Als Paper Mill wird ein Unternehmen bezeichnet, das gegen Geld gefälschte wissenschaftliche Artikel erstellt und diese in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, oftmals in Open-Access-Zeitschriften, publiziert. Ein Autor kann sich auf diese Weise eine Autorschaft in einer Fachzeitschrift kaufen. Im Gegensatz zu den als „räuberisch“ beschriebenen Zeitschriften und Verlagen, die ohne fundierte Prüfung wissenschaftliche, minderwertige oder gar gefälschte Artikel gegen Gebühr veröffentlichen (Predatory Publishing), bieten Paper Mills das Fälschen von Daten und Text sowie das Eingreifen in den Begutachtungsprozess als Dienstleistung an.Ulrich Herb: Verfahren der Wissenschaftlichen Qualitäts-/Relevanzsicherung/Evaluierung. in: Grundlagen der Informationswissenschaft, herausgegeben von Rainer Kuhlen, Dirk Lewandowski, Wolfgang Semar und Christa Womser-Hacker. DeGruyter 2023, doi:10.1515/9783110769043Ulrich Herb: Das wissenschaftliche Publikations- und Reputationssystem ist gehackt, Telepolis vom 15. April 2020 [Archivseite bei Archive.org]. Manchmal treten die Unternehmen als Dienstleister auf, die lediglich Unterstützung für Autoren anbieten, wie Hilfe beim Verfassen eines Forschungsartikels anhand eigener vorhandener Daten, Übersetzungen oder Lektorate. Erst bei näherer Betrachtung wird offensichtlich, dass gleich ganze Autorschaften erworben werden können.
Kunden der Paper Mills sind Ärzte und Akademiker, die auf diese Weise dem Publikationsdruck entgehen wollen. Die Zahl der Einreichung von gefälschten Forschungsarbeiten, die häufig auch mit gefälschter Autorschaft verbunden sind, nimmt zu und droht die Redaktionsprozesse einer beträchtlichen Anzahl von Zeitschriften zu überfordern. Von dem Problem sind sämtliche wissenschaftlichen Verlage mehr oder weniger betroffen.Frauke Zbikowski: Paper Mills produzieren Fälschungen am laufenden Band, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Januar 2024, abgerufen am 7. Dezember 2024. Erschwerend kommt hinzu, dass von Paper Mills fabrizierte Paper nicht leicht zu identifizieren sind. Es gibt verschiedene methodische Ansätze, die größtenteils viel Zeit in Anspruch nehmen.Jonathan Wittau, Roland Seifert: How to fight fake papers: a review on important information sources and steps towards solution of the problem. Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 397, 9281–9294 (2024). doi:10.1007/s00210-024-03272-8 Wie erwartetLayal Liverpool: AI intensifies fight against ‘paper mills’ that churn out fake research. Nature 618, 222–223 (2023). doi:10.1038/d41586-023-01780-w hat sich das Detektionsproblem durch die Verfügbarkeit von Generativen KIs nochmals deutlich verschärft, genauso wie die Mengen eingereichter und veröffentlichter Fake-Paper nochmal stark zugenommen haben.Miryam Naddaf: Journals infiltrated with ‘copycat’ papers that can be written by AI. Nature vom 23. September 2025, https://doi.org/10.1038/d41586-025-03046-z In einer Studie von 2025 schätzen die Autoren, dass nur 25 % der Paper-Mill-verdächtigen Paper jemals erkannt und zurückgezogen werden.
Täuschung und Fälschung gibt es in der Wissenschaft seit jeher, das Fehlverhalten fand jedoch zumeist auf der Ebene eines oder weniger individueller Wissenschaftler statt. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den Paper Mills um groß angelegten kommerziellen Betrug, der nicht nur falsche Angaben zur Urheberschaft der Autoren betrifft, sondern durch plagiierte, verfälschte oder erfundene Forschungsergebnisse die gesamte wissenschaftliche Literatur kontaminiert.Anna Abalkina: Paper mills: challenges, current understanding and unanswered questions. Webinar-Vortrag vom 18. April 2024 für das METRICS International Forum des Meta-Research Innovation Center at Stanford. Youtube-Video, abgerufen am 1. Februar 2025.
