Als Geschichtsrevisionismus oder Revisionismus bezeichnet man Versuche, ein wissenschaftlich, politisch und gesellschaftlich anerkanntes Geschichtsbild zu revidieren, indem bestimmte historische Ereignisse wesentlich anders als in der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft dargestellt, erklärt oder gedeutet werden. Der Ausdruck Revisionismus stammt ursprünglich aus der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie und der Kritik des Staatssozialismus und ist nicht auf Geschichtsdeutung begrenzt. Im englischen Sprachraum bedeutet historical revisionism meist wertfrei eine neue Interpretation historischer Ereignisse auf der Basis neuer empirischer Daten.

Im Unterschied zur quellenbasierten „Revision“ (Korrektur) einer historischen Ereignisdarstellung nehmen Akteure des rechtsextremen Geschichtsrevisionismus aus ideologischen Motiven eine inhaltliche Umdeutung der Vergangenheit vor. Sie deuten besonders die Zeit des Nationalsozialismus um, indem sie die NS-Verbrechen leugnen, relativieren oder verharmlosen. Dazu bedienen sich rechtsextreme Geschichtsrevisionisten bestimmter Manipulationsmethoden der Geschichtsfälschung und Geschichtsklitterung.Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland: eine kritische Bestandsaufnahme. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 3-658-24275-2, S. 301f. Zwar wird in der Fachliteratur über den Rechtsextremismus „Revisionismus“ oft mit Holocaustleugnung gleichgesetzt, doch umfasst der an sich verharmlosende Begriff „Revisionismus“ ein breiteres Themenspektrum.Brigitte Bailer-Galanda: „Revisionismus“ – pseudowissenschaftliche Propaganda des Rechtsextremismus. In: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Wahrheit und „Auschwitzlüge“: zur Bekämpfung „revisionistischer“ Propaganda. Deuticke, Wien 1995, ISBN 3-216-30124-9, S. 16.

Verhältnis zur Geschichtswissenschaft Die Revision bisheriger historischer Sichtweisen durch neu entdeckte Quellen ist gemäß dem kritischen Rationalismus Teil jeder Geschichtsforschung. Da die Darstellung von Geschichte immer von gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bedingungen abhängt, ist eine vollständige und abschließende Erfassung der Vergangenheit unmöglich. Historische Tatsachen sind immer auch interpretierte Tatsachen, so dass jeder Anspruch auf eindeutige und endgültige historische Wahrheit in der Geschichtsforschung selbst als vermessen gilt. Geschichtsbilder hängen immer auch von der Macht ab, sie durchzusetzen, müssen also gerade für die weitere Annäherung an Objektivität revidierbar bleiben. Darum verdächtigen die „Verlierer“ der Geschichte die „Sieger“ oft, wesentliche Quellen zu unterdrücken. Ideologisch motivierte Geschichtsrevisionisten machen sich dies zunutze, stellen das gültige Geschichtsbild als bloß herrschende Meinung dar und geben ihre vorgefassten Deutungen ihrerseits als Fakten aus.Hinrich C. Seeba: Geschichte und Dichtung: Die Ästhetisierung historischen Denkens von Winckelmann bis Fontane. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 3-11-067625-7, S. 9f. und Fn. 23.

Entgegen ihrer Selbstbezeichnung geht es rechtsextremen Geschichtsrevisionisten nicht um eine wissenschaftliche Korrektur von bisherigen Deutungen der historischen Ereignisse, sondern „um die politisch motivierte Umdeutung durch einseitige, leugnende, relativierende oder verharmlosende Darstellung“ besonders der NS-Zeit.Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Beck, München 2000, S. 47. Weil sie sich nicht ergebnisoffen um historische Objektivität bemühen, sondern ein anerkanntes Geschichtsbild insgesamt angreifen, es manipulativ umdeuten, verfälschen und klittern, vermeiden viele Historiker, ihre propagandistische Selbstbezeichnung zu übernehmen. Um solchen Verfälschungen nicht den Anschein legitimer Forschungsergebnisse zu geben, bezeichnen Historiker wie Deborah E. Lipstadt sie bewusst nicht als „Revisionismus“, sondern als „Leugnung“.Erwin Leiser: Der Vormarsch der Lügner. In: Deborah E. Lipstadt: Betrifft: Leugnen des Holocaust. Rio Verlag, Zürich 1994, S. 7 (Vorwort).

