Der Vanwall Vanderwell 680 ist ein Rennwagen der Protoypen-Klasse Le Mans Hypercar (LMH), der seit 2020 von byKolles Racing entwickelt wird und bislang ausschließlich in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft 2023 eingesetzt wurde.
Entwicklungsgeschichte und Technik
Die Entstehung des Vanderwell 680 geht auf den Motorsportfunktionär und ehemaligen Formel-1-Teamchef Colin Kolles zurück, der seit den frühen 2000er-Jahren mit seinem Team Kolles (seit 2015 byKolles Racing) in verschiedenen Rennserien an den Start geht und zunächst als Kundenteam von Audi mit zwei Audi R10 TDI in der Le Mans Series 2009 auch in den Langstreckenrennsport eingestiegen war. Mit dem CLM P1/01 entstand 2013/2014 der erste eigene Le-Mans-Prototyp der schnellsten Klasse, in dieser Zeit als LMP1 bezeichnet. Dieser wurde von 2014 bis 2020 in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) eingesetzt, war aber gegen die Werkskonkurrenz der Automobilkonzerne wie Porsche, Audi und Toyota chancenlos.
Bereits 2019 gab byKolles als eines der ersten Teams bekannt, einen Rennwagen nach dem neuen Reglement der Le Mans Hypercars (LMH) bauen zu wollen, die ab 2021 die LMP1-Klasse gemeinsam mit den verwandten Le Mans Daytona h (LMDh) beerben sollten. Der Wagen entstand am Teamstandort im mittelfränkischen Greding,https://www.motorsport-total.com/24-stunden-von-le-mans/news/konzentration-auf-hypercar-bykolles-201920-nur-in-teilzeit-dabei-19061501 allerdings kam es durch Probleme bei der Anschaffung wesentlicher Bauteile zu großen Verzögerungen bei der Fertigstellung, wodurch die vom Automobile Club de l’Ouest (ACO) für die Homologation des Fahrzeugs ausgeschriebene Frist verstrich und die ursprünglich geplante Teilnahme an der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft 2022 scheiterte. Das Jahr wurde daraufhin für extensive Entwicklungsarbeit genutzt. Der Shakedown erfolgte im April 2022 auf dem Flugplatz Zweibrücken und die ersten Testfahrten noch im gleichen Monat im tschechischen Autodrom Most, wo Esteban Guerrieri und Christophe Bouchut an zwei Tagen 180 Kilometer fuhren.Erster Test für das Kolles-Hypercar links|mini|Frontansicht des Vanderwell 680 in den Boxen, 2023 Die Basis des Vanderwell 680 bildet wie bei allen Hypercars ein Monocoque aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Er teilt sich die Motorisierung mit seinem indirekten LMP1-Vorgänger CLM P1/01. Eingesetzt wird der GL458 des britischen Motorenherstellers Gibson Technology (ehemals Zytek), ein 4,5-Liter-Achtzylinder-Ottomotor ohne Turbolader, der im Zuge des neuen LMH-Reglements eine angepasste Motorsteuerung erhielt und eine direkte Ableitung der 4,2-Liter-Variante für die kostengünstigere Prototypenklasse LMP2 ist. Der Motor war die Hauptschwachstelle des Wagens und entwickelte nach Aussagen von Teamchef Kolles 2023 bis zu 80 PS bzw. 60 kW weniger Leistung als die Konkurrenz, die mit Ausnahme der Scuderia Cameron Glickenhaus ausschließlich neu entwickelte Hybridantriebe nutzte. Zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2023 wurde die Leistung des Antriebssystems auf ca. 700 PS bzw. 515 kW bei bis zu 8.500 Umdrehungen pro Minute angegeben. Der Motor ist in der Fahrzeugmitte montiert und treibt über ein sequenzielles Sechsganggetriebe von Xtrac Limited, das halbautomatisch ohne Kupplungspedal über Wippen am Lenkrad geschaltet wird, die Hinterräder an. Die Bremsanlage wurde von AP Racing, einer Submarke von Brembo, bezogen. Schmiermittel kamen von Motul, die Bereifung vom Hypercar-Einheitsausstatter Michelin.
