mini|Otmarsreliquiar Der Domschatz der Stiftskirche St. Gallen ist eine wertvolle Sammlung an Kunstgegenständen von der Zeit des Gallusklosters bis in die Gegenwart. Er gilt heute als Zeugnis für die Kultur der ehemaligen Fürstabtei. Frühe Inventaraufzeichnungen belegen, dass die Abtei bereits vor dem Jahr 1000 einen wertvollen Schatz besass. Gegenstände waren liturgische Gefässe, Kreuze, Leuchter, Reliquienschreine und Gewänder. Im Lauf der Geschichte wurde der Schatz öfters geplündert und eingeschmolzen. Während der Reformationszeit wurden diverse Stücke des Domschatzes entwendet; sei es durch Personen aus dem eigenen Haus oder durch Fremde. Im Domschatz sind seitdem fast keine mittelalterlichen Stücke mehr erhalten. In der Barockzeit kamen neue Kostbarkeiten hinzu. Die Sammlung ist nicht öffentlich zugänglich, doch eine 2019 neu eröffnete Dauerausstellung zeigt im Gewölbekeller einige Gegenstände des Domschatzes.Der Stiftsbezirk St. Gallen wurde 1983 in die UNESCO-Welterbe-Liste aufgenommen.
Schatz allgemein Ein Dom-, Kirchen- oder Klosterschatz beschreibt alle wertvollen Gegenstände (Kunstschätze) jener Gebäude. Er enthält auch Unbewegliches, das nicht fest mit dem Bau verbunden ist. Dieser Schatz ist im Laufe der Geschichte einem steten Wandel unterworfen, wenn neue Gegenstände dazukommen oder andere wegfallen.
Ein Domschatz enthält viele Gegenstände, die zum kirchlichen Dienst verwendet werden. Zum Domschatz der Stiftskirche von St. Gallen gehörten im Laufe der Geschichte beispielsweise Altarkreuze, Prozessionskreuze, Reliquienkreuze, Monstranzen, Reliquiare, Kelche, Krüge, Messkännchen und -platten, Rauchfässer und -schiffchen, Altarleuchter, Kandelaber, Öl- und gläserne Lampen,Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 64. Plenarien, Kanontafeln, Messbuch-Beschläge, (Heiligen-)Statuen aus Edelmetallen und ebenso zeremonielle Kleidung oder Pontifikalstäbe. Des Weiteren sind es unbewegliche Kirchenausstattungen, wie Krypten, Altäre, Altarverkleidungen, Retabeln, Ziborien, Trabesanlagen und Schranken, Kanzeln und Lesepulte.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 51. Doch auch profane Gegenstände fanden Einzug in die Aufzeichnung wertvoller Gegenstände, wie Kämme aus Elfenbein zur Körperpflege der Mönche.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 31.
Wissenschaftliche Spurensuche Im Laufe der Zeit haben sich mehrere Wissenschaftler daran versucht, Wissen über die Entstehung, Aufbewahrung und den Verlust von Gegenständen des Klosterschatzes von St. Gallen zusammenzustellen. Darunter fokussierten sie sich oft auf ausgewählte Zeiträume. Dora Fanny Rittmeyer befasste sich vornehmlich mit Goldschmiedewerken von 613–1532, wobei die in den Chroniken erwähnten Werke heute nicht mehr vorhanden sind, und mit dem Schatzbestand zwischen 1523 und 1805. Weitere Forscher waren Erwin Poeschel, J. R. Jahn, August Hardegger.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 4. Gerold Meyer von Knonau (1843–1931) interpretierte Quellen für Rekonstruktionsversuche einzelner Objekte. 1991 veröffentlichte Roger Seiler seine Arbeit über den Zeitraum vom 9. bis 13. Jh. Die GlaubwürdigkeitSeiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 6. der Quellenlage dieser Epoche erlaubte ihm einzelne Rekonstruktionen.
Als Quellen dienen die unterschiedlichsten Aufzeichnungen. Darunter nicht nur Inventarlisten, Aufzeichnungen der Kloster- oder Lebensgeschichte einzelner Schenkungsurkunden,Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 67. sondern ebenfalls Rechnungen, Originale und Abschriften, Briefe, Notizen und Tagebuchaufzeichnungen. Selbst wenn von 1594 bis hin zum letzten Abt Tage- und Rechnungsbücher beinahe vollständig erhalten sind, bleibt die Suche nach Objekten mühsam, nicht zuletzt der schwer lesbaren Handschriften wegen.Rittmeyer: Die Goldschmiedewerke der Kathedrale in St. Gallen. 1931, S. 15.
Für das Kloster war in der Regel der aktuelle Bestand an Kunstschätzen interessant. Derartige Inventuren wurden oft nur als blosse Auflistung auf lose Blätter geschrieben und nicht aufbewahrt.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 66. Diese Daten helfen für eine quantitative, statistische Erfassung des Schatzes. Eine Herausforderung stellt die unterschiedliche Sortierung des Inventars dar. Während manche Schreiber die Wertgegenstände nach Gebrauchsgruppen ordneten, notierten es anderen nach Aufbewahrungsorten, z. B. Schränken.Rittmeyer: Die Goldschmiedewerke der Kathedrale in St. Gallen. 1931, S. 18.
mini|Fluchtkiste für Kunstschätze Beispiel für eine gute Momentaufnahme des Bestands ist das Register der Transportkisten, in denen wegen Kriegsgefahr um 1708 und 1712 im Toggenburgerkrieg die Sakristeigegenstände verpackt waren, damit sie im Notfall schnell abtransportiert werden konnten.Rittmeyer: Die Goldschmiedewerke der Kathedrale in St. Gallen. 1931, S. 19. Auch durch Verluste lassen sich Momentaufnahmen erlangen: Im Krieg des Jahres 1252 mit dem Bischof von Konstanz entstand nach einer Plünderung des Klosters das «Klagelied des Gallus», der Plangtus beati Galli, welches die Verluste der geraubten Gegenstände aufzählt.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 15.
