Die Tour de France Femmes 2023 war die zweite Austragung dieses Etappenrennens für Frauen. Sie fand vom 23. bis 30. Juli statt und war Teil der UCI Women’s WorldTour 2023.
Gesamtsiegerin wurde Demi Vollering (Team SD Worx) mit 3:03 Minuten vor ihrer Teamkollegin Lotte Kopecky. Mit der gleichen Zeit Dritte wurde wie im Vorjahr Katarzyna Niewiadoma (Canyon//SRAM Racing). Vorjahressiegerin Annemiek van Vleuten (Movistar Team) wurde in ihrer letzten Saison mit 3:59 Minuten Rückstand Vierte.
Kopecky gewann auch die Punktewertung und Niewiadoma die Bergwertung. Siegerin der Nachwuchswertung wurde Cédrine Kerbaol (Ceratizit-WNT Pro Cycling Team). Die Teamwertung gewann SD Worx.
Teilnehmende Teams
Bei der Rundfahrt nahmen 22 Teams teil. Jedes Team bestand aus sieben Fahrerinnen, eine mehr als bei der vorherigen Ausgabe. Zu den 15 World-Tour-Teams gesellten sich sieben UCI Women’s Continental Teams. Die zwei besten UCI Women’s Continental Teams 2022 (Ceratizit-WNT Pro Cycling Team und Lifeplus Wahoo) erhielten automatisch eine Einladung, während die anderen fünf Teams vom Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) ausgewählt wurden.
Als größte Favoritinnen auf den Gesamtsieg galten Annemiek van Vleuten und Demi Vollering, die beiden Erstplatzierten der Tour de France Femmes 2022 sowie der La Vuelta Femenina 2023 zweieinhalb Monate zuvor.
Streckenführung Wie im Vorjahr begann die Tour de France Femmes am Schlusstag des Männer-Rennens, diesmal jedoch mit einem räumlich getrennten Start in Clermont-Ferrand. Die ersten fünf Etappen durchquerten verschiedene Abschnitte des französischen Zentralmassivs. Einer flachen Übergangsetappe zu den Vororten von Toulouse folgte die „Königsetappe“ über den Col du Tourmalet in den Pyrenäen. Nach einer Woche endete die Rundfahrt mit einem kurzen Zeitfahren in Pau.
Reglement Das Rennen wurde nach den allgemeinen Regeln des Radsport-Weltverbands UCI ausgetragen, weitere Einzelheiten legte das Reglement des Veranstalters fest.
Wertungen Die Gesamtwertung ermittelte sich aus der Addition der gefahrenen Zeiten. Die drei Ersten jeder Etappe (außer Zeitfahren) erhalten 10, 6 bzw. 4 Bonussekunden. Auf den Etappen 2, 4 und 5 gab es unterwegs einen Bonussprint mit 6, 4 bzw. 2 Sekunden Zeitgutschrift. Die Nachwuchswertung bestand aus den Fahrerinnen der Kategorie U23, also der Jahrgänge ab 2001. Dies war restriktiver als bei den Männern, wo die Nachwuchswertung die Jahrgänge ab 1998 umfasste. Die Mannschaftswertung berechnete sich aus den Zeiten der drei besten Fahrerinnen eines Teams auf jeder Etappe.
Die Punktewertung und die Karenzzeiten richteten sich nach der Klassifizierung der Etappen: leicht: Etappen 1, 3, 5 und 6; hügelig: Etappen 2 und 4 bergig: Etappe 7 In leichten Etappen erhielt die Siegerin 50 Punkte, in hügligen 30, in der Bergetappe und im Zeitfahren 20; die nachfolgenden Fahrerinnen erhielten gestaffelt weniger Punkte. Zusätzlich gab es auf den ersten sieben Etappen je einen Zwischensprint, bei dem bis zu 25 Punkte zu vergeben waren. Die Karenzzeit betrug auf leichten Etappen 12 %, bei hügligen 15 %, auf der Bergetappe 20 % und im Zeitfahren 25 %.
Die Bergwertung benutzte dieselben Kategorien wie die Bergwertung der Tour de France, aber mit anderer Punkteskala: „hors catégorie“ (nur Col du Tourmalet): 15, 12, 10, 8, 6, 4, 2, 1 für die ersten acht Fahrerinnen; 1. Kategorie (nur Col d’Aspin): 10, 8, 6, 4, 2, 1 für die ersten sechs Fahrerinnen; 2. Kategorie (2×): 5, 3, 2, 1 für die ersten vier Fahrerinnen; 3. Kategorie (7×): 3, 2, 1 für die ersten drei Fahrerinnen; 4. Kategorie (15×): 2, 1 für die ersten beiden Fahrerinnen.
Zudem wurde auf jeder Etappe (außer Zeitfahren) die kämpferischste Fahrerin von einer Jury ausgewählt sowie am Ende der Tour diejenige, die insgesamt den größten Kampfgeist gezeigt hatte.
