mini|Die nach der Sturzflut von 1630 eingefallene Kaaba, Darstellung in einem osmanisch-türkischen Buch von 1884 mini|Die Kaaba nach der Sturzflut von 1941

Sturzfluten (, Sg. sail) sind in der saudi-arabischen Stadt Mekka ein häufiges Ereignis. Sie kommen besonders in den Wintermonaten Dezember bis März vorʿAbd al-ʿAzīz: as-Suyūl fī Makka al-mukarrama baina ʿāmai 923-1099 h./1517-1687 m. 2006, S. 63f. und werden üblicherweise durch Wolkenbrüche oder länger anhaltenden Starkregen ausgelöst. Da Mekka in einem von Bergen umgebenen Tal liegt, sammelt sich bei stärkeren Regenfällen das Wasser in den Seitentälern, strömt dann mit großer Geschwindigkeit in die Stadt hinein und überschwemmt die Straßen. Mit dem Wasser wird meist auch viel Geröll und Schlamm in die Stadt gespült.al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, Bd. II, S. 242. Vor ihrem modernen Umbau in den 1960er Jahren setzten viele Sturzfluten auch die Heilige Moschee unter Wasser, die bis dahin drei Meter tiefer lag als das Straßenniveau.Ibrāhīm Rifʿat Bāšā: Mirʾāt al-ḥaramain. 1925. Bd. I, S. 197. Häufig drang das Wasser dabei auch in die Kaaba ein. Manche Sturzfluten in vormoderner Zeit forderten mehrere hundert Todesopfer. Die Menschen kamen dabei teils durch Ertrinken zu Tode und teils dadurch, dass ihre Häuser über ihnen zusammenstürzten. Eine der spektakulärsten Sturzfluten war diejenige des Jahres 1630, die auch die Kaaba zum Einsturz brachte.

Trotz ihres furchterregenden und todbringenden Charakters wurden die Sturzfluten auch als segensreich wahrgenommen, weil nach dem Ereignis die Wüste in der Umgebung aufblühte und die Preise für Lebensmittel stark sanken. Zum Schutz vor den Sturzfluten wurden in Mekka verschiedene Dämme gebaut.

Häufigkeit Nach Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī (gest. 1582) traten Sturzfluten, die die Heilige Moschee unter Wasser setzten, in seiner Zeit durchschnittlich alle zehn Jahre auf. Der osmanisch-türkische Gelehrte Eyüb Sabri Paşa (gest. 1890) spricht hingegen bei solchen Fluten von einer Frequenz von zwölf Jahren.Eyüb Sabri Paşa: Mirʾātü l-ḥaremeyn. 1. Mirʾātü Mekke. 2018, S. 782.

Eine geographische Studie aus Kuwait aus dem Jahr 2001 über Winterwetter und Klimabedingungen in Mekka ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Sturzfluten extremen Ausmaßes im Durchschnitt alle 46 Jahren auftreten, Sturzfluten zweiter Ordnung alle 33 Jahre und Sturzfluten von Gefahr ungefähr alle 13 Jahre.Khaled A. Al-Ghamdi, Ramze A. Elzahrany, Meraj N. Mirza and Gomaa M. Dawod: Impacts of urban growth on flood hazards in Makkah City, Saudi Arabia in International Journal of Water Resources and Environmental Engineering 4/2 (2012) 23-34. Seite 25. Digitalisat

Verlauf der Wasserrinnen mini|Plan von Mekka mit den verschiedenen Rinnen, über die im 19. Jahrhundert bei Sturzfluten das Wasser ablief, Christiaan Snouck Hurgronje, 1888

Das in einem Tal gelegene Mekka gliedert sich in die nördlich der Heiligen Moschee gelegene Oberstadt, Maʿlāt genannt (Karte Nr. 16), die über ein Tal mit Minā und ʿArafāt verbunden ist, und die südwestlich der Moschee gelegene Unterstadt, Misfala genannt (Karte Nr. 5). Die Sturzfluten strömten üblicherweise vor allem von zwei Richtungen her in die Stadt, nämlich

von Minā und Hirā'al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, Bd. II, S. 258. aus durch das Wādī Ibrāhīm, das Haupttal von Mekka, das die Stadt von Norden nach Süden durchzieht. Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī nennt die Flut, die über diesen Weg die Stadt durchquerte, sail Wādī Ibrāhīm. vom Süden her durch das Adschyād-Viertel (Karte Nr. 29). Die von dort herabstürzende Flut, die an-Nahrawālī sail Ibrāhīm nennt, traf an der südlichen Ecke der Heiligen Moschee auf die andere Flut und verhinderte durch ihre Wucht deren Abfließen. Das Wasser türmte sich bei Sturzfluten hier häufig auf und drang dann in die Heilige Moschee ein.

Hinter der Heiligen Moschee floss das Wasser weiter in die Unterstadt. Wenn die Wassermengen sehr groß waren, floss das Wasser sogar weiter bis zum Roten Meer bei Dschidda.

