mini|hochkant=1.1|Modell des Ganggrabs Denghoog, Sylt mini|hochkant=1.1|Ganggrab (Querschnitt) 1=Trag-, 2= Deckstein, 3=Erdhügel, 4=Dichtung, 5=Verkeilsteine, 6=Zugang, 7= Schwellenstein. 8=Bodenplatten, 9=Unterbodendepot, 10=Zwischenmauerwerk 11=Randsteine mini|hochkant=1.1|Verbreitung der Megalithgrabtypen in Europa – schwarz: Ganganlagen Als Ganggrab bezeichnet man ein jungsteinzeitliches Großsteingrab, dessen Zugang baulich von der Kammer getrennt ist.Urs Schwegler, Chronologie und Regionalität neolithischer Kollektivgräber in Europa und der Schweiz. Hochwald Librum 2016, 267, ISBN 978-3-9524542-0-6. Meist ist die Decke des Ganges niedriger als die der Kammer. Der Zugang zur Kammer, oft mit einem Schwellenstein abgesetzt, kann über einen mittigen, exzentrischen (p-Dolmen, q-Dolmen – () in Frankreich) oder im Nordkreis durch den seitlichen Zugang erfolgen.Urs Schwegler, Chronologie und Regionalität neolithischer Kollektivgräber in Europa und der Schweiz. Hochwald Librum 2016, 267, ISBN 978-3-9524542-0-6.
Nomenklatur und Abgrenzung Das Ganggrab heißt in Dänemark Jættestue („Riesenstube“), in Schweden Gånggrift, in Frankreich Dolmen à couloir, in Spanien sepulcro de corredor.Urs Schwegler, Chronologie und Regionalität neolithischer Kollektivgräber in Europa und der Schweiz. Hochwald Librum 2016, 267, ISBN 978-3-9524542-0-6. Britisch-irische Anlagen haben zwar (übersetzt) den gleichen Namen (Passage grave oder Passage Tomb), sehen jedoch (ebenso wie die meisten französischen Anlagen) baulich völlig anders aus.Reena Perschke: Die deutsche Megalithgrab-Nomenklatur – Ein Beitrag zum Umgang mit ideologisch belasteter Fachterminologie. In: Archäologische Informationen. Band 39, 2016, S. 167–176, doi:10.11588/ai.2016.1.33548.
Datierung Ganggräber wurden von der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur angelegt. Sie sind in Skandinavien, Nord-Deutschland und den Niederlanden zu finden. Sie wurden hier meist zu Beginn des MN A (Mittelneolithikum A) zwischen 3300 und 3000 errichtet.Karl-Göran Sjögren: Mortuary Practices, Bodies, and Persons in Northern Europe. In: Chris Fowler, Jan Harding, Daniela Hofmann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Neolithic Europe. Oxford, Oxford University Press 2015. 10.1093/oxfordhb/9780199545841.013.017, 1007 In Prissé-la-Charrière in Südwest-Frankreich wurde die Anlage nur für wenige Generationen, zwischen 4400 und 4200 cal. genutzt.Chris Fowler, Chris Scarre, Mortuary Practices and Bodily Representations in North-West Europe. In: Chris Fowler, Jan Harding, Daniela Hofmann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Neolithic Europe. Oxford, Oxford University Press 2015, 1027. DOI:10.1093/oxfordhb/9780199545841.013.054
Typologie Der Zugang des Ganggrabes liegt quer zur Längsachse der Kammer. Quadratische oder runde Anlagen (im oberen Bild rechts) werden ansonsten in der Regel zu den Dolmen gerechnet. Eine abweichende Festlegung gilt für Ganggräber in Schweden. Es gibt im Verbreitungsgebiet einige ungewöhnlich kleine Ganggräber mit nur zwei Decksteinen (z. B. Amelinghausen-Sottorf in der Lüneburger Heide, Klein Stavern im Emsland).
Andererseits gibt es westlich der Weser mit bis zu 29 Metern, sehr lange Kammern. Östlich der Weser bilden die im Elbe-Weser-Dreieck gelegenen Anlagen Lehnstedt 82 und 83 (11,2 und 9,3 m) und die Steinkammer bei Dohnsen (16 m) bei der Kammerlänge die Ausnahmen. Obwohl die Tragsteine von Ganggräbern (anders als bei Urdolmen) bereits auf ihrer kleinsten Fläche aufrecht stehen, wurden einige Ganggräber in Gruben errichtet (Steinkammer von Deinste in Niedersachsen). Sie stellen vermutlich früheste Exemplare dar. Das Trapgraf von Eext (Treppengrab – D13 in Gieten Eext) – in der niederländischen Provinz Drenthe ist eine Besonderheit.
