Die Geschichte von Port of Spain, der heutigen Hauptstadt des karibischen Inselstaats Trinidad und Tobago, ist seit Mitte des 16. Jahrhunderts dokumentiert. Aus europäischer Perspektive beginnt sie mithin in der Neuzeit.
Spanische Kolonialherrschaft (1498–1797)
Bis Mitte des 16. Jahrhunderts befand sich auf dem Gebiet des heutigen Port of Spain ein Taíno-Dorf namens Cumucurapo (Arawak für „Platz der Kapokbäume“). Seit 1530 lieferte sich der spanische Gouverneur für Trinidad, Antonio Sedeño, beim Versuch, auf der Insel eine dauerhafte Siedlung zu installieren, mehrere erfolglose Scharmützel mit den Indianern. 1533 errichtete Sedeño in der Nähe von Cumucurapo einen durch Palisaden befestigten Siedlungsplatz, musste diesen aber nach weiteren Kämpfen ein Jahr später wieder aufgeben. 1560 wurde von den Spaniern dort, wo sich heute die östlichen Vororte von Port of Spain befinden, ein Fort errichtet, das gehalten werden konnte. Dieses Jahr gilt mithin als Gründungsjahr von Port of Spain, damals noch Puerto de los Hispanioles. Als Hauptstadt der Kolonie Trinidad wurde das gut zehn Kilometer östlich gelegene San José de Oruña (dem heutigen St. Joseph) gegründet, da dort weniger Scharmützel mit Einheimischen zu erwarten waren.
Die folgenden 200 Jahre existierte Puerto de los Hispanioles als eher armselige Ansammlung von Hütten; 1690 berichtete der damalige Gouverneur Sebastien de Roteta nach Madrid, dass der Ort über sechs Häuser und eine Kirche verfüge. 1716 wurde die Stadt vom britischen Piraten Blackbeard, der seinerseits unter dem Befehl von Benjamin Hornigold stand, geplündert. Mitte des 18. Jahrhunderts bürgerte sich der Name „Puerto España“ ein. 1757 war Gouverneur Pedro de la Moneda mit den Lebensbedingungen in San José de Oruña so unzufrieden, dass er den Gouverneurssitz permanent nach Puerto España verlegte, das seeseitig durch das Fort San Andres geschützt war. Zu dieser Zeit bestand die Stadt aus nur zwei Straßen, die noch heute als Duncan Street und Nelson Street existieren und die damals noch bis zum Wasser führten, da spätere Landgewinnungsmaßnahmen noch nicht erfolgt waren. 1779 ordnete Zivilgouverneur Martín de Salaverría an, dass die monatlichen Tagungen der Cabildo in Puerto España stattzufinden hätten, was die Bedeutung des Ortes über die Funktion als Hafenplatz hinaus deutlich steigerte. 1781 wurde auf dem Gebiet des heutigen östlichen Independence Square die erste katholische Kirche der Stadt errichtet.
Mit Ankunft von Gouverneur José María Chacón 1784 wurde Puerto España auf dessen Betreiben hin offiziell Hauptstadt von Trinidad. Chacón setzte die Cedula de populacion um, ein Edikt des spanischen Ministers José de Gálvez y Gallardo, das die verstärkte Ansiedlung französischer Bürger auf Trinidad gestattete und dadurch einen signifikanten Bevölkerungszuwachs und eine rasch ansteigende Wirtschaftsleistung der Insel ermöglichte. In der Folgezeit blühte auch Puerto España auf; 1786 betrug die Einwohnerzahl bereits 3000, ein Drittel davon waren Franzosen. Zu dieser Zeit waren die wichtigsten der bereits elf Straßen mit Kalkstein aus den nahen Laventille Hills gepflastert, und Gossen führten das Abwasser ab. 1787 ließ Chacón den Rio Tragarete (den heutigen Dry River), der bis dahin mitten durch den Ort floss und regelmäßig für Überschwemmungen sorgte, um etwa 2,5 Kilometer nach Osten umleiten, so dass der Fluss am Fuße der Laventille Hills entlang nach Süden floss und damit die östliche Grenze des Stadtgebiets markierte. Zu einem unbekannten Zeitpunkt zwischen 1783 und 1797 stiftete der französischstämmige Plantagenbesitzer Picot de Lapeyrouse, der durch die Cedula de populacion nach Port of Spain und dort zu einigem Reichtum gekommen war, vier Hektar Land westlich des damaligen Stadtgebiets zur Nutzung als Friedhof.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 49 Der damalige Campo santo wurde von den Engländern weiter genutzt und ist noch heute als Lapeyrouse Cemetery der Hauptfriedhof der Stadt.
