alternativtext=Die verschiedenen Epochen des Mühlsteinbergbaus liegen im Mayener Grubenfeld ganz nah beieinander.|mini|Die verschiedenen Epochen des Mühlsteinbergbaus liegen im Mayener Grubenfeld ganz nah beieinander. (Klaus-Peter Kappest) Das Mühlsteinrevier RheinEifel liegt im Landkreis Mayen-Koblenz (Rheinland-Pfalz) am Rande der Eifel. Es handelt sich um ein serielles Kulturgut, das sich aus fünf Bestandteilen zusammensetzt, die in ihrer Gesamtheit die Herstellung von Mühlsteinen aus Basaltlava und den Fernhandel mit diesen Produkten abbilden. Der Abbau von Basaltlava zwecks Produktion von Reib- und Mühlsteinen begann hier bereits vor 7.000 Jahren und kam erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Erliegen.

Der Mühlstein – eine Kulturtechnik von universeller Natur Die Sesshaftwerdung des Menschen, die vor etwa 12.000 Jahren vom sog. Fruchtbaren Halbmond ausging, bildet einen der bedeutendsten Einschnitte in der Menschheitsgeschichte. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern, die ihr Land für den Anbau von Getreide nutzten. In Europa kultivierte man vornehmlich Weizen, Gerste und Roggen. Um daraus Brot backen zu können, benötigte man allerdings ein Werkzeug, das die Weiterverarbeitung des Korns zu Mehl ermöglichte. Reib- und Mühlsteine sind daher eng mit der Neolithischen Revolution verbunden. Die Herstellung von Brot war Voraussetzung dafür, dass eine große Zahl an Menschen ernährt werden konnte. Das Aufschließen von Getreide muss daher als „Kulturtechnik von universeller Natur“ gelten, die folglich am Beginn der Urbanisation steht.alternativtext=Die markante Gestaltung des Läufersteins machte im Mühlsteinrevier RheinEifel produzierte Handmühlen zum Markenartikel.|mini|Die markante Gestaltung des Läufersteins machte im Mühlsteinrevier RheinEifel produzierte Handmühlen zum Markenartikel. (Klaus-Peter Kappest)Sowohl Reibsteine als auch ihre Nachfolger, die Mühlsteine, bestehen aus einem Bodenstein und einem beweglichen Läufer(stein). Beim Reibstein wird das Getreide durch Hin- und Herschieben des Läufers zu Mehl zermahlen. Die Handmühle, die um 300 v. Chr. aus dem Mittelmeerraum nach Zentraleuropa drängte, kommt demgegenüber einer Revolution gleich. Bei Mühlen wird das Mahlgut durch Drehen des Läufers auf dem Bodenstein zerrieben. Die innovative Technologie sorgte für eine beachtliche Produktivitätssteigerung: Versuche ergaben, dass die Mühle im Vergleich zum Reibstein sechs- bis zwölffach effizienter ist. Während die Handmühle mit bloßer Muskelkraft bedient werden kann, bedarf es bei der Kraftmühle zusätzlicher technischer Vorkehrungen, um diese in Bewegung zu setzen. Die Hebelwirkung ausnutzend, wurden Däuarme am Läufer montiert, sodass die Mühle von Sklaven oder Eseln in Gang gesetzt werden konnte. Bei den sog. Schnellläufern wird die Antriebsgeschwindigkeit mit Hilfe eines Getriebes in eine schneller drehende Rotationsgeschwindigkeit des Mahlgangs übersetzt. Halbautomatische Mühlen nutzen als Antrieb Menschen- oder Tierkraft, automatische bedienen sich der Wind- und Wasserkraft.

Die Erfolgsgeschichte des Eifeler Mühlsteins Schon in der Jungsteinzeit erkannten die Menschen, dass sich die Basaltlava aufgrund ihrer Struktur für die Fertigung von Mahlsteinen besonders gut eignete. Basaltlava ist hart, relativ leicht und zeichnet sich durch eine scharfkantige Mikrostruktur aus. Ihre Entstehung verdankt sie dem Eifel-Vulkanismus. Vor etwa 200.000 Jahren brachen im betrachteten Raum der Bellerberg-Vulkan und der Wingertsberg-Vulkan aus, die vier Lavaströme hinterließen. Da die Landschaft die ausfließende Lava in damals vorhandene Täler zwang, staute sie sich zu mächtigen Strömen (bis zu 25 m Höhe) auf. Beim Erkalten von Lava bilden sich polygonale Strukturen, sodass sich ein Lavastrom in säulenartige Formationen untergliedert. Im Zentrum des Stroms haben diese Säulen eine Dicke von bis zu 2 Metern, was die Herstellung großformatiger Mühlsteine ermöglichte. Ferner führte die ortsspezifische Abkühlung der Basaltlava zum Einschluss eines hohen Anteils an Gasbläschen. Die daraus resultierende Porosität des Gesteins sorgt dafür, dass die Mahlfläche eines Mühlsteins stets scharf bleibt. Daneben sind Basaltlava-Mühlsteine sehr abriebfest, was erwiesenermaßen die Zähne schonte.

