mini|Michael D. Shellenberger Michael D. Shellenberger (geboren am 16. Juni 1971 in Colorado) ist ein US-amerikanischer Autor und PR-Fachmann, der Ökomodernismus propagiert und sich unter anderem für Kernenergie einsetzt.
Leben Shellenberger wurde in Colorado in eine mennonitische Familie geboren. Von 1989 bis 1993 studierte er Friedens- und Konfliktforschung am Earlham College. 1996 machte er seinen Master in Anthropologie an der University of California, Santa Cruz.
Nach seinem Abschluss zog Shellenberger nach San Francisco, wo er eine Reihe PR-Firmen für progressiv ausgerichtete Kunden (Umweltaktivisten, Gay-Right-Aktivisten etc.) gründete. Communication Works war ein aus vier Personen bestehender Ableger der Organisation Global Exchange, die Shellenberger als Codirektor leitete. Der größte Erfolg war eine PR-Kampagne gegen Nike wegen ausbeuterischer Arbeitsbedingung in Asien, sowie eine Kampagne gegen Dr. Laura’s Radio Show nachdem dort negativ über Homosexuelle berichtet worden war. 2001 wurde Communication Works mit Fenton Communications zusammengelegt, Shellenberger wurde dort Abteilungsleiter. 2002 verließ er Fenton Communications und gründete mit Lumina Strategies eine ähnlich ausgerichtete PR-Consulting Firma.
Bei den Gouverneurswahlen 2018 trat Shellenberger für die Demokratische Partei in Kalifornien an, schied aber in den Vorwahlen aus. Im Jahr 2021 unterstützte er die Abberufung von Gouverneur Gavin Newsom bei den Abberufungswahlen zum Gouverneur von Kalifornien. Bei den Gouverneurswahlen 2022 trat Shellenberger als unabhängiger Kandidat an und belegte mit 4,1 % der Stimmen den dritten Platz in einem Feld von sechsundzwanzig Kandidaten.
Im Dezember 2022 war Shellenberger einer der Autoren, die Teile kommentierter interner Twitter-Dateien („Twitter Files“) mit Genehmigung des neuen Eigentümers Elon Musk veröffentlichten.Folmar, Chloe (December 11, 2022). "American author Michael Shellenberger releases 'Twitter Files Part 4'". The Hill. Memento des Originals am 11. Dezember 2022. Abgerufen am 17. Dezember 2022.https://twitter.com/shellenberger/status/1601720455005511680 Seit Dezember 2022 ist er Autor für The Free Press.Fischer, Sara (13. Dezember 2022). "Bari Weiss reveals business plan for buzzy new media startup". Axios. Abgerufen am 28. Januar 2023.
Breakthrough Institute und Environmental Progress 1997 traf er während einer Kampagne zur Rettung des Waldes im kalifornischen Redwood-Nationalpark auf seinen späteren Mitstreiter Ted Nordhaus, der damals als Meinungsforscher und politischer Stratege für Umweltgruppen arbeitete. Nordhaus und Shellenberger gründeten 2003 das Breakthrough Institute und machten eine Kampagne für ein staatliches 300-Milliarden-Dollar-Programm unter dem Namen New Apollo Project. Mit diesem sollte grüne Technologie gefördert werden. Sie argumentierten, dass nur dies die Transformation in eine grüne Wirtschaft bewirken könne. Die Kampagne nahm zunächst viel Schwung auf. In Umfragen stimmten sogar unter den (schwierigen) Wählergruppen der Nichtakademiker und der Reagan-Demokraten eine Mehrheit für das Projekt. Die beiden konnten auch diverse Politiker, Gewerkschaften und Umweltverbände für das Projekt gewinnen und zumindest die Aufmerksamkeit der John Kerry Kampagne erregen. Dann ging es jedoch nicht mehr weiter. John Kerry verlor die Wahl. Die Gewerkschaften waren letztlich mehr daran interessiert, bestehende Arbeitsplätze zu erhalten, als neue „grüne“ Arbeitsplätze zu schaffen, und die Umweltverbände investierten ihr Geld und ihre Energie lieber in ihre eigenen Projekte. 2004 veröffentlichten Shellenberger und Nordhaus noch das Essay The Death of Environmentalism: Global Warming in a Post-Environmental World.
Das Breakthrough Institute ist nach Einschätzung von Michael E. Mann eine Organisation, die in der Vergangenheit mit der fossilen Energiebranche in Verbindung stand, in jüngerer Zeit vor allem aber als Lobbyorganisation der Nuklearindustrie charakterisiert wurde. Unter anderem wird ihr vorgeworfen, Daten über die Energieeinsparungen durch Effizienzmaßnahmen falsch darzustellen, fast jede vorgeschlagene Maßnahme zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den USA [zu kritisieren] und sich mit Organisationen, die Klimawissenschaften leugnen [zu verbünden]. Eine besondere Vorliebe sei, die Erneuerbare Energien zu diskreditieren und die Kernenergie als Lösung anzupreisen.Michael E. Mann: Propagandaschlacht ums Klima. Erlangen 2021, S. 177f. Shellenberger vertritt die Ansicht, dass Solarenergie eine große Umweltbedrohung darstelle, während er in der Kernenergie die sicherste Art der Stromerzeugung sieht und „Atommüll die beste Art von Abfall“ sei.Michael E. Mann: Propagandaschlacht ums Klima. Erlangen 2021, S. 178. Während seiner Tätigkeit bei Breakthrough schrieb Shellenberger eine Reihe von Artikeln, deren Themen von der positiven Behandlung von Kernenergie und SchiefergasTotty, Michael (April 17, 2010). "Nuclear's Fall—and Rise". The Wall Street Journal. bis hin zur Kritik am Modell der planetaren Grenzen reichen."Boundary conditions". The Economist. 16. Juni 2012.
Im Februar 2016 verließ Shellenberger Breakthrough und gründete Environmental Progress.Environmental Progress home page (accessed 1 July 2017) Er setzt sich vehement für Kernkraft ein. So engagierte er sich beispielsweise jahrelang für den Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Diablo Canyon, als nicht einmal der Betreiber noch daran interessiert war. Auf die Frage, warum er sich so für Kernenergie einsetze, obwohl er den Klimawandel nicht katastrophal finde, antwortete er, dass man sich um ein Problem kümmern könne, auch wenn man es nicht für das Ende der Welt halte. Wenn man den Klimawandel bekämpfen wolle, dann dürfe man nicht in Panik verfallen, sondern müsse ruhig und rational Optionen und Risiken abwägen – und deshalb seiner Meinung nach das AKW Diablo Canyon weiterbetreiben.Jim Green: Nuclear power lobbyist Michael Shellenberger learns to love the bomb. In: The Ecologist, 20. September 2018. Abgerufen am 1. Mai 2023. Er wurde auch von konservativen Gesetzgebern aufgefordert, vor dem US-Kongress zum Klimawandel und zugunsten der Kernenergie auszusagen.Shellenberger, Michael (January 15, 2020). "Full Committee Hearing - An Update on the Climate Crisis: From Science to Solutions". republicans-science.house.gov. Committee on Science, Space, and Technology. Abgerufen am 17. Juni 2020.
Veröffentlichungen und Rezeption The Death of Environmentalism: Global Warming in a Post-Environmental World Das Essay The Death of Environmentalism: Global Warming in a Post-Environmental World von Michael Shellenberger und Ted Nordhaus wurde 2004 zunächst im Selbstverlag und aufgrund des großen Interesses später von Addleton Academic Publishers publiziert. Die Autoren argumentieren darin, dass die klassische Umweltbewegung nicht in der Lage sei, den Klimawandel zu stoppen, weil ihre Führer nicht gewillt seien, neben der Umwelt auch die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung in die Überlegungen mit einzubeziehen. Die klassische Umweltbewegung müsse daher zusammenbrechen und so einem neuen Paradigma Platz schaffen.
Nicholas Kristof äußerte 2005 in der New York Times seine Zustimmung zu der Idee, dass die Rhetorik der Umweltbewegung verändert werden müsste. Katharine Mieszkowski schrieb 2006 für Salon.com, dass den Autoren ein beeindruckender „J'accuse Moment“ gelungen sei, in dem sie darauf hinwiesen, dass die Umweltbewegung nach 15 Jahren und mehreren hundert Millionen Dollar kaum Erfolge im Kampf gegen die Erderwärmung vorzuweisen habe. Der Hinweis darauf, dass die Bürger laut Umfragen weit überwiegend davon überzeugt seien, dass Erderwärmung ein Problem ist, dass sie nach denselben Umfragen aber nicht bereit seien, persönlich einschneidende Maßnahmen mitzutragen, weise auf den Kern des Problems hin. Sie kritisiert jedoch, dass die Autoren selbst wenig Ideen entwickelten, was politisch besser gemacht werden könne.
Break Through: From the Death of Environmentalism to the Politics of Possibility In dem Buch Break Through: From the Death of Environmentalism to the Politics of Possibility (Houghton Mifflin, 2007) werben Michael Shellenberger und Ted Nordhaus für großangelegte öffentliche Investitionen in technische Innovationen, die geeignet sind, saubere Energie billiger zu machen und für ein neues grün-kulturelles Paradigma.
Das Buch wurde 2008 mit dem Green Book Award ausgezeichnet. Matthew Yglesias schrieb 2008 in der New York Times, dass Shellenberger und Nordhaus mit dem Essay eine lebhafte Debatte ausgelöst hätten, vor allem, weil sie sich mit ihren früheren Alliierten aus der Umweltbewegung überworfen hätten, mit denen sie zuvor noch beispielsweise für einen ambitionierten Plan zur Förderung erneuerbarer Energie (New Apollo Project) gekämpft hatten. Mit dem Buch Break Trough hätten sie dann drei Jahre später aber nach Ansicht von Yglesias auch Zukunftsentwürfe geliefert. Das Buch gehe weit über das Thema Machbarkeit von Wasserkraft und Windkraft hinaus in abstrakt theoretische Überlegungen. Eine große Stärke der Werke sei der Verweis auf psychologische Studien, nach denen Katastrophenszenarien bei Menschen Gefühle von Fatalismus und Paralyse verursachen. Wenn man Gefühle von Unsicherheit hervorrufe, dann nutze dies nur reaktionärer Politik, aber nicht der Art von weitsichtigem fortschrittlichen Denken, das erforderlich sei, um die ökologische Katastrophe abzuwenden. Yglesias bemängelt jedoch, dass die Autoren diesen wichtigen Punkt weiter hätten ausarbeiten sollen, denn die Überlegungen zur Änderung der Rhetorik seien die große Stärke des Buches. Bei den praktischen Überlegungen hätten die Autoren übersehen, dass die Finanzierung von Maßnahmen gegen die Erderwärmung der kritische Punkt praktischer Politik sei, und hier dürfe die Idee der CO2-Steuer nicht hintangestellt werden. David Naglib Pellow kritisierte 2008 in Environmental Justice, dass die Vorstellung der Autoren, zuerst müsse das Wohlergehen der Menschen kommen, dann würde Umweltschutz nachfolgen, eine umweltrassistische Idee sei. Arme Menschen und Menschen mit afrikanischen Wurzeln würden sich genauso wie alle anderen für Umweltschutz interessieren. Jonathan Adler schrieb 2007 für das The Wall Street Journal, dass Nordhaus und Shellenbergers optimistischer Aufruf zu mehr wirtschaftlicher Dynamik und kreativem Potential sicherlich mehr für die Umwelt erreichen werde als ein UN Report oder ein Nobelpreis.
An Ecomodernist Manifesto
Zusammen mit 18 anderen Autoren, u. a. Robert Stone, Joyashree Roy, Roger A. Pielke junior und Mark Lynas veröffentlichte er 2015 das Manifest des Ökomodernismus. Inhalt des Manifestes ist vor allem, dass Wissen und Technologie ein großartiges Anthropozän ermöglichen würden, wenn sie dazu verwendet werden, das Leben der Menschen zu verbessern, das Klima zu stabilisieren und die Natur zu schützen. Sie wenden sich damit zugleich gegen die Vorstellung, dass die menschliche Gesellschaft in Einklang mit der Natur leben müsse, um einen wirtschaftlichen und ökologischen Kollaps zu vermeiden. Vielmehr solle durch Intensivierung der Landwirtschaft, Energiegewinnung, Forstwirtschaft und Besiedelung der Flächenverbrauch reduziert und Eingriffe in die Natur verringert werden. Dies zusammengenommen gebe den Menschen die Möglichkeit, den Klimawandel abzumildern, die Natur zu schonen und die weltweite Armut zu bekämpfen.
Michelle Nijhuis schrieb für die New York Times, dass das Manifest im Tonfall eine kalkulierte Provokation darstelle, etwa mit dem Aufruf, dass sich die Menschheit von der Natur abkoppeln solle, oder dem Aufruf, weiterhin in Kernenergie zu investieren. Der Inhalt des Manifests sei jedoch jenseits dieser Aufreger weitgehend mit klassischen Forderungen der Umweltschutzbewegung kompatibel.