Die Partido Demócrata Cristiano de Chile (PDC; deutsch: Christdemokratische Partei Chiles) ist eine christdemokratische Partei der politischen Mitte in Chile. Sie gehört zu den größten Parteien des Landes.
Die PDC wurde 1957 als Nachfolgerin der christlich-sozialen Falange Nacional gegründet. In den 1960er-Jahren war sie Chiles wichtigste Partei und gestaltete in dieser Zeit eine Reihe progressiver Reformen mit. Mit Eduardo Frei Montalva stellte sie von 1964 bis 1970 den Präsidenten. Unter der Diktatur von Augusto Pinochet war die PDC ab 1978 jahrelang verboten und spielte dann in den 80er Jahren eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Transition. Von 1988 bis 2017 gehörte sie zur Mitte-links-Koalition Concertación de Partidos por la Democracia und stellte mit Patricio Aylwin Azócar (von 1990 bis 1994) und Eduardo Frei Ruiz-Tagle (von 1994 bis 2000) erneut das Staatsoberhaupt. Ab 2000 unterstützte die Partei im Rahmen der Concertación bzw. Nueva Mayoría zwei sozialistische Präsidenten.
Unter Führung von Carolina Goic verließ die PDC 2017 das Mitte-links-Lager und trat mit dem von ihr dominierten Mitte-Bündnis Convergencia Democrática an. Bei der Parlamentswahl 2017 fiel die PDC auf 14 Sitze in der Abgeordnetenkammer und drei im Senat zurück. Damit ist sie die viertstärkste Partei im chilenischen Parlament.
Innere Struktur
Die Christlich-Demokratische Partei wird von einem Vorsitzenden (Presidente Nacional) und einem neunköpfigen Vorstand (Directiva Nacional) geleitet. Der Parteirat (Consejo Nacional) besteht aus den neun Mitgliedern des Parteivorstandes, den beiden Fraktionsvorsitzenden im Parlament und im Senat, den Vorsitzenden der 15 Regionalverbände, dem Vorsitzenden der Jugendorganisation sowie aus 18 vom Parteitag (Junta Nacional) gewählten Mitgliedern.
Die Partei besitzt eine Jugendorganisation (JDC), eine Frauenorganisation (Frente de la Mujer), eine Nachbarschaftsorganisation (Frente de acción vecinal), eine Angestelltenorganisation (Frente de Profesionales y Técnicos) und eine Arbeiterorganisation (Frente de Trabajadores).
Durch 15 Regionalverbände (die Regionen I und X sind in jeweils zwei Verbände aufgeteilt), 63 Provinzverbände und 325 Ortsvereine ist die Partei im gesamten Land vertreten. Sie stellt 85 von 345 Bürgermeistern, unter anderem in Antofagasta, Calama, Coquimbo, Lota, Osorno, Punta Arenas, Talcahuano, Temuco und Valparaíso. Auch die Osterinsel wird von Politikern der PDC regiert.
Flagge
Auf der Flagge ist ein nach oben zeigender roter Pfeil, den zwei rote Streifen vertikal kreuzen, auf einem weißen Rhombus zu sehen. Der Hintergrund ist blau, weil dadurch die Flagge der Partei alle drei Farben der chilenischen Nationalflagge besitzt.Flags of the World.
Geschichte
Falange Nacional
In den 1930er Jahren spaltete sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und einem Linksruck im chilenischen Parteiensystem die Jugendorganisation der Konservativen Partei ab und trat als Falange Nacional zu Wahlen an. Die Konservativen standen als eine der drei traditionellen Parteien dem Großgrundbesitz besonders nahe und vertraten eine äußerst liberale Wirtschaftspolitik. Unter dem Eindruck der gravierenden sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise und der katholischen Soziallehre sah sich eine Reihe junger Konservativer nicht mehr vom Parteiestablishment vertreten und spaltete sich ab. Bestärkt wurden sie durch einen 1934 veröffentlichten Brief des römischen Kardinals Eugenio Pacelli, der katholische Politiker zum Einsatz zugunsten der katholischen Soziallehre aufforderte. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich viele Politiker der späteren Partido Demócrata Cristiana wie Bernardo Leighton, Ignacio Palma, Manuel Garretón, Eduardo Frei Montalva, Radomiro Tomic und Rafael Agustín Gumucio.