Geschichte Berichte über Sturzfluten in vorislamischer Zeit, Anhebung der Kaaba Nach der mekkanischen Geschichtsschreibung haben sich Sturzfluten schon in vorislamischer Zeit in Mekka ereignet. So soll schon zu der Zeit, als die Dschurhum über Mekka herrschten, eine Sturzflut die Kaaba so stark beschädigt haben, dass sie von den Dschurhum neu erbaut werden musste. Diese stellten sie ganz nach der alten Form wieder her. Baumeister soll ein gewisser ʿĀmir ibn ʿAmr gewesen sein, der aufgrund dieser Leistung den Beinamen al-Dschādir („der Maurer“) erhielt.Wüstenfeld: Geschichte der Stadt Mekka. 1861. S. 12f. Eine besonders große Flut soll die sogenannte Fa'ra-Flut (sail Faʾra) gewesen sein, die stattfand, als die Chuzāʿa im Besitz der Kaaba waren. Das Wasser drang aus dem Wādī Ibrāhīm bis zum Heiligtum der Kaaba vor und warf die Bäume im unteren Bereich von Mekka nieder. Die Flut ist nach einer Frau von den Banū Bakr namens Fa'ra benannt, die im oberen Bereich von Mekka wohnte und bei ihr umkam. Die Chuzāʿa sollen daraufhin einen Bau rund um die Kaaba angelegt haben, um diese vor Fluten zu schützen. Zu diesem Zweck wurde auch der Schwarze Stein in den Bereich innerhalb dieses Baus verbracht.al-Azraqī: Aḫbār Makka wa-mā ǧāʾa fī-hā min al-āṯār . 2003, S. 756f. Nach einem Bericht, der auf den Großvater des mekkanischen Gelehrten Saʿīd ibn al-Musaiyab zurückgeführt wird und sowohl in al-Azraqīs Chronikal-Azraqī: Aḫbār Makka wa-mā ǧāʾa fī-hā min al-āṯār . 2003, S. 756f. als auch in den Sahīh al-BuchārīṢaḥīḥ al-Buḫārī, Kitāb Manāqib al-Anṣār Nr. 26. Digitalisat, gab es in der Dschāhilīya eine Flut, die so groß war, dass sie „das bedeckte, was zwischen den beiden Bergen war“ (kasā mā bain al-ǧabalain). Vielleicht bezieht sich diese Aussage auf dieselbe Flut.

Bis zum Anfang des 7. Jahrhunderts war die Tür der Kaaba zu ebener Erde. Als Anfang des 7. Jahrhunderts die Kaaba bei einem Brand zerstört wurde und die Quraisch sie wiedererrichteten, hoben sie den Boden des Gebäudes und die Tür um ein Klafter (qāma) an, um das Innere besser vor den Sturzfluten zu schützen.Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Ed. Ḫalīl Šahāda und Suhail Zakkār. Dār al-Fikr, Beirut, 2001. S. 437. Digitalisat – Franz. Übersetzung. M. de Slane. Paris, 1857. S. 257. Digitalisat Später wurde eine Stufe von einer Elle Höhe um die Kaaba gelegt, um sie noch besser vor Sturzfluten zu schützen.Ibn ʿAbd Rabbih: al-ʿIqd al-farīd. Bd. VII, S. 283. Digitalisat

Die Umm-Nahschal-Flut und die Umleitung des Wasserstroms aus der Oberstadt Im Jahre 17 der Hidschra (= 638 n. Chr.) ereignet sich erneut eine schwere Flut in Mekka. Das Wasser drang vom oberen Teil Mekkas bis in die Heilige Moschee vor und riss auch den Maqām Ibrāhīm mit sich. Die Flut wurde Umm-Nahschal-Flut (sail Umm Naḥšal) genannt, nach Umm Nahschal, der Tochter von ʿUbaida ibn Saʿīd aus der Familie der Umaiyaden, die bei ihr weggeschwemmt und im unteren Teil von Mekka tot aus dem Wasser gezogen wurde. Auch den Maqām Ibrāhīm fand man im unteren Teil von Mekka wieder.al-Azraqī: Aḫbār Makka wa-mā ǧāʾa fī-hā min al-āṯār. 2003, S. 757f. Als dem Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb die Nachricht von dem Maqām zu Ohren kam, reiste er an. Da unklar war, wo sich der Maqām ursprünglich befunden hatte, ließ er dies untersuchen. Nachdem er den ursprünglichen Standort des Maqām meinte ermittelt zu haben, ließ er ihn dort aufstellen.aṭ-Ṭabarī: al-Araǧ al-miskī fī t-tārīḫ al-Makkī. 1996, S. 106. Um den Stein mit dem Fußabdruck besser vor den Sturzfluten zu schützen, wurde er auf einen Sockel gestellt.Ibn ʿAbd Rabbih: al-ʿIqd al-farīd. Bd. VII, S. 285. Digitalisat

mini|Die ursprüngliche Lage der Wasserrinne ist heute im Masʿā durch eine grüne Beleuchtung an der Decke gekennzeichnet