Im englischen Sprachraum wird die Bezeichnung historical revisionism auch wertfrei für wissenschaftliche Bemühungen verwendet, Voreingenommenheiten und einen vermeintlichen Sonderstatus in verschiedenen Nationalgeschichten zu überwinden. So trugen revisionistische Historiker in Staaten, die vormals Kolonien waren, etwa in Amerika oder Australien, entscheidend dazu bei, weit verbreitete Missverständnisse über indigene Völker in Frage zu stellen.Revisionism. In: Ian Buchanan: A Dictionary of Critical Theory. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 2018, ISBN 978-0-19183630-5. Der amerikanische Historiker James M. Banner Jr. vertritt die These, weil der Blick der Menschen auf ihre Vergangenheit sich ständig ändere, sei alle Geschichte revisionistisch.James M. Banner: The Ever-Changing Past. Why All History Is Revisionist History. Yale University Press, New Haven/London 2021, ISBN 978-0-300-23845-7.

Deutschland Auf die deutsche Geschichte bezogen, versuchen Geschichtsrevisionisten vor allem, die Ursachen, Verläufe und Folgen beider Weltkriege umzudeuten. Sie bestreiten regelmäßig jede besondere Verantwortung deutscher Regierungen dafür und richten oft Ansprüche auf ehemalige deutsche Gebiete oder Großmachtambitionen wieder auf. Viele von ihnen bestreiten, verharmlosen und relativieren auch die Verbrechen des Nationalsozialismus und leugnen oder relativieren den Holocaust. Damit versuchen sie, die „Deutungshoheit“ über die NS-Zeit zu gewinnen und das wissenschaftlich gesicherte Geschichtsbild dazu durch ein Geschichtsbild des Neonazismus zu ersetzen. Ihr Ziel ist die Bagatellisierung der deutschen Kriegsschuld, etwa durch die Präventivkriegsthese, und die Holocaustleugnung. Obwohl kein reputabler Historiker an diesen Versuchen teilnahm, gelang den Geschichtsrevisionisten seit etwa 1980 eine internationale Vernetzung und Etablierung ihrer Thesen in pseudowissenschaftlichen Instituten.Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergründe - Analysen - Antworten. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-01984-6, S. 215f.

Zum Ersten Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs wurde der Kriegsbeginn außenpolitisch den Kriegsgegnern Deutschlands, die Kriegsniederlage innenpolitisch gezielt Demokraten und Juden angelastet. Die seit 1919 verbreitete Dolchstoßlegende sollte die tatsächlichen Ursachen der Kriegsniederlage leugnen und deren Folgen revidieren: Damit war meist die Ablehnung der Weimarer Republik und der demokratischen Kontrolle von Militär und Justiz verbunden.

Der Vertragsrevisionismus wollte die im Friedensvertrag von Versailles von 1919 geforderten Reparationen und Gebietsabtretungen revidieren. Dies war ein erklärtes Ziel aller deutschen Regierungen der Weimarer Republik. Dazu wurde die Debatte um die Kriegsschuldfrage von staatlicher Seite mit der gezielten Herausgabe Deutschland entlastender Dokumente beeinflusst; Belastendes wurde entsprechend zurückgehalten.

In einem Historikerstreit über die Rolle der USA im Ersten Weltkrieg griffen die US-Historiker Sidney Bradshaw Fay, Charles A. Beard und Harry Elmer Barnes seit 1920 das in den USA geltende Geschichtsbild an, wonach der Erste Weltkrieg von Deutschland provoziert worden sei, während die USA maßgeblich zum Kriegsende beigetragen und Europa mit dem Völkerbund Friedenschancen eröffnet hätten. Dieser Internationalismus Woodrow Wilsons wurde nun als „Fortsetzung des Imperialismus mit anderen Mitteln“ beurteilt. Die meisten US-Historiker hatten dagegen gerade den Rückzug der USA aus den Verhandlungen von Versailles als Isolationismus mit negativen Folgen bewertet.

