Das Felix-Krull-Syndrom ist eine Sonderform einer Pseudologia phantastica („Lügensucht“), bei der der Betroffene sein pathologisches Lügen zum Zweck der Hochstapelei verwendet. Der Begriff Felix-Krull-Syndrom ist ein Eponym, das sich von einem Roman von Thomas Mann ableitet.

Beschreibung Lügen ist per se nicht pathologisch (krankhaft). Die Grenze zwischen Lügen und Wahrsprechen ist fließend. Das Felix-Krull-Syndrom adressiert deshalb ein epistemisches Problem. Auch von Ärzten kann nicht einwandfrei geklärt werden, ob der pathologische Lügner seine Geschichten als unwahr erkennt oder willentlich betrügt und wo die Lüge aufhört und die Pseudologia phantastica beginnt. Auch deshalb wird mit Felix-Krull-Syndrom nicht nur ein anormales Verhalten von Patienten bezeichnet, sondern auch die Problematik seiner Diagnose. Gustav Aschaffenburg sah in Hochstaplern „Poet[en] mit weitem Gewissen“ und einer „Neigung zum Fabulieren“Gustav Aschaffenburg: Zur Psychologie des Hochstaplers. In: März. Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Band 1, 1907, S. 544–550.

Bekannte Beispiele für Personen mit Felix-Krull-Syndrom sind Gert Postel, Frank W. Abagnale, Jürgen Harksen S. 106–108 in der Druckausgabe 38/1995. und Nick LeesonJürgen Kehrer: Bären und Bullen. Grafit Verlag, 2013, ISBN 3-894-25891-8, S. 53 ()..

Namensgebung Das Felix-Krull-Syndrom ist nach Felix Krull, dem Protagonisten in Thomas Manns Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, benannt.Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Fischer, Frankfurt am Main, 2004, ISBN 3-10-348129-2. (Der zweite Teil wurde nicht geschrieben.) Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzipierte Werk wurde erst 1954 nach langer Unterbrechung vollständig veröffentlicht. Bereits kurz nach der Publikation wurde es vom psychiatrischen Diskurs aufgegriffen, um den Bereich zwischen endogenen Psychosen und Neurosen zu bewerten. Der Protagonist wurde als Stereotyp eines geltungssüchtigen bzw. hysterischen Psychopathen aufgefasst. Das Eponym Felix-Krull-Syndrom entstand jedoch erst 1990. Wolfgang Schumacher, Leiter des medizinischen Zentrums für Psychiatrie des Klinikums der Justus-Liebig-Universität Gießen, erwähnte es erstmals in einem Buchbeitrag.Wolfgang Schumacher: Dissoziale Persönlichkeitsstörungen in psychodynamischer Sicht. In: Paul L. Janssen (Hrsg.): Psychoanalytische Therapie der Borderlinestörungen. Springer-Verlag, Berlin, 1990, S. 38–44, ISBN 978-3-540-52762-6, , (). Schumacher brachte das Felix-Krull-Syndrom mit der Pseudologia phantastica in Verbindung. Der Psychiater Gerhard Dammann teilte diese Einschätzung und etablierte den Begriff weiter.Gerhard Dammann: Atypische Formen (Ganser-Syndrom und Pseudologia phantastica). In: Annegret Eckhardt-Henn, Carsten Spitzer (Hrsg.): Dissoziative Bewusstseinsstörungen. Grundlagen, Klinik und Therapie. 2. Auflage, Stuttgart 2017, S. 357–367, ISBN 3-608-29027-3 ().Rupert Ganderer: Felix-Krull-Syndrom. In: Rupert Ganderer, Wim Peeters (Hrsg.): Syndrome: Fiktionen und Pathologien ISBN 978-3-86525-796-3, S. 87–104.

In Manns Roman hat der Protagonist anfänglich noch eine gewisse Distanz zu seiner Hochstapelei. Im Lauf seiner Biografie werden die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen jedoch immer verschwommener.

Literatur Rupert Ganderer: Felix-Krull-Syndrom. In: Rupert Ganderer, Wim Peeters (Hrsg.): Syndrome: Fiktionen und Pathologien ISBN 978-3-86525-796-3, S. 87–104. Stephan Porombka: Felix Krulls Erben. Bostelmann & Siebenhaar, 2001, ISBN 3934189504 (). Onur Bazarkaya: Schwindel der Fiktionalität Über Autofiktion und Rollenspiele in Thomas Manns Felix Krull. In: Studien zur deutschen Sprache und Literatur. 2016/I S. 43–60. Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Fischer, Frankfurt am Main, 2004, ISBN 3-10-348129-2. (Der zweite Teil wurde nicht geschrieben.)

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Einzelnachweise

Kategorie:Psychopathologisches Symptom Kategorie:Thomas Mann