Britische Kolonialherrschaft (1797–1962)
1797 wurde Trinidad von den Briten unter Ralph Abercromby kampflos erobert, da der letzte spanische Gouverneur Chacón über keine Möglichkeiten zur Verteidigung der Kolonie verfügte und sie übergab. Zu diesem Zeitpunkt bestand Puerto España aus nur zehn Straßen, hatte aber über 10.000 Einwohner, die mehrheitlich französischsprachig waren. In der Folge wurden Straßen und Landmarken mit englischen Bezeichnungen versehen. Ab 1803 begannen die neuen Kolonialherren umfangreiche Maßnahmen zur Landgewinnung entlang des Golfufers. In einem ersten Schritt wurden gut 150 Meter Land gewonnen; den Abschluss zum Golf von Paria verlief entlang der heutigen Straße South Quay.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 9 Eine zweite Baumaßnahme zur Landgewinnung führte in den 1850er-Jahren dazu, dass die Straße South Quay heute ca. 100 Meter vom Ufer entfernt liegt; auf dem neu gewonnenen Land wurde das Gebäude des späteren Bahnhofs von Port of Spain erbaut, das heutige City Gate. 1803 wurde Fort Picton errichtet, ein nach Gouverneur Thomas Picton benanntes Fort im Stil eines Martello-Turms. Da das Fort nie für einen Verteidigungsfall eingesetzt wurde, wurde es im Volksmund auch „Picton’s Folly“ genannt, etwa „Pictons nutzloser Prunkbau“.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 20
1804 erbaute die französischstämmige Loge Les Frères Unis das erste Freimaurer-Gebäude auf der Insel. 1808 wurden bei einem verheerenden Großbrand ungeklärter Ursache fast die gesamte Stadt zerstört und ihre Einwohner obdachlos; zu Tode kamen glücklicherweise nur zwei Menschen. Im Rahmen des zunächst improvisierten Aufbaus wurde 1812 etwas außerhalb der damaligen Kernstadt ein Gefängnis erbaut, das noch heute steht und in dieser Funktion genutzt wird und mittlerweile im Stadtteil Uptown liegt. Ein planmäßiger Wiederaufbau der Stadt erfolgte erst ab 1813 mit der Ankunft des tatkräftigen Gouverneurs Ralph Woodford. Im Rahmen des Wiederaufbaus kam es zu Landaufschüttungen im Golf von Paria, in Folge derer neue Hafenanlagen gebaut wurden und nach deren Abschluss das Fort San Andres landeinwärts positioniert war. Woodford veranlasste auch den Bau der beiden großen Kirchen Port of Spains, der anglikanischen Holy Trinity Cathedral und der katholischen Cathedral of the Immaculate Conception. Während Woodfords Amtszeit wurde ein als Place des Armes bekannter, vom Militär für Paraden genutzter Platz mitten in der Stadt in einen kleinen Park umgewandelt, der nach einem 1797 mit den Briten nach Trinidad gekommenen Braunschweiger Regiment Brunswick Square benannt wurde und der seit 1917 Woodford Square heißt. 1820 ließ Woodford die Royal Botanic Gardens anlegen, die noch heute bestehen. 1836 wurde Trinidads erste weiterführende Schule eröffnet, das St. Joseph’s Convent, eine katholische Schule, in der noch bis 1870 auf Französisch unterrichtet wurde und die noch heute zu den führenden Schulen des Landes zählt. 1842 wurde südlich des heutigen Independence Square ein Leuchtturm erbaut, damals mit 18 Metern das höchste Gebäude Port of Spains.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 8 Der Leuchtturm wurde schon kurz nach Inbetriebnahme als für seine Aufgaben ungeeignet kritisiert. Der Turm existiert noch, steht aber seit Kanalbauarbeiten in den 1960er-Jahren schief. 1836 traf der erste presbyterianische Missionar, der Schotte Alexander Kennedy, auf der Insel ein. 1838 weihte er nach neun Monaten Bauzeit die Greyfriars Church an der Frederick Street ein, die noch heute als presbyterianische Kirche genutzt wird. 1844 wurde der Grundstein für zwei miteinander verbundene Regierungsgebäude am westlichen Ende des Brunswick Square gelegt. Der Gebäudekomplex ist, seit er zum 60-jährigen Thronjubiläum von Königin Victoria rot angestrichen wurde, als Red House bekannt und dient heute als Sitz des Parlaments von Trinidad und Tobago.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 25