Die natürliche Struktur des Gesteins nutzte man beim Abbau gezielt aus: Um einzelne Säulen aus dem Säulenverband zu lösen und die Säulen in Segmente zu zerteilen, fand die sog. Keilspaltung Anwendung. Dazu schlug man zunächst eine Rille in den Stein hinein, die man anschließend mit Metallkeilen besetzte. Durch das abwechselnde Eintreiben der Keile („Anziehen“) riss der Stein an der gewünschten Stelle. Diese Abbauweise änderte sich bis ins 20. Jahrhundert hinein nur marginal. Erst in den 1920er Jahren wurde das Abspalten mit Hammer und Keilen durch den Einsatz von Presslufthämmern ersetzt. alternativtext=Dieser Mühlstein der Fa. F.X. Michels besuchte insgesamt 4 Weltausstellungen und befindet sich heute im Michelshof in Niedermendig.|mini|Dieser Mühlstein der Fa. F.X. Michels besuchte insgesamt 4 Weltausstellungen und befindet sich heute im Michelshof in Niedermendig. (Klaus-Peter Kappest) Die Beschaffenheit des Materials ist aber nur ein Grund für den Siegeszug der Eifeler Mühlsteine. Hinzu kommt die Nähe zum Rhein. Andernach als Tor zur Welt ermöglichte den effizienten Transport der Mahlsteine und ließ sie so zu einem frühen Exportschlager werden. Während römische Handmühlen bis auf die britischen Inseln und über den linksrheinischen Treidelpfad rheinaufwärts bis ins Voralpenland gelangten, konkurrierte das Mühlsteinrevier RheinEifel im Mittelalter mit den norwegischen Mühlsteinen aus Hyllestad um die Handelsräume in Nord- und Ostsee. In der Neuzeit wurden sie als Ballast sogar bis in die Neue Welt verschifft. Beide Faktoren – die hervorragenden Materialeigenschaften sowie die günstigen infrastrukturellen Grundbedingungen – sorgten dafür, dass man in der Osteifel über 7.000 Jahre hinweg kontinuierlich Mahlsteine produzierte. Diese Tradition endete erst mit Aufkommen der Stahlwalze im 20. Jahrhundert.

Das Mühlsteinrevier RheinEifel ist damit ein außergewöhnliches Zeugnis einer kulturellen Tradition. Es steht für Kontinuität und Wandel einer Technik, mit deren Hilfe es möglich war, Getreide zu Mehl zu mahlen. Das RheinEifel-Revier, Ergebnis eines jahrtausendelangen Abbaus von Basaltlava, spiegelt dabei die Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt wider: So forderten die geologischen Gegebenheiten nicht nur eine fortwährende Weiterentwicklung der Technik, auch die gesellschaftliche Organisation ist als unmittelbare Folge der Steinindustrie zu betrachten. Mühlsteine wurden freilich auch andernorts hergestellt und es sind Reviere bekannt, die auf eine ähnlich lange Abbautradition zurückblicken. Allerdings finden sich nirgendwo anders vergleichbar viele Sachzeugen, die die Entwicklung der Mühlsteinproduktion über Jahrtausende hinweg so lückenlos veranschaulichen könnten, wie im Mühlsteinrevier RheinEifel.

Die Entwicklung eines historischen Wirtschaftsraums Es ist gerade diese ungebrochene Kontinuität, die zur Herausbildung eines Industriereviers geführt hat. Wenn man bedenkt, dass sich das Mühlsteinrevier RheinEifel auf eine 7.000jährige Produktionsgeschichte beruft, mag der Terminus des Industriereviers zunächst Irritationen hervorrufen, verbindet man hiermit doch allgemein das wortverwandte Zeitalter der Industrialisierung, die bei uns erst vor etwa 170 Jahren einsetzte. Die Archäologin Angelika Hunold vertritt allerdings die These, dass die mit der Industriellen Revolution verbundenen Wandlungsprozesse bereits in vormodernen Zeiten zu beobachten sind. Unter dem Begriff 'Industrierevier' versteht sie ein Revier, in dem über einen längeren Zeitraum hinweg qualitativ hochwertige Produkte in hoher Stückzahl für einen überregionalen Markt erzeugt wurden. Die Herstellungsprozesse waren dabei standardisiert und arbeitsteilig organisiert.

