Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) zeichnet sich durch einen Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Wichtigkeit und gesteigertes Verlangen nach Bewunderung aus. Typisch ist, dass die betroffenen Personen übermäßig stark damit beschäftigt sind, anderen zu imponieren und um Bestätigung für sich zu werben, aber selbst nur wenig zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen besitzen und nur wenig emotionale Wärme an andere Menschen zurückgeben.
Narzisstische Persönlichkeiten weisen deutliche Probleme bei der Anpassung an ihre Lebensumstände und an ihr Lebensumfeld und in der autonomen Regulierung des Selbstwertgefühls auf. Solche Anpassungsschwierigkeiten können sich in vielfältiger Weise äußern und in verschiedenen Erscheinungsformen der NPS auftreten. Der übermäßige Geltungsdrang kann entweder selbstsicher in Szene gesetzt oder schüchtern verborgen werden. Dementsprechend können Betroffene arrogant auftreten oder sich bescheiden geben.
Pathologischer Narzissmus kann sich sowohl durch Prahlen und Hochstapelei äußern wie auch durch unersättliche Ansprüche und Erwartungen. Menschen mit einer NPS neigen dazu, Personen in ihrem unmittelbaren Umfeld emotional zu missbrauchen (besonders Sexualpartner und Kinder), um dadurch den eigenen Selbstwert (ihr „Ego“) auf Kosten anderer zu erhöhen. Andere Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind durch ein instabiles, rasch wechselndes Selbstwertgefühl gekennzeichnet, das im Extrem zwischen Grandiosität und schamvoller Zerknirschung pendeln kann. Vorkommen kann auch eine im Inneren chronisch schwelende Wut, die schon bei geringem Anlass explodieren kann (vor allem bei Kritik oder subjektiv empfundener Kränkung).
In der 10. Revision des Klassifikationssystems der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung nur in einer Restkategorie aufgeführt (F60.8. Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen). In dem überarbeiteten Klassifikationssystem der 11. Revision (ICD-11) werden Persönlichkeitsstörungen nach ihrem Schweregrad und nicht mehr nach ihrem spezifischen Störungsbild klassifiziert. Im DSM-5 der American Psychiatric Association ist sie dagegen als selbständiges Störungsbild enthalten und gehört dort zum Cluster B, der die „launisch, dramatisch, emotionalen“ Persönlichkeitsstörungen umfasst. In jedem Fall muss sie von normalem Narzissmus als tatsächlicher oder zugeschriebener Charaktereigenschaft abgegrenzt werden.
Begriffsgeschichte In die Vorgeschichte der Begriffsbildung gehört der Terminus „Doxomanie“, mit dem frühchristliche Theologen die Sünde des Hochmuts und der Ruhmsucht bezeichneten.
Sigmund Freud prägte 1894 den Begriff der narzisstischen Neurosen (sinngemäß: Psychosen), die er von den – mit der psychoanalytischen Technik behandelbaren – Aktualneurosen unterschied. In der modernen Psychiatrie wird dieser Terminus nicht mehr verwendet. Das Symptombild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung bezeichnete Freud, ebenso wie viele seiner Zeitgenossen, als „Größenwahn“ – ein Terminus, der in den aktuellen psychiatrischen Kategoriensystemen ebenfalls vorkommt.
