Der Berliner Verband der auswärtigen Presse (BVAP) war von 1922 bis ca. 1942 eine Berufsvertretung für in Berlin tätige Korrespondenten deutscher Tageszeitungen, die außerhalb von Berlin erschienen. Er vertrat keine ausländischen Zeitungen und ist nicht zu verwechseln mit dem 1906 gegründeten Verein der Ausländischen Presse in Deutschland (VAP), der bis heute existiert.
Gründungsmotiv Im Oktober 1922 berichtete die Branchenzeitschrift Zeitungs-Verlag: „Die in Berlin tätigen Korrespondenten und Redaktionsmitglieder auswärtiger (reichsdeutscher) Blätter haben sich zu einem Berliner Verband der Auswärtigen Presse zusammengeschlossen, um ihre gemeinsamen journalistischen Interessen wahrzunehmen“.Zeitungs-Verlag. „Berliner Verband der Auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 13. Oktober 1922: S. 1435. [ANNO] Konkret gesprochen, wurde er, so ein Gründungsvorstandsmitglied, „gegen die Bevorzugung der hauptstädtischen [Presse] gegründet“.Richard May. Die Regie war schlecht : Aus dem Archiv eines politischen Journalisten, Teil 1, S. 75. [PDF, Leo Baeck Institute]
Inlandskorrespondenten hatten zu Beginn der 1920er Jahre in der Berichterstattung erhebliche Nachteile gegenüber ihren Berliner Kollegen. Um das auszugleichen, suchte die neue Korrespondentenvereinigung Absprachen, Informationszirkel, Termine und Exklusivtreffen mit Politikern ohne die Berliner Konkurrenz.
Zwar war die Presselandschaft dezentralisiert. In allen Großstädten gab es bedeutende Regionalzeitungshäuser. Einige, insbesondere der Generalanzeigerpresse, hatten höhere Auflagen als die „führenden“ Blätter Berlins. Doch die Zeitungsmetropole Berlin – doppelte Hauptstadt (Reich und Preußen), erster Finanzplatz und führende Industriestadt – hatte unbestritten die größten Verlage mit den meisten auflagenstarken Titeln, die mit bis zu drei Ausgaben täglich erschienen, den größten Redaktionen und größter nationaler wie internationaler, Sichtbarkeit. Das Zeitungsviertel lag fußläufig zum Regierungsviertel. Räumliche Nähe brachte technische, logistische und persönliche Vorteile. Chefredakteure – wie Theodor Wolff und Georg Bernhard – und prominente Journalisten der Berliner Redaktionen konnten enge persönliche Kontakte zu öffentlichen Akteuren pflegen; teilweise waren sie selbst Mitglieder von Parlamenten, Parteigremien oder bedeutenden Organisationen. In der Folge waren die Berliner Blätter meist besser informiert und auf dem Nachrichtenmarkt schneller.
Vorsitzende und Vorstände Der Verband bestand im Kern aus den Mitgliedern der Berliner Pressekonferenz (Vorläufer der Bundespressekonferenz), die nicht für Berliner Zeitungen arbeiteten. Es war also kein allgemeiner Journalistenberufsverband, sondern eine spezielle Interessenvereinigung. Es gab keine hauptamtlichen Verbandsgeschäftsführer. Ein Vorstandsmitglied (der erste der beiden Schriftführer) hatte die Geschäfte und das Verbandsbüro zu führen. Die Adresse änderte sich daher alle zwei oder vier Jahre.
1922: Gründungsvorstand Emil Frankfurter (Vorsitz bis 1930), General-Anzeiger der Stadt Frankfurt am Main; Stellvertreter: Otto Kriegk, Weser-Zeitung Bremen, Scherl-Verlag. Weitere Vorstandsmitglied: Erich Beck, Richard May, Süddeutscher Zeitungsdienst, Paul Raché, Heinrich Ranneforth und H. Siebsattel.Zeitungs-Verlag. „Berliner Verband der Auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 13. Oktober 1922: S. 1435. [ANNO]
1930–1932: Fritz Stein, Hamburger Fremdenblatt; Stellvertreter: Emil Frankfurter, General-Anzeiger der Stadt Frankfurt am Main; Hermann Orth, Kölnische Volkszeitung. Weitere Vorstandsmitglieder: Hans Ohlsberg, Allgemeine Zeitung (Chemnitz) (Schriftführer, Geschäftsführer); Josef Bretz, Augsburger Postzeitung; Werner Pfeiffer, Kieler Neueste Nachrichten; Walter Croll, Kölnische Zeitung; Robert Hafferberg, Münchner Neueste Nachrichten; Fridolin Leibel, Girardet-Zeitungen (Düsseldorf); Wilhelm Nowack, Girardet (Düsseldorf); Günther Thomas, Generalanzeiger, StettinZeitungs-Verlag. „Der Berliner Verband der auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 20. Dez. 1930: 2066.