Um die hohe Nachfrage nach Basaltlavamühlsteinen befriedigen zu können, bedurfte es bestimmter Grundvoraussetzungen. Raumprägende Gegebenheiten wie die Nähe zum Rhein waren neben der Qualität der hiesigen Basaltlava sicherlich der entscheidende Faktor. Ein Wirtschaftsraum ist per Definition allerdings ein durch wirtschaftliche Aktivitäten des Menschen gestalteter Raum. Insofern gilt es auch, so Hunold, das funktionale Gefüge näher in den Blick zu nehmen. Hierzu zählt neben der Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung sowie sozioökonomischen und historisch-kulturellen Aspekten auch die Infrastruktur. Sie soll in der Folge als Merkmal des vormodernen Industriereviers zwischen Rhein und Eifel einer Analyse unterzogen werden, auch vor dem Hintergrund der Frage, inwiefern infrastrukturelle Elemente als Sachzeugen die Authentizität des Kulturguts Mühlsteinrevier RheinEifel untermauern können.

Das Revier unter römischer Herrschaft alternativtext=Die Alte Mayener Hohl in Andernach ist heute ein Rückzugsort für die Tier- und Pflanzenwelt mitten in der Stadt.|mini|Die Alte Mayener Hohl in Andernach ist heute ein Rückzugsort für die Tier- und Pflanzenwelt mitten in der Stadt. (Klaus-Peter Kappest) Zwar stellten die hier lebenden Menschen bereits in der Jungsteinzeit Reibsteine aus heimischer Basaltlava her, von einer industriellen Produktion darf aber erst in römischer Zeit ausgegangen werden. So spricht die im Mayener Grubenfeld bis heute erkennbare Parzellierung, die mit Hilfe von stehengelassenen Säulenreihen (sog. Seierte) gekennzeichnet wurde, für einen hohen Grad der Organisation und eine mitunter staatliche Lenkung des Mühlsteinbetriebs, in dem allerdings weiterhin auf das Knowhow der einheimischen Bevölkerung gesetzt wurde. Neu war das Prinzip der Arbeitsteilung: Die Rohlingsproduktion fand im unmittelbaren Umfeld der Brüche statt, die Endbearbeitung der Handmühlen wurde hingegen in den Mühlsteinwerkstätten im Mayener vicus sowie im Segbachtal vorgenommen. Die wesentlich schwereren Kraftmühlsteine erhielten erst in Andernach, wo die Steine verladen wurden, ihren letzten ‚Schliff‘. Um dorthin zu gelangen, nutzte man mit der Römerstraße Trier – Andernach, die in Teilen der heutigen B 256 entspricht, zum einen den Landweg. Die Alte Mayener Hohl – ein tief in die Landschaft eingeschnittener Hohlweg – bildet das letzte Teilstück dieser Trasse. Zum anderen bediente man sich aber auch der zur Verfügung stehenden Wasserwege. Archäologen des Leibniz-Zentrums (LEIZA) haben die Theorie entwickelt, dass Mayener Mühlen u. a. über die Nette transportiert wurden. Zwei Argumente sprechen für diese These: Die keltische Siedlung von Mayen, die sich an der Koblenzer Straße befand, wurde in römischer Zeit ins Tal verlegt. Gleichzeitig verlagerte sich der Abbauschwerpunkt nach Süden – also von Andernach weg. Beides macht nur Sinn, wenn die Nette als Transportweg fungierte. Hierfür spricht zweitens die Landessicherung, die die Römer vornahmen. Sie legten entlang der Nette insgesamt vier Höhenbefestigungen (Katzenberg Mayen, Burgberg Trimbs, Burgberg Polch-Ruitsch, Wernerseck Ochtendung) an, um den Transportweg der Mayener Mühlen zu sichern. Selbst der Segbach, so eine These Stefan Wenzels, könnte als Transportweg nutzbar gemacht worden sein. Eine Geländeanomalie im Bereich der Villa „Lungenkärchen“ deutet er als Stausee, der der temporären Erhöhung des Pegels und somit der Schiffbarmachung gedient haben könnte.

Das Revier in Mittelalter und Früher Neuzeit alternativtext=Der sog. Alte Krahnen in Andernach, der Mitte des 16. anstelle des bis dato verwendeten Schwimmkrans errichtet wurde.|mini|Der sog. Alte Krahnen in Andernach, der Mitte des 16. anstelle des bis dato verwendeten Schwimmkrans errichtet wurde. (Klaus-Peter Kappest)