mini|Robert Estienne Robert Estienne (auch Robert Etienne oder latinisiert Robertus Stephanus, * 1499 oder 1503Margarete Lindemann: Robert Estienne. Dictionarium (1531) und die Entwicklung der Lexikographie. In: Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Band 1. De Gruyter, Berlin 1999, S. 710–725, hier S. 710. in Paris; † 7. September 1559 in Genf) war ein französischer Druckhandwerker, Verleger und Lexikograph.
Sein Leben in Paris
Die Anfänge der Estienne-Druckerei
Roberts Estiennes Vater Henry Estienne heiratete vermutlich 1501Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 8. Guyone Viart, die Witwe des aus Meißen stammenden John Higman, der in Paris erfolgreich eine Druckerei in der Rue Jean-de-Beauvais etabliert hatte und mit dessen Partner Wolfgang Hopyl Henry bereits zusammengearbeitet hatte.
1504/05 übernahm Henry Estienne, der gerade als ausgebildeter Drucker die Universität verlassen hatte, die Druckerei, die im folgenden Jahrhundert durch zahlreiche seiner Nachkommen, angefangen bei Robert Estienne, weitergeführt werden würde. Im 16. Jahrhundert war diese Straße im Quartier Latin einer der Hauptkanäle des Pariser Universitätstreibens. Die Weiterführung einer Firma durch eine erneute Heirat war zu dieser Zeit nicht unüblich, wenn die Erben des Verstorbenen noch nicht geschäftsfähig waren.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 3–5.
Aus der Ehe zwischen Henry Estienne und Guyone Viart gingen die drei Söhne Francis, Robert, Charles sowie die Tochter Nicole Estienne hervor. Nachdem Henry Estienne 1520 gestorben war, heiratete Viart den erfolgreichen Geschäftsmann und Druckhandwerker Simon de Colines, mit dem Robert Estienne daraufhin eng zusammenarbeitete.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 8–9.
1526 wurde die Druckerei für die beiden hoch talentierten Handwerker zu eng, und Simon de Colines beschloss, innerhalb des Quartiers umzuziehen. Robert Estienne hingegen führte die Druckerei seines Vaters in der Rue Jean-de-Beauvais weiter. Er benutzte nun seinen eigenen Namen und ein selbst gewähltes Drucksymbol, den Olivenbaum mit der Inschrift „Noli altum sapere sed time“ („Seid nicht hochmütig, sondern fürchtet euch!“), eine Anspielung auf das elfte Kapitel des Römerbriefs.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 10.
Mit der Trennung der Geschäftsbeziehung zu Simon de Colines hatte Robert Estienne, gerade ausgebildet und geschäftsfähig, es allerdings zunächst schwer, sein eigenes Druckgewerbe zu etablieren. 1526 heiratet Robert daraufhin die reiche und gelehrte Perette, Tochter des Druckers Jodocus Badius, der bereits zu Henry Estienne Kontakt gepflegt hatte.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 15. Aus der Ehe mit Perette gingen insgesamt zehn Kinder hervor.Hans Widmann: Der Drucker-Verleger Henri II Estienne. Gutenberg-Gesellschaft, Mainz 1970, S. 9.
Produktion und Vermarktung
Robert Estienne hatte seine erste Druckpresse zweifellos von seinem Vater Henry Estienne geerbt, er schaffte sich im Laufe seiner Druckerkarriere in Paris allerdings vermutlich vier bis fünf weitere an. Weiterhin erbte Robert die Schrifttypen seines Vaters und nutzte diese für seine ersten eigenen Drucke. Die Qualität seiner Druckarbeiten war ein Resultat aus dem aufwändigen Design seiner Lettern, der Intelligenz, mit der er sie einsetzte, und dem Geschmack, sie zu arrangieren. Die Genauigkeit seiner Druckarbeiten, die feine Qualität seines Papiers und die klassischen Proportionen der Seitenränder seiner Bücher haben ihn zu einem Meister des Druckwesens im 16. Jahrhundert werden lassen. Er bildete verschiedene Varianten seines Olivenbaum-Symbols ab, verzichtete weiterhin aber fast vollständig auf Verzierungen. Die weitgehend einzige Dekoration in seinen Büchern blieben die geschmackvoll verzierten Initialen.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 46–52.
