Der Verlag Neuer Staat (VNS) entstand aus dem bereits 1918 von Hermann Kalkoff gegründeten Demokratischen Verlag und war personell, politisch und finanziell eng mit der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) verbunden. Anfangs ein klassischer Parteiverlag, der Wahlwerbung, eine parteinahe Zeitschrift und Politikerbücher veröffentlichte, wurde der Verlag später zu einem Finanzierungsfonds für DDP-nahe Zeitungen und Presseagenturen. Die drei liberalen Großverlage Ullstein, Mosse und Frankfurter Societät beteiligten sich ab 1923, um ein Gegengewicht zum rechtskonservativen Hugenberg-Konzern zu schaffen.
1918–1922 Demokratischer Verlag Der VNS entstand aus der Firma Demokratischer Verlag (DV), deren Gründung Hermann Kalkoff am 11. Dezember 1918 publik machte.Gründungsanzeige Demokratischer Verlag, 11. Dezember 1918, und Anzeige Zeitfragen-Verlag Hermann Kalkoff, 11. Dezember 1918, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Nr. 295, 21. Dezember 1918, S. 7415, Anzeigenteil (Digitalisat SLUB Dresden / Börsenblatt digital) Kalkoff war Generalsekretär der Nationalliberalen Partei gewesen und hatte aus dem Verlagsbetrieb parteinaher Schriften ein privates Verlagsunternehmen geschaffen. Er schloss sich im November 1918 der DDP an. Er unterstützte die neue Partei, indem er in seinem Verlagshaus den DV als Sparte einrichtete. Formal stellte Kalkoff dies vor als Umbenennung der 1906 gegründeten „Schriftenvertriebsstelle der Nationalliberalen Partei Hermann Kalkoff“ zu „Demokratischer Verlag Hermann Kalkoff“.Anzeiger. Handelsregister des Amtsgerichts Berlin-Mitte, Abt. A. In: Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 586, 14. Dezember 1918, II. Beilage; deutsche-digitale-bibliothek.de Für den etablierten Verleger Kalkoff blieb der DV ein Nebengeschäft, dessen Programm operativ als Sparte in Kalkoffs älteren Verlagsunternehmen betreut wurde. Die Verlagsadressen waren identisch.
Verlagsprogramm Zu Beginn der Republikjahre und in Wahljahren war der DV-Schriftenausstoß unregelmäßig, aber relativ hoch. Die meisten Veröffentlichungen waren eher Hefte als Bücher. Im Dezember 1918 begann der DV mit der Herstellung von Werbeflugschriften, Wahlaufrufen (für bestimmte Gruppen wie Nationalliberale, Jungliberale, Landvolk, Mittelstand, Angestellte und Arbeiter, Beamte, Frauen), Redner- und Argumentationshilfen (z. B. Wie agitiert man zum und am Wahltage?) und weitere Wahlkampfmaterialien.
In der Reihe Schriften für die Wahlbewegung erschien eine frühe Auseinandersetzung mit Gustav Stresemanns konkurrierender rechtsliberaler Parteigründung eine Streitschrift von Johannes Rathje mit dem Titel Deutsche Volkspartei (DVP) oder Deutsche demokratische Partei. DV-Veröffentlichungen dienten auch der praktischen politischen Bildung, um Staatsbürger an republikanische Verfassung, Verfahren und Institutionen heranzuführen. Zu den ersten Titel gehörte etwa die Einführung des Wahlrechtsexperten Hans G. Erdmannsdörffer, Wie steht es mit der Verhältniswahl? Praktische Winke für die Wahlen zur Nationalversammlung.Volker Wohl: Weimarer Kontaktpersonen von Thomas Mann (PDF), uaf verlagvopelius.de
Von 1920 bis 1929 (Zählung bis Nr. 144) erschienen unregelmäßig Hefte in der Reihe Materialien zur demokratischen Politik.
Ab 1921 wurde der Demokratischer Taschen-Kalender verlegt, zusammengestellt wurde er von DDP-Generalsekretär E. Gustav Kuhle. Im selben Jahr kam, herausgegeben vom Reichsfrauenausschuss der DDP, erstmals der populäre Naumann-Kalender heraus, ein illustrierter Almanach mit Naumann-Zitaten und Essays. Er erschien im VNS jährlich bis 1928.
Zu den Autoren des DV/VNS gehörten zahlreiche prominente liberale Politiker und Publizisten wie Ludwig Bergsträsser, Carl Delius, Bernhard Dernburg, Karl Elling, Anton Erkelenz, Robert Friedberg, Conrad Haußmann, Theodor Heuss, Ferdinand Hoff–Kiel, Reinold Issberner, Robert Jansen, Wilhelm Külz, Herbert Kugelmann, Bruno Lewin, Otto Löffler, Marie Elisabeth Lüders, Rudolf Oeser, Walter Pinner, Alexander Pohlmann, Hugo Preuß, Ludwig Quidde und Gaston Raphaël.
