 in Lichtenow, Kreis Niederbarnim; † 13. April 1931 in Berlin-Steglitz) war ein deutscher Rechtsanwalt, antisemitischer Politiker und Teilnehmer am Kapp-Putsch im März 1920.
Überblick Bredereck war ein sehr erfolgreicher, bekannter Berliner Anwalt, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Sensationsprozessen mitwirkte (z. B. um den Schriftsteller Karl May). Er vertrat prominente Mandanten und verkehrte in höchsten Kreisen. Zugleich verfolgte er mit scharfer Rhetorik gegen Juden und Sozialdemokraten eine politische Karriere am rechten Rand der Deutschkonservativen Partei.
Seine Glücksspielsucht führte zu hohen Schulden von rund einer Viertelmillion Mark (Goldmark). Er beging Diebstahl, Unterschlagung und Veruntreuung von Mandantengeldern. Er floh vor Gläubigern und polizeilichem Haftbefehl nach Südamerika. Nach Kriegsbeginn 1914 kehrte er nach Europa zurück, wurde unter falschem Namen Soldat, zum Offizier befördert und als Kriegsheld mehrfach hoch dekoriert. Er wurde 1916 enttarnt, aber nur mit einem Tag Gefängnis bestraft und durfte Offizier bleiben.
Nach der Revolution 1918 beteiligte er sich an der Gründung reaktionärer Gruppen. Beim Kapp-Putsch im März 1920 spielte er eine kurze prominente Rolle als Sprecher („Pressechef“) der selbsternannten Reichsregierung. Er wurde amnestiert. In einem Zeitungsnachruf hieß es 1931: „Sein Leben war das eines politischen Abenteurers, wie man sie bunter in Deutschland kaum mehr antreffen kann“.Ende eines politischen Abenteurers: der Pressechef Kapps gestorben. In: Deutsche Reichs-Zeitung, 14. April 1931, 60. Jg., Nr. 85, S. 2; deutsche-digitale-bibliothek.de
Leben und Wirken
Jugend Bredereck studierte etwa von 1897 bis 1900 Rechtswissenschaften in Berlin und Halle (Saale), dem das damals regulär vier Jahre dauernde Rechtsreferendariat folgte, das er bis 1905 abschloss.
Er war Mitglied (und später Alter Herr) der Studentenverbindung Verein Deutscher Studenten (VDSt) in Berlin. Er veröffentlichte als Student Artikel im VDSt-Organ Akademische Blätter.Paul Bredereck: Ist die neue (preußische) Studienordnung ein Hindernis für den Besuch der Universität Prag? In: Akademische Blätter, 14, 1899/1900, S. 18 f. Paul Bredereck: Die Tagung des Preisgerichts über den Bismarcksäulenwettbewerb in Eisenach. In: Akademische Blätter, 14, 1899/1900 S. 34–35. Der VDSt wurde in dieser Zeit ein zunehmend völkisch und antisemitisch radikalisierter Verband, und Bredereck war ein Wortführer dieser Richtung. Er spielte eine aktive Rolle beim „Naumann-Streit“. Der liberale Politiker Friedrich Naumann war 1881 einer der VDSt-Gründer gewesen. Im Verband drohte eine Spaltung von Anhängern und Gegnern Naumanns. Bredereck befürwortete einen Austritt Naumanns aus dem VDSt und brachte 1906 eine entsprechende Resolution bei der nationalen Verbandstagung ein, was reichsweit Aufsehen erregte und Bredereck in die Presse brachte.Zum Fall Naumann. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 17. August 1906, S. 2; deutsche-digitale-bibliothek.de Naumann trat noch 1906 aus. Weitere Bekanntheit erlangt der Student 1899 als Vorsitzender des Berliner Bismarck-Ausschusses, der sich an der Bismarck-Verehrung beteiligte.Uber die Trauerfeier der deutschen Studentenschaft. In: Dresdner Nachrichten, 27. Juni 1899, 44. Jg., Nr. 176, S. 11; deutsche-digitale-bibliothek.de Er betreute im Mai 1899 ein nationales Preisausschreiben der Deutschen Studentenschaft in Eisenach, das Entwürfe zu Bismarcksäulen in der Kunstausstellung im Lehrter Bahnhof ausstellte und prämierte.Entwürfe zu den Bismarcksäulen. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung 38. Jg., Nr. 112, 14. Mai 1899, S. 7; deutsche-digitale-bibliothek.dePaul Bredereck: Die Tagung des Preisgerichts über den Bismarcksäulenwettbewerb in Eisenach. In: Akademische Blätter, 14, 1899/1900 S. 34–35.