Robert Estienne war nicht nur der Drucker, der ein Buch druckte, sondern auch der Verleger, der dafür bezahlte, und der Buchhändler, der es verkaufte. Zahlreiche seiner Druckausgaben versah er mit Kommentaren und Vorworten. Wie kein anderer Gelehrter der Zeit richtet sich Estienne darin an die Leserschaft. Die Titelseite nutzte Estienne nicht selten für subtile Reklamezwecke, aber im Gegensatz zu älteren Publizisten nicht im Sinne einer plumpen Kaufaufforderung. Bei Büchern, die sich bereits in Umlauf befanden, notierte er beispielsweise sämtliche Vorteile, die genau seine Edition mit sich brachte: Überarbeitungen oder Zusätze des Autors, Notizen, Verbesserungen, Kommentare von berühmten Gelehrten oder die Bereitstellung eines Registers oder eines Glossars. Handelte es sich um ein neues Werk, so nahm er oftmals sämtliche Titel auf, die der Autor für ein Werk vorgesehen hatte. Weiterhin druckte er Widmungen ab, wenn diese besonders erwähnenswert waren und sie sich beispielsweise an den König richteten.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 21 ff.
Familie und Beziehung zu anderen Autoren
Möglicherweise wurde Robert Estienne wegen seiner Arbeit permanent von verschiedenen Gelehrten umgeben, die auf Grund ihrer entfernten Wohnorte im Hause Estienne unterkamen und sich untereinander auf Latein verständigten. Selbst die liberal erzogenen Kinder sprachen mit dem Vater nur Latein, welches sie zuhause seit ihrer Geburt wie ihre zweite Muttersprache aufsogen. Dies führte so weit, dass Estienne von seinem Sohn Henri darum gebeten wurde, statt des Lateinunterrichts lieber Griechischstunden erteilt zu bekommen, weil er das Lateinische bereits hinlänglich beherrschte.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 61.
Nur zu wenigen zeitgenössischen Humanisten existierte von Seiten Estiennes eine nennenswerte Verleger-Autoren-Beziehung. Zwei dieser wenigen waren beispielsweise Mathurin Cordier und Guillaume Budé, mit dem Estienne vor allem der Humanismus und der Hellenismus verband. Für Budé publizierte Estienne 1544 das Werk Forensia mit dem königlichen Privileg. Gelehrsamkeit und Geschäftssinn verhalfen Robert Estienne zu viel Ruhm und machten ihn weitgehend unabhängig von universitären und privaten Aufträgen.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 105–114.
Der gelehrte Drucker
mini|Typographische Marke von Robert Estienne mini|Typographische Marke von Robert Estienne Die lateinische Bibel
Seit 1523 veröffentlichte Estienne zahlreiche Bibel-Ausgaben, die oft mit Vorworten, Kommentaren, Glossaren und Indices ergänzt waren. Das Besondere seiner Arbeit bestand darin, dass er sich nicht mit einem bloßen Nachdruck bestehender Werke zufriedengab, sondern für seine Texte zahlreiche Handschriften und Drucke kollationierte.Margarete Lindemann: Robert Estienne, S. 711. Seine eigenen Vulgata-Ausgaben hatte er in mühevoller Vorarbeit immer wieder mit den Handschriften verglichen, die er unter anderem in den Bibliotheken von Saint-Germain und Saint-Denis sowie der Sorbonne fand. Bei der Arbeit an der lateinischen Bibel waren ihm zwei Dinge besonders wichtig: Zum einen der Anspruch an eine Rekonstruktion des Bibeltextes, wie ihn Hieronymus hinterlassen hatte, und zum anderen eine Ausweitung der Erklärungen, um die Bibel-Ausgabe auch dem durchschnittlich gebildeten Leser verständlich zu machen.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 72–78.