Trikots und Rückennummern Die Trikots der Führenden entsprachen weitgehend denen der in der Tour de France üblichen: Die Führende des Gesamtklassements trug ein Gelbes Trikot, die der Punktewertung ein grünes, die der Bergwertung ein gepunktetes. Die Führende der Nachwuchswertung trug ein weiß-violettes Trikot. Die kämpferischste Fahrerin wurde mit einer roten Rückennummer ausgezeichnet, die Mitglieder der besten Mannschaft mit gelben Rückennummern und Helmen.
Preisgelder Für die Siegerin der Gesamtwertung waren 50.000 € ausgelobt, für die der Punkte-, Berg- und Nachwuchswertung jeweils 3.000 €, die beste Mannschaft erhielt 6.000 € und die insgesamt kämpferischste Fahrerin 2.000 €. Ein Etappensieg wurde mit 4.000 € belohnt. Zusätzlich gab es Prämien für die Gewinnerinnen jeder Bergwertung und die Trägerinnen der Trikots an jedem Tag.
Das Preisgeld war damit identisch zum Vorjahr und liegt im oberen Bereich des im Frauen-Radsport Üblichen. So erhielt die Siegerin des Giro Donne 2022 ebenfalls 50.000 € und die der Vuelta Femenina 2023 35.000 €. Das Preisgeld für den Sieger der Tour de France 2023 der Männer liegt beim Zehnfachen dieses Betrages.
Wertungen im Tourverlauf Die Tabelle zeigt die Führenden in der jeweiligen Wertung bzw. die Trägerinnen der Wertungstrikots oder farbigen Rückennummern am Ende der jeweiligen Etappe an. Eine detailliertere Übersicht über die Platzierungen nach einer Etappe bieten die einzelnen Etappenartikel, die in der ersten Spalte verlinkt sind. Etappe 18x18px|Gelbes TrikotGesamtwertung 18x18px|Grünes TrikotPunktewertung 18x18px|Gepunktetes TrikotBergwertung 18x18px|Weißes TrikotNachwuchswertung 18x18px|Gelbe RückennummerTeamwertung 18x18px|Rote RückennummerKämpferischste Fahrerin 1. Lotte Kopecky (SDW) Lotte Kopecky (SDW) Lotte Kopecky (SDW) Cédrine Kerbaol (WNT) Team SD Worx Marta Lach (WNT) 2. Yara Kastelijn (FED) Anouska Koster (UXT) 3. Julie Van de Velde (FED) Julie Van de Velde (FED) 4. Anouska Koster (UXT) Yara Kastelijn (FED) 5. Yara Kastelijn (FED) Ricarda Bauernfeind (CSR) 6. Agnieszka Skalniak-Sójka (CSR) 7. Demi Vollering (SDW) Katarzyna Niewiadoma (CSR) Katarzyna Niewiadoma (CSR) 8. nicht vergeben Siegerin Demi Vollering (SDW) Lotte Kopecky (SDW) Katarzyna Niewiadoma (CSR) Cédrine Kerbaol (WNT) Team SD Worx Yara Kastelijn (FED)
Etappen 1. Etappe
Die erste Etappe begann und endete in Clermont-Ferrand. Sie spielte sich großenteils in der Limagne-Ebene ab und war daher als flach eingestuft. Der Rückweg nach Clermont verlief dennoch hüglig am Fuße der Chaîne des Puys mit der Côte de Durtol als einziger Bergwertung 9 km vor dem Ziel.
In den ersten 20 km des Rennens gab es keinen Ausreißversuch, und auch danach blieb es bei sporadischen Versuchen einzelner Fahrerinnen. Im Anlauf auf die Côte de Durtol dünnte sich das Peloton aus. Lotte Kopecky attackierte über die Bergwertung hinweg, ihr folgte eine zehnköpfige Gruppe mit den meisten Kandidatinnen auf den Gesamtsieg, die jedoch nicht zusammenarbeiteten und zurückfielen. Kopecky gewann mit rund 40 Sekunden Vorsprung, in der zweiten Gruppe fochten die Sprinterinnen Lorena Wiebes, Charlotte Kool und Marianne Vos die weiteren Plätze aus.
2. Etappe
Die zweite Etappe war als hüglig eingestuft und führte von Clermont-Ferrand nach Südwesten. Sie begann mit einem 30 km langen, allmählichen Anstieg bis zum Col de Guéry. Die Dordogne wurde erstmals bei Mont-Dore und erneut bei Bort-les-Orgues erreicht. Auf den letzten fünf Kilometern waren vom Tal der Auze nach Mauriac hinauf 200 Höhenmeter zu überwinden.