Einige dieser Autoren schrieben auch für Hermann Kalkoffs Reichsverlag und Zeitfragen-Verlag. Dort wurden die längeren, gewichtigeren Bücher veröffentlicht. Autorenprofil, Programme und Marken der drei Verlage waren nicht scharf unterscheidbar.
Zeitschrift Das Demokratische Deutschland alt=Titelseiten der Zeitschrift Das demokratische Deutschland|mini|305x305px|Von Juli 1919 bis Juni 1921 verlegte der Demokratische Verlag Hermann Kalkoff die liberale Zeitschrift Das demokratische Deutschland (DdD), nach Titeländerung Das Demokratische Deutschland (DDD). Kalkoff war 1919–1920 selbst Ko-Herausgeber des Blattes. Gedruckt wurde sie in dieser Zeit bei Ernst Litfaß Erben, Berlin. Zwei Jahre lang erschien beim DV die vor allem für DDP-Mitglieder gedachte Wochenzeitschrift Das Demokratische Deutschland. Diese erste DDP-nahe Zeitschrift erschien am 14. Dezember 1918, also parallel zur Gründung des DV. Sie erschien aber nicht dort. Offenbar hatte Kalkoff wenig Interesse am Verlegen einer Zeitschrift. Er überließ sie der Berliner Verlagsbuchhandlung Boll und Pickardt (auch: Boll & Pickhardt). Dort blieb sie jedoch nur bis zum Juni 1919, als der Gründungsredakteur Hugo Frenz die Zeitschrift verließ. Die junge Zeitschrift hing in der Luft. Kalkoff sprang mit dem DV als Verleger ein. Er wurde auch Herausgeber. Ko-Herausgeber sowie Schriftleiter wurde der Universitätsprofessor Ludwig Bergsträsser.Ludwig Bergsträsser, Hermann Kalkoff: An unsere Leser! In: Das demokratische Deutschland. Band 1, Nr. 2, 1. Juli 1919, S. 1.
Diese Zeitschrift wurde allerdings nicht zum offiziellen Parteiorgan. Die DDP entschied sich 1920 stattdessen für das Konzept des DDP-Vorstands und Journalisten Friedrich Weinhausen, der in seinem Privatverlag Demokratischer Zeitungsdienst GmbH die 14-tägliche Wochenzeitschrift Der Demokrat – Mitteilungen aus der Deutschen Demokratischen Partei im Parteiauftrag redigierte. (Aber nach Weinhausens Tod 1925 beteiligte sich der DV-Nachfolger Verlag Neuer Staat an der Zeitungsdienst GmbH, siehe unten.) Die DDP war kaum in der Lage, das eigene Hausorgan zu unterhalten; Aussicht auf Parteizuschüsse für die konkurrierende DDD bestanden daher nicht. Es musste sich vollständig durch Abonnements und Werbeanzeigen finanzieren.
Im Dezember 1920 legte Kalkoff die Herausgeberschaft nieder. Sein Nachfolger wurde der DDP-Politiker Johann Heinrich Graf von Bernstorff.Das Demokratische Deutschland, Band 2, Nr. 52, 31. Dezember 1920, S. 877. Im Juli 1921 gab Kalkoff auch das Verlagsrecht wieder ab. Sein Ko-Herausgeber Franz Peter Stubmann aus Hamburg vermittelte den Hamburger Phönix-Verlag (später Frei-Werk-Verlag, Hamburg).An die Leser und Freunde unserer Wochenschrift! In: Das demokratische Deutschland, Band 3, Nr. 24–25, 19. Juni 1921, S. 3.
Geschäftsführung Kalkoff engagierte sich persönlich vorrangig bei Reichsverlag und Zeitfragenverlag. Für DV und den Nachfolger VNS waren offenbar wechselnde Treuhänder oder Strohmänner als Geschäftsführer eingesetzt, die nur formal bestellt und ins Handelsregister eingetragen wurden. Der Demokratische Verlag war zunächst nur ein Handelsgeschäft bzw. eine Marke von Kalkoffs Verlagshaus, keine im Amtsgerichts-Handelsregister eingetragene Gesellschaft. Er bezog jedoch die Verlagskaufleute und Druckereibesitzer Hugo Düring und Heinrich (Heinz) Gerpott ein. Gerpott und Düring waren im Wesentlichen Druckauftragnehmer Hermann Kalkoffs und produzierten auch zahlreiche DDP-Wahlflugblätter.