Die Mehrung des Schatzes entstand nicht allein durch Kunstgegenstände, sondern auch durch Rohmaterialien wie Gold oder Elfenbein, die in den klosterinternen Werkstätten erst verarbeitet wurden.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 68. Die meisten Listen sind in einem Gemisch von Deutsch und Latein geschrieben. Der synonyme Gebrauch verschiedener Ausdrücke auch innerhalb einer Sprache erschwert die exakte Zuordnung zu einzelnen Gegenständen.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 5.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 60. Für Rekonstruktionen einzelner Gegenstände sind Forscher auf detaillierte Aufzeichnungen angewiesen. Detailreiche Beschreibungen von Gegenständen spiegeln nicht unbedingt deren wahren Wert oder Bedeutung wider.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 67. Gegenstände aus wertlosem Material, die für unsere Zeit jedoch von historischer Bedeutung wären, wurden nicht aufgeführt.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolingisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 22–26. Die Auswahl an beschriebenen Objekten erscheint oftmals zufällig. Allein die Benennung des Materials ist unter Umständen ungewiss. So taucht ein Kelch aus Onyx auf, einer aus Bernstein, wobei es sich eventuell um ein und denselben handelt. Hinweise, die zeitlich weit auseinanderliegen, wurden zusammengefügt und auf ein und dasselbe Stück bezogen. Vieles muss daher hypothetisch bleiben.
Die Kunstgegenstände des Klosterschatzes waren in Benutzung. Erhaltene Stücke zeigen Spuren jahrhundertelangen, intensiven Gebrauchs, inklusive Reparaturen. Teile oder Materialien wurden restauriert oder zu neuen Objekten zusammengefügt. Auf dem Deckel des Codex 53 wurden zum Beispiel verlorene Steine durch Stücke von ausgedienten Goldschmiedearbeiten ersetzt. Oder als 1513 das Hauptreliquiar des hl. Gallus brüchig wurde, musste für ein neues das Silber des alten eingeschmolzen und wiederverwendet werden.Rittmeyer: Die Goldschmiedewerke der Kathedrale in St. Gallen. 1931, S. 10. Was heute drastisch vorkommt, erschien damals wenig radikal, weil die Funktionsfähigkeit und hohe Wertigkeit eines Gegenstands ja erhalten blieb. Die ästhetischen Vorstellungen und die liturgischen Bräuche wandelten sich ebenfalls im Lauf der Zeit, was zu Veränderungen im Kirchenschatz führte. So ersetzten beispielsweise Retabeln die Ziborien im Altarbereich.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 69. So waren einzelne Objekte dem Wandel unterworfen, nicht jedoch die funktionale Gesamtheit des Kirchenschatzes.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 71.
Mehrung und Zerstörung im Laufe der Geschichte Während es eine wesentliche Ursache für die Vergrösserung des Schatzes gab – nämlich Schenkungen für das persönliche SeelenheilSeiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 8. –, gab es im Lauf mehrerer Jahrhunderte manche Ereignisse, die den Domschatz dezimierten. Auf der einen Seite geschah dies durch Raub, Diebstahl, Plünderung oder Naturkatastrophen wie Brände.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 12. Auf der anderen Seite, und weitaus umfänglicher, reduzierten Verkäufe und Verpfändungen durch Äbte des Klosters den Kirchenschatz. Benötigt wurde das Geld für Unterhalt, Reisen, Hofhaltung, Königsdienste oder aufgrund von Misswirtschaft. Der Materialwert diente als Wertrücklage, auf die in Zeiten der Not zurückgegriffen werden konnte. Zum Verkauf eigneten sich nicht nur naheliegende Objekte, wie liturgische Gegenstände. Silberne Streifen, die zur Zierde der Kirche an Balken und Säulen angebracht waren, oder Stoffe mit eingewebtem Gold wurden u. a. auch zu barer Münze gemacht. Denn zu den wertvollen Kunstgegenständen zählten auch liturgische Gewänder. In alten Inventarlisten war einst von 76 Messgewändern und 32 Chormänteln die Rede.Grünenfelder: Der Stiftsbezirk St. Gallen: Kulturhistorischer Führer. Der Kirchenschatz. 2012, S. 79. Der Chormantel von Abt Franz im 16. Jh. enthielt nicht nur Verzierungen mit goldenen Fäden, sondern ganze Bildnisse aus Gold. Dadurch wurde der Mantel so schwer, dass ein Diener ihn während der Messe hochhalten musste.Rittmeyer: Die Goldschmiedewerke der Kathedrale in St. Gallen. 1931, S. 11.
Geraubte Gegenstände kamen selten in das Kloster zurück.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 13. Und wenn sie es taten, waren u. U. hochwertige Materialien durch weniger wertvolle ersetzt worden; «Das Gold […] entfernt und mit Silber repariert», wie eine Quelle es lakonisch beschreibt.Seiler: Der Schatz der St. Galler Klosterkirche von karolongisher Zeit bis ins 13. Jahrhundert. 1991, S. 40.