Architektur Grundrisse der Kammer Die entweder ovalen, polygonalen, rechteckigen oder trapezförmigen, auch gebauchten (schwach D-förmig) oder mit parallelen Lang- und stumpf eingewinkelten Schmalseiten versehenen Grundrisse der Kammern sind nahezu stets (nicht beim Ganggrab Lovby Kirketomt) deutlich länger als breit. Die Megalithanlage von Ebendorf in Barleben bei Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt hat als einzige ein verschobenes Parallelogramm als Grundriss. Das Großsteingrab Bakenhus hat eine 23 Meter lange, bootsförmige Kammer. Anlagen die axiale Zugänge aufweisen, gelten in Deutschland als Dolmen.
Nach der Terminologie von Ewald Schuldt (vgl. Megalithik in Mecklenburg-Vorpommern) unterscheidet es sich von den Dolmen durch den (lateralen) Zugang auf einer der beiden Längsseiten. Die neue deutsche Forschung sieht in ihm eine Variante des Dolmens, die regional beherrschend in der Provinz Drenthe (Niederlande), im westlichen Niedersachsen (als Emsländische Kammer) und ansonsten in Holstein, als Holsteiner Kammer und im angrenzenden Mecklenburg, im östlichen Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt und Skandinavien als größere oder kleinere Minderheit auftritt.Glyn E. Daniel: The megalith builders of Western Europe (= Penguin books. A: Pelican books. A 633). Penguin, Harmondsworth 1963. Bornholm kennt nur etwa zehn Ganggräber, keine Dolmen.
Kammer und Gang
Das Breiten/Längenverhältnis der Ganggräber liegt im Allgemeinen zwischen 1:1,2 und 1:6. Dieses Verhältnis überschreiten nur die langen Emsländischen Kammern mit bis zu 1:14 deutlich (De hoogen Steener in Werlte, annähernd 30 m lang). Der in der Regel kurze, mitunter aber auch bis zu zehn Meter lange Dolmenzugang kann mittig oder nach einem Ende hin versetzt, in die Kammer münden. Versetzte Gänge sind in Holstein besonders häufig und führten zu der Bezeichnung Holsteiner Kammer. Bei den kurzen Ganggräbern ist dafür die Tragsteinanzahl (gerade oder ungerade) auf der Zugangsseite verantwortlich. Die Lüneburger Gruppe der Großsteinanlagen zeigt laut Friedrich Laux den schnellen Übergang von den Dolmentypen zum Ganggrab. Dort gibt es: zwei Urdolmen zehn kammerlose Hünenbetten fünf erweiterte oder Rechteckdolmen über 90 Ganggräber Ob es indes überhaupt eine Aufeinanderfolge von Dolmen und Ganggräbern gab, wie sie die frühe dänische Forschung postulierte, ist mittlerweile umstritten. Siehe Bautrupptheorie.
Deckenausbau Während es beim Ganggrab anfangs nur Deckenkonstruktionen gibt, die ihre Statik aus der Tragfähigkeit einer Dreipunktauflage (im Bild oben) gewinnen, ist der finale architektonische Schritt im Bau mit Findlingen, die Jochkonstruktion. Bei ihr sind drei Steine (ein Joch) trilithenartig als statische Komponente im Gesamtkonzept verbaut. Weil diese Zweipunkt-Auflage bei unbearbeiteten Natursteinen jedoch höchst instabil ist, stützen sich die Decksteine der Joche seitlich aneinander ab. Die beiden Enden solcher Jochreihen bestehen allerdings immer aus Dreipunktauflagen, da nur sie der gesamten Konstruktion den nötigen Halt verleihen. Ein Detail ist die gelegentlich belegte Auflage der Decksteine auf das Zwischenmauerwerk. Decksteine sind neben Gangsteinen, die bei der Zerstörung von Kammern zuerst entfernten Steine.
Einfassungen Ganggräber kommen in der Regel schon aufgrund ihrer Länge in vergleichsweise kurzen, rechteckigen oder ovalen Hünenbetten oder in Rundhügeln vor. Insbesondere unter Dänemarks etwa 500 erhaltenen Ganggräbern gibt es eine erhebliche Zahl, die in Rundhügeln liegt. Aus dem Emsland sind Anlagen mit doppelter ovaler Einfassung (Lähden, Thuine) bekannt. Einige Ganggräber auf Lolland und Falster, die lange schmale Kammern und einen kurzen Gang haben, sind von Hünen- oder Riesenbetten umschlossen, die ansonsten für Dolmen typisch sind. In Niedersachsen liegt das etwa 8 m lange Grab IV der Oldendorfer Totenstatt in einem 80 m langen, das von Drangstedt sogar in einem 90 m langen Bett. Ein Ganggrab in Holstein liegt in einem über 70 m langen Hünenbett. Noch längere Einfassungen sind in Deutschland nur für andere Typen von Megalithanlagen bekannt.