Kalkoff übertrug zunächst Düring 1921 die (formale) Leitung des Verlags mit Sitz in der Köthener Straße 35, im selben Häuserblock der DDP-Zentrale und anderer liberaler Organisationen in der Bernburger Straße 18, welche der Verlag von Anfang an oft alternativ als Adresse angab.Nr. 42384, Demokratischer Verlag Hermann Kalkoff, Köthener Str. 35: Hugo Düring. In: Berliner Handels-Register, 57, 1921, S. 105; zlb.de Unter derselben Adresse führten Gerpott und Düring das 1795 gegründete Druckerei- und Verlagsunternehmen Ernst Litfaß Erben. Sie hatten die Firma des früheren Berliner „Reklamekönigs“ und Erfinders der Litfaßsäule 1919 übernommen.Sie führten es ab 1. März 1919 als OHG. Anzeiger Handelsregister, Nr. 294, Berliner Börsen-Zeitung, 22. März 1919, S. 8; deutsche-digitale-bibliothek.de Die Druckerei Ernst Litfaß Erben übernahm die Herstellung von DV-Publikationen, darunter die Zeitschriften Das Demokratische Deutschland (bis Juni 1921) und Der Demokrat (nach 1925). Teilweise traten sie selbst als Verleger von Politikerbüchern auf. Gerpott und Düring waren in diverse Unternehmen der Branche involviert (Verlage, Druckereien, Buchbindereien, aber auch Baufirmen). Offenbar stellten sie sich Geschäftspartnern mehrfach als Treuhänder oder Strohmänner-Geschäftsführer zur Verfügung. Es war in der Verlagsbranche üblich, Eigentümerverhältnisse und Finanzstrukturen zu verschleiern. Inwiefern sie in Kalkoffs Verlagsmanagement operative Aufgaben hatten, ist nicht bekannt.
1922–1934 Verlag Neuer Staat
Medienpolitische Zielsetzung Kalkoff beteiligte sich an mehreren medienpolitischen Initiativen führender DDP-Politiker, um die DDP-nahe Presse zu unterstützen. So gründete er 1922 mit Hermann Dietrich und Schatzmeister Hermann Fischer die Beteiligungsfirma Reichsverlag AG; außerdem kooperierte mit der von Dietrich mitgelenkten, verdeckt operierenden staatlichen Medienholding Konkordia Literarische Anstalt.
In diesem Kontext ist zu sehen, dass Kalkoff 1922 den DV aus seinem Verlagsverbund herauslöste, um ihn den DDP-Politikern Anton Erkelenz und Richard Frankfurter als Firmenhülle zur Verfügung zu stellen. Der wesentliche Vorteil dieses Vehikels war der Anschein, dass es sich nur um eine Umbenennung handelte, da der Verlag das DV-Schriftenprogramm fortführte. Tatsächlich sollte er völlig neue Zwecke verfolgen.
Im März 1920 war – mit Erkelenz’ Unterstützung – der Deutsche Demokratische Presseverein gegründet worden, um die kleine und mittlere DDP-nahe Provinzpresse durch Beratung und Finanzhilfen zu unterstützen. Er war aber gescheitert und befand sich im November 1921 in Liquidation.„Dok. 87. 11.11.1921 Sitzung des Parteiausschusses – Organisationsbericht“ (Richard Frankfurter). In: Konstanze Wegner, Lothar Albertin: Linksliberalismus in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1980, S. 216–226, hier S. 225.
Erkelenz war die treibende Kraft bei dem Projekt, über den VNS liberale Gegenmacht gegen den Hugenberg-Konzern aufzubauen.Modris Eksteins: The limits of reason – the German Democratic press and the collapse of Weimar democracy. Oxford University Press, London 1975. ; .Ludwig Bernhard: Der ‚Hugenberg-Konzern‘, Psychologie und Technik einer Großorganisation der Presse. Julius Springer, Heidelberg 1928, S. 104.Werner Stephan: Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973, S. 311 f. Sein Partner Frankfurter war medienpolitisch erfahren, da er als Rechtsanwalt für die Filmindustrie arbeitete. Er gehörte wie Erkelenz zum DDP-Vorstand und leitete den Organisationsausschuss der Partei, in dem Presse- und Finanzfragen besprochen wurden.
Als Investoren und strategische Partner rekrutierten Erkelenz und Frankfurter die drei DDP-nahen Großverlage Rudolf Mosse (Berliner Tageblatt, Berliner Volks-Zeitung, Berliner Morgen-Zeitung), Ullstein AG (Vossische Zeitung, B.Z. am Mittag, Berliner Morgenpost, Berliner Abendpost) und Frankfurter Societät (Frankfurter Zeitung). Diese traten nach außen formal nicht in Erscheinung, ihre Mitwirkung war jedoch bald ein offenes Geheimnis.