mini|Alter Lauf der Aare im Umiker Schachen Das Naturschutzgebiet Umiker Schachen-Stierenhölzli ist eine Auenlandschaft von nationaler Bedeutung an der Aare im Schweizer Kanton Aargau. Im geschützten Areal liegen unter anderem ein Naturwaldreservat und ein national bedeutendes Amphibienlaichgebiet. Der vier Kilometer lange Abschnitt der Flussniederung wurde durch den Bau des Kraftwerks Wildegg-Brugg stark verändert, blieb jedoch in weiten Teilen als Naturlandschaft erhalten, die für die Verbindung zwischen dem Juragebirge und der Hügelzone des Mittellands wichtig ist.
Das 1992 ausgewiesene Schutzgebiet wird in der World Database on Protected Areas (WDPA) unter der Objektnummer 148594 geführt, das darin enthaltene Amphibienlaichgebiet unter der Nummer 347283. Dieses ist als Biotop- und Artenschutzgebiet in der IUCN-Kategorie IV registriert.
Das Naturschutzgebiet Umiker Schachen-Stierenhölzli umfasst mehr als die Hälfte der grösseren Auenlandschaft «Wildegg-Brugg», die ihrerseits zu den bedeutendsten Teillandschaften des dezentralen Auenschutzparks Aargau gehört.Auengebiete des Auenschutzparks Aargau auf ag.ch, abgerufen am 1. Mai 2023.
Lage mini|300px|Karte der Schachenlandschaft Villnachern-Umiken-Brugg im frühen 20. Jahrhundert Das 124 Hektaren grosse Schutzgebiet liegt auf der durchschnittlichen Höhe von in der Flussniederung an der Aare oberhalb der Stadt Brugg. Die Auenlandschaft gehört zu den Gemeinden Brugg, Schinznach und Villnachern. Die links der Aare liegende Ortschaft Umiken, nach welcher das Schachengebiet benannt ist, bildet seit 2009 einen Stadtteil von Brugg. Schon 1901 war die kleine Gemeinde Altenburg bei Brugg durch einen Beschluss des Grossen Rats des Kantons Aargau mit der Stadt fusioniert worden, und 2020 fand auch der Zusammenschluss der Gemeinde Schinznach-Bad mit Brugg statt; seither liegt der ganze rechte Streifen der Auenlandschaft in deren Stadtgebiet.
Die Schwemmfläche im Aaretal entstand nach dem Eiszeitalter, als sich der Fluss durch die Schlucht in Brugg – ein Geotop des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung – einen neuen Weg bahnte. Viel früher hatte die Ur-Aare ein Tal weiter südlich aus dem Felsboden gegraben, das nun während der Birrfeld-Eiszeit mit fluvioglazialen Sedimenten verfüllt wurde. Während die Aare deshalb das neue Flussbett am Fuss des Bruggerbergs schuf, bildete sich im flachen Gebiet oberhalb, zwischen dem Plateau des Bözbergs und dem Linnerberg im Nordwesten und dem Wülpelsberg im Südosten, eine etwa einen Kilometer breite, mehrere Kilometer lange Ebene, auf der sich mit der Fliessdynamik der mäandrierenden Aare immer wieder neue, verzweigte Gewässer und Kiesinseln formten.Bitterli: Erläuterungen zur Geologischen Karte. 2007, S. 94. Wenn sich bei grossen Hochwassern der Aare das Wasser in der Schlucht von Brugg staute, wurden Partien des Auenwalds überflutet. Durch die Schotterschichten unter den Auen bei Brugg fliesst ein starker Grundwasserstrom.Adolf Hartmann: Vom Grundwasser in der Umgebung von Brugg. In: Brugger Neujahrsblätter. 1931.Ludwig Schröder: Vom alten Aarebett und den Grundwasserströmen von Brugg. In: Brugger Neujahrsblätter. 45. Jg., 1935, S. 19–29.
In früheren Jahrhunderten führte die natürliche Veränderung der Flusslandschaft oft zu Konflikten zwischen den umliegenden Gemeinden, besonders Umiken, Villnachern und Altenburg. Mit kleinen flussbaulichen Eingriffen suchten die Dörfer den Aarelauf, der bei Hochwasser das Kulturland beschädigte, einzudämmen. Umiken verlor 1880 bei einer Überschwemmung sieben Hektaren Schachengebiet.Heiner Keller: Die Aarelandschaft zwischen Schinznach Bad und Brugg. 1985, S. 36.
