St. Petri-Schnee (auch: Sankt Petri-Schnee) ist ein Roman von Leo Perutz aus dem Jahr 1933. Der Text entstand vom September 1931 bis zum Januar 1933,Hans-Harald Müller: Nachwort. In: Leo Perutz: Sankt Petri-Schnee. Lizenzausgabe. Deutsche-Buchgemeinschaft, Berlin 1988. S. 203. erschien zuerst von April bis Juli 1933 in sieben Fortsetzungen in Die Dame, dann im September 1933 im Paul Zsolnay Verlag.Michaela Bilgeri: Ein Tummelplatz einander widersprechender Vorstellungen und Gedanken. Zur Konzeption von Mehrdeutigkeit in Leo Perutz´ St. Petri-Schnee. (Magisterarbeit.) Wien, 2013. S. 12. (pdf). Perutz beschrieb den politisch und psychologisch aufgeladenen Roman, in dem er „ein wahnwitziges wissenschaftliches Projekt mit der Geschichte einer fast hoffnungslosen Liebe verknüpfte“,Ulrich Baron: Was geschah, als gar nichts geschah? Zur Rekonstruktion und Konstruktion von Wirklichkeit in Leo Perutz’ Roman Sankt Petri-Schnee. In: Tom Kindt, Jan Christoph Meister (Hrsg.): Leo Perutz’ Romane. Von der Struktur zur Bedeutung. (=Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 132.) Niemeyer, Tübingen 2007. ISBN 978-3-484-32132-8. S. 95–106. Hier S. 105. als „vielleicht mein bestes Stück.“ Kurzbeschreibung Der mittelmäßige Berliner Mediziner Dr. Amberg „ist auf dem Weg, sich in der Provinz zu vergraben“,Baron, Was geschah, als gar nichts geschah?, S. 102. fällt aber in Osnabrück einem Autounfall zum Opfer, der ihn wochenlang ohne Bewusstsein lässt. Im Fieberwahn seiner schweren Verletzung – oder in der Wirklichkeit, falls es keinen Autounfall gab – erlebt Amberg während seines Aufenthalts im hinterwäldlerischen westfälischen Dorf Morwede das chemo-politische Experiment eines reaktionären Freiherrn mit, das weniger reaktionäre Folgen als vom Freiherrn gewünscht zeigt, nämlich zu einem kommunistischen Aufstand führt. Das Ende des Buches lässt offen, ob die angeblichen Ereignisse in Morwede sich tatsächlich zugetragen haben oder nur ein Wahngebilde Ambergs sind. Inhalt Rahmenhandlung im Osnabrücker Krankenhaus I Der Berliner Arzt Dr. Amberg erwacht in einem Osnabrücker Krankenhaus „in einem freundlichen, gut eingerichteten Raum, der offenbar für zahlende oder aus irgend einem anderen Grund bevorzugte Patienten bestimmt war.“Leo Perutz: Sankt Petri-Schnee. Lizenzausgabe. Deutsche-Buchgemeinschaft, Berlin 1988. S. 9. Obwohl Amberg kurz „durch eine rätselhafte Spiegelung mich selbst gesehen hat“, befindet er sich in einem Einzelzimmer. Die Krankenschwester behauptet Amberg gegenüber, er läge seit mindestens fünf Wochen im Krankenhaus, woraufhin Amberg sie bezichtigt, nicht die Wahrheit über seinen Aufenthalt in den vergangenen Wochen zu sagen.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 11. Ohnehin meint Amberg in der Krankenschwester eine Person wiederzuerkennen, die in seiner Variante der Wahrheit über die vergangenen Wochen eine aufständische Bäuerin gewesen ist,Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 10. ebenso wie er im Krankenwärter jemanden zu erkennen glaubt, der in seiner Variante der Wahrheit ein Gutsverwalter war.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 15. Die Diskrepanzen zwischen Ambergs Variante der Wahrheit und der Variante, die das Krankenhauspersonal vertritt, beschränken sich nicht auf Personen, sondern auch auf die Art von Ambergs Verletzungen: Amberg führt seinen verletzten Arm auf Kampfhandlungen zurück, die ärztliche Visite sieht darin eine Rissquetschwunde aufgrund eines Auto-Unfalls. Und Amberg führt seine Kopfverletzung darauf zurück, dass man ihn mit einem Dreschflegel habe erschlagen wollen, während die Visite wiederum erklärt, Amberg sei von einem Auto angefahren worden: „Bruch der Schädelbasis, Bluterguß im Gehirn […]. Sie waren nicht gut dran, es hätte auch anders ausgehen können. Jetzt sind sie außer Gefahr.“Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 16. Binnenhandlung in Berlin und Osnabrück In einem inneren Monolog stellt Dr. Amberg seine Wahrheits-Variante über die vergangenen Wochen dar: In einer Berliner Zeitung eines Bekannten ist er auf eine Stellenanzeige aufmerksam geworden, in der der Freiherr Baron von Malchin für seine Gemeinde Morwede einen Gemeindearzt suchte.