mini|Lage und Umfang der Kolonien Hirschenhof und Helfreichshof
mini|Lage von Hirschenhof südlich der rot eingezeichneten Kirche von Linden auf der Wegekarte des Wendenschen Kreises mit den Kirchspiel- und Gutsgrenzen. Riga: Liv-Estländischen Landeskultur Bureau (Jurjew: Photolithographie E. Bertelson), 1904 Hirschenhof war eine von 1766 bis 1939 bestehende russlanddeutsche Siedlung an der Stelle des heutigen Dorfes Irši in Lettland, etwa 100 Kilometer östlich von Riga. Mit bis zu 3000 Einwohnern handelte es sich um die größte geschlossene deutschsprachige Siedlung in Lettland. Die fast ausschließlich deutschstämmigen Bewohner lebten weitgehend isoliert von den Deutsch-Balten. So entwickelte sich, beeinflusst von der lettischen Sprache, eine eigene deutsche Mundart.
Die Gründung der Kolonie geht auf die russische Zarin Katharina II. zurück, die 1766 deutsche Auswanderer auf dem Gebiet der ehemaligen Gutshöfe Hirschenhof und dem etwas nördlich davon liegenden Helfreichshof ansiedelte, die das bis dahin bewaldete und kaum bewohnte Land kultivieren sollten. Die in deutschsprachigen Gebieten mit der Zusicherung von Privilegien wie Steuererleichterungen und Freiheit vom Militärdienst angeworbenen Siedler, die als Kolonisten bezeichnet wurden, erhielten als Erbpächter Parzellen zur Urbarmachung zugeteilt. Hirschenhof und Helfreichshof umfassten zusammen ursprünglich rund 4500 Hektar Land und nach Erweiterung des Gebiets und der Anlage weiterer Erbpachtstellen 6000 Hektar. Drei größere Waldstücke sollten erhalten bleiben, von denen eines den Kolonisten gemeinsam gehörte. Die Kolonisten wohnten meist auf verstreuten Einzelhöfen. Als die Bevölkerung wuchs und nicht mehr genug Land für neue Höfe erworben werden konnte, um jüngere, vom Anerbenrecht ausgeschlossene Söhne zu versorgen, suchten Nachkommen der ersten Hirschenhöfer Siedler nach einem Auskommen außerhalb der Kolonie. Das Passsystem erschwerte jedoch eine dauerhafte Niederlassung in den Städten und den Erwerb der Bürgerrechte. Nach hundert Jahren fielen Beschränkungen und weitgehend auch die Privilegien 1867 weg, und Hirschenhof wurde eine Koloniegemeinde. Hirschenhöfer konnten sich nun leichter in baltischen und russischen Städten integrieren, behielten jedoch oft die Bindung an Hirschenhof.
1939 wurden fast alle Bewohner der Siedlung sowie die vielen weiteren Nachfahren der ursprünglichen Siedler in den Warthegau umgesiedelt. Die Höfe wurden an lettische Bauern verkauft. In der seit 1940 Irši genannten Ortschaft im Iršu pagasts (Gemeinde Irši), einem Verwaltungsbezirk im Bezirk Aizkraukle, leben keine Deutschsprachigen mehr. Im Zuge der landwirtschaftlichen Zentralisierung während der sowjetischen Besetzung Lettlands wurden die verstreut liegenden Einzelgehöfte aufgegeben. Bis auf wenige Gebäude im Dorfkern und den „Nomaļi“ genannten Hof Nr. 18 sind die Gebäude der Kolonie verschwunden.
Vorgeschichte Das Landgut Hirschenhof verdankt seinen Namen dem schwedischen Kapitän Abraham Larsson Hirsch (1604–1666), dem Königin Christina das Land 1637 schenkte.Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Teil 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau, Köln 1990, S. 219. Hirsch wurde 1645 unter dem Namen Cronhiort (in späterer schwedischer Schreibung Cronhjort, heute Kronhjort; deutsch auch Cronhirsch) in den schwedischen Adel aufgenommen. Sein Sohn, der spätere schwedische General Abraham Kronhjort, wurde im nahegelegenen Kokenhusen geboren. Hirsch-Kronhjort verkaufte das Gut 1650 an den Kriegskommissar Kronshern. Unter Karl XI. wurden Ende des 17. Jahrhunderts im Zuge der sogenannten Reduktionen in Schwedisch-Livland Güter der livländischen Ritterschaft von der Regierung eingezogen. Hirschenhof wurde damit wieder ein Krongut. Mit dem Frieden von Nystad 1721 wurde Livland nach dem Nordischen Krieg Teil des Russischen Reichs. Hirschenhof lag bis zur ersten Teilung Polens 1772 im Grenzgebiet zu Polen-Litauen. Von dem ehemaligen Gut ist nur eine Scheune erhalten.