Anlässlich der Präsidentschaftswahlen des Jahres 1938 und in Opposition zum konservativen Präsidentschaftskandidaten Gustavo Ross gründete sich die Falange Nacional als Partei. Wirtschaftspolitisch stand sie zwischen den erst seit 1932 politisch relevanten Arbeiterparteien (Partido Comunista und Partido Socialista) auf der einen und den traditionellen Rechtsparteien (Partido Conservador und Partido Liberal) auf der anderen Seite. Von der politischen Mitte, den dezidiert laizistischen Radikalen, unterschied sie sich weniger in ihren wirtschaftspolitischen Ziele als durch ihre christlichen Grundsätze.
Der damalige Präsident Arturo Alessandri Palma, der von der aus Radikalen, Sozialisten und Kommunisten bestehenden Volksfront unterstützt wurde, ernannte Bernardo Leighton im selben Jahr zum Arbeitsminister, während der Falange-Führer Manuel Garretón als Abgeordneter ins Parlament gewählt wurde.
Trotzdem blieb die Falange eine Splitterpartei. Unter der Volksfront (1938–52) gelang es ihr nicht, Einfluss zu gewinnen und mit maximal 23.000 Stimmen (4 %) blieb sie auch bei allen Wahlen zwischen 1937 und 1956 unbedeutend. Bei den Parlamentswahlen im März 1957 gelang der Falange ein Sprung auf 10 % der Stimmen und außerdem wurde Eduardo Frei mit großer Mehrheit zum Senator für Santiago gewählt. Am 28. Juli desselben Jahres gründete sich die Partido Demócrata Cristiano aus der Falange Nacional zusammen mit einigen Konservativen, Mitgliedern von Ibañez' PAL sowie mehrere kleinerer Parteien. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die DC zur größten Partei des Landes.
Der Aufstieg der DC
Der rasanten und in der Geschichte Chiles einmaligen Aufstieg der Christdemokraten wurde durch eine Reihe von Faktoren begünstigt:
Durch starkes Bevölkerungswachstum und vor allem eine massive Ausweitung der Stimmrechte auf dem Land verdreifachte sich die Anzahl der abgegebenen Stimmen zwischen 1952 und 1964. Dank einer umfangreichen Mobilisierung unter den Bauern konnte die DC einen Großteil der Neuwähler für sich gewinnen. Die Katholische Kirche wandelte sich in den frühen 60er Jahren deutlich, bedingt durch einen Generationenwechsel um 1960 und 1958 beschleunigt durch die Wahl von Johannes XXIII. zum Papst und seinen Enzyklikae „Mater et Magista“ von 1961 und „Pacem en Terris“ von 1963. Sie distanzierte sich zunehmen zum immer noch quasi-feudal betriebenen Großgrundbesitz (Latifundien) und damit auch zwangsläufig von der Konservativen Partei und unterstützte immer offener die DC. Die US-geführte Allianz für den Fortschritt übte Druck für eine progressive Agrarreform aus – und damit für die Christdemokraten. Die erfolgreiche Revolution in Kuba machte konservative Wähler für eine Wahl der Christdemokraten kompromissbereiter, wenn sie so eine revolutionäre Linksregierung verhindern konnten (Salvador Allende unterlag 1958 dem siegreichen Kandidaten Jorge Alessandri nur um 3,7 %). Mit Eduardo Frei Montalva besaßen die Christdemokraten einen äußerst populären Parteivorsitzenden. Massive finanzielle und Propaganda-Unterstützung durch den US-Geheimdienst CIA mit der Absicht, eine Regierungsübernahme durch linke Kräfte zu verhindern, welche es nach einer CIA-Studie den Christdemokraten und Eduardo Frei Montalva 1964 erlaubte bei den Wahlen eine klare Mehrheit zu erreichen.Church Report: Covert Action in Chile 1963-1973 ( U.S. National Archives and Records Administration)
So konnte die Partei ihre Stimmenzahl sich von gut 20.000 noch in den 50er Jahren auf 343.000 Stimmen im Jahr 1965 vervielfacht. In diesem Jahr gelang es der DC als erste (und bisher einzige) Partei im modernen Chile eine absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu erreichen (wenn auch mit nur 44 % der Stimmen). Schon im Vorjahr war Eduardo Frei mit 56 % im ersten Wahlgang zum Präsidenten gewählt worden.