Vorgehensweise Die Vorgehensweisen der Paper-Mill-Betreiber sind vielfältig und noch nicht vollumfassend untersucht. Die Unternehmen treten auf wie Makler- oder Consulting-Firmen, die verschiedene Dienstleistungen für Wissenschaftler anbieten, die ihre Paper publizieren möchten. Sie sind in ihren Ländern als normale, steuerzahlende Unternehmen registriert, haben oft Tochterunternehmen im Ausland und kooperieren teilweise untereinander. Die Kommunikation und Werbung erfolgt oft über Soziale Medienkanäle wie Facebook, WhatsApp oder Telegram. Sie bieten reguläre Dienstleistungen wie Beratung, Übersetzung und Lektorat an, gehen jedoch auch darüber hinaus in dem sie die Autorschaft für im Vorfeld fabrizierte Paper verkaufen, Co-Autorenschaften auf über ihre Firma eingereichte Paper verkaufen, Forschungsthemen verkaufen, für die dann ein Ghostwriter ein passendes Paper fabriziert, vorhandene Manuskripte ihrer Kunden redigieren und „verbessern“ in einem Maß, das gute wissenschaftliche Praxis überschreitet durch das Vorschlagen von Gutachtern und das anschließende Fälschen der Gutachten den regulären Peer-Review-Prozess untergraben.Anna Abalkina: Paper mills: challenges, current understanding and unanswered questions. Webinar-Vortrag vom 18. April 2024 für das METRICS International Forum des Meta-Research Innovation Center at Stanford. Youtube-Video, abgerufen am 1. Februar 2025.
Ein Beispiel für eine Vorgehensweise ist folgende: Betrüger einer Paper Mill reichen ein im Vorfeld hergestelltes Manuskript bei einer Zeitschrift ein. Manche Paper Mills reichen die Manuskripte bei mehreren Zeitschriften gleichzeitig ein, um zu versuchen, bei einer akzeptiert zu werden. Zum Teil werden dabei gleich „Reviewer“ mit vorgeschlagen, die im Anschluss ein positives Review liefern. Startet eine Zeitschrift den Reviewprozess, wird das Paper auf der Webseite der Paper Mill angeboten und eine oder bis zu sechs Autorenschaften darauf verkauft. Die Preise variieren, je nach Impact Factor der Zeitschrift und Position in der Liste der Autoren (Erst- und Letztautorenschaft sind im vor allem betroffenen MINT-Bereich die „begehrten“ Plätze). Die Korrespondenz erfolgt nur über die Paper Mill, nicht mit den Autoren direkt. Wenn die Reviewer oder Editoren Rückfragen haben, werden von der Paper Mill typischerweise große Datenmengen nachgeliefert, um die Forschung zu „belegen“.
Eine beliebte Vorgehensweise ist über „Special Issues“, wenn eine Zeitschrift zu Einreichungen zu einem bestimmten Thema aufruft. Oftmals werden dann von einer Paper Mill gleich mehrere Artikel, passend zum Thema, eingereicht.
Die Manuskripte bestanden vor der flächendeckenden Verfügbarkeit von Large Language Models beispielsweise aus recycelten Text- und Bildvorlagen und gefälschten Daten und „Archivbildern“, was dazu führte, dass manchmal Manuskripte mehrere gemeinsame Merkmale aufwiesen. Diese groß angelegte, systematische Fälschung von Manuskripten war manchmal nur schwer zu erkennen, da sie erst beim Vergleich von Papern aus verschiedenen Ausgaben und sogar aus verschiedenen Zeitschriften deutlich wurde.Stefanie Heck, Franca Bianchini, Nicole Y. Souren, Corinna Wilhelm, Yvonne Ohl, Christoph Plass: Fake data, paper mills, and their authors: The International Journal of Cancer reacts to this threat to scientific integrity. International Journal of cancer, Volume 149, Issue 3, 2021, doi:10.1002/ijc.33604
Wird ein veröffentlichter Artikel in Frage gestellt, machen die „Autoren“ manchmal einen Rückzieher und verlangen, dass die Arbeit aufgrund von verschiedenen Problemen zurückgezogen wird, oder sie versuchen, zusätzliche Informationen vorzulegen, wie beispielsweise ein Unterstützungsschreiben von ihrer Institution, das dann ebenfalls eine Fälschung ist.