Nebenkammern mini|Der Stenshøj von Suldrup nach A. P. Madsen 30 dänische, besonders in Jütland verbreitete Ganggräber haben Nebenkammern (). 25 dieser Anlagen findet man in Jütland, insbesondere am Limfjord (z. B. Gadegård, Gamskær, Ginderup (2 Nebenkammern), Gundestrup 2, Fjelsø, Lundehøj, Manstrup, Møllehøje von Kobberup, Mønstedt, Niels Jensens Høj, Nymark Brandhøj, Ormhøj, Rævehøj, Skræm (2 Nebenkammern), Sødalshøj, Stenshøj, Tustrup, Vashøj/Storvad Høj und Thusbjerg), sowie drei erhaltene Anlagen auf Seeland (z. B. Drysagerdys bei Dalby und Hørhøj), zwei auf Lolland (Bag-Hyldehøj, Torhøj), sowie Rogenstrup auf Falster.
Die verschieden angeordneten Nebenkammern wurden gleichzeitig mit der Hauptkammer aufgeführt. Dass sie eine besondere Funktion hatten, kann daraus abgeleitet werden, dass anderenorts gleichzeitig Quartier-Anlagen entstanden, die eine noch differenziertere Aufteilung der Kammer zeigen. Die Nebenkammern liegen mehrheitlich gegenüber dem Zugang. Ein Unikat ist der Visi- oder Hvisselhøj, bei dem der Gang drei parallele Kammern erschließt, die in der Art von drei jeweils kürzeren Brotlaiben hintereinander liegen.
Nebenkammern (nicht so genannte Vor- oder Seitenkammern) kennt man ansonsten hauptsächlich – und in weit größerer Zahl (pro Anlage) aus der Bretagne (franz. Dolmen à cabinets latéraux oder Dolmen transepté) und von den Britischen Inseln, (z. B. Loughcrew in Irland, La Hougue Bie und La Varde auf den Kanalinseln, West Kennet Long Barrow und Stoney Littleton) aus Spanien (z. B. Tholos von El Romeral), nicht jedoch aus dem übrigen Nordkreis (Deutschland, Niederlande, Norwegen, Polen und Schweden) der TBK.
Lokale Typen Dänemark und Skandinavien Das Ganggrab ist eine für die TBK charakteristische Megalithanlage, ihr wurde zunächst ein eigener Zeithorizont zugeordnet. P. V. Glob tut dies noch 1967. Die Ganggrabzeit lag danach zwischen der Dolmen- und der Steinkistenzeit. In Dänemark sind etwa 500 von 2.800 erhaltenen Anlagen Ganggräber.
Doppelganggrab mini|Die ausgegangene Dobbeltjættestue von Gundsølille mini|Der gemeinsame Tragstein (Bildmitte links) an der benachbarten Schmalseite, hier Tvedeskov Einige Ganggräber wurden als Doppelanlagen (dänisch Dobbelt- oder Tvillingejættestue – ) genannt errichtet, indem zwei Kammern meist an ihren benachbarten Schmalseiten einen oder zwei gemeinsame Tragsteine aufweisen.
Doppelganggräber findet man in 57 Beispielen auf Seeland: Aldersro bei Værslev, Børnehøj in Roskilde, Brailsdys auf Ærø, Djævelhøj von Tikøb, Drysagerdys bei Dalby, Fårdrup, Forsinge Mark bei Ubby, Ganggräber von Græse bei Frederikssund, Gundsølille bei Kirkerup, Hyldedysse bei Rørby, Korshøj bei Ubby, Loddenhøj bei Rørby, Lodneshøj bei Sneslev, Møllehøj im Hornsherred, Ølshøj bei Blistrup, Olshøj bei Rørby, Østrup bei Undløse, Ormshøj bei Årby, Måneshøj (auch Månehøj) auf der Svinø-Halbinsel, Rævebakken bei Ørby, Selschausdal bei Buerup, Slåenhøj bei Kalundborg, Snogedysse bei Gentofte (1824 ausgegangen), Ganggräber von Snæbum, Tjørnehøj (Dalby) und der Troldhøj von Stenstrup. vereinzelt auf Møn und Langeland (im Tvedeskov), Fünen, Ærø (Lindsbjerg Dysse) und (Pillemark und Rævebakken beide auf Samsø). Bei Röddinge auf Mön wurde der Klekkende Høj scheinbar aus einer überlangen Kammer errichtet, deren Achsen auf einer Linie liegen und nicht einen Winkel bilden, wie die anderen Anlagen in Rundhügeln. Doppelganggräber haben parallele Zugänge. Ein Dutzend dieser Anlagen sind aus Nordjütland (Doppelganggrab von Fjellerup, Ganggräber von Gundestrup, Snibhøj bei Hobro, Ettrup, Iglsø bei Skive und der Langmosehøj südlich der Tulsbjerge), besonders aus dem südlichen Himmerland bekannt, drei Lili Kaelas 1956 noch nicht bekannte liegen in Schonen in Schweden (Snarringe, Stenhögen und Stora Kungsdösen).
In Aldersroe liegen drei Ganggräber im selben Hünenbett. Mehrere Ganggräber in einer gemeinsamen Einfassung sind im Gegensatz zu Dolmen selten, kommen aber z. B. auch beim Rishøj (Lejre Kommune) und bei Grab Nr. 2 der Kleinenknetener Steine in Deutschland vor.