Wissenschaftsbetrieb bezeichnet die Gesamtheit der von Bürgern, Staat und Unternehmungen geschaffenen und finanzierten, international verflochtenen Einrichtungen, in denen sich wissenschaftliche Forschung alltäglich vollzieht, mit ihren administrativen Regeln und bürokratischen Routinen.

Bedeutung des Begriffs Das Wort Wissenschaftsbetrieb verdrängte im 20. Jahrhundert den Begriff der Gelehrtenrepublik (lateinisch res publica literaria). Noch im 19. Jahrhundert wurde der Wissenschaftsbetrieb auch in Deutschland in erster Linie als republikanisch organisierte Gemeinschaft der Forschenden verstanden.

Der englische Begriff scientific community (Wissenschaftsgemeinde) drückt dagegen auch heute noch den Aspekt einer Gemeinschaft der Forschenden und ihrer speziellen Handlungsformen aus.

Der Begriff des Wissenschaftsbetriebs, der sich inzwischen weitgehend durchgesetzt hat, betont insbesondere die Institutionalisierung und Ökonomisierung der Wissenschaft, die sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten. Daneben bezeichnet der Begriff auch die Alltäglichkeit der Forschung im Kontext von gesellschaftlicher Organisiertheit (siehe Wissenschaftssoziologie). Dabei wird im Sinne von Betriebsamkeit von Wissenschaftlern auch alles im alltäglichen Forschungsprozess außerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnis(gewinnung) selbst liegende soziale Handeln (Tun, Dulden, Unterlassen) angesprochen, vor allem Personal- und Mikropolitik, Veröffentlichungspraxis, Staats- und Drittmittelförderung, Lehre bzw. Ausbildung, Infrastruktur sowie Mittelverteilung.

Institutionalisierung des Wissenschaftsbetriebs mini|Sitz des Weltverbandes Internationale Mathematische Union in Berlin

Eine frühe dokumentierte Form eines organisierten wissenschaftsähnlichen Lehrbetriebs findet sich im antiken Griechenland mit der Platonischen Akademie, die (mit Unterbrechungen) bis in die Spätantike Bestand hatte.

Wissenschaft der Neuzeit findet traditionell an Universitäten statt, die auf diese Idee zurückgehen. Daneben sind Wissenschaftler auch an Akademien, Ämtern, privat finanzierten Forschungsinstituten, bei Beratungsfirmen und in der Wirtschaft beschäftigt.

Eine bedeutende öffentliche Förderorganisation in Deutschland ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die projektbezogene Forschung an Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen fördert. Daneben existieren weitere Forschungsträgerorganisationen, wie etwa die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die Max-Planck-Gesellschaft und die Leibniz-Gemeinschaft, die – von Bund und Ländern finanziert – eigene Forschungsinstitute betreiben.

In Österreich entsprechen der DFG der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) sowie die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), in der Schweiz und Frankreich die nationalen Forschungsfonds. Andere Fonds werden z. B. von Großindustrien oder dem Europäischen Patentamt dotiert.

Das sogenannte Peer-Review gilt im heutigen Wissenschaftsbetrieb als eine sehr wichtige Methode, um die Qualität von wissenschaftlichen Publikationen zu gewährleisten. Diese Qualität und die Veröffentlichungswürdigkeit korrelieren.Maria Gutknecht-Gmeiner: Externe Evaluierung durch Peer Review: Qualitätssicherung und -entwicklung in der beruflichen Erstausbildung. Springer-Verlag, 2008. https://books.google.co.uk/books?id=CoNxvRwPCOEC

Kommunikation, Interdisziplinarität und Transfer Neben den wissenschaftlichen Veröffentlichungen erfolgt der Austausch mit anderen Forschern durch Fachkonferenzen, bei Kongressen der internationalen Dachverbände und scientific Unions (z. B. IUGG, COSPAR, IUPsyS, ISWA, SSRN) oder der UNO-Organisation. Auch Einladungen zu Seminaren, Institutsbesuchen, Arbeitsgruppen oder Gastprofessuren spielen eine Rolle. Von großer Bedeutung sind auch Auslandsaufenthalte und internationale Forschungsprojekte.

Für die interdisziplinäre Forschung wurden in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Instituten geschaffen, in denen industrielle und universitäre Forschung zusammenwirken (Wissenschaftstransfer). Zum Teil verfügen Unternehmen aber auch über eigene Forschungseinrichtungen, in denen Grundlagenforschung betrieben wird.

Teilnehmer im Wissenschaftsbetrieb Die eigentliche Teilnahme am Wissenschaftsbetrieb ist grundsätzlich nicht an Voraussetzungen oder Bedingungen geknüpft: Die wissenschaftliche Betätigung außerhalb des akademischen oder industriellen Wissenschaftsbetriebs steht jedermann offen und ist auch gesetzlich von der Forschungsfreiheit abgedeckt. Universitäten bieten außerdem die voraussetzungsfreie Teilnahme am Lehrbetrieb als Gasthörer an. Wesentliche wissenschaftliche Leistungen außerhalb eines beruflichen Rahmens sind jedoch die absolute Ausnahme geblieben. In der Regel sind die Teilnehmer organisiert in ihrer jeweiligen fachspezifischen Wissenschaftsgemeinde, in der sogenannten science community.