Die Benennung des Fahrzeugs und der neu geschaffene Außenauftritt des Teams stehen in der Tradition des in den 1950er-Jahren aktiven Formel-1-Rennstalls Vanwall und seines Gründers Tony Vandervell, eine organisatorische oder gar personelle Verbindung besteht allerdings nicht. Kolles hatte 2021 über die von ihm gegründete Vanwall GmbH weltweit die Markenrechte erworben, befand sich allerdings anschließend jahrelang in einer Auseinandersetzung mit der britischen Sanderson International Marketing Ltd., die ihrerseits die exklusiven Nutzungsrechte innerhalb der Europäischen Union beanspruchte.Rechtsstreit um Marken- und Namensrechte Nachdem ursprünglich Sanderson Recht bekam, wurde das Berufungsverfahren 2024 schließlich vom EUIPO zugunsten von Kolles entschieden.https://www.motorsport-total.com/24-stunden-von-le-mans/news/berufung-vanwall-markenrechtsstreit-euipo-entscheidet-pro-kolles-24081101
Renngeschichte Das bislang einzige Einsatzjahr für den Vanderwell 680 war die FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft 2023. Das Team startete mit Sponsoring des deutschen Textilwarenherstellers Floyd als Floyd Vanwall Racing Team unter der österreichischen Lizenz des Teams ByKolles. Die Fahrermannschaft des einzigen eingesetzten Fahrzeugs bestand zunächst aus Tom Dillmann, Esteban Guerrieri und dem Formel-1-Weltmeister von 1997 Jacques Villeneuve. Das erste Rennen für den neuen Wagen war das 1000-Meilen-Rennen von Sebring 2023, das im Gegensatz zum 12-Stunden-Rennen von Sebring über eine Renndauer von acht Stunden ausgetragen wurde und der erste Lauf der WEC-Saison des Jahres war. Nach mehreren ungeplanten Boxenstopps fiel das Trio bis hinter die deutlich langsameren GTE-Rennwagen zurück und kam weit abgeschlagen auf dem 30. Rang im Gesamtklassement ins Ziel. Das Pech für Vanwall setzte sich auch bei den folgenden Rennen fort und sowohl beim Wertungslauf in Portimão als auch bei den 6 Stunden von Spa hatte Villeneuve am Renntag einen Unfall. In Portimão explodierte eine durch Fahrbahnschmutz überhitzte Bremsscheibe und in Spa kollidierte er beim Überrunden mit dem Ferrari 488 GTE von Francesco Castellacci. mini|Vanwall Vanderwell 680 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 2023 Vor dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans ersetzte das Team Villeneuve durch Tristan Vautier. Über den Trennungsgrund gab es unterschiedliche Sichtweisen. Während sich Villeneuve über seine Nichtnominierung enttäuscht zeigte, erklärte das Team Kolles, der Kanadier habe selbst den Vertrag aufgelöst. Das Team um Colin Kolles war ob der schlechten Vorbereitung des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters ernüchtert. So habe er offenbar das Handbuch zur Bedienung des technisch komplexen Hypercars nie gelesen, was immer wieder zu Unklarheiten bei Anweisungen des Renningenieurs führte. Auch die Rundenzeiten seiner Teamkollegen erreichte er nicht. Beim letzten Test vor dem Le-Mans-Rennen auf der Rennbahn von Monza war er bei gleicher Fahrzeugabstimmung mehrere Sekunden pro Runde langsamer als sein Fahrerkollege Tom Dillmann.Trennung im Streit
Das beste Saisonergebnis erreichte das Team mit dem 20. Endrang beim 6-Stunden-Rennen von Monza, war allerdings die ganze Saison über völlig chancenlos und konnte wiederholt auch Fahrzeuge der untergeordneten LMP2-Klasse nicht hinter sich halten. Die Meldung zur FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft 2024 wurde schließlich vom Veranstalter nicht akzeptiert, da die Hypercar-Klasse zwischenzeitlich auf 19 Fahrzeuge angewachsen war und der Vanwall als technisch zu unausgereift eingestuft wurde.Keine Vanwall-Rennteilnahme 2024 So kam der Einsatz des Vanderwell 680 nach nur einer Saison wieder zu einem Ende.
ByKolles setzte die Entwicklung des Fahrzeugs trotz dieses Rückschlags fort und verkündete Ende 2025 die Absicht, an der Asian Le Mans Series 2026/27 teilzunehmen, die ab dieser Saison auch die Teilnahme von Hypercars erlaubt. Ziel soll die Rückkehr in die WEC zur Saison 2027 sein. Bereits im Vorjahr hatte das Team verkündet, den Gibson-Motor durch einen neuen 3,5-Liter-Achtzylinder-Turbomotor von Pipo Motors zu ersetzen, der bereits von 2021 bis 2023 im Glickenhaus SCG 007 LMH zum Einsatz kam und das große Leistungsdefizit des Wagens beheben soll.
Statistik Einzelergebnisse in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft
Saison Team Startnummer Fahrer 1 2 3 4 5 6 7 2023 Floyd Vanwall Racing Team 4 Tom DillmannEsteban GuerrieriJacques VilleneuveTristan VautierJoão Paulo de OliveiraRyan Briscoe 30 DNF DNF DNF 20 22 33
Weblinks
Der Vanwall Vanderwell 680
Einzelnachweise
Kategorie:Rennwagen Kategorie:Coupé Kategorie:Le-Mans-Hypercar Kategorie:Rennwagen des 24-Stunden-Rennens von Le Mans