1932–1933: Walter Thum, Dresdner Anzeiger, Breslauer Neueste Nachrichten, Hamburgischer Correspondent, Kasseler Neueste Nachrichten; Stellvertreter: Walter Croll, Kölnische Zeitung. Weitere Vorstandsmitglieder: Hermann Orth, Kölnische Volkszeitung (Schriftführer); Hans Ohlsberg, Allgemeine Zeitung (Chemnitz); Johannes Bretz, Augsburger Postzeitung; Werner Pfeiffer, Vogtländischer Anzeiger (Plauen); Franz Geisler, Münchner Neueste Nachrichten; Robert Hafferberg, Münchner Neueste Nachrichten; Fridolin Liebel, Girardet; Wilhelm Nowack, Girardet; Günther Thomas, Generalanzeiger (Stettin). Ehrenmitglied: Emil Frankfurter.Zeitungs-Verlag. „Die Vorstandswahlen im Berliner Verband der Auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 31. Dez. 1932: S. 901.
1933–unbekannt: Hans Joachim Graf von Reischach, Zeitungsdienst Graf Reischach (NSDAP-Gaupresse); Stellvertreter: Georg Dertinger, Dienst Nationaler Zeitungen – Dienatag (DNVP-Zeitungen). Weitere Vorstandsmitglieder: Werner Pfeiffer, Vogtländischer Anzeiger; Josef Bretz, Augsburger Postzeitung; Max Dietrich, Krefelder Zeitung; Fritz Matthaei, Hannoverscher Kurier, Schwäbischer Merkur, Stuttgart; Erich Schneyder, National-Zeitung, Essen / Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen; Hans Glebsattel, Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen; Karl Türk, Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen; Otto Tröbes, Völkischer Beobachter, MünchenZeitungs-Verlag. „Neuer Vorstand des Berliner Verbandes der Auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 24. Juni 1933: 405.
Mitgliedschaft Das Mitgliederverzeichnis von 1930Berliner Verband der Auswärtigen Presse. Mitgliederverzeichnis. Hamburg: Broschek, 1930. benennt 101 Journalisten (nur Männer), davon 90 als aktive, elf als passive Mitglieder. Sie vertraten in ihrer Hauptfunktion ausschließlich Tageszeitungen. Hauptberufliche Vertreter von Agenturen, Pressediensten, Zeitschriften oder Rundfunksendern waren grundsätzlich nicht zugelassen. Mitglieder durften für solche Arbeitgeber oder Auftraggeber aber in Nebentätigkeit tätig sein. Die Mitgliederliste benennt rund 20 als Handelsredakteure (Wirtschafts- und Finanzredakteure), einige als Feuilletonredakteure. Neben denjenigen, die nur eine Zeitung oder eine Zeitungsgruppe repräsentierten, gab es 24 Journalisten in der Kategorie „Sammelvertretung“, die mehrere Blätter unterschiedlicher Verlagen bedienten. Zu den „Sammelvertretern“ zählten Redakteure, die neben Einzeltitel für Pressedienste (agenturähnliche Zeitungskorrespondenzen) schrieben.
Da Preußen das größte Land des Reiches war, waren auch die Vertreter preußischer Zeitungen in der Mehrheit, mit etwa 70 Zeitungen aus Preußen, besonders viele aus der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen. Bayern, zweitgrößtes Land des Reiches, wurde 1930 im Verband mit zehn Einzelzeitungskorrespondenten vertreten; hinzuzählen waren aber Zeitungen, die durch die „Sammelvertreter“ repräsentiert wurden.
Sozialdemokratische, kommunistische und gewerkschaftliche Zeitungen, die außerhalb Berlins erschienen, finden sich in der BVAP-Liste von 1930 nicht. Nur sehr wenige dieser parteieigenen oder genossenschaftlich organisierten Blätter hätten sich eigene Berlin-Büros wirtschaftlich leisten können; wesentlicher war jedoch die zentralistische interne Medienpolitik von SPD und KPD sowie eines Teils der Gewerkschaften. Sie versorgten ihre Publikationen mit Nachrichten, Parlaments- und Tagungsberichten sowie Kommentierungen aus zentralen agenturähnlichen Büros wie etwa dem Sozialdemokratischen Pressedienst. Daher war der BVAP offenbar eine rein bürgerliche Pressevereinigung, anders als etwa der Reichsverband der Deutschen Presse (RDP), dem nach 1918 auch sozialistische Journalisten beitraten.