Rechtsanwalt 1905 beantragte Bredereck die Zulassung als Anwalt und die Eintragung in die Anwaltsliste beim Berliner Landgericht II. 1909 wechselte er und wurde beim Landgericht I in die Liste der Rechtsanwälte eingetragen.„In die Liste der Rechtsanwälte eingetragen“. In: Berliner Tageblatt, 27. März 1909, 38. Jg., Nr. 157, S. 5 deutsche-digitale-bibliothek.de Er unterhielt seine Anwaltskanzlei zuletzt (1912) mit einem Sozius in der Friedrichstraße 169.
Bredereck war bald sehr bekannt, weil er sich an Gerichtsprozessen beteiligte, über die in der Berliner und teilweise überregionalen Presse intensiv berichtet wurde. Er galt als „schneidiger Verteidiger“.Paul Bredereck †️. In: Neue Mannheimer Zeitung, 14. April 1931, 142. Jg., Nr. 170, S. 2; deutsche-digitale-bibliothek.de Er vertrat Politiker, Adlige, Vermögende, Unternehmer, Offiziere, Sänger und Schauspieler. Als Anwalt war er für sie nicht nur in Prozessen tätig, sondern Erb-, Pflege- und Vormundschaftssachen und Vermögensangelegenheiten. 1908 veröffentlichte er mit Hans Krieger ein einführendes Handbuch zum Scheck-Gesetz von 1908.Hans Krieger, Paul Bredereck:. Das Scheck-Gesetz vom 11. März 1908. Mit Erläuterungen von den Rechtsanwälten Hans Krieger und Paul Bredereck mit einem Anhang: die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Handelsgesetzbuchs über Anweisungen. Verlag von Richard Gahl, Berlin 1908.
Er vertrat als Verteidiger in politischen und Presserechtsprozessen kontroverse Mandanten. Dazu gehörte der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bruhn (Deutsche Reformpartei), Verleger der antisemitischen Tageszeitung Staatsbürger-Zeitung und Die Wahrheit: freies deutsches Wochenblatt in Berlin.Die Bredereckiade. In: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 10. Januar 1920, 30. Jg., Nr. 1, S. 4748; digitale-sammlungen.de Großes Aufsehen erregte die Beleidigungsklage des Schriftstellers Karl May 1910 gegen Brederecks Mandanten Rudolf Lebius, einen rechtsradikalen Publizisten, Verleger und „gelben“ Gewerkschafter, der May einen „geborenen Verbrecher“ genannt hatte. In dem Prozess griff Bredereck May frontal an.Beleidigungsprozess. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 14. April 1910, 49. Jg., Nr. 86, S. 5; deutsche-digitale-bibliothek.deHans Wollschläger: Karl May: Grundriss eines gebrochenen Lebens. Wallstein, Göttingen 2020, S. 227. Jürgen Seul. Old Shatterhand vor Gericht: Die 100 Prozesse des Schriftstellers Karl May. Karl-May-Verlag, Bamberg 2009
1912 verteidigte Bredereck den Kassenboten Theo Max Haase in einem Strafverfahren wegen Unterschlagung. Haase erhielt von der Berliner Niederlassung der American Express Company am 21. Mai 1912 den Auftrag, bei der Dresdner Bank Berlin 100.000 Mark abzuholen. Er unterschlug das Geld, flüchtete, stellte sich aber sechs Wochen später der Polizei, ohne die Beute zurückzugeben. Bredereck erfuhr von Haase das Versteck; das Geld war auf dem Tempelhofer Feld nahe des Südring-Bahndamms vergraben. Bredereck bot American Express an, das Versteck preiszugeben, wenn man ihm die ausgesetzte Belohnung in Höhe von 4000 Mark persönlich auszahle. American Express ließ sich darauf ein. Bredereck beanspruchte zunächst die 4000 Mark als Anwaltshonorar; erst nach öffentlichem Druck reichte er das Geld an Haases Mutter weiter. „Der Schatz auf dem Tempelhofer Feld“ war eine Sensation, Brederecks Verhalten ein Skandal. Der offensichtliche Verstoß gegen Anwaltsrecht und Berufsethik erregte in Juristenkreisen großen Unmut und Missbilligung.Der Schatz auf dem Tempelhofer Feld. In: Berliner Tageblatt, 13. Juli 1912, 41. Jg., Nr. 352, S. 5; deutsche-digitale-bibliothek.deHerr Bredereck. In: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 14. August 1912, 22. Jg., Nr. 17, S. 130 books.google.com (PDF) Rechtsanwalt Bredereck verhaftet. In: Berliner Börsen-Zeitung, 11. April 1916, 61. Jg. Nr. 172, S. 7 deutsche-digitale-bibliothek.de
Politiker Bredereck war in der Deutschkonservativen Partei aktiv. Für sie trat er zu den Reichstagswahlen 1907 im Wahlkreis Berlin III an. Er errang aber nur wenige Stimmen.