Präsident Frei Montalva (1964–1970) mini|hochkant|Eduardo Frei Montalva (1964) Am 4. September 1964 wurde Eduardo Frei Montalva als erster Christdemokrat Lateinamerikas im ersten Wahlgang zum Staatspräsidenten gewählt. Der Wahlkampf und die bis 1970 dauernde Präsidentschaft standen unter dem Motto Revolution in Freiheit, was gegen den demokratischen Revolutionär Salvador Allende gerichtet war.
Die wichtigsten Reformvorhaben der Regierung war eine umfassende Agrarreform und die Verstaatlichung der Kupferminen, die jedoch nur mit Unterstützung des Kongresses durchgeführt werden konnten. Deshalb stand die Parlamentswahl des Jahres 1965 unter dem Motto „ein Parlament für Frei“. Die DC errang einen überragenden (und nie mehr erreichten) Erfolg und erlangte mehr als 40 Prozent der Abgeordneten- und Senatssitze. Im Januar 1966 billigte der Kongress die Verstaatlichung der Kupferminen unter dem Begriff „Chilenisierung“ (chilenización). Der Staat kaufte schrittweise 51 Prozent der Anteile an der Gran Minería de El Teniente, Andina y Exótica, die sich bis dahin im Besitz der US-amerikanischen Firma Kennecott befanden. Im selben Jahr wurde eine elektrolytische Kupferhütte in Ventanas in der Nähe von Quintero eröffnet. Die Regierung strebte eine Erhöhung der Kupferproduktion, die Verhüttung des Kupfers in Chile und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an. 1969 wurde in einem zweiten Schritt für 180 Mio. US-Dollar die Mehrheiten der Minen „Chuquicamata“ und „El Salvador“ gekauft.
Im Januar 1967 billigte der Kongress das Gesetz zur Agrarreform. Bis zur endgültigen Verteilung des Bodens sollte das Land von Siedlungsgenossenschaften unter der Aufsicht der Corporación de la Reforma Agraria (CORA) bewirtschaftet werden. Dadurch sollten kaum genutzte Flächen von Großgrundbesitzern produktiver bewirtschaftet werden. Im Mai 1968 wurde das Gesundheitsgesetz (Ley de Medicina Curativa) verkündet; außerdem wurden eine Unfallversicherung und ein Fonds zur Aufwertung der Renten eingerichtet.
Als eine der ersten Regierungsmaßnahmen wurde das Schulsystem reformiert: Die Grundschule wurde von sechs auf acht Jahre verlängert, die Oberschule von sechs auf vier Jahre verkürzt. Während der Regierungszeit von Frei wurden Kindergärten eingerichtet und über 3.000 neue Schulen gebaut, die Analphabetenrate sank von 16,4 % auf 11 %.
Unter dem Namen „Promoción Popular“ führte die Regierung die von der DC seit Jahren betriebene politische Mobilisierung der Gesellschaft fort. Die Inklusion der „marginalisierten“ Gesellschaftssektoren in die Politik sollte Organisation und Fortschritt nicht „von oben“, sondern „von der Basis“ sicherstellen und nicht zuletzt auch eine breite und dauerhafte Basis für die DC selbst garantieren. Dazu wurden Juntas de Vecinos (Nachbarschaftsgruppierungen), Centros de Madres oder Asociaciones de Apoderados und auch diverse Sportvereine gegründet. Des Weiteren wurde das aktive Wahlalter auf 18 gesenkt und auch Analphabeten ihr Wahlrecht gegeben. Das Herz der Mobilisierung bildete jedoch die gewerkschaftliche und politische Organisation für Kleinbauern und Landarbeiter, die bis 1967 in Chile illegal war. Innerhalb weniger Jahre stieg die Anzahl der in Gewerkschaften organisierten Bauern von 2000 auf 114.000.
Vertreter des linken Flügels und der christdemokratischen Jugend, die von der Befreiungstheologie beeinflusst und gegen den US-Einfluss in Lateinamerika gerichtet waren, spalteten sich 1969 von der DC ab und gründeten die Movimiento de Acción Popular Unitaria (MAPU). Diese schloss sich zu den Wahlen 1970 dem linken Bündnis Unidad Popular an und unterstützte die Präsidentschaftskandidatur des Sozialisten Salvador Allende.
Christdemokraten während der Regierung Allende