Die zwei Ausreißerinnen des Tages, Georgia Williams und Hannah Ludwig, erhielten nie viel Raum und wurden 55 km vor dem Ziel eingeholt. Auf der folgenden Côte des Plaines, der einzigen Steigung der 2. Kategorie, halbierte sich das Feld. In der Folge bildete sich eine Spitzengruppe aus Yara Kastelijn, Eva van Agt und Anouska Koster. In der Schlussphase des Rennens ergoss sich ein heftiger Schauer über das Feld. Auf den nassen Straßen rutschten mehrere Fahrerinnen aus, unter anderem erlitt Van Agt in einer Abfahrt einen schweren Sturz und schied aus. Zu Beginn der letzten Steigung wurde die Spitzengruppe eingeholt, und eine 30-köpfige Gruppe bestritt das Finale. Im Bergauf-Sprint von Mauriac konnte Liane Lippert die Vortages-Siegerin Lotte Kopecky übersprinten und gewann mit einer Radlänge.
3. Etappe
Die dritte, als flach eingestufte Etappe begann im Touristenort Collonges-la-Rouge, beschrieb einen Bogen nach Norden und endete im Tal der Vézère in Montignac-Lascaux, das für seine prähistorische Höhle bekannt ist. Unterwegs gab es fünf kleinere Bergwertungen.
Im ersten Teil der Etappe war Kathrin Hammes die einzige Ausreißerin und wurde schon 90 km vor dem Ziel wieder eingeholt. An der Côte des Andrieux, 60 km vor dem Ziel, wagte Julie Van de Velde einen neuen Versuch und erhielt bis zu zwei Minuten Vorsprung. 10 km vor dem Ziel war das Peloton nur noch 20 Sekunden hinter ihr, dann aber stagnierte die Situation, insbesondere hielt sich SD Worx zurück, die mit Europameisterin Lorena Wiebes eigentlich die große Favoritin für den Sprint in ihren Reihen hatten. Erst 2 km vor dem Ziel machte das Peloton wieder Boden gut; Van de Velde gab alles, wurde aber in den letzten 200 Metern eingeholt, den Sprint gewann Wiebes vor Marianne Vos und Lotte Kopecky.
4. Etappe
Die vierte Etappe war wiederum als hüglig eingestuft. Sie begann in Cahors und führte zunächst 80 Kilometer am Lot entlang. Nach einer langen Übergangsphase auf dem Plateau zwischen Lot und Aveyron gab es auf den letzten 40 Kilometern mehrere Steigungen aus dem Tal des Aveyron heraus und wieder zurück, die Côtes von Colombiès, Moyrazès und Lavernhe. Die Zielankunft bestand aus einer kurzen, steilen Steigung in den Außenbezirken von Rodez, sie war dieselbe wie in der Tour de France 2015 und 2017.
Zum ersten Mal auf dieser Tour gab es eine größere Ausreißergruppe mit 14 Fahrerinnen, die 60 km vor dem Ziel einen Vorsprung von zehn Minuten hatten. Auf der Côte de Colombiès verschärfte das Peloton das Tempo, und der Abstand betrug an deren Ende noch vier Minuten. Am Fuße der Côte de Moyrazès setzte sich Yara Kastelijn vom Rest der Ausreißergruppe ab. Da Kastelijn das Gelbe Trikot von Lotte Kopecky gefährdete, setzte diese sich ihrerseits vom Peloton ab, konnte aber zunächst nicht viel ausrichten. Auf der Côte de Lavernhe schlossen die Favoritinnen des Gesamtklassements zu Kopecky auf, und Kastelijns Vorsprung schmolz nun deutlich. Sie gewann die Etappe dennoch mit einer Minute Vorsprung und erzielte damit den ersten Profi-Sieg ihrer Straßen-Karriere. In der Zielankunft überspurtete Demi Vollering aus der Favoritengruppe noch die verbliebenen Ausreißer und schien sich selbst für die Siegerin zu halten. Den dritten Platz belegte Anouska Koster aus der Ausreißergruppe vor Annemiek van Vleuten aus der Favoritengruppe.
5. Etappe mini|Ricarda Bauernfeind bei ihrem siegreichen Solo
Die fünfte Etappe begann in einem Vorort von Rodez und führte im Bogen nach Süden bis Albi. Die Etappe war als flach eingestuft und enthielt einige kleinere Bergwertungen, verlief aber letztlich recht wellig auf den Plateaus zwischen Aveyron und Tarn. Die Zielgerade befand sich am Rande der Altstadt von Albi.
Lorena Wiebes, aufgrund ihrer Sprintqualitäten die große Favoritin für diese und die nächste Etappe, konnte wegen Magenproblemen nicht mehr antreten. Bald nach Beginn der Etappe gab zudem mit Évita Muzic eine Top-10-Kandidatin des Gesamtklassements auf. 11 Fahrerinnen setzten sich vom Peloton ab, erhielten aber nicht mal eine Minute Vorsprung; zahlreiche Fahrerinnen konnten das hohe Anfangstempo nicht mitgehen. Demi Vollering handelte sich eine 20-Sekunden-Zeitstrafe ein, als sie nach einer Panne irregulär im Windschatten ihres Teamfahrzeugs nach vorne gebracht wurde. Der verantwortliche Fahrer und Sportdirektor Danny Stam wurde von der Tour ausgeschlossen, zumal er die Rennjury wegen der Zeitstrafe verbal angegriffen hatte.