Eine Auswertung von Werbeanzeigen von Paper Mills aus Indien, Irak, Usbekistan, Lettland, der Ukraine, Russland und Kasachstan aus den Jahren 2020 bis 2026 ergab, dass für eine Erstautorschaft auf einem Paper Preise zwischen 56 und 5.600 $ aufgerufen wurden.Lori Youmshajekian: Buying a first author slot can cost you anywhere from $56 to $5,600. Retraction Watch, 23. April 2026, abgerufen am 25. April 2026.
Kunden von Paper Mills Nach der Studie des Committee on Publication Ethics und STM vom Juni 2022 und einem Bericht in Nature vom März 2021 sind viele Kunden von Paper Mills chinesische Studenten und Ärzte, die an chinesischen Krankenhäusern arbeiten. Die Universitäten verlangen für einen Universitätsabschluss, die Krankenhäuser für eine Beförderung die Publikation von Forschungsergebnissen in einer oder sogar mehreren wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Dabei hätten die Ärzte keine Zeit, neben der Behandlung von Patienten noch eigene Forschung durchzuführen, auszuwerten und zu publizieren. Studenten würden nicht ausreichend angeleitet und wüssten nicht, wie man Forschungsergebnisse, wenn sie denn überhaupt eigene vorweisen können, publiziert. Dies führe dazu, dass es für das Fälschen von Daten nur ein gering ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein gebe und der Kauf einer Autorschaft als notwendige Investition in das eigene berufliche Fortkommen angesehen werde. Auch wurden in China seit den 1990er Jahren Anreize geschaffen, in möglichst hochrangigen Zeitschriften zu publizieren, indem dafür teilweise hohe Prämien gezahlt werden. Für eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Nature oder Science beispielsweise zahlen manche Universitäten das Vielfache eines Jahresgehalts. Ein weiterer Anreiz für den Kauf einer Autorenschaft bestünde für Forscher, die sich um Forschungsanträge zur Finanzierung ihrer Projekte bemühen. Eine längere Publikationsliste erhöhe hier die Chance, den Zuschlag zu erhalten.
Geschichte Laut der Retraction watch database wurden die ersten, aus einer Paper Mill stammenden Paper 2004 und 2007 zurückgezogen.Anna Abalkina: Paper mills: challenges, current understanding and unanswered questions. Webinar-Vortrag vom 18. April 2024 für das METRICS International Forum des Meta-Research Innovation Center at Stanford. Youtube-Video, abgerufen am 1. Februar 2025. Seit 2017 wurde ein starker Anstieg von Paper-Mill-Papern beobachtet, die vor allem aus China stammten, seit 2019 breitet sich das Problem zunehmend auf andere Länder aus.Anna Abalkina: Paper mills: challenges, current understanding and unanswered questions. Webinar-Vortrag vom 18. April 2024 für das METRICS International Forum des Meta-Research Innovation Center at Stanford. Youtube-Video, abgerufen am 1. Februar 2025. Es wird von einer regelrechten Paper-Mill-Krise gesprochen, die zu immer mehr Retractions von Artikeln führt.Curtis Brundy und Joel B. Thornton: The paper mill crisis is a five-alarm fire for science: what can librarians do about it? in: Insights: the UKSG journal, 2024, Volume 37 (11), https://doi.org/10.1629/uksg.659
Am 5. November 2025 wurde die „Stockholm Declaration“ veröffentlicht, in der zum Kampf gegen Paper mills aufgerufen und eine Reform des wissenschaftlichen Publizierens gefordert wird. Mithilfe von gemeinnützigen Publikationsmodellen wie Diamond Open Access soll die Kontrolle über das wissenschaftliche Publizieren wieder den Wissenschaftlern übertragen werden, Anreizsysteme sollen Qualität statt Quantität belohnen. Bernhard Sabel und Dan Larhammar: Reformation of science publishing: the Stockholm Declaration. Royal Society Open Science, 2025. 12:251805 https://doi.org/10.1098/rsos.251805
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