Der Thesaurus linguae latinae
Als eine seiner frühesten Publikationen brachte Robert Estienne am 27. September 1526 ein Werk des antiken Dichters Terenz heraus. Bereits 1528 baten ihn seine Kunden um eine neuere und geprüfte Ausgabe des damals gängigsten Latein-Wörterbuchs, das 1502 von Ambrosius Calepinus erschienen war. Estienne war stets darum bemüht, die Wünsche des Käufers zu erfüllen. Allerdings fand er, dass die Edition von Calepinus als Basis für eine Überarbeitung zu viele grundlegende Fehler enthielt, also hierfür unbrauchbar war, und er lehnte es ab, das Buch zu überarbeiten. Laut Estienne wies das Werk zu viele schlechte Lateinübersetzungen auf, und essentielle Begriffe würden fehlen. Daraufhin wurde er angehalten, ein eigenes Latein-Wörterbuch zu verfassen. Er versuchte, für dieses Projekt alle ihm bekannten Gelehrten zu engagieren, konnte ihnen aber keine Bezahlung versprechen. Keiner der Angefragten sagte zu, aus Furcht vor dem Umfang des Projekts oder wegen eigener Verpflichtungen. Daraufhin stellte Estienne fortan alle anderen Publikationen hinter die Arbeit an dem neuen Wörterbuch. Hierfür recherchierte er vor allem in den Schriften von Terenz und Titus Maccius Plautus, in den Tragödien Senecas, in antiken Komödien und in anderer lateinischer Literatur, worin er unzählige Markierungen und Notizen hinterließ und aus denen er alle wichtigen Begriffe in eine alphabetische Reihenfolge brachte. Für seinen Thesaurus linguae latinae verwertete er die Schriften von insgesamt 32 lateinischer Autoren. Zusätzlich schrieb er selbst Texte, die er vielfach von Gelehrten kontrollieren ließ.Elizabeth Armstrong: Robert Estienne, Royal Printer: An Historical Study of the Elder Stephanus, Cambridge University Press, Cambridge 1954, S. 79–85. Der Thesaurus ist das erste lateinische Sprachwörterbuch, das auf Eigennamen verzichtet. Dies begründete Estienne in seinem Vorwort damit, dass er die Ausgabe nicht durch die Zugabe von Eigennamen umfangreicher und dadurch zu teuer machen wollte. Margarete Lindemann: Die französischen Wörterbücher von den Anfängen bis 1600, S. 118. Später verfasste er zwei lateinische Wörterbücher, die nur Eigennamen enthalten, das Hebrae, chaldaea, graeca et latina nomina virorum…qua in Biblis leguntur (1537) sowie das Dictionarium propriorum nominum (1541)Margarete Lindemann: Robert Estienne. Dictionarium (1531) und die Entwicklung der Lexikographie. In: Joachim-Felix Leonhard (Hrsg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Band 1. De Gruyter, Berlin 1999, S. 710–725, S. 711. Um auch von durchschnittlich Gebildeten verstanden zu werden, gab Estienne allerdings kein rein lateinsprachiges Wörterbuch heraus, sondern gab Erklärungen in französischer Sprache. Die Verwendung französischsprachiger Erklärungen in seinem Thesaurus wurde von Gelehrten allerdings so heftig kritisiert, dass Estienne diese in der späteren Auflage von 1543 komplett entfernte. Für seinen Thesaurus bekam Estienne, schon mehr als ein Jahr vor dessen Fertigstellung, am 22. März 1530 ein königliches Privileg, das den Verleger für sechs Jahre vor Nachdrucken schützte.Margarete Lindemann: Die französischen Wörterbücher von den Anfängen bis 1600, S. 315–326.
Am 28. September 1531 vollendete Estienne den Thesaurus linguae latinae mit 964 Seiten, die teilweise in zwei Bänden erschienen. Der Thesaurus ist ein herausragendes Resultat von Forschung und Zusammenarbeit und wurde bis ins darauf folgende Jahrhundert als Latein-Standardwerk betrachtet. Mit diesem Wörterbuch leitete Robert Estienne die moderne lateinische Lexikographie ein.