Mitte des 19. Jahrhunderts expandierte die Stadt in Richtung Westen. Der heutige Stadtteil Newtown entstand und mit ihm eine neue Infrastruktur wie beispielsweise die katholische St Patrick’s Church als Ergänzung zur Cathedral of the Immaculate Conception.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. 50 1851 wurde in Port of Spain unter Gouverneur George Harris die erste Bibliothek der Kolonie errichtet. 1854 kamen im Rahmen einer Cholera-Epidemie über 2000 Menschen ums Leben, was gut 10 % der damaligen Bevölkerung der Stadt entsprach. Anlässlich der Epidemie wurde eine Verbesserung des Gesundheitswesen zu einem zentralen Thema, was 1858 in den Bau des noch heute existierenden „Port of Spain General Hospital“ mündete. 1863 wurde das St Mary’s College eingerichtet, eine der heute noch führenden Schulen des Landes. 1870 erging ein Erlass der Kolonialregierung, dass in den Schulen der Insel Englisch Unterrichtssprache sein solle – in den führenden Schulen, die allesamt in Port of Spain lagen, war dies bis dahin Französisch. 1870 wurde der Grundstein für die Old Police Headquarters gelegt, ein geschichtsträchtiges Gebäude: 1876 vervollständigt, beherbergte es das Polizeihauptquartier und die Freiwillige Feuerwehr der Stadt. 1881 brannte es teilweise nieder, 1990 komplett: Im Rahmen des Putschversuchs von 1990 wurde es von Anhängern der Jamaat al Muslimeen bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Das nach alten Plänen neu errichtete Gebäude beherbergt heute das Museum der trinidadischen Polizei. Zwischen 1873 und 1876 wurde am östlichen Rand des botanischen Gartens das Government House errichtet, das heutige President’s House. Das im kolonialen Stil errichtete, vierstöckige Gebäude beherbergte zunächst die Gouverneure der Kolonie und seit der Unabhängigkeit 1962 die Präsidenten des Landes. 1876 flüchtete die deutschstämmige Familie Siegert, Inhaber des von Johann Siegert gegründeten Unternehmens House of Angostura, aus dem von politischen Wirren heimgesuchten Venezuela nach Trinidad und ließen sich mit Firmensitz wie auch privat in Port of Spain nieder, wo bis heute der bekannte Angosturabitter produziert wird.
Die Jahre von etwa 1880 bis zum Ersten Weltkrieg waren eine Zeit massiver Umwälzungen. Die Kolonialmacht Großbritannien stand in wirtschaftlicher Blüte, und Trinidad stand dank seiner starken Kakaoexporte finanziell gut da.Stuempfle, S. 34 Produkte des weltweiten Handels erreichten die Insel und damit Port of Spain ebenso wie neue technische Erfindungen. 1876 fand nach jahrzehntelangen Finanzierungsproblemen die Eröffnung des trinidadischen Eisenbahnnetzes statt, der Trinidad Government Railway, deren Ausgangspunkt für die beiden Trassen in den Osten und Süden der Insel Port of Spain war. 1895 wurde Port of Spain durch den britischstämmigen Geschäftsmann Edgar Tripp elektrifiziert.Anthony, Historic Landmarks of Port of Spain, S. XV Das erste mit Strom versorgte Gebäude war das Governor’s House, das zweite das zwei Monate zuvor errichtete Queen’s Park Hotel an der Queen’s Park Savannah. Im selben Jahr wurde die Stadt erneut durch ein Feuer verwüstet; nahezu alle öffentlichen Gebäude, die im heutigen Stadtteil Downtown zu finden waren, mussten erneut errichtet werden. 1899 wurde eine staatliche Rinderfarm, die westlich an die Savannah angrenzte, nach Valsayn verlegt. Das Gelände der ehemaligen Farm wurde für die Besiedlung freigegeben; dort entstand der neue Stadtteil St Clair, benannt nach der Zuckerplantage, die sich vor der staatlichen Rinderfarm auf diesem Gebiet befand.
Der wirtschaftliche Aufschwung und die Einfuhr neuer Technologien sorgten einerseits für einen erhöhten Lebensstil der Ober- und Mittelschicht der Stadt, anderseits setzte aber auch eine starke Landflucht ein, derer die Stadtverwaltung nur sehr mühsam Herr wurde.Stuempfle, S. 104 Da Port of Spain im Norden durch die Northern Range, im Süden durch den Caroni Swamp und im Westen durch den Golf von Paria begrenzt war, wuchs die Stadt nach Osten, wo chaotisch gebaute Arbeitersiedlungen entstanden.