1909 war Bredereck der führende Kopf einer innerparteilichen Opposition, die zeitweilig als „Konservative Vereinigung“ oder auch Bewegung der „Jungkonservativen“ bekannt wurde.Johannes Fischart (Erich Dombrowski): Das alte und das neue System. Die politischen Köpfe Deutschlands. Oesterheld & Co, Berlin 1919, S. 75. Der langjährige Parteiführer Kuno Graf von Westarp nannte Bredereck in seinen Memoiren „einen der Träger städtischer Opposition in der Partei“ und einen „frischen Politiker und Redner“.Kuno Graf von Westarp: Konservative Politik im letzten Jahrzehnt des Kaiserreiches. Band 1: Von 1908 bis 1914. Deutsche Verlagsgesellschaft, Berlin 1935, S. 175.
Die „Konservative Vereinigung“ unter Führung von Bredereck und Arthur von Loebell bildete sich im Streit um die Pläne des Reichskanzlers Bernhard von Bülow für eine Reform von Reichsfinanzen und Erbschaftssteuer, die auf den Widerstand des konservativen Parteiestablishments traf. Unter starkem Einfluss des Bundes der Landwirte verließ die Partei den Bülow-Block und stürzte den Kanzler. Dagegen rebellierten Brederecks Jungkonservative. Sie repräsentierten vor allem eine städtische Klientel aus Handel, Handwerk, Gewerbe, Industrie und Beamten. Sie waren für die Erbschaftssteuer als direkte Besitzsteuer, gegen indirekte Steuern und gegen die starke Dominanz der Agrarier-Interessen in ihrer Partei.
Am 12. November 1909 erschien ein von Bredereck mitverfasster Gründungsaufruf. Dort war von „verkehrter Führung“ die Rede. Durch die Sprengung des Bülow-Blocks habe sie den Austritt Tausender Mitglieder und Wahlniederlagen verursacht. „Unsere Führer haben die Fühlung mit dem Volke verloren. Sie gehören fast ausschließlich den Kreisen des ländlichen Großgrundbesitzes an.“ Die Partei sei in Abhängigkeit vom Bund der Landwirte geraten. Das verschärfe den Gegensatz zwischen Stadt und Land. „Unsere Führer haben durch Preisgabe des Blockgedankens den Weg verlassen, auf dem allein eine erfolgreiche Bekämpfung der Sozialdemokratie möglich war“ und so eine historisch einmalige „Verdrossenheit in konservativen Kreisen hervorgerufen“.[Gründungsaufruf] Konservative Selbsteinkehr? In: Hannoverscher Kurier, 13. November 1909, 56. Jg., Nr. 28354, S. 6–7; deutsche-digitale-bibliothek.de
Beim Parteitag im Dezember 1909 wurde der „Konservativen Vereinigung“ eine offizielle Anerkennung verwehrt, aber Bredereck durfte vor 1500 Delegierten ihre Positionen darlegen. Er stieß auf ein feindseliges Echo.Konservativer Parteitag. In: Berliner Tageblatt, 12. Dezember 1909, 38. Jg., Nr. 630, 8. Beiblatt, S. 34–35, hier S. 35; deutsche-digitale-bibliothek.de Brederecks Initiative ging von Berlin-Pankow aus und fand in Berlin ihren stärksten Anker. Organisatorisch blieb sie auf städtische Parteivereine beschränkt, was ihren innerparteilichen Einfluss hemmte, da die Konservativen in Städten bei Wahlen praktisch keine Mandate mehr erlangen konnten. Die Vereinigung befand sich spätestens 1911 in einer Sackgasse, nachdem die Parteiführung auch mit der Schwerindustrie alliiert hatte.Dirk Stegmann: Die Erben Bismarcks: Parteien u. Verbände in d. Spätphase d. Wilhelminischen Deutschlands. Sammlungspolitik 1897–1918. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1970, S. 197.Hermann Rehm: Deutschlands politische Parteien. Gustav Fischer, Jena 1912, S. 60; books.googleusercontent.comEdgar Hartwig: Konservative Partei (KoP) 1848–1918 (seit 1876 Deutschkonservative Partei [DkP]). In: Dieter Fricke et al. (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte: die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1745) in vier Bänden. Band 3. Pahl-Rugenstein, Köln 1985, S. 282–309, hier 300. Bredereck gab den rebellischen Kurs auf und gewann Unterstützung für eine neue Reichstagskandidatur. Er trat 1912 zu den Reichstagswahlen im ländlichen Wahlkreis Oberbarnim an. Er gewann bei der Hauptwahl nur etwa 5400 Stimmen.Vermischtes. In: Kölnische Zeitung, 12. August 1912, S. 10; deutsche-digitale-bibliothek.de
Spielsucht und Flucht