Barnes besuchte Deutschland 1926 für eine Vortragsreise und fand dort für sein Bestreiten der deutschen Kriegsschuld und seine Forderung, die „Schande“ des Kriegsschuldparagraphen im Versailler Vertrag aufzuheben, begeisterte Zustimmung. Er traf mit Wilhelm II. zusammen, der jedoch nicht wie Barnes Großbritannien und Frankreich, sondern das „Weltjudentum“ und die Freimaurer für den Kriegsausbruch 1914 verantwortlich machte.Deborah Lipstadt: Betrifft: Leugnen des Holocaust, Rio, Zürich 1994, S. 92 f.

Die allgemeine Überzeugung von einer Kriegsschuldlüge der Alliierten und Kriegsunschuld des Kaiserreichs wurde erst nach 1945 allmählich hinterfragt und korrigiert. Geschichtsrevisionisten greifen jedoch oft auf Propaganda der Weimarer Zeit zurück oder berühren sich inhaltlich mit ihr. So versuchten etwa Otto Ernst Remer und Erich Kern, den Zusammenbruch des Deutschen Reichs den als „Drahtziehern“ der Novemberrevolution dargestellten Führern der Arbeiterbewegung anzulasten.

Zum Zweiten Weltkrieg Nicht zuletzt aufgrund einer verbreiteten Abneigung gegen alliierte Bestrafungsmaßnahmen entwickelte sich die frühe Bundesrepublik zu einem Eldorado für Nationalisten und rechte Geschichtsrevisionisten.Annette Weinke: Netzwerk der Nazi-Freunde. Rezension: „Amnestielobbyismus für NS-Verbrecher“. in SZ.de vom 12. August 2024, abgerufen am 16. August 2024. Einige deutsche Autoren versuchen seit den 1950er Jahren, den Nationalsozialismus zu rehabilitieren, indem sie die kriegstreibende, kriegsauslösende und kriegführende Politik des NS-Regimes bestreiten oder relativieren. Dies unternahm Hans Grimm mit seinen Büchern Die Erzbischofschrift. Antwort eines Deutschen (1950) und Warum – woher – aber wohin. Vor, unter und nach der geschichtlichen Erscheinung Hitler (1954).

Annelies von Ribbentrop, die Witwe des 1946 hingerichteten Außenministers Joachim von Ribbentrop, gab 1954 Aufzeichnungen aus seinem Nachlass unter dem Titel Zwischen London und Moskau heraus. 1958 veröffentlichte sie das Buch Verschwörung gegen den Frieden. Beide leugneten die Schuld der Regierung Adolf Hitlers am Zweiten Weltkrieg.

In den frühen 1960er Jahren erschienen in rascher Folge die Bücher von Erich Kern Von Versailles zu Adolf Hitler. Der schreckliche Friede in Deutschland (1961), Opfergang eines Volkes. Der totale Krieg (1962), Verrat an Deutschland. Spione und Saboteure gegen das eigene Vaterland (1963), Deutschland im Abgrund (1963) und Verbrechen am deutschen Volk (1964). Darin stellte der Autor den Versailler Vertrag von 1919 als Ursache des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs dar. Für die deutsche Niederlage darin machte er die innerdeutschen Gegner des NS-Regimes verantwortlich, vor allem die Rote Kapelle und die Attentäter des 20. Juli 1944.

Harry Elmer Barnes vertrat schon in den 1940er Jahren einen radikalen Isolationismus und warf Franklin Delano Roosevelt vor, er habe den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg „herbeigelogen“. Nach 1945 näherte sich Barnes sukzessive rechtsextremen Positionen an, indem er die Schuld am Zweiten Weltkrieg den Alliierten und den „Zionisten“ gab und sich zum Holocaustleugner entwickelte.Justus D. Doenecke: The United States and the European War, 1939–1941. A Historiographical Review. In: Michael J. Hogan (Hrsg.): Paths to Power. The Historiography of American Foreign Relations to 1941. Cambridge 2000, S. 225; Jean-Yves Camus: Holocaust-denial – New Trends of a Pseudo-Scientific Smokescreen of Antisemitism. In: Uwe Backes, Patrick Moreau (Hrsg.): The Extreme Right in Europe. Current Trends and Perspectives. Göttingen 2012, S. 256. In den 1950er Jahren war Barnes ein Förderer des jungen amerikanischen revisionistischen Geschichtswissenschaftlers David L. Hoggan.