Veranstaltungen Der Verband lud Politiker und Prominente zu eigenen Gesprächsrunden und Empfängen ein. Einmal im Jahr wurde ab 1926 zu Jahresanfang ein Bankett organisiert, das dem 1920 in Washington eingeführten „Correspondents’ Dinner“ der White House Correspondents’ Association ähnelte
Der BVAP organisierte diese Bankette jedoch nicht allein. Der Verein Deutscher Zeitungsverleger beteiligte sich. Zuerst wurde die Veranstaltung im Preußischen Landtag durchgeführt. Später war der bevorzugte Tagungsort das Rathaus Schöneberg. Der Rundfunk übertrug die Veranstaltung live in seinem Programm. 1931 wurde es wegen der Wirtschaftskrise abgesagt. Zu dem Ereignis wurden politische Spitzen aus Reich und Ländern sowie die führenden Diplomaten geladen.
Beim Bankett traten die Reichskanzler oder führende Reichspolitiker als Hauptredner auf:
1926 Reichskanzler Hans Luther (parteilos) 1927 Reichskanzler Wilhelm Marx (Zentrum)Zeitungs-Verlag. „Die Bedeutung der Heimatpresse : Empfangsabend des Berliner Verbandes der Auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 11. März 1927: 445-448„Sachlichkeit auch in der Innenpolitik!“ Sächsische Volkszeitung, 4. März 1927: S. 2 1928 Vizekanzler und Reichsaußenminister Gustav Stresemann (DVP)Zeitungs-Verlag. „Empfangsabend des Berliner Verbandes der auswärtigen Presse.“ Zeitungs-Verlag, 31. März 1928: S. 642 1929 Reichswirtschaftsminister Julius Curtius (DVP) 1930 Reichsfinanzminister Paul Moldenhauer (DVP) 1932 Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum)Sächsische Volkszeitung. „Brüning über Lausanne : Rede vor dem Berliner Verband der auswärtigen Presse.“ Sächsische Volkszeitung, 10. Mai 1932: 2.Zeitungs-Verlag. „Die Presse im Reich und die Außenpolitik.“ Zeitungs-Verlag, 1932: 349-350. 1933 Reichskanzler Adolf Hitler (NSDAP), Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (NSDAP)
Bei diesen Veranstaltungen betonten Korrespondenten und Zeitungsverleger Jahr um Jahr die Bedeutung der deutschen Regional- und Lokalpresse. Sie lobten die Pressevielfalt und Dezentralisierung, und sie warnten vor Uniformierung und Nivellierung. Sie stellten als notwendig heraus, dass die Staatsführung nicht nur mit den Zeitungslesern in der Reichshauptstadt, sondern mit dem Pressepublikum in ganz Deutschland kommunizierte. Die eingeladenen Gastredner unterstützten diese Botschaft üblicherweise mit ihren Ansprachen. Die Politiker brachten meist kurz einige Thesen zum Verhältnis von Politik, Staat und Presse vor, manchmal auch mit Kritik an der Presse und Reflexionen, oftmals allerdings auch mit heiteren, geistreichen Bemerkungen und gingen anschließend auf aktuelle Politikfragen ein. Da auch Diplomaten geladen waren, wurden hier mitunter außenpolitische Akzente gesetzt.
Im Nationalsozialismus Im BVAP spiegelte sich im Frühjahr 1933 die beginnende Gleichschaltung der Presse.
Der Rahmen des Jahrestreffens änderte sich am 6. April 1933. Nominell waren der BVAP und der Verein deutscher Zeitungsverleger wie bisher die Gastgeber. Darum wurden die Gäste wie gewohnt vom BVAP-Vorsitzenden Walter Thum vom Dresdner Anzeiger begrüßt. Das Schlusswort sprach der VDZ-Präsident Heinrich Krumbaar vom Liegnitzer Tageblatt. Tatsächlich aber führte das im März neu gegründete Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda bereits die Regie. Das Ereignis fand im größten Saal des Ministeriums statt, dem von Karl-Friedrich Schinkel gestalteten Festsaal des Palais des Prinzen Karl (auch: Leopold-Palais, Ordenspalais) am Wilhelmplatz. Es war diesmal kein Bankett an Tischen, sondern eine allein auf Adolf Hitler und Joseph Goebbels ausgerichtete Redeveranstaltung.
Hitler, der reine Presseveranstaltungen mied, wählte den BVAP – nicht den Verein Berliner Presse oder den Reichsverband der deutschen Presse – für seine erste Rede vor einem Journalistenverband. Es war wichtig, dass der Zeitungsverlegerverband zweiter Gastgeber war und zahlreiche Verleger aus dem gesamten Reich im Publikum waren. Hitler und Goebbels zeigten hier die Richtung der NS-Pressepolitik auf, und Goebbels kündigte das Schriftleitergesetz an, welches das Verhältnis jedes Verlegers zu seinen Redakteuren verändern sollte.