Der weitaus grösste Teil des Schutzgebiets befindet sich im Areal von Villnachern; dazu gehört die bewaldete Landschaft mit mehreren Feuchtgebieten auf der «Schacheninsel» zwischen dem Altlauf der Aare und dem Oberwasser- und Unterwasserkanal des Kraftwerks Wildegg-Brugg. Die künstliche, befestigte Böschung des Kanals, auf welcher teilweise Uferstrassen verlaufen, stellt eine Grenze zwischen der östlich davon liegenden Naturlandschaft und dem rasch fliessenden Wasser dar. Wegen des Kraftwerkbetriebs fliesst im ehemaligen Flussbett oft nur noch die mit der Wasserkraftkonzession definierte Restwassermenge, die mindestens 10 Kubikmeter pro Sekunde betragen muss. Dadurch entstanden im alten Flussbereich neue Abschnitte mit niedrigem oder stehendem Wasser, Erosionsufer und Kiesinseln. Rechts vom alten Flusslauf und nördlich vom Thermalbad Schinznach liegt der Wald «Stierehölzli», der ebenfalls zum Gebiet von Villnachern gehört und früher auch «Villnachernschachen» genannt wurde. Der private Wald im «Badschachen» ist kein Teil des Landschaftsschutzgebiets.
Der obere Bereich der langgezogenen Insel zwischen Altlauf und Kanal liegt im Gebiet der Gemeinde Schinznach. Eine gerodete, landwirtschaftlich genutzte Fläche in diesem Bereich wird ebenfalls nicht zur geschützten Auenlandschaft gerechnet. Mehrere Uferpartien rechts vom Altwasser, der «Wildischachen» und die kleine letzte Partie der Insel ganz im Norden gehören zu Brugg.
Aus der Berglandschaft bei Villnachern und Schinznach links der Aare und aus dem Schenkenbergertal fliessen mehrere Bäche in die Aareebene, wo sie kanalisiert und teils eingedolt sind und entweder in den Binnenkanal oder direkt in den Kraftwerkskanal münden. Der Talboden auf der linken Seite des Kanals wird als Kulturland und Siedlungsgebiet genutzt und gehört nicht zum Auenschutzgebiet.
Infrastruktur mini|Hilfswehrbrücke bei Bad Schinznach Am Flussabschnitt zwischen Schinznach, Villnachern und Brugg entstanden mit der Zeit zahlreiche technische Einrichtungen. Ältere Grossprojekte wie etwa der Bau des Transhelvetischen Kanals, für welchen das gesamte Auengebiet oberhalb von Brugg in einen grossen Stausee verwandelt worden wäre, kamen nicht zur Ausführung. Die Landschaft wird heute vor allem durch die Anlagen des 1953 in Betrieb genommenen Kraftwerks Wildegg-Brugg mit dem Stauwehr bei Schinznach, den Kanälen, dem Maschinenhaus bei Villnachern, einem Hilfswehr bei der Brücke von Bad Schinznach und einem zweiten Hilfswehr bei Brugg sowie Hochspannungsleitungen geprägt. Das Kraftwerk nutzt das Gefälle der Aare in der Konzessionsstrecke von Wildegg bis Brugg mit einem Höhenunterschied von 14,4 Metern beim Maschinenhaus. Die Staukote im Oberwasserkanal liegt auf Vor dem Bau der Kanäle wurden grosse Flächen des Auenwalds gerodet. Die Seitendämme des Oberwasserkanals erheben sich hoch über den Boden des Schachengebiets, während der etwa zwei Kilometer lange Unterwasserkanal mit einer steilen Böschung bis zu 13 Meter tiefer als die Umgebung liegt. Ein vom Maschinenhaus durch die Schacheninsel verlaufender Damm schützt den Unterwasserkanal vor Überschwemmungen aus dem höher liegenden Auengebiet. Mit dem Bau des Kraftwerks gingen 44 Hektaren Schachenwald und 41 Hektaren Kulturland verloren, vier Hektaren Schachenwald wurden in Kulturland umgewandelt, und Feuchtgebiete, Giessen und Altarme der Aare im Umfang von 17 Hektaren wurden trockengelegt, aufgefüllt und neu als Schachenwald oder als Kulturland genutzt.Das Kraftwerk Wildegg-Brugg. Teil 1. In: Schweizerische Bauzeitung. 1956, S. 50. Um den Abfluss des Wassers unterhalb des Kraftwerks zu verbessern, wurden die grossen Felsriffe der Stromschnelle bei Altenburg, die früher den Eingang in die Aareschlucht bei Brugg markierte, weggesprengt.
Die beiden Stauanlagen im alten Flussbett wurden gebaut, um den Wasserabfluss zu steuern, die Erosion des Bodens zu mindern und den Grundwasserstand zu halten. Betonierte Fischtreppen ermöglichen es den Fischen, die Hindernisse zu passieren.