Die staatlich finanzierte, professionelle Tätigkeit als Wissenschaftler ist meist an die Voraussetzung des Abschlusses eines Studiums gebunden, für das wiederum meist die Hochschulreife notwendig ist. Leitende öffentlich finanzierte Positionen in der Forschung und die Beantragung von öffentlichen Forschungsgeldern erfordern die Promotion, die Professur die Habilitation. In den USA findet sich statt der Habilitation das Tenure-Track-System, das 2002 in Form der Juniorprofessur auch in Deutschland eingeführt werden sollte, wobei allerdings kritisiert wird, dass ein regelrechter Tenure Track, bei dem den Nachwuchswissenschaftlern für den Fall entsprechender Leistungen eine Dauerstelle garantiert wird, in Deutschland nach wie vor eine Ausnahme darstellt.

Dementsprechend stellt die Wissenschaft durchaus einen, gewissen Konjunkturen unterliegenden Arbeitsmarkt dar, bei dem insbesondere der Nachwuchs angesichts der geringen Zahl an Dauerstellen ein hohes Risiko eingeht. Besonders die gestiegene Beteiligung von Frauen an Promotion und Habilitation sowie die mit den neueren hochschulpolitischen Entwicklungen einhergehende Fokussierung und somit Beschneidung der thematischen Breite von Lehre und Forschung führt auf diesem zu einem erhöhten Konkurrenzdruck.Barbara Strobel: (PDF; 213 kB), in: gender politik online, abgefragt am 26. August 2009.

Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftsbetrieb Für die Wissenschaftspolitik an Bedeutung gewonnen hat die Wissenschaftsforschung, die wissenschaftliche Praxis mit empirischen Methoden zu untersuchen und zu beschreiben versucht. Dabei kommen unter anderem Methoden der Scientometrie zum Einsatz. Die Ergebnisse der Wissenschaftsforschung haben wiederum im Rahmen von Evaluationsverfahren Einfluss auf forschungspolitische Entscheidungen und damit indirekt auf den Wissenschaftsbetrieb.

Gesellschaftliche Fragen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs sowie die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Beziehungen zwischen Wissenschaft, Politik und übriger Gesellschaft untersucht die Wissenssoziologie, aber auch die Kultur- und Sozialwissenschaft. „Der Kulturbegriff wirft dabei den Blick auch auf jene nichtfachlichen Verhaltensweisen, die als Handlungsroutinen, Fachsprachen, Kleidungsvorschriften, Habitus usw. auch den Wissenschaftsbetrieb als ein spezifisches soziales Feld kennzeichnen.“Thomas Ernst, Bettina Bock von Wülfingen, Stefan Borrmann und Christian P. Gudehus (Hrsg.): Wissenschaft und Macht, Westfälisches Dampfboot, Münster 2004, ISBN 3-89691-581-9.

Wichtige Beiträge zur soziologischen Betrachtung des Wissenschaftsbetriebs lieferte der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour, Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie. Auf Grundlage seiner 1975 Studien im kalifornischen Salk Institute entwickelte er eine sozialkonstruktivistische Sichtweise von Forschungskulturen in wissenschaftlichen Institutionen.Bruno Latour, Steve Woolgar: Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts. Beverly Hills 1979, ISBN 0-8039-0993-4. (Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts. 2. Aufl., Princeton 1986, ISBN 0-691-02832-X.)

Die fortschreitende Institutionalisierung des Wissenschaftsbetriebs bis hin zur Großforschung („big science“) wird zunehmend auch kritisch gesehen.Derek de Solla Price: Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung, Suhrkamp, 1982, ISBN 978-3-518-07648-4. Seit Ende des Kalten Krieges entbrannte in den vornehmlich westlichen Gesellschaften eine Technologiedebatte, in der die Forschung, beispielsweise zur Atom- und Kernphysik oder zur Gentechnik, weniger als Segen denn als Bedrohung für die demokratische Gesellschaft diskutiert wird.Joachim Müller-Jung: Avanti Dilettanti? Forschung von Laien für Laien: Nach der Rede von Akademiepräsident Günter Stock wird heftig über die sogenannte „Bürgerwissenschaft“ debattiert. In: FAZ am 3. September 2014. Inwiefern allerdings gangbare Alternativen bestehen, wie beispielsweise die sogenannte Bürgerwissenschaft (englisch „Citizen Science“), die für mehr Transparenz und demokratische Steuerung in den Wissenschaften sorgen sollen, wird sehr kontrovers diskutiert.Demokratisierung der Wissenschaft: Pluralismus ist nicht erwünscht, TAZ, 4. Juli 2014. Diskutiert wird auch eine im 21. Jahrhundert in den Industriegesellschaften verstärkt auftretende Skepsis gegenüber der Wissenschaft angesichts der großen Krisen durch den Klimawandel oder die COVID-19-Pandemie, die teilweise auch offen umschlägt in eine wissenschafts- und aufklärungsfeindliche Haltung.Die Krise der Expertise von Gil Eyal, Edition Patrick Frey, 2021, ISBN 978-3-907236-22-2

Publizistische Verarbeitung Der Naturwissenschaftler (Chemiker) und Schriftsteller Carl Djerassi bezeichnete den nicht nur empirischen, sondern strukturellen Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisprozess (als selbstloses Streben nach Wahrheit) und der Organisation der Wissenschaftsgemeinde (in Form des Wissenschaftsbetriebs) als zwei Seiten derselben Medaille. Im Postscript seines Satireromans Cantor’s Dilemma (1989) kennzeichnete Djerassi den Doppelcharakter von Wissenschaft folgendermaßen:

Der Kunstwissenschaftler Robert Kudielka, dessen Arbeiten sich unter anderem mit Hermeneutik und Erkenntnistheorie beschäftigen, sieht gerade auch in der Institutionalisierung des Wissenschaftsbetriebs ein Problem. Denn sei in der Zeit der Etablierung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert noch offene Methodenstreits und Fragen des Erkenntnisinteresses diskutiert worden, würde dies in der modernen Wissenschaft in dieser Weise nicht mehr geschehen.