Wohin rollst Du, Äpfelchen ist ein Roman von Leo Perutz aus dem Jahr 1928. Das Buch wurde zwischen Oktober 1924 und Juni 1927 verfasst und erschien ab 25. März 1928 zunächst als Fortsetzungsroman in der Berliner Illustrierten Zeitung,Michael Scheffel: Leo Perutz: Wohin rollst du Äpfelchen? In: Tom Kindt, Jan Christoph Meister (Hrsg.): Leo Perutz' Romane. Von der Struktur zur Bedeutung. (=Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 132.) Niemeyer, Tübingen 2007. ISBN 978-3-484-32132-8. S. 81–94. Hier S. 81. ehe im selben Jahr die Buch-Ausgabe bei Ullstein herauskam.

Kurzbeschreibung Der Wiener Kriegsheimkehrer Leutnant Vittorin begibt sich nach Kriegsende gen Russland zurück, um sich an einem russischen Stabskapitän für dessen als demütigend und menschenverachtend empfundenes Verhalten zu rächen. Nach einer Odyssee durch das ehemalige Zarenreich, den Mittelmeer-Bereich und Frankreich findet Leutnant Vittorin den Russen im heimischen Wien wieder – und lässt von der Rache ab.

Inhalt Fünf österreichische Ex-Kriegsgefangene, „die zwei Jahre hindurch“ im östlich von TransbaikalienLeo Perutz: Wohin rollst du, Äpfelchen…. Lizenzausgabe. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans-Harald Müller. Deutsche-Buchgemeinschaft, Berlin 1987. S. 25. gelegenen Gefangenenlager Tschernawjensk „Stubengenossen […] gewesen waren“,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 13. reisen nach Ende des Ersten Weltkriegs in Osteuropa mit dem Zug nach Österreich-Ungarn zurück. Die fünf Heimkehrer haben am Grab eines gefangenen Fliegerleutnants einem russischen Offizier namens Seljukow Rache geschworen, weil Seljukow jenem Fliegerleutnant mangels ordentlicher Papiere keine „Offiziersbehandlung“ angedeihen ließ, sondern in der Mannschaftsküche Dienst tun lassen wollte, was der Fliegerleutnant verweigerte. Folge für den Fliegerleutnant: Kellerhaft, Malaria, Tod. Für Leutnant Georg Vittorin, einen der fünf Schwurbrüder, kommt ein weiteres Motiv hinzu: Vittorin hatte sich bei der Beschwerdeführung wiederholt nicht an den Dienstweg gehalten, wofür ihn Seljukow von einem Unteroffizier „zur Tür hinaus“ stoßen ließ, was Vittorin als eine demütigende Behandlung „à la canaille“ empfand: „die Erinnerung an die schmachvolle Stunde brannte wie ätzendes Gift in seiner verstörten Seele“,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 20–22. zu deren Verstörung auch die warmherzige Aufnahme durch Familie und Freundin in Wien beitragen: Weil er seinen Racheplan vor seinen Lieben geheim hält, fühlt Vittorin einerseits „ein schmerzhaftes Unbehagen, als stünde er vor einer schweren Krankheit. Sein Geheimnis bedrückte ihn. Aus jedem Wort des Vaters und der Schwestern war es zu hören, wie glücklich sie darüber waren, daß er sich nun bald wieder in das alte, gleichmäßig geregelte Leben einfügen werde.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 27. Am gleichen Abend packt Vittorin jedoch ein „Gefühl des Wohlbehagens, des Geborgenseins […], gegen das er sich zur Wehr setzte. Die Dinge in diesem Zimmer griffen nach ihm und hielten ihn fest, als wäre er ihr Eigentum.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 30. Seinen alten Arbeitgeber, eine Speditions- und Lagerhausgesellschaft,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 66. empfindet Vittorin als „Sklavenplantage“,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 60. beansprucht zwar einen Gehaltsvorschuss, um seine Suche nach Seljukow zu finanzieren, doch nimmt gleichzeitig eine Job-Offerte eines Untermieters der Familie Vittorin namens Dr. Bamberger an, einer „sehr fragwürdigen Persönlichkeit“.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 100.

In „den Tagen des Umsturzes, erhielt Vittorin von einem sibirischen Heimkehrer […] Nachrichten aus Tschernawjensk. Tschechische Legionäre hätten den Ort besetzt, der Stabskapitän Seljukow war […] abgereist […], um sich der Roten Armee […] zur Verfügung zu stellen.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 33. Was Vittorin elektrisiert, lässt andere kalt, denn trotz Revolution geht das Leben in Wien weiter: Vittorins Schwurbruder Dr. Emperger scheinen „Curaçao, Würfelzucker und Sardinen wichtiger zu sein […] als die Nachrichten über Seljukow“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 37. sowie die gemeinsame Rache-Mission. Ein zweiter Schwurbruder redet statt von Seljukow „von Importbegünstigungen, Auslandsofferten, Absatzgebieten und Marktnotierungen“,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 43. und ein dritter Schwurbruder, ein Professor, diagnostiziert Vittorin wegen dessen Rache-Eifer eine krankhafte Psychose.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 47. Mit allen dreien bricht Vittorin. „Verraten und verspottet […] verließ Vittorin mit vor Bestürzung, Zorn und Scham verzerrtem Gesicht das Zimmer“, findet Trost in den Worten des letzten verbleibenden Schwurbruders, des Ex-Leutnants Kohout: „die Bourgeoisie hat kein Ehrgefühl und keinen Charakter.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 51. Obwohl Kohout linken österreichischen Revolutionären nahesteht, arbeitet er in einer Rechtsanwaltskanzlei und bietet sich an, für eine gemeinsame Russland-Reise „den Paß und die für die Reise erforderlichen Sichtvermerke zu beschaffen“,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 67. besorgt Fahr- und Platzkarten,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 91. allerdings ausgerechnet für jenen Abend, für den Vittorins Freundin Franzi ein Schäferstündchen organisiert hat. Als Vittorin zögert, erklärt Kohout: „Die Züge gehen nur zweimal in der Woche, und ohne Platzkarte kommst du nicht mit. Und wenn es dir wirklich einmal gelingen sollte, eine Platzkarte zu bekommen […], ist dein Visum längst abgelaufen. Du fährst entweder heute oder du fährst überhaupt nicht“.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 92–93. Zwar geht Vittorin noch zu dem Schäferstündchen, doch nur um Franzi zu erklären, er könne nicht bleiben; gleichzeitig sichert er ihr zu, er sei „in ein paar Wochen“ zurück und habe dann schon eine Stellung bei Bamberger, einer „sehr fragwürdigen Persönlichkeit, […] ich halt‘ ihn eher für einen Schieber, aber wer ist das heute nicht!“ Zusammen mit Kohout reist Vittorin ab, allerdings wird Kohout wegen Veruntreuung von Geldern der Rechtsanwaltskanzlei festgenommen,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 109. während Vittorin weiterreisen darf und in Nowochlowynsk (zwanzig Kilometer südlich von Berdiczew) strandet: „Zwischen Nowochlowynsk und Berdiczew lief die Front der ukrainischen Freiwilligen Petljuras und […] der Roten Armee.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 111. Vittorin mietet sich notgedrungen bei einem Schuster ein, nimmt eines Nachts den russischen Dragoner-Rittmeister Stackelberg und dessen verwundeten Freund Graf Gagarin auf, die sich weder mit den Ukrainern noch der Roten Armee gemein machen wollen, sondern frontquerende Botendienste für „die rechtmäßige Regierung“ Russlands übernehmen.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 113. Während Rittmeister Stackelberg Befehl erhalten hat, zu versprengten anti-sowjetischen Truppen nach Tiraspol zu gehen, hilft der ortskundige Graf Gagarin Vittorin über die Frontlinie, kommt dabei ums Leben,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 126. während Vittorin von Rotarmisten gefangen genommen und in Berdiczew wegen „Spionage zugunsten der Konterrevolution“ eingekerkert wird,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 127–128. bis dort vorübergehend die Sowjets gestürzt werden und Vittorin freikommt.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 140. „[D]och nun stand er wieder dort, wo er vor vier Tagen gestanden war, außerhalb der Grenzen Sowjetrußlands, fern von seinem Ziel. Vergeblich alle Mühen und Gefahren. Ohne Zweck und Sinn war Graf Gagarin gestorben“.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 142. Überraschend wird Vittorin von einem Mit-Gefangenen, dem während der Kerkerhaft incognito gebliebenen Sozialrevolutionär Artemjew, vorgeladen, weil Artemjew während der Kerkerhaft seine verdächtigen Utensilien in den Habseligkeiten seiner Mitgefangenen unterbrachte; im Falle Vittorins ein „Explosivpräparat“.Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 147. Da Vittorin andeutet, in Moskau mit einem Rotarmisten „ein Wort zu reden“ zu haben und Artemjew schon im Kerker bei Vittorin „die Augen eines Fanatikers“ zu entdecken glaubte,Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 148. sorgt Artemjew dafür, dass Vittorin auf seiner Reise vorankommt: „Zeigen Sie uns, was Sie können.“Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen…, S. 149.