Geschichte Gründung der Kolonie im 18. Jahrhundert Einordnung Als Kolonistensiedlung war Hirschenhof ein typisches Beispiel für die Politik der Peuplierung, der planmäßigen Ansiedlung neuer Bevölkerungsgruppen, die im Zeitalter des Aufgeklärten Absolutismus im 18. Jahrhundert viele Herrscher im Sinne der Kameralistik verfolgten. Durch die Peuplierung sollte der Landesausbau gefördert, bisher unbewohnte und nicht bewirtschaftete oder durch die Kriege des 17. Jahrhunderts entvölkerte Gebiete sollten erschlossen werden. Die Herrscher und ihre Verwaltungen hofften damit neue Staatseinnahmen zu generieren. In Preußen beispielsweise wurden bereits im 17. Jahrhundert durch das Edikt von Potsdam von 1685 aus Frankreich vertriebene Protestanten, die Hugenotten, angesiedelt. Die Friderizianische Kolonisation setzte dieses Programm im 18. Jahrhundert unter Friedrich II. fort.
Auch der dänische König Friedrich V. beabsichtigte, durch Kolonisierung von Heide- und Moorgebieten im Herzogtum Schleswig die Wirtschaft im Lande zu fördern. Dafür ließ er den Legationsrat Johann Friedrich Moritz 1759 einen Aufruf in verschiedenen Zeitungen starten, der Auswanderungswilligen Land und Steuerpriviligien versprach.Zu Moritz und dem dänischen Moorkolonisierungsprojekt siehe Denen, die sich bei ihm in Frankfurt am Main meldeten, gab Moritz dänische Pässe aus und schickte sie nach Jütland, wo sie im Laufe der Jahre 1760 und 1761 von dänischen Beamten in Altona in Empfang genommen und auf die vorgesehenen Gebiete verteilt wurden. Die Kultivierung des in den jütischen Heiden zugeteilten Landes erwies sich bald als deutlich schwieriger als erwartet, vor allem weil die meisten Zugewanderten gar keine Landwirte waren oder zumindest keinerlei Erfahrung mit der Moorkultivierung mitbrachten. Darüber hinaus waren die zugeteilten Parzellen von 9 bis höchstens 15 Hektar zu klein, um auf den nährstoffarmen Böden ausreichend Erträge zu erzielen. Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung, die die Moor- und Heideflächen bis dahin zur Torf- und Heideplackengewinnung genutzt hatte, kamen hinzu. Die dänische Regierung ließ deshalb schon nach wenigen Jahren das Programm auslaufen, wodurch die Kolonisten sich weitgehend selbst überlassen blieben. Vor diesem Hintergrund richtete sich die Siedlerwerbung von Kaiserin Katharina II. besonders an jütische Siedler. Diese brachten bereits Kultivierungserfahrung mit, auch wenn unter ihnen ebenso wie unter den übrigen Neusiedlern nur wenige „eigentliche Ackersleute“ waren.
Werbung um Siedler Kaiserin Katharina II. holte ab 1763 deutsche Bauern in ihr Herrschaftsgebiet, die bis dahin wenig bevölkerte Gegenden besiedeln und fortschrittliche Methoden in der Landwirtschaft einführen sollten. Den künftigen Kolonisten wurden jeweils ein Haus und mindestens 30 Dessjatinen – etwas mehr als 30 Hektar – Ackerland als unveräußerliches „Erbe“ versprochen. Das war deutlich mehr Land, als die meisten einheimischen Bauern bewirtschafteten. Für die ersten Anschaffungen an Ackergerät, Vieh und Saatgut vergab die Krone zinslose Darlehen. Dazu wurden den Kolonisten verschiedene Sonderrechte gewährt wie Steuerbefreiungen für die ersten Jahre – je nach Zustand des vorgefundenen Landes bis zu zehn Jahre – und auch danach Steuererleichterungen, Religionsfreiheit und das Recht zur Selbstverwaltung; auch vom Militärdienst und von der Pflicht zur Einquartierung von Soldaten waren sie für hundert Jahre befreit.Ein erster Aufruf zur Einwanderung war 1762 ohne Resonanz geblieben, da er mit keinerlei Garantien und Privilegien verbunden gewesen war. Dazu siehe das Einladungsmanifest vom 22. Juli 1763 () Die Kolonisten mussten ihrer neuen Landesherrin, Katharina II., den Untertaneneid schwören und die russische Staatsangehörigkeit annehmen. Mit der Unterschrift unter den Vertrag verpflichteten sie sich, das zugeteilte Land innerhalb weniger Jahre in ertragreiches Ackerland zu verwandeln und die Darlehen zurückzuzahlen.