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 20–21. Ambergs Bewerbungs-Korrespondenz ergibt, dass es sich bei dem Freiherrn um einen Bekannten seines verstorbenen Vaters handelt, und Amberg erhält die Stelle,Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 22. fährt mit dem Zug von Berlin nach Osnabrück, wo er in den Zug nach Münster umzusteigen hat. Die Umsteigezeit verbringt Amberg damit, sich in Osnabrück umzuschauen, entdeckt im Schaufenster einer Antiquitätenhandlung unter anderem das Marmorrelief eines Männerkopfes, den Amberg „nicht zum erstenmal“ sieht, ohne dass Amberg sich an Details erinnern kann, sowie ein verstaubtes Buch Warum verschwindet der Gottesglaube aus der Welt?Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 24–26. „Zehn Minuten vor Abgang meines Zuges [nach Münster] stand ich auf dem Platz vor dem Bahnhof. Und hier hatte ich jene unerwartete Begegnung mit dem grünlackierten Cadillac“, darin eine Frau, „und diese Frau kannte ich“:Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 28. Es handelt sich um Kallisto Tsanaris, genannt Bibiche, Ambergs spröde griechische Ex-Kollegin vom Berliner Bakteriologischen Institut,Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 30. in die Amberg sich verliebt und deren Abschied vom Institut er wegen Krankheit versäumt hatte,Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 30. um anschließend von Bibiche unbemerkt ein Verhalten an den Tag zu legen, das man „heutzutage als ‘Stalking‘ bezeichnet.“Baron, Was geschah, als gar nichts geschah?, S. 103. Amberg starrt „wie ein Hypnotisierter“ den Cadillac an; daher kommt es seiner Ansicht nach nur beinahe zu einem Autounfall, nach Ansicht des Krankenhauspersonals aber tatsächlich: Der etwaige Autounfall ist die „entscheidende Bruchstelle von Ambergs Erzählung“,Baron, Was geschah, als gar nichts geschah?, S. 104. die „wichtige Bifurkation“Bilgeri, Ein Tummelplatz einander widersprechender Vorstellungen und Gedanken, S. 84. zu beiden Varianten des Folgegeschehens, das nach Darstellung des Krankenhauspersonals aus einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt besteht, nach Darstellung Ambergs aus seiner Weiterfahrt nach Morwede und dortigem Aufenthalt.
Binnenhandlung im Dorf Morwede In Ambergs Darstellung ist Amberg über Münster und seine Eisenbahn-Endhaltestelle Rheda weiter nach Morwede gereist, wo ihn Fürst Praxatin empfängt, russischer Exilant und Gutsverwalter des Freiherrn von Malchin. Zunächst lernt Amberg die 13- oder 14-jährige Freiherrns-Tochter Elsie kennen, die an Scharlach erkrankt ist und im Försterhaus des Guts einquartiert wurde.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 40–41. In Elsies Krankenzimmer, allerdings im Schatten, weilt auch der Halbwüchsige Federico, dem Amberg das Versprechen abfordert, sich von der infektiösen Elsie fernzuhalten.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 45. Etwa in diesem Moment tritt Federico ins Licht, „und jetzt, in diesem Augenblick erst, sah ich sein Gesicht […]. Dieser Knabe trug auf unerklärliche Weise die Züge jenes gotischen Marmorreliefs, das ich ein paar Stunden vorher in Osnabrück […] gesehen hatte.“Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 46. Amberg wird im Haus des Dorfschneiders einquartiert, deren Gattin ihm die Wohnung und Kleider säubert, anfangs auch die Mahlzeiten bereitet.Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 49. Ambergs erster Besucher ist der Schullehrer, der dem Freiherrn ein „fortschrittsfeindliches Regime“ attestiertPerutz, Sankt Petri-Schnee, S. 51. und sich als humanistischer Freigeist geriert. Auch mit dem Freiherrn kommt Amberg ins Gespräch: Der Freiherr gesteht Amberg, dass Ambergs Vater durch „einen Gedanken, den er lässig hinwarf“Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 56. das weitere Leben des Freiherrn entscheidend beeinflusst habe. Völlig aus der Fassung gerät Amberg, als er von dem Freiherrn erfährt, dass der Freiherr Eigentümer des in Osnabrück erblickten Cadillac ist; immerhin aber überrascht es Amberg danach nicht, dass er eine Woche späterPerutz, Sankt Petri-Schnee, S. 70. die geliebte Bibiche in Morwede trifft, die für den Freiherrn arbeitet, nun die Vorzeichen ihrer Berliner Beziehung zu Amberg umkehrt und Amberg gegenüber meint: „Sie waren ein wenig hochmütig, geben Sie das doch zu, auch launenhaft, nicht wahr, vielleicht zu sehr verwöhnt von schönen Frauen. Die kleine griechische Studentin galt Ihnen nichts.“Perutz, Sankt Petri-Schnee, S. 73.