Ein erstes Stauwerk staute die Aare schon beim Bau des alten Kraftwerks Brugg 1892 am unteren Ende des Auengebiets in der Nähe von Altenburg. Dort begann der Oberwasserkanal, der bis zum Maschinenhaus in der Nähe der Mündung des Süssbachs in die Aare steht. 1952 wurde das alte Wasserkraftwerk wegen des Baus des neuen Werks Wildegg-Brugg stillgelegt. An der Stelle des alten Wehrs von Altenburg befindet sich heute ein Hilfswehr des neuen Kraftwerks.
Neben dem Kraftwerk überquert die in den 2010er Jahren von Swissgrid errichtete 380-kV-Hochspannungsleitung Beznau–Birr–Mettlen die Auenlandschaft auf grossen Gittermasten, so dass die Leitungsstränge hoch über dem Wald durchführen. Sie ersetzte die alte 220-kV-Freileitung, die von Beznau zu der Schaltanlage beim Kraftwerk Wildegg-Brugg und von dort zum Unterwerk Birr führte und demontiert wurde. Die Schneise dieser alten Leitung im Auenwald wird aufgeforstet.Netzprojekt Beznau – Birr. Swissgrid, abgerufen am 6. Mai 2023.
Über eine nahe an der Aare liegende Fläche von etwa einem halben Quadratkilometer erstrecken sich die Kur- und Sportanlagen beim Bad Schinznach. Aus dem im 17. Jahrhundert entstandenen, berühmten Heilbad entwickelte sich im 20. Jahrhundert ein vielteiliger Komplex mit Kur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie einem ausgedehnten Golfplatz, dem eine grosse Fläche des Auenwalds weichen musste. Das Gebiet von Bad Schinznach als intensiv genutzte Kulturlandschaft ist denn auch vom Perimeter der geschützten Auenlandschaft ausgenommen. Bei Altenburg liegt das Areal des Frei- und Hallenbads von Brugg am Rand der Auenlandschaft.
Im Schutzgebiet befindet sich das Grundwasserpumpwerk «Stieracker» der Wasserversorgung Brugg. Nördlich von Bad Schinznach lag die ehemalige Abwasserreinigungsanlage der Gemeinde Schinznach-Bad. 2012 beschloss die Gemeinde die Aufhebung dieser Einrichtung; das Abwasser wird neu zur Kläranlage von Windisch geleitet, und das Areal der alten Anlage im Badschachen wurde der Natur als Ruderalfläche überlassen, die allmählich von Stauden und Gehölz überwachsen wird.Aus dem heutigen ARA-Areal wird ein Waldgebiet. In: Aargauer Zeitung. 11. Juni 2013. mini|Luftaufnahme des Auengebiets von Südwesten während der Bauzeit der Aaretalbrücke Sechs Brücken und Stege sowie die hohe Aaretalbrücke der Autobahn A3 führen in der Flusslandschaft über die Gewässer. Auf der Schotterterrasse im Osten der Flussniederung, am Hangfuss des Wülpelsbergs, verlaufen die Bahnstrecke Brugg–Aarau und die Hauptstrasse 5. In der Nähe liegen grosse Industrie- und Gewerbesiedlungen von Brugg. Durch das Schachengebiet führen verschiedene regionale Wanderwege sowie die von SchweizMobil gekennzeichneten Radwanderwege «Mittelland-Route» und «Aare-Route» (auf einem gemeinsamen Weg durch das Stierenhölzli und den Wildischachen).Wanderwege und Velowege auf schweizmobil.ch. Vom Siedlungsgebiet von Brugg und Windisch gibt es keinen direkten Flussübergang auf die Schacheninsel zwischen der Schinznacher Hilfswehrbrücke und der Hängebrücke unter der Eisenbahnbrücke bei Umiken. Dieser Umstand verhindert einerseits die intensive Nutzung des Auenwalds als Erholungslandschaft und vermindert deshalb andererseits die Störung von Wildtieren. Nach jahrzehntelangen Diskussionen über dieses Verkehrsproblem prüfte die Stadt Brugg 2021 mit einer Machbarkeitsstudie den möglichen Bau eines neuen Stegs über das Dachwehr bei Altenburg.Aaresteg Umiker Schachen, Brugg-Umiken. Machbarkeitsstudie Conzett Bronzini Partner AG, 2021, auf brugg.ch (PDF; 2,8 MB).Claudia Meier: Abklärungen zum Umikersteg: Warum es mit der Anfrage der Stadt an den Kanton harzt. In: Aargauer Zeitung. 18. August 2022.
Nach dem Bau des Wasserkraftwerks Wildegg-Brugg wurden an einigen Stellen im Umiker Schachen und bei Brugg Kiesgruben ausgebeutet. Später dienten diese Vertiefungen und der alte Kanal des ehemaligen Kraftwerks Brugg als Deponien für Abfälle aller Art und wurden später wieder aufgeforstet.Heiner Keller: Die Aarelandschaft zwischen Schinznach Bad und Brugg. 1985, S. 44.
Natur mini|Weiher in einem Altarm der Aare