Normaler vs. pathologischer Narzissmus Zu den ersten Autoren, die explizit zwischen einem „normalen“ und einem pathologischen Narzissmus unterschieden, zählt im frühen 20. Jahrhundert der Psychoanalytiker Isidor Sadger.Isidor Sadger: Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer Beleuchtung. In: Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer Hilfswissenschaften. Band 4, 1908, Heft 7, S. 45–47, Heft 8, S. 53–57; ders.: Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung. Band 2, 1910, S. 59–133. Dass Narzissmus zur ganz normalen menschlichen Entwicklung gehört, wurde wenig später von Otto Rank herausgearbeitet.Otto Rank: Ein Beitrag zum Narcissismus. In: Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen. Band 3, 1911; ders.: Der Doppelgänger. In: Imago. Band 3, Heft 2, 1914, S. 97–164. Sigmund Freud räumte 1914 zwar ein, dass Narzissmus auf eine Pathologie hinweisen könne, konzipierte ihn – wie Rank – aber eher als einen Prozess der normalen Entwicklung denn als ein Krankheitsbild.Sigmund Freud: Zur Einführung des Narzissmus. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung. Band 6, Franz Deuticke, Leipzig / Wien 1914, G.W., Band 10, S. 137–170; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality. In: W. Keith Campbell (Hrsg.): The handbook of narcissism and narcissistic personality disorder. Wiley, 2011, ISBN 978-0-470-60722-0, S. 4f. Sein Schüler Karl Abraham dagegen sah beim Narzissmus eine Pathologie, sobald Neid ins Spiel komme, als durchaus gegeben an.Karl Abraham: Zur narzißtischen Bewertung der Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Band 6, 1920, S. 64–67.
In Großbritannien hatte der Psychoanalytiker Ernest Jones bereits 1913 von einem „Gottkomplex“ geschrieben, einer Pathologie, die sich durch Abgehobenheit, Selbstbewunderung, Exhibitionismus und Omnipotenz- und Allwissenheitsfantasien auszeichne. Wie vor ihm bereits Otto Rank, nahm auch Jones an, dass dieses Verhalten als Versuch eines sich bedroht fühlenden Individuums zu erklären sei, sich selbst zu schützen.Ernest Jones: The God Complex, Essays in Applied Psycho-Analysis, Band 2, 1913, S. 244–265, Nachdruck: International University Press, New York 1964; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso A historical review of narcissism and narcissistic personality. 2011, S. 5. Noch weiter ging später Annie Reich, die Narzissmus für eine pathologische Form der Regulierung des Selbstwertgefühls hielt, bei der Selbstüberhöhung und Aggression benutzt werden, um das Konzept zu schützen, das man sich vom Selbst gemacht hat.Annie Reich: Pathologic forms of self-esteem regulation. In: Psychoanalytic Study of the Child. Band 18, 1960, S. 218–238.
Otto Kernberg, der sich als „Brückenbauer“ zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse versteht, sprach 2020 in einem Interview beim Deutschlandfunk Kultur im Zusammenhang mit dem pathologischen von einem „bösartigen Narzissmus“. Das knapp 75 Minuten lange Interview wird als Podcast zur Verfügung gestellt.
Narzisstischer Charakter Das Konzept einer narzisstischen Persönlichkeit bzw. eines narzisstischen Charakters hat 1925 erstmals der Psychoanalytiker Robert Waelder beschrieben.Robert Waelder: The psychoses: Their mechanisms and accessibility to influence. In: International Journal of Psycho-Analysis. Band 6, 1925, S. 259–281. Freud folgte ihm 1931 und beschrieb nun ebenfalls einen „narzisstischen Charaktertypus“ mit einem dynamischen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Aggressivität in Reaktion auf Kritik, Kränkung oder fehlende Beachtung.Sigmund Freud: Über die weibliche Sexualität. Fischer, Gesammelte Werke XIV, Frankfurt am Main 1999, S. 515–537; Claas-Hinrich Lammers: Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Ansatz. Schattauer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7945-2600-0, S. 3. Wilhelm Reich nahm diese Anregung auf und beschrieb 1933 seinerseits einen „phallisch-narzisstischen Charakter“, den er vor allem bei Männern und mit einer ganzen Bandbreite von Auffälligkeiten beobachtet hatte; eingehend stellte er darüber hinaus die von Freud nur allgemein erwähnte Dynamik von Narzissmus und Aggressivität dar.Wilhelm Reich: Charakteranalyse. Selbstverlag, Wien 1933; Kenneth N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality. 2011, S. 5.