Um den von ihm neu errichteten Moscheeneubau vor Überschwemmungen zu schützen, baute ʿUmar nach der Umm-Nahschal-Flut der beim Haus von Abān ibn ʿUthmān einen Damm aus Geröll, den er mit Flechtwerk und anderen Materialien ausstopfte. Dieser Damm wurde ʿUmar-Damm (radm ʿUmar) genannt oder Banū-Dschumah-Damm (sadd Banū Ǧumaḥ), weil die Wohnhäuser der Banū Dschumah an ihm lagen. Später war der Ort unter dem Namen Muddaʿā (siehe Karte Nr. 22) bekannt, weil die Pilger, wenn sie nach dem Betreten der Heiligen Stadt von seiner Erhöhung aus zum ersten Mal die Kaaba sahen, dort ein Duʿā'-Gebet zu sprechen pflegten.al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, Bd. II, S. 242, 256f. Durch den ʿUmar-Damm verlagerte sich die Rinne, über die bei Sturzfluten das Wasser von Minā aus in die Stadt strömte. Während vorher das Wasser aus der Oberstadt zum Masʿā (Karte Nr. 24) geströmt und durch das Banū-Schaiba-Tor in die Moschee eingedrungen war, weswegen dieses auch Sturzflut-Tor (bāb as-sail) genannt wurde,al-Azraqī: Aḫbār Makka wa-mā ǧāʾa fī-hā min al-āṯār. 2003, S. 536. wurde das Wasser durch den Damm nun nach Osten in Richtung von Sūq al-Lail (Karte Nr. 21) umgeleitet und floss südöstlich an der Moschee vorbei in die Unterstadt.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 78. Der Damm hielt bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts allen weiteren Fluten stand. Schadschā', die Mutter des abbasidischen Kalifen al-Mutawakkil, schickte im Jahr 851 12.000 Dinar nach Mekka, um damit die Wasserrinne, über die das Wasser der Sturzfluten ablief, aufgraben zu lassen.Wüstenfeld: Geschichte der Stadt Mekka. 1861. S. 195.

Die Stelle, an dem die frühere Wasserrinne den Masʿā gekreuzt hat, wurde nach dem Bau des Damms auf der Strecke zwischen as-Safā und al-Marwa durch grüne Markierungen gekennzeichnet. Hintergrund dafür ist ein von ʿAbdallāh ibn ʿUmar überlieferter Hadith, wonach der Prophet beim Lauf zwischen as-Safā und al-Marwa den Boden der Wasserrinne (baṭn al-masīl) besonders eilig zu durchqueren pflegte.Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, Kitāb al-Ḥaǧǧ, Nr. 1617 Digitalisat Nach einer ِAussage, die von ʿAbdallāh ibn ʿAbbās überliefert ist, pflegten schon die Leute der Dschāhilīya an der Stelle zu eilen und sagten: „Wir durchqueren die Rinne nur rennend“ (lā nuǧīz al-baṭḥāʾ illā šaddan).Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, Kitāb Manāqib al-anṣār, Nr. 3847 Digitalisat Da sich der Prophet an diese Regel gehalten und sie damit bestätigt hatte, wird das Rennen an dieser Stelle für Männer als eine Sunna betrachtet.Muḥammad ibn Aḥmad Ibn aḍ-Ḍiyāʾ: al-Baḥr al-ʿamīq fī manāsik al-muʿtamir wa-l-ḥāǧǧ ilā bait Allāh al-ʿatīq. Ed. ʿAbdallāh Naḏīr Aḥmad Mizzī. Al-Maktaba al-makkīya, Mekka 2011. S. 1273, 1293. Digitalisat Um den Bereich der früheren Wasserrinne, wo die männlichen Pilger schneller laufen sollten, zu kennzeichnen, wurden schon in vormoderner Zeit zwei grüne mīl genannte Grenzsteine aufgestellt. Rahmatallāh as-Sindī (gest. 1585) listet in seinem Manāsik-Werk „das Eilen zwischen den beiden Grenzsteinen“ (al-harwala bain al-mīlain) als einen der Sunna-Bräuche beim Saʿy auf.Raḥmatallāh as-Sindī: Lubāb al-manāsik wa-ʿubāb al-masālik. Al-Maktaba al-Imdādīya, Mekka 2009. S. 254. Digitalisat Heute ist in dem Gebäude, in dem der Lauf zwischen as-Safā und al-Marwa vollzogen wird, die Stelle, an der sich die alte Wasserrinne befand, durch eine grüne Beleuchtung der Decke gekennzeichnet.

Die Dschuhāf-Flut von 700 und die Dammbauten ʿAbd al-Maliks