Aufgrund der versprochenen besseren Bedingungen wie mehr als doppelt soviel Land und längere Steuerfreiheit nahmen auch viele desillusionierte jütische Siedler, darunter vierzig der späteren Hirschhöfer Familien, das russische Angebot an. Viele von ihnen stammten ursprünglich aus der Kurpfalz.
Die meisten Auswanderer sammelten sich in Lübeck, um von dort aus per Schiff nach St. Petersburg zu gelangen. Allein im Frühjahr 1766 warteten in der Hansestadt mehr als zehntausend Menschen auf ihre Überfahrt. Von St. Petersburg aus reisten die späteren Kolonisten in ihre neuen Siedlungsgebiete bei Saratow an der Wolga oder in das 1764 geschaffene Gouvernement Neurussland. Für die Verträge mit den Kolonisten und deren Betreuung war die 1762 gegründete „Tutelkanzlei für Ausländer“ zuständig, die von Grigorij Orlov geleitet wurde.
Anreise und Vertragsschluss Vierzig Familien ehemaliger jütischer Siedler gelangten am 18. Mai 1766 gemeinsam auf einem Schiff von Lübeck nach Kronstadt, zunächst ohne zu wissen, dass sie in Lettland und nicht an der Wolga angesiedelt werden sollten. Nur wenige Tage zuvor hatte Katharina II. in einem Befehl vom 10. Mai 1766 verfügt, dass auch auf den weitgehend wüstliegenden Krongütern Hirschenhof und dem etwas nördlich davon gelegenen Helfreichshof – heute im Bezirk Madona – aus Deutschland angeworbene Neusiedler Waldgebiete in Ackerland verwandeln und eine bäuerliche Musterkolonie anlegen sollten. Die bisherigen Bewohner, acht Familien einheimischer Leibeigener, die nur einen Teil des bewaldeten Gebiets mit einfachsten Mitteln bewirtschafteten, wurden auf andere Krongüter umgesiedelt.
Nach wochenlanger Wartezeit in den Kasernen der kaiserlichen Residenz in Oranienbaum bei St. Petersburg unterzeichneten die ersten 69 Familienvorstände der künftigen Hirschenhöfer Siedler am 17. August 1766 die Verträge. Anschließend wurden sie von dem Kolonie-Aufseher, dem Landmesser Hinrich Erich Abramson, der das bisherige Gutshaus als Wohnung erhielt, in ihre neue Heimat gebracht. Die Neusiedler wurden zunächst nach Dünamünde befördert und bei lettischen Bauern in Bolderaa bei Riga einquartiert, wo sie erneut warten mussten. Im Herbst 1766 trafen in Hirschenhof 85 Familien mit insgesamt 262 Personen ein, neben den Pfälzern, die bereits in Jütland gewesen waren, Familien aus Pommern und Hessen-Darmstadt. Nachdem bekannt war, dass es auch eine Kolonie in Livland gab, reisten weitere künftige Siedler direkt nach Riga und unterschrieben dort am 11. November 1766 ihre Kontrakte, deren Bestimmungen den Verträgen entsprachen, die ihre neuen Nachbarn im August unterzeichnet hatten: Zum Ende des Jahres 1766 lebten 416 deutsche Siedler in der Kolonie. Die bereits ansässigen lettischen Familien sind hierbei nicht mitgezählt.
Im Jahre 1766 wurde in Lettland neben Hirschenhof auch die Kolonie Hilfreichshof gegründet.
Entwicklung der Kolonie mini|Restaurierter Kolonisten-Hof „No-18 Nomali“ (2024)