Karen Horney unterschied 1939 drei Subtypen von narzisstischen Charakteren: aggressiv-expansiv, perfektionistisch, arrogant-rachsüchtig und nahm eine genaue Unterscheidung zwischen gesundem Selbstbewusstsein und pathologischem Narzissmus vor, nach der Narzissten sich insbesondere da selbst liebten, bewunderten und wertschätzten, wo gar nichts liebenswert sei. Anders als Freud hielt Horney Narzissten für unfähig zur Liebe, einschließlich der Liebe zum tatsächlichen Selbst; konsequenter als Freud ging sie davon aus, dass die narzisstische Grandiosität eher auf Defensive als auf authentischer Selbstliebe basiere.Karen Horney: New Ways in Psychoanalysis. Norton, New York 1939; N. Levy, William D. Ellison, Joseph S. Reynoso: A historical review of narcissism and narcissistic personality. 2011, S. 5f. Donald Winnicott folgte ihr 1965 und charakterisierte Narzissten als Personen, die sich schützend mit einem grandiosen falschen Selbst identifizieren.Donald Winnicott: Ego distortion in terms of true and false self. The Maturational Process and the Facilitating Environment. Studies in the Theory of Emotional Development, International Universities Press, New York 1965, S. 140–157. Als Ursache für diese Reaktion hatte Annie Reich bereits 1960 die Unfähigkeit des Narzissten bestimmt, sein Selbstwertgefühl autonom zu regulieren, und zwar aufgrund wiederholter traumatischer Erfahrungen, die in ihm ein hartnäckiges Grundgefühl von Schwäche und Machtlosigkeit erzeugt habe. Reichs Beitrag zum narzisstischen Charakter ist auch darum wichtig, weil sie als erste die ständigen Schwankungen beschrieben hat, denen das narzisstische Selbstbewusstsein unterworfen ist; Narzissten können Ambivalenz, Mittelmäßigkeit und Misserfolg schwer aushalten und sehen sich darum entweder als perfekt oder als komplett gescheitert an.
Psychische Störung Der erste Autor, der im Narzissmus nicht nur ein Persönlichkeitsmerkmal, sondern explizit eine psychische Störung und damit eine Krankheit sah, war der von Freud beeinflusste US-amerikanische Psychiater John C. Nemiah. In seinen Foundations of Psychopathology (1961) sprach er von einer „narzisstischen Charakterstörung“.John C. Nemiah: Foundations of Psychopathology. Oxford University Press, New York 1961. Erich Fromm schlug 1964 das Konzept eines bösartigen Narzissmus (engl. malignant narcissism) vor, dessen Symptombild narzisstische, antisoziale und sadistische Züge vereinigt; die zeitgenössische Psychiatrie hat vielfach darauf Bezug genommen, in der Diagnostik hat sich dieses Konzept jedoch nicht durchgesetzt.Erich Fromm: The Heart of Man. Its Genius for Good and Evil. New York, Harper & Row, 1964.
Nemiahs Anregung einer „narzisstischen Charakterstörung“ folgte der in Wien gebürtige amerikanische Psychoanalytiker Otto F. Kernberg, der 1967 den Begriff der „narzisstischen Persönlichkeitsstruktur“ vorschlug und in verschiedenen Publikationen eine umfassende Beschreibung der Symptome lieferte.Otto Kernberg: Borderline Personality Organization. In: Journal of the American Psychoanalytic Association. Band 15, 1967, S. 641–685; ders.: Factors, psychoanalytic treatment of narcissistic personalities. In: Journal of the American Psychoanalytic Association. Band 18, 1970, S. 51–85. Der ebenfalls aus Wien stammende amerikanische Psychoanalytiker Heinz Kohut führte 1968 schließlich den Begriff der „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ ein, der auch diesem Artikel zugrunde liegt.Heinz Kohut: The psychoanalytic treatment of narcissistic personality disorders: outline of a systematic approach. In: Psychoanalytic Study of the Child. Band 23, 1968, S. 86–113.
Kohuts und Kernbergs Konzeptionen unterscheiden sich nicht in der Beschreibung (Diagnose), wohl aber in der Erklärung der Ursachen (Ätiologie) voneinander: