Richard May (* 19. Mai 1886 in Berlin; † 21. Februar 1970 in Berlin) war ein linksliberaler deutsch-amerikanischer Journalist und Schriftsteller.

Leben

Herkunft Sein Vater Adolph May (* 1852 in Gleiwitz; † 1894 in Berlin) stammte aus Oberschlesien, er war Mitinhaber einer Lederwaren-Großhandlung. Seine Mutter Jenny May geb. Liepmann kam aus dem Barnim (* 1866 in Eberswalde; † April 1900 in Berlin). Beide Eltern waren jüdisch. Er hatte zwei jüngere Schwestern, Hertha (* 1888 in Berlin; † 1971 in Canterbury (Melbourne)) und Martha Adolfine Adda (* 1894 in Berlin; † in São Paulo). In Berlin wuchs er zunächst in der Stralauer Vorstadt auf, dann im Scheunenviertel der Spandauer Vorstadt, schließlich in Gesundbrunnen. Vier Jahre nach dem Tod seines Vaters heiratete die Witwe den jüdischen Kaufmann Robert Lebach (* 1857 in Adorf in Waldeck; † 1924 in Berlin), Inhaber der Knopffabrik Lebach & Co. in Wedding. Nach dem Tod der Mutter (1900) wurde Lebach Vormund der drei Geschwister.

Ausbildung In seiner Schulzeit (1892–1906) besuchte May das Sophien-Gymnasium in der Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte und das Lessing-Gymnasium in der Pankstraße in Wedding. Er setzte den Schulbesuch, bei den Großeltern lebend, in Gleiwitz am Königlich-Katholischen Gymnasium fort. Er legte das Abitur nicht ab, sondern nahm 1906 eine kaufmännische Tätigkeit auf. Als May mit 21 Jahren volljährig wurde, brach er diese ab und begann ein Studium.Brümmer, Franz. „May, Richard.“ In Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart [8. Bd., Nachträge], 247. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1913 [Deutsches Textarchiv] Er studierte Geschichte, Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte an den Universitäten München, Freiburg, Genf und Berlin. Im Frühjahr 1909 unternahm er eine zweimonatige Bildungsreise durch Italien, die er zu einem Brief- und Reiseroman verarbeitete; dieser erschien als Serie im März 1911 als Im Lande der Sehnsucht (Eine italienische Reise) in der Nordwestdeutschen Morgen-Zeitung in Oldenburg.

Ohne Abitur war kein formaler Abschluss möglich. Er begann im April 1910 seine journalistische Laufbahn mit einem Volontariat in der Redaktion der Tageszeitung Saale-Zeitung in Halle (siehe unten).

Lebensstationen Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich May 1914 freiwillig, wurde aber nicht angenommen. Im Herbst 1915 wurde er zum Brandenburgischen Jäger-Bataillon Nr. 3 in Lübben (Spreewald) eingezogen, aber nach einem Vierteljahr wegen Sehschwäche entlassen.May, Richard. Die Regie war schlecht [Erinnerungen], Teil 1, S. 25

Am 23. August 1923 schloss er die Ehe mit Hertha Jenny Johanna Grieser (* 4. Januar 1896 in Berlin; † 8. April 1951 in der Bronx, New York), Sekretärin beim Kommando der Schutzpolizei Berlin, später Kosmetikerin.Heiratsurkunde Nr. 616 vom 23. Aug.1923, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874-1936, Standesamt Berlin IV, Landesarchiv, abgerufen bei Ancestry.com Sie bekamen keine Kinder. Hertha Grieser war evangelisch-lutherischen Glaubens. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde ihre Ehe im Zuge der antisemitischen Nürnberger Gesetze (1935) als „nicht privilegierte“ Mischehe eingestuft.

Akten der American Guild for German Cultural Freedom im Deutschen Exilarchiv (Frankfurt am Main) belegen, dass May – wie seine Schwestern, die mit ihren Familien nach Brasilien und Australien auswanderten – nach den Novemberpogromen 1938 ein Visum für die USA zu erlangen versuchte.Deutsches Exilarchiv, Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main, American Guild for German Cultural Freedom, Akte Richard May (1939) [DNB]

Ab 1940 war May Zwangsarbeiter, zunächst in Berliner Rüstungsbetrieben. Bei der „Fabrikaktion“ von Gestapo und SS wurde May am 27. Februar 1943 im Betrieb verhaftet und für eine Woche im Sammellager Rosenstraße inhaftiert. Danach wurde May u. a. bei Abbruchunternehmen in Kriegsruinen eingesetzt.

Die Mays lebten bis zur Eroberung Berlins durch die Rote Armee in ihrer Wohnung in der Landhausstraße im Güntzelkiez von Wilmersdorf. Anfang Mai 1945, als Berlin schon besetzt war, verloren sie dennoch ihre Habe. Sowjetische Soldaten brannten als Rache für eine Provokation mehrere Wohnhäuser in der Straße nieder.May, Richard. Die Regie war schlecht [Erinnerungen], Teil 1, S. 2 Seine Ehefrau Hertha erkrankte bereits während des Krieges an Leukämie. Ärzte empfahlen die Auswanderung in die USA, um Zugang zu besserer Medizin zu erhalten. Ab August 1948 lebten die Mays in New York. Hertha May verstarb im April 1951.May, Richard. Die Regie war schlecht [Erinnerungen], Teil 1, S. 125 Der Witwer lebte mehrere Jahre in New York in Armut. Nach Inkrafttreten westdeutscher Entschädigungsgesetze für NS-Verfolgte beantragte er Wiedergutmachung, musste aber mehrere Jahre auf die Bewilligung warten.Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde Berlin, Opfer des Nationalsozialismus, Entschädigungsakte Richard May, Reg.-Nr. 60996

1954 wurde May US-amerikanischer Staatsbürger. 1963 entschloss er sich aber zur Rückkehr in seine Heimatstadt Berlin. Er überließ dem Leo Baeck Institute New York einen Teilnachlass zahlreicher Manuskripte und Dokumente. Für das Institutsarchiv schrieb er 1963 ein Manuskript seiner Erinnerungen unter dem Titel Die Regie war schlecht – Aus dem Archiv eines politischen Journalisten.Series I: Writings, 1914-1963, Box 1, Folder 14. Richard May Collection 1914-1972 AR 1997 / MF 873 Leo Baeck Institute, Center for Jewish History, New York http://www.archive.org/stream/richardmay_01_reel02#page/n1163/mode/1up

Ab Oktober 1963 lebte er im Jüdischen Altersheim in Berlin–Gesundbrunnen. Er starb 1970 im benachbarten Jüdischen Krankenhaus. Richard Mays Urne wurde im Ostteil Berlins auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee an den Gräbern seiner Eltern Adolph und Jenny beigesetzt. Im Nebengrab ist seine nichtjüdische Ehefrau Hertha bestattet.Jüdischer Friedhof Weißensee, Feld E 2 Reihe 17

Journalist

Tagespresse May absolvierte von April bis Dezember 1910 ein Volontariat bei der liberalen Saale-Zeitung in Halle. Im Dezember wechselte er nach Oldenburg, wo die liberale Nordwestdeutsche Morgen-Zeitung ihn als ersten Redakteur für Politik und Theater beschäftigte. Im Frühjahr 1911 nahm er ein Angebot der Berliner Vossischen Zeitung als zweiter Innenpolitik-Redakteur an. May war Parlamentsberichterstatter im Reichstag und Preußischen Landtag und schrieb Leitartikel. Gelegentlich schrieb er politisches Feuilleton. Ein Pionierbeitrag über Filmpolitik (1912) wird noch heute von Filmhistorikern zitiert.May, Richard. „Filmpolitik.“ Vossische Zeitung, Nr. 515 Morgenausgabe (9. Okt. 1912), S. 2, 15. [ZEFYS DF-Viewer] Birett, Herbert. Lichtspiele: der Kino in Deutschland bis 1914. München: Q, 1994, S. 107; Petzold, Dominik. Der Kaiser und das Kino. Paderborn: Schöningh, 2015, S. 163; Ligensa, Annemone. „Ein urbaner Mythos: frühes Kino, Modernisierung und Urbanisierung in Deutschland, 1895-1914.“ dérive Zeitschrift für Stadtforschung, Jan. 2008, S. 7–11 Online, auch: Ligensa, Annemone. „Urban legend: early cinema, modernization and urbanization in Germany, 1895-1914.“ In Cinema, audiences and modernity, Herausgeber: Daniel Biltereyst, Richard Maltby und Philippe Meers, 117-129. London: Routledge, 2012 Im Juli 1918 wurde May Chefredakteur beim General-Anzeiger der Stadt Frankfurt am Main. Seine Leitartikel erschienen oft auch im Leipziger Tageblatt. Ab Februar 1919 berichtete er aus Weimar von der Nationalversammlung. Im Juli 1919 verließ er den General-Anzeiger. Er kehrte als freier Journalist nach Berlin zurück. Er wurde Berliner Vertreter für den regionalen Pressedienst Süddeutsche Demokratische Korrespondenz (SDK) und Süddeutscher Zeitungsdienst (SZ) aus dem Münchner Verlag von Georg Osterkorn. Daneben schrieb er als Leitartikler für Berliner Börsen-Zeitung, Hamburger Fremdenblatt, Wiesbadener Tagblatt, Kasseler Tageblatt, Karlsruher Zeitung und Aachener Post sowie die Korrespondenz Richard Bahr, die die Zeitungen der Huck-Gruppe belieferte. May berichtete täglich aus Reichsregierung, Reichstag und Reichsrat und war Mitglied der Berliner Pressekonferenz, dem Vorläufer der Bundespressekonferenz.

May gehörte 1922 zum Gründungsvorstand der Berliner Verband der auswärtigen Presse (BVAP), einer Vereinigung der Korrespondenten von nicht in Berlin ansässigen deutschen Zeitungen. Er war Mitglied im Reichsverband der deutschen Presse, Bezirksverband Berlin.Reichsverband der deutschen Presse, Bezirksverband Berlin (1930, Februar). Mitgliederverzeichnis. Berlin, S. 19 (Richard May eingetragen als tätig für Süddeutscher Zeitungsdienst, Karlsruher Zeitung, Kasseler Tageblatt)

Zeitschriften 1918/19 publizierte er wiederholt in der von Ludwig Stein herausgegebenen literarisch-politischen Zeitschrift Nord und Süd, die aber 1920 einging.Richard May. „Die Entwicklung zur Weltpolitik.“ Nord und Süd, 42. Jg., Nr. 164, Heft 520, Jan. 1918: 24-28. https://ia904508.us.archive.org/7/items/NordUndSued1918Bd164/NordUndSued1918Bd164.pdf

Richard May. „Die Gefährdung des Staatsgedankens.“ Nord und Süd, März 1918: 258-263. https://ia904508.us.archive.org/7/items/NordUndSued1918Bd164/NordUndSued1918Bd164.pdf

Richard May. „Sanssouci.“ Nord und Süd, 43. Jg., Nr. 168 Heft 533, Feb. 1919: 198-199. https://ia904508.us.archive.org/23/items/NordUndSued1919Bd168/NordUndSued1919Bd168.pdf

Richard May. „Ahasver, der Deutsche.“ Nord und Süd, 43. Jg., Nr. 170 Heft 539, Aug. 1919: 189-190.https://ia902306.us.archive.org/35/items/NordUndSued1919Bd170/NordUndSued1919Bd170.pdf Von August 1920 bis Februar 1927 war May als Nachfolger von Hugo Frenz nebenberuflich Redakteur der DDP-nahen Zeitschrift Das Demokratische Deutschland (ab 1923: Deutsche Einheit). Ab Juli 1921 schrieb er als Kolumnist jede Woche die ironisch-bissigen, feuilletonistischen „Zwischenrufe“, die das politische Wochengeschehen kommentierten. Unter den Herausgebern arbeitete er vorrangig eng mit Johann Graf Bernstorff zusammen.May, Richard. Die Regie war schlecht [Erinnerungen] Teil 1, S. 52f.

1921 setzte er sich erstmals in einem Zeitschriftenbeitrag systematisch mit dem deutschen politischen Antisemitismus auseinander. Sein Aufsatz erschien aber nicht in Deutschland, sondern in den amerikanischen jüdischen Zeitschriften Jewish Forum und B’nai B’rith News (New York) sowie The Sentinel (Chicago).„Anti-semitism in Germany.“ in: The Jewish Forum, 4. Jg., Nr. 5, S. 925–930, September 1921 (HathiTrust) ; in: The Sentinel : the American Jewish Weekly Chicago, 14. Okt. 1921b: 9, 20. (Illinois Digital Archives, PDF) B’nai B’rith News (B’nai B’rith. The National Jewish monthly.) 14. Jg., Nr. 5, S. 10, Januar 1922 (HathiTrust) Über Geschichte und aktuelle Entwicklungen des Antisemitismus schrieb er ab 1924 gelegentlich für die CV-Zeitung, die Wochenzeitung der Organisation Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen GlaubensMay, Richard Völkische Außenpolitik CV-Zeitung 3, 12 20. März 1924 S. 130 https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2280184

May, Richard. Erinnerungen an die Dreyfuß-Affäre CV-Zeitung 3, 29, 17. Juli 1924, S. 432 https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2280547 – Nachdruck in: Die Wahrheit - Jüdische Wochenschrift (Wien), 44, 5, 3. Feb. 1928, S. 4–5 https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3088752

May, Richard. Gesellschaftliche Ächtung : eine sehr zeitgemäße Betrachtung. CV-Zeitung 3, 48, 28. Nov. 1924, S. 750. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2280915

May, Richard. Die Konitzer Schmach : zum 25. Gedenktag. CV-Zeitung, 4, 12, 20. März 1925, S. 208-209. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3536896

May, Richard. Völkische Außenpolitik. CV-Zeitung 5, 10, 5. März